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BLOG vom 30.12.2008


Perfektes Handwerk: Zubehör zur neuen Staffeleggstrasse
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die melancholisch hingeträumten Hügelketten namens Jura sind keine unversehrten Naturlandschaften mehr. Durch einen Einfamilienhausbau habe ich 1971/72 ebenfalls zur Veränderung dieses schönen Gebiets beigetragen. Der Jurasüdfuss, an dem die Aare vorbei fliesst oder in Staubecken auf den Turbinendurchlass wartet, erfüllt alle Voraussetzungen als hervorragende Wohnlage. Wenn ich in Biberstein (Bezirk Aarau) wieder einmal einen Spaziergang in die Höhe unternehme, treffe ich jedesmal auf neue Häuser, die jede Lücke bis hinauf zum Bauzonen-Ende füllen. Viele sind im Stil des rechtwinkligen Neuen Bauens mit viel Beton und Glas, das in seiner schnörkellosen Sachlichkeit so neu auch nicht mehr ist. Nach dem örtlichen Baugeschäft Lipp wird diese terrassierte Hangbautenansammlung im Volksmund gelegentlich Lipperswil genannt.
 
Die Bauzone findet ihren Abschluss unterhalb der Juraweide. Dies ist ein Hochplateau unter dem Homberg. Weite Weiden mit Baumgruppen und Hecken strukturieren diese friedliche Landschaft, an deren Rand, welcher der Aare zugeneigt ist, seit Menschengedenken ein Bauernhof und ein Restaurant („Juraweide“) stehen. Hangseitig etwas zurückversetzt, breitet sich gegen Küttigen (westwärts) das Gebiet Etzget auf etwa 480 Höhenmetern aus, das auf seiner gesamten Länge von einer Landwirtschaftsstrasse durchzogen ist, die auch als begehrter Spazierweg dient. Wäre hier oben in den 1960/70er-Jahren das auf der Juraweide geplante grosse nationale Sportzentrum gebaut worden, wäre hier eine breite Strasse zum Staffeleggübergang oberhalb von Aarau/Küttigen AG.
 
Doch diese schöne, Geborgenheit vermittelnde Fläche nördlich der kleinen Hügelkuppen Chispirain und Herretisch mit ihren Bäumen, Äckern und Weiden blieb unbehelligt. Was schwere Baumaschinen vermögen, erkennt man erst beim abschliessenden Horental. Der Horenbach kommt aus dem Staffelegggebiet, von der vorgelagerten Asperchlus her, und er umfliesst den Egghübel, der bis ins Dorf Küttigen hinein reicht, auf der Ostseite. In diesem Bachgraben und bis hinauf zur ersten grossen Kurve der bestehenden Staffeleggstrasse ist die Neue Staffeleggstrasse im Bau, die der Wasserrinne folgt und unterhalb der Kirche Kirchberg die Aare überquert und sich im Aarauer Telli-Gebiet im bestehenden Strassennetz verliert, das unter anderem als vierspuriger Zubringer der A1 zustrebt.
 
In diesem Horental ist ein etwa 700 m langer, gebogener, im Tagbau erstellter Tunnel mit einer angegliederten Grundwasserwanne bald einmal beendet; er ist am oberen Eingang von einer Holzwand verschlossen, weil die Bauarbeiten während dieser eisigen Tage ruhen und sich darin keine Wildschweine und dergleichen einnisten sollen. Anschliessend daran wird der Tunnelbau als geschlossenes Rechteck weitergeführt, bis die Strasse dann in der Nähe des schon restaurierten Horenhofs das Tageslicht erreicht. Etwa 100 Stück bis 1 m dicke Bohrpfähle sind zur Hangstabilisierung in den unverwitterten Effingermergel eingebunden. Die ganze, 3,1 km lange Strassenanlage (NK 107), die auch zur Umfahrung des Dorfs Küttigen dient, dürfte um die 90 Millionen CHF kosten.
 
Am 26.12.2008 habe ich die roh planierte Strasse zwischen Horenhof und dem Staffeleggstrassenrank (Klus oberhalb Küttigen) abgewandert, die Verkehrsfreiheit geniessend. Sie ist mit sanften Bögen versehen und angenehm ins Gelände eingepasst. Doch waren stattliche Geländeveränderungen nicht zu umgehen. Auffallend ist eine etwa 200 m lange Steilböschung, die mit so genannten Geo-Gittern befestigt ist. Diese Eisengitter ähneln den Armierungsnetzen; sie werden übereinander geschichtet und hinterfüllt. Zudem gibt es auch lange Drahtschotterkörbe, die mit gebrochenen Kalksteinen sorgfältig und in Handarbeit hinterfüllt worden sind. Obschon ich weiss, dass da viele Hohlräume entstehen, die viele Pflanzen, Insekten und andere Tiere sicher zu schätzen wissen, gefallen sie mir doch weniger gut als etwa eine Natursteinmauer. Denn der Schotter, der seinen Halt durch die Gitter erhält, scheint bei den gegebenen Dimensionen (8 bis 10 m hoch) optisch nicht zu tragen, sozusagen zu „verbrösmelen“, wie es in der Mundart heisst – in Anlehnung an die Brosamen aus Brotkrustensplittern.
 
Die riesigen Böschungsflächen sind durch Rechtecke bzw. 3 m breite Zonen aus hellen Kalksteinen und sich begrünenden Gittern in geometrischer Manier aufgelockert, was eher an ein riesiges Schachbrett denn eine Naturlandschaft erinnert – die Natur ist immer wesentlich fantasievoller. Nun ist mir selbstverständlich klar, dass dieser Anblick ein vorübergehender Zustand ist. Die Kalksteine dunkeln beim Verwittern bald ins Gräuliche nach, und alles wird überwachsen werden (spezielle Gras- und Kräutermischungen wurden angesät), und am Schluss wird man die Befestigungstricks kaum noch erkennen.
 
Im obersten Teil des neuen Strassenbauwerks ist die Überführung „Giebelweg“ bereits erstellt: eine Betonbrücke mit einer Spannweite von 40 Metern: ein Rahmentragwerk aus Spannbeton von höchster Eleganz mit einem betonten Schwung auf der Seite, wo das Widerlager West ist. Diese Kurve geht in eine Stützmauer über (Architektur: Eduard Imhof). Sie ruht auf Pfählen im Effingermergel und scheint auf viel Verkehr zu warten, der sich wohl nie einstellen wird.
 
Es handelt sich um eine Luxusbrücke, passend zu einem mit grosser Sorgfalt ausgeführten Strassenbauwerk (Baufirma Erne). Dessen Granit-Randstreifen, die Betonmauern, die Steinkorbfüllungen sind mit einem ausgesprochenen Hang zur Perfektion ausgeführt. Schön, in einem glücklichen Land leben zu dürfen, das auf Qualitätsarbeit Wert legt.
 
Eine steife Bise begleitete mich auch auf dem Heimweg im unteren, schattigen Horental unter der Hochspannungsleitung und auf der Strasse zum Dorf Biberstein. Sie drang in jede Ritze ein. Der Weihnachtsbaum am Brunnenstock beim Schlosseingang im Dorfzentrum, dessen „grüne Blätter“ die Ausflussöffnung einpackte, war im Inneren mit Eiszapfen behängt. Ein schönes Bild, das die Kälte sichtbar werden liess. Ihr Vorhandensein hätte man auch ohne dieses Beweisstück wahrgenommen, zumal sie auch Bauarbeiten lahm legt. Der Wintertraum bleibt vorübergehend ungestört.
 
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