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BLOG vom 19.01.2009


Les Grangettes: Bewegendes Genferseeufer im Rhonedelta
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Das Wunder, dass ausgerechnet die Rhone (französisch: Le Rhône, ursprünglich deutsch: der Rotten) in ihrem Mündungsgebiet am oberen Ende des Genfersees einer „Korrektur“ (Begradigung, Kanalisierung) entgehen konnte, hat sich selbstverständlich nicht ereignet. Im 19. Jahrhundert waren die Menschen dort bitter arm. Sie schütteten ab 1814 mit ihren bescheidenen Hilfsmitteln kleine Dämme auf, um die häufigen Hochwasser von ihren Dörfern fernzuhalten. Im Sommer 1860 kam aus den ehemals 61 Gletschern und 30 Nebenflüssen der Rhone so viel mit dem zu Geschiebe und Staub zerfallenen Gestein beladenes Wasser zusammen, dass der gesamte Talboden überschwemmt und von den 21 Brücken deren 20 weggerissen wurden. Die Siedlungen an den Hängen waren aber dank ihrer Höhenlage kaum betroffen. Insgesamt nennt die Walliser Katastrophengeschichte rund 300 grosse Überschwemmungen in 1000 Jahren; allerdings könnte man mit Fug und Recht auch sagen, dass Überschwemmungen nun einmal ein fixer Bestandteil innerhalb der Naturkräfte sind. Der Mensch nimmt dennoch seinen biblischen Auftrag zur Untertanmacherei auf … in verschiedensten Beziehungen.
 
Zwischen 1863 und 1875, nach der Franzosenzeit und dem Sonderbundskrieg, wurden mit Bundeshilfe beidseits der Rhone und bei einigen ihrer Nebenflüsse mehr als 200 km Entwässerungskanäle angelegt und das sumpfige Gelände beidseits des Flusses, der von nun an zwischen bis 5 m hohen Dämmen sozusagen im Korsett fliessen musste und muss, trockengelegt und der Landwirtschaft zugänglich gemacht.
 
Das Walliser Dammbausystem erweckte damals viel Bewunderung: Der Fluss wurde, sobald er den Niederwasserstand überstieg, von 2 Hauptdämmen aufgenommen. Von diesem ragten in regelmässigem Abstand buhnenartige Vorbauten (französisch: épis, im Oberwallis Sporren genannt) gegen das Niederwasserbett. Dieses leitete das Wasser gegen die Flussmitte, und durch die Sandansammlung in den Zwischenräumen wurden die Dämme sozusagen automatisch verstärkt. Doch die Ausräumung des Geschiebes erfolgte nicht in der erwarteten Weise, so dass das Sporrensystem allmählich aufgegeben und die Deiche 1960 erhöht wurden. Die Wurzeln der ursprünglich gepflanzten Pappeln hatten den Dammkörper geschwächt.
 
Neben der Hauptfluss-Begradigung, in dem sich bei schönem Wetter der zackige Dent du Midi spiegelt, war ein Netz von Entwässerungskanälen nötig, das gleichzeitig erstellt wurde. Die beiden bedeutendsten sind im Rhonedelta auf der westlichen (Walliser) Seite des Hauptflusses der Stockalperkanal (zwischen Collombey und Le Bouveret), und östlich der Rhone (Waadtländer Seite) steuert der Grand Canal dem See zu, den er 2 km neben dem Rhone-Hauptkanal erreicht. Der Stockalperkanal ist nach dem berühmten Salzhändler Kaspar Jodok Stockalper (1609‒1691) benannt, der offenbar schon im 17. Jahrhundert einen Kanal baute und in Brig den Stockalperpalast erstellen liess. Zwischen dessen 3 Türmen mit den vergoldeten Zwiebeln ist ein kulturgeschichtliches Museum untergebracht.
 
Der Palast blieb, doch die amphibische Landschaft im Delta ist bei Weitem nicht mehr, was sie einmal war; sie gehorcht jetzt eher der Geometrie als dem freien Spiel der natürlichen Kräfte. Die entstandene Kulturlandschaft ist derart fruchtbar, dass die Walliser oft Überschüsse an Landwirtschaftsprodukten haben – so brachte die freundeidgenössische Solidarität, welche die Melioration ermöglichte, also reiche, überreiche Früchte hervor.
 
