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BLOG vom 22.12.2008


Autoindustrie: Die Amerikanische Krankheit grassiert überall
 
Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
„Deutschland war ein Gewinner der Globalisierung und wird es weiter sein. Die Globalisierung ist unumkehrbar, sie hat den weltweiten Wohlstand unbestritten enorm gesteigert.“
 
(Frank Mattern , Deutschland-Chef von McKinsey in einem Interview mit der Wirtschaftswoche, 20.12.2008)
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Zu meiner persönlichen Autogeschichte gehören neben einem Occasions-Opel, einem lotterigen 2CV (Döschwo) und einem Saab 99L, dessen Motor bei länger ansteigenden Strecken ständig überhitzte, auch ein Chrysler-Valiant und ein Mercedes 190E, bei dem mir die schlechte Strassenhaltung in Erinnerung blieb. Ich war also nicht besonders markentreu, sondern passte die Autowahl meinen wechselnden Bedürfnissen an. Den robusten Valiant brauchte ich zur Zeit meines Hausbaus für Transporte schwerer, sperriger Gegenstände wie alte Eichenbalken, Steinplatten und dergleichen. Den Mercedes seinerseits legte ich mir zu, um ein zuverlässiges, stabil gebautes Auto zu haben, das meiner Familie und mir einen gewissen Schutz bot, und seit 2006 fahre ich einen Toyota Prius, weil das Umweltargument im Vordergrund steht. Beiläufig habe ich dann eingesehen, dass ich damit mein bisher sicherstes und am sorgfältigsten konstruiertes Auto erworben hatte.
 
Bush – der Herr der Milliarden
Wegen meiner Chrysler-Mercedes-Vergangenheit habe ich selbstverständlich die Fusion zur DaimlerChysler AG aufmerksam verfolgt, auch weil das ein spektakulärer Globalisierungsvorgang war. Das Buch „Jürgen E. Schrempp. Der Herr der Sterne“ von Jürgen Grässlin (Droemer, 1998) steht in meiner Bibliothek und wurde gelesen – und gestern Abend tat ich es unter dem Eindruck aktueller Ereignisse aufs Neue.
 
George W. Bush hat am 19.12.2008 einen neuen Rettungsplan für General Motors (GM), grösster Autohersteller der Welt, und Chrysler angekündigt; Ford kommt vorerst noch allein über die Runden. Diese zu Bettlern gewordenen Unternehmen, die sich der Protzigkeit, dieser Amerikanischen Krankheit, verschrieben haben, erhalten 17,4 Milliarden USD aus dem 700-Milliarden-Hilfspaket, das eigentlich ausschliesslich für die Finanzindustrie vorgesehen war. Sie müssen bis Ende März 2009 massive Restrukturierungen (inkl. Lohnkürzungen) vorbereiten und durchführen, um wieder konkurrenzfähig zu werden … als ob so etwas wie ein Umbau in 3 Monaten möglich wäre, ansonsten sie den Übergangskredit zurückzahlen müssen … wenn noch etwas davon vorhanden sein sollte. Aber dann wird Barack Obama im Amte sein, der das Geld mit noch leichterer Hand herauswerfen wird als die Bush-Administration. Dementsprechend begrüsste Obama die Unterstützung, zumal er den Subventionswettlauf mit gepumptem Geld ohnehin ausbauen will.
 
