Textatelier
BLOG vom: 15.12.2008

Eine Betrachtung: Zur Morphologie des Worts „Freiheit“

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Weil wir immer mehr in allen Bereichen staatlicherseits und anderweitig bevormundet und überwacht werden, lüfte ich diese Betrachtung, die am 21.11.1969 geschrieben wurde, aus meinem Archiv als Kämpfer für die Freiheit auf meine Façon.
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„… für den durch die Kunst an Freiheit Gewöhnten“, schrieb einst Thomas Mann (1875‒1955) in einem Aufsatz. Er hat dem geschändeten, missbrauchten Wort eine geistige Heimat gegeben. Dennoch wird das hehre Wort weiter misshandelt, auf gerissene Art, etwa indem es gekoppelt wird mit Begriffen, die es begrenzen und einengen. Jeder Staat will es für sich beschlagnahmen, Diktaturen nicht ausgenommen – und er kerkert damit die Freiheit ein. „Im Namen der Freiheit“ – so beginnt manches Dokument, dessen Absicht ganz woanders liegt. Die Geschichte strotzt allemal wieder von Freveln im Namen der Freiheit im Schlepptau der Demokratie begangen. (Ich denke heute dabei an Abu Ghraib, „enhanced interrogation techniques“, diesen mit Foltertechniken verbundenen Verhörmethoden und an Guantánamo Bay.)
 
Eines steht fest: Wird die Freiheit gleich einer Panazee (einem Wundermittel, Allheilmittel) kollektiv verabreicht, grassiert sie wie ein Fieber durchs Land, und glücklich der, dem sie nur einen Schnupfen bringt. Denn wo sie zum Schlagwort wird, ist etwas faul im Staat. Auch Demokratien haben sich an diesem Wort vollgetrunken. Kein Wunder, weshalb so viele Nationen heute in der Gosse liegen.
 
Eine perfide Handhabe der Freiheit hat sich unsere „Planwelt“ (heute mit dem Begriff Globalisierung identisch) ausgeheckt, und sie verdünnt sie – aus der Freiheit sind Freiheiten geworden. So wurde der Grundbegriff in Grundfreiheiten aufgespaltet, und es entstanden in bunter Folge die Pressefreiheit, Redefreiheit, Meinungsfreiheit, Bewegungsfreiheit. Findig bis spitzfindig werden fortzu neue Varianten kreiert. Was sich vielversprechend anliess – die Freiheitspärchen strahlten anfangs vor Flitterglück. Aber daraus sind Mesalliancen geworden, unglückliche Verbindungen. Denn was man glaubte der Freiheit spartenweise zu erschliessen, liess und lässt sich ungleich leichter wieder verschliessen. Die tausend Hähnchen der Freiheit sind manipulierbar, können auf- und abgedreht werden, bis zum Tröpfeln einer Scheinfreiheit. Und weil die Hähnchen allesamt so schön beschriftet sind, reizt es geradezu, dieses etwas aufzudrehen, jenes einfach abzustellen, ganz nach der Laune eines spielenden Kinds. Mehr noch gibt dies dem Machtdünkel ein Spielzeug in die Hand. Selbst die herrlichste aller Demokratien, weltweit gepriesen, die der Schweiz, hat sich ebenfalls der Hähnchentaktik verschrieben. Dank eines „Konstruktionsfehlers“ kann glücklicherweise kein Hahn ganz zugedreht werden: Der Hahn ist nicht ganz dicht. Hoffentlich kommt da kein Spengler …
 
Besser fährt die Freiheit, wird ihr statt ein Wort vorangestellt eines angehängt und wenn daraus der Freiheitsdrang entsteht. Das ist ein erspriessliches Zusammenwirken, wo die Freiheit unbeschnitten im Vordergrund steht und sich in der Bedeutung hervorhebt: Der ganze Mensch wird angesprochen, nicht ein elend zerstückelter Begriff. Das dient dem Wohl des Individuums.
 
Hier, glaube ich, findet sich die Quintessenz der Freiheit und kann Thomas Manns Ausspruch rechtens erweitert werden: „… für den durch Geist an Freiheit Gewöhnten“. Hoch lebe der Freigeist und Freidenker! Alle Zweige des Wissens gewinnen dabei. Für mich herrscht die Beweiskraft der Kunst in allen Bereichen vor, gleichgültig ob der Künstler dabei zum Pinsel, Meissel, Wort oder zu Noten greift. Die Freiheit des Geists wird uns am lebhaftesten dank der Kunst nähergebracht. Wenigstens mir.
 
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