Le Bouveret
Besonders deutlich werden die Landschaftsveränderungen am Beispiel von Le Bouveret VS, einem etwa 800 Einwohner zählenden Dorf in der Gemeinde Port-Valais (Bezirk Monthey) im Herzen des Chablais. Dieser Ort hat sich betont dem Tourismus verschrieben. Auch das englischsprachige Institut „César Ritz“ für angehende Hoteliers ist dort. Zudem findet man 2 Freizeitparks wie das Erlebnisbad „Aquapark“, einen Campingplatz, einen Hafen und eine neue, von Kanälen mit Schiffsanlegestellen durchzogene, 2006 erstellte Feriensiedlung „Marina de Port-Valais“ (www.marinaportvalais.com). Die „Marina“ erinnert etwas an die retortenartigen Feriendörfer, wie es sie etwa am Mittelmeer gibt. Der Stockalperkanal ist gleich nebenan.
 
Die Siedlung wurde direkt neben dem 1989 entstandenen „Swiss Vapeur Parc“ angelegt, dem Miniatureisenbahnpark mit verkleinerten Ausgaben des Orientexpress und einer Wildwestlokomotive (7¼ Zoll Geleiseabstand) neben Nachbildungen historischer Gebäude. Dieser Erlebnispark ist im Winter ausser Betrieb.
 
Wir konnten 3 Tage bei Verwandten im Hause „Cook“ wohnen, über einem geräumigen Laden mit Schifferzubehör und mit Blick auf die Quais, die nach verschiedenen Seefahrer-Grössen wie Vasco de Gama oder Magellan benannt sind. Die innere Hafenanlage ist mit den Schiffen wie der „Alliage“ unter schützenden Plastikfolien optisch belebt. Die locker aufgereihten Gebäude mit ihren in dezenten Gelb-, Braun-, Blau- und Rottönen gehaltenen Fassaden und den vergitterten Balkonen spiegeln sich im stehenden Wasser. Die Eingänge zu den Reihenhäusern sind zum Teil durch eine spiralförmige Aussenwand sicht- und windgeschützt.
 
Die Aussicht reicht bis zu den Waadtländer und Walliser Alpen und zum 1999 stillgelegten Schwerölkraftwerk Chavalon weit oberhalb von Vouvry, das wie eine Kirche für den Energiegottesdienst übers Land blickt. 2006 tauchten Pläne auf, diese in den Ruhestand versetzte Anlage in ein Gas-Kombikraftwerk (400 MW) umzubauen. Dafür wären eine Erdgasleitung und eine 380-kV-Leitung über die Rhone nötig, weshalb der WWF Einsprache erhoben hat, wohl auch wegen der jährlich entstehenden 750 000 Tonnen Kohlendioxid, die ja indirekt auch einen gewissen Heizeffekt hätten. Das Werk darf erst gebaut werden, wenn eine CO2-Kompensation garantiert werden kann.
 
Für Bahnbegeisterte
Die Gegend kenne ich seit 1997, als mich eine Pressereise dorthin brachte. Inbegriffen war eine 21 km lange Dampfeisenbahnfahrt BouveretEvian F mit dem „Rive-Bleue-Express“ in historischen Waggons aus der vorletzten Jahrhundertwende, wobei die Barrieren jeweils von Hand bedient wurden, was gar so „express“ nicht ablief – da überwog die Gemütlichkeit. Das ist die einzige Bahnlinie am Südufer des Genfersees über die Landesgrenze hinweg. Die gewaltige Stahlkonstruktion des Bahnhofs Evian hat mich damals sehr beeindruckt.
 
Der Bahnhof von Le Bouveret seinerseits, den ich am 09.01.2009 bei einem Abendspaziergang wiedersah, hat heute kaum noch eine Bedeutung, im Gegensatz zu früher. Er war im 2. Weltkrieg ein wichtiger Verbindungspunkt zwischen der Schweiz und der freien französischen Zone bis nach Paris (1858 wurde mit dem Bau der Tonkin*-Eisenbahnlinie begonnen, die bis nach Hanoi und Yunnansen in China führen sollte). Doch die Strecke Bouveret wurde 1988 von der SNCF eingestellt und blieb noch als Museumsbahn für den Tourismus erhalten. Und vis-à-vis des Bahnhofs Bouveret erinnert heute noch der „Tonkin Pub“ an diese Zeit.
 