Bush hatte sich gerade über das Scheitern der Rettungsvorlage im US-Parlament am Widerstand der Republikaner und seine eigene Philosophie von den freien, unregulierten Märkten (Marktwirtschaft) hinweggesetzt, um einen „kontrollierten Zusammenbruch“ (Insolvenz nach US-Muster) der Autoindustrie zu verhindern, was an sich das Folgerichtige für eine marode Industrie gewesen wäre. Man erinnere sich bitte: Die USA hatten bei der von ihr zwingend vorgeschriebenen Privatisierung der Welt immer die Abschaffung von staatlichen Subventionen im Interesse der Markttransparenz gefordert – selbstverständlich ohne sich selber daran zu halten, besonders im Landwirtschaftssektor, um ärmere Länder konkurrenzunfähig zu machen, um die Macht auch über sie zu gewinnen. Über die Welthandelsorganisation WTO üben die Reichen ihre Tyrannei aus, und wenn dann Länder wie Zimbabwe in Armut verkommen, will man über Hilfsaktionen das Land in Abhängigkeit und unter Kontrolle bringen. Neben der Unterdrückung und der Ausbeutung armer Länder funktioniert am Neoliberalismus nichts, wie die USA und ihre Getreuen mit den „Rettungspaketen“ lebhaft beweisen.
 
Das Traurige am Fall US-Autoindustrie, das einem die Tränen in die Augen treibt: Die Firmenbosse müssen auf die Privatjets verzichten, mit denen sie noch zur 1. Bettelaktion nach Washington geflogen kamen. Zum 2. Bettelauftritt reisten sie dann mit normalen Flugkursen aus Detroit an, eine gewisse Lernfähigkeit unter Beweis stellend. Ich schlage eine Spendensammlung vor, damit sich die teuren Manager nicht noch einmal auf solch ein Niveau herablassen müssen.
 
Dass die Management-Praktiken miserabel waren, wissen alle; es mangelt an Vernunft, Einsicht und Voraussicht. Sogar Bush sprach von „fehlgeschlagenen Unternehmen“. Sie stellten sich den Umweltschutzbestrebungen aktiv entgegen, machten Konkurrenten, welche etwa die Hybridtechnik vorantrieben, lächerlich. Und jetzt stehen sie vor einem Scherbenhaufen. Es braucht Jahre, um auf vollkommen neue Techniken umzustellen.
 
Globalisierer Schrempp
Das eingangs erwähnte Schrempp-Buch ist ein wunderbares Dokument für die Denkweise in den Manager-Etagen zu den Zeiten der idiotischen neoliberalen Globalisierung, als alle zu Global Players werden wollten und blindlings dem Prinzip des „Shareholder value“ nachjagten, wobei selbstverständlich soziale und ökologische Aspekte auf der Strecke blieben. Wer am meisten Umsatz erzielte, wurde hochgejubelt, hochgeschrieben, war der Grösste. Alle wollten die Number one werden. Und diese Zeit brachte ihre Helden hervor.
 
Jürgen Erich Schrempp, dem vergöttlichten, charismatischen „Herrn der Sterne“, „Steilwand-Schrempp“ genannt (geboren 1944), wurde in US-Manier wegen des  „hohen IQ“ (seine Intelligenzquotienten) und seinem ebensolchen EQ (des emotionalen Quotienten) und seiner „immensen Willensstärke“ gelobt. Sein Rambo- oder Wildweststil rief Bewunderer auf den Plan. Vom Mai 1995 bis Dezember 2005 war Schrempp Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG und der fusionierten DaimlerChrysler AG, der heutigen Daimler AG. Dann verliess er das Unternehmen nach 45 Jahren, bei dem er als Automechaniker-Lehrling begonnen hatte.
 
Die Fusion der Daimler-Benz AG mit Chrysler fand 1998 statt. Diese Fusion endete in einem Desaster, und als Schrempp am 28.07.2005 seinen Rücktritt als Vorstandsvorsitzender auf das Jahresende 2005 ankündigte, stieg die Aktie kräftig an, nachdem sie vorher von 100 auf 35 Euro gefallen war – bei dem US-Abenteuer wurden Milliarden vernichtet, wie meistens bei solchen von Energymen angezettelten Eskapaden nach Übersee.
 