Les Grangettes
Diesmal, am 09.01.2009, wollte ich mir Zeit nehmen, um zu erkunden, was im Rhonedelta noch an Restnatur erhalten ist – und das ist von den ursprünglich rund 3000 Hektaren Riedland noch rund 1/3: 1006 ha – nicht mehr viel, aber sehenswert. Am Genferseeufer im Dreieck zwischen Le Bouveret VS, Villeneuve VD und dem leicht nach Süden (rhoneaufwärts) verschobenen Dörfchen Noville VD befindet sich das Naturschutzgebiet Les Grangettes, das 1996 als Objekt Nr. 289 ins Bundesinventar der Moorlandschaften von besonderer Schönheit und von nationaler Bedeutung aufgenommen wurde. Bereits 1924 wurde ein 50 ha grosses Vogelschutzreservat unter einen besonderen Schutz gestellt, zumal das für mehr als 260 Zug- und Wasservogelarten eine grosse Bedeutung hat. Bis 1972 konnte der Schweizerische Bund für Naturschutz (heute: Pro Natura) dort gut 45 ha Ried- und Waldland erwerben und schützen. Ein von Villeneuve aus zu sehender, im See stehender Baum ist der Königin von England gewidmet; seine weisse Einfärbung rührt vom Vogelkot her.
 
Bei der Shell-Tankstelle in Villeneuve/Noville starteten wir zu unserer Naturexkursion und betraten das Schutzgebiet über einen breiten Weg, der in einiger Distanz zum Grand Canal dem See entgegenführt (373 m ü. M.). Wir wählten die längste der 3 signalisierten Wanderrouten (rund 10 km). Im Wald sind einige Wassergräben, auf denen sich zum Teil eine dünne Eisdecke gebildet hatte. Das Naturschutzgebiet insgesamt ist von mehr als 400 Pflanzenarten sowie 18 Reptilien- und Amphibienarten besiedelt, und es soll hier auch Biber geben. Im Winter ist davon nicht viel auszumachen. Viele Arten mögen sich aus dem Gebirge in die trichterförmige Ebene vorgewagt haben.
 
In diesem Gebiet sind noch einige Privathäuser anzutreffen, die vor der Unterschutzstellung erstellt wurden, ebenso eine grosse Campinganlage und Bootsanlegestellen. 3 Wanderrouten führen durch diese Übergangslandschaft, an die auch die Landwirtschaft heranreicht. Ein Bauer brachte auf einem abgeernteten Maisfeld vor einer Birkenkulisse gerade dampfenden Mist oder Kompost aus – die Temperatur war leicht unter Null.
 
Bei der Besichtigung des südlichen Randgebiets (abseits des Strands) stellten wir fest, wie sehr sich hier die verschiedenen Nutzungs- und Schutzbestrebungen in die Quere kommen. Sogar eine Erdgasleitung führt vorbei. Im Seeumfeld ist es nicht besser: Zu den menschlichen Nutzungsbedürfnissen gehört auch der Kiesabbau an der Ufernähe im See, der zu einer Erosion und zum Verschwinden des Seeröhrichts und dem Umfallen von Bäumen geführt hat. So lag zum Beispiel eine uralte Eiche im Seewasser, deren untere starke Äste die übrige Krone aus dem Wasser heraushalten und an denen noch dürre Blätter sind.
 
Die Untiefen des nahen Uferbereichs hatten einst die Wellen gebrochen, die nun mit aller Wucht ans Ufer prallen und an diesem nagen können. In den letzten 100 Jahren ist das Ufer nicht, wie man es eigentlich erwarten würde, wegen der Flussfracht vorwärtsgeschritten, sondern es hat sich vielmehr pro Jahr um etwa 1 m zurückgebildet, vor allem vor Les Grangettes und dem westlich angrenzenden, umfangreichen Feuchtgebiet Gros Basset. Mit dem Rückzug der Uferzone ging der Lebensraum für Weichtiere und Wasserpflanzen verloren, die den überwinternden Enten als Nahrung dienen. Seit 1990 werden die Baggerlöcher erfreulicherweise wieder aufgefüllt, damit sich wieder Untiefen am Ufer bilden können.
 