Schrempp war der grösste und wollte Grösse, und so blieb ihm nichts anderes übrig als die ganze Welt zu erobern. Er wirkte in Südafrika, wo er ein „enormes Potenzial“ ortete und wollte auch die asiatischen Märkte erobern; dort wurde ebenfalls ein Milliardengrab ausgehoben. Die Allianz mit Mitsubishi Motors ist im März 2000 ebenso in Brüche gegangen wie die Beteiligung an Hyundai. Mehrere Milliarden Euro kostete das Kleinwagen-Abenteuer Smart. Weitere 470 Millionen Euro versenkte DaimlerChrysler beim Desaster rund um das Mautsystem Toll Collect.
 
Für seine Ethik spricht, dass Schrempp in Südafrika gegen die Apartheid (die grausame Alleinherrschaft der Weissen) ankämpfte. Er strebte einen friedlichen Wandel durch wirtschaftliches Handeln an. Bei den schwierigen Rahmenbedingungen liefen die Geschäfte unter seiner Leitung (während 11 Jahren bis Ende 1986) allerdings extrem schlecht.
 
Besser sah es für die Gigafusion mit Chrysler (Schrempp: „Eine Hochzeit wie im Himmel“) aus, die sogleich ein Umsatzvolumen von über 240 Milliarden USD verzeichnete, das Schrempp innert 10 Jahren verdoppeln wollte, um zum „Schrittmacher der Branche“ zu werden. Dabei wollte er Arbeitsplätze schaffen und nicht etwa vernichten. Im Prinzip hatte Daimler den US-Konzern geschluckt, doch diese Delikatesse blieb Daimler im Halse stecken. Chrysler erwies sich als Sanierungsfall; offenbar hatte Schrempp vor der Übernahme nicht genau genug in die Chrysler-Bücher geschaut. Es traten Pannen serienweise auf, und im Buch „Das Daimler-Desaster“ von Jürgen Grässlich wird von einem „Lehrstück des Grössenwahns“ als Geschichte der Arroganz der Macht geschrieben. Das Management wollte alles und habe fast alles verloren – zum Schaden der Aktionäre, der Mitarbeiter und Kunden. Aus dem intern so genannten „JES“, dem Stern am Manager-Horizont, machte die US-Zeitschrift „Business Week“ 2004 den „schlechtesten Manager des Jahres“. Wie immer: Wer auf den US-Schrott hereinfällt, dem ist der Spott aus der Schrottnation gewiss.
 
Schrempps Nachfolger Dieter Zetsche gelang es vorübergehend, Chrysler wieder wettbewerbsfähig zu machen. Jetzt, nachdem die Amerikanische Krankheit die ganze Finanz- und Wirtschaftswelt erfasst hat, hängt dieses Unternehmen an der Staatskrippe.
 
Daimlers unendliches Leiden am US-Virus
Daimler, reumütig nach Deutschland zurückgekehrt, kann sich nach dem Abstossen der US-Last mit zukunftsträchtigen Technologien befassen. Bereits 2010 sollen Mercedes- und Smart-Modelle mit einer neuen Lithium-Ionen-Akku-Technik auf den Markt kommen. Doch die Finanzkrise aus den USA macht auch Daimler zu schaffen; verlängerte Werksferien und Kurzarbeit für 30 000 Beschäftigte stehen an verschiedenen der 15 Produktionsstandorte zur Debatte. Ende Oktober 2008 kam es zu einer dramatischen Gewinnwarnung, nachdem der Absatz eingebrochen war. Insgesamt beschäftigt die Daimler AG rund 128 000 Personen.
 
Daimler ist kein Einzelfall, aber die US-dominierte Globalisierung hat diesen berühmten, für seine Qualität bekannten Konzern auf verschiedenen Ebenen besonders massiv betroffen. Wenn US-Unternehmensberater von McKinsey in Europa weiterhin das Hohelied von der wohlstandsfördernden Globalisierung unverdrossen absingen, tönt das bei den aktuellen Vorgängen wie Hohn. Bei mir blinken die Warnlampen.
 
Literatur zum Thema
Hess, Walter: „Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“ (ISBN 3-9523015-0-7), Verlag Textatelier.com, CH-5023 Biberstein 2005. (ISBN 3-9523015-0-7).
 
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