Am Schwemmholz am Ufer, das gelegentlich die Form eines Seehunds angenommen hatte, und insbesondere auch an den Ästen von Büschen hatten sich Eiszapfen wie kleine Orgelpfeifen und in der Form mit gewöhnlichem Wasser gefüllter, in Reih’ und Glied aufgehängter Kondome gebildet. Entzückende Bilder am Ufer, das stellenweise durch grosse Steine befestigt ist. Davor stand ein unterspülter Baum, dessen unteres Stammende von einem tellerförmigen Grasteppich umschlossen wird und der wohl demnächst kippen dürfte … Wo vor dem Ufer etwas Schilf steht, ist man dafür richtig dankbar, über dessen Effekt zur Landschaftsverschönerung hinaus; Schilfgürtel sind ein Lebensraum für Vögel und biologische Kläranlagen. In den entlaubten Baumkronen kamen die Misteln zum Vorschein. Alles in allem: ein tiefes Naturerlebnis.
 
Der Grand Canal ist etwa 300 m weit in den See hinaus befestigt. Auf dem Fussweg fauchte mich ein grosser weisser Schwan an – das ist eben sein Revier, und ich hatte da tatsächlich nichts zu suchen. Er liess mich dennoch widerwillig passieren.
 
Auf dem dichten Wegnetz wanderten wir dann nach Westen, Richtung Bouveret, vorbei am zufrierenden Seelein Chaux Rossa an der alten Rhone (Vieux Rhône), das zum Hafen geworden ist. Verschiedene Boote warteten darin auf wärmere Zeiten. Östlich davon führt seit 1923 eine aus verstrebten, soliden Eisenstangen konstruierte Passerelle über die Rhone, und bald ist man in Bouveret und damit im Kanton Wallis.
 
Inzwischen wurden wir von vietnamesischen (mit einem Salatblatt umwickelten) Frühlingsrollen erwartet, die meine aus China stammende Schwägerin Alice liebevoll zubereitet hatte. Man tunkte die Delikatessen in eine erfrischende, exotische Sauce (asiatische Fischsauce, Limonensaft, Chili und wenig Zucker, dazu etwas Limonenblätter, Zitronengras, frischer Koriander und eine Prise Salz). Und wir waren einem gnädigen Schicksal dankbar, das uns mit so vielen Leckerbissen verwöhnt hat und weiterhin verwöhnt.
 
Hinweise
Spring rolls
Alices Rezept für die vietnamesischen Frühlingsrollen, das aber beliebig abgewandelt werden kann. Als Füllung kann man alles gebrauchen, was gut schmeckt, so lange diese Füllung nicht zu flüssig ist:
 
Ingredients: Meat – beef, chicken fillet, pork (thin slices). Vegetables – Any kind that is not too watery: Carrots, cabbage, maybe dried mushrooms.
 
Preparation: Marinate the meat with soy sauce, garlic, ginger, pepper and a dash of sugar, perhaps also a dash of salt. Leave it for 20 minutes.
 
Slice the vegetables very finely.
 
Stir-fry the meat with ginger, onion and garlic. When cooked, add the mixed vegetables and make sure not to overcook these. Set aside until cool. Once cooled down, mix in additional herbs such as coriander, basil, mint, etc.
 
Wrap the mixture with spring roll pastry and seal with raw eggs.
 
Spring roll sauce: Main ingredients are fish sauce, fresh lime juice, fresh chilis and sugar. Optional ingredients, following chef’s taste: lime leaves, lemon grass, fresh coriander, mint, a dash of salt.
 
*Zur Tonking-Geschichte
Dass amerikanische Kriegslügen eine lange Tradition haben, beweist auch die Tonking-Geschichte. Hier ist eine Webseite, die beschreibt, dass man heute aus deklassifizierten Dokumenten weiss, dass die Angriffe der Vietnamesen auf amerikanische Schiffe, die den Krieg ausgelöst haben, gar nicht stattgefunden haben: http://www.gwu.edu/~nsarchiv/NSAEBB/NSAEBB132/press20051201.htm
 
Quellen zur Rhone
Auf der Maur, Franz, und Bruggmann, Maximilien: „Die Rhone“, Silva-Verlag, Zürich 1990.
Biffiger, Karl, und Ruppen, Oswald: „Wallis. Erbe und Zukunft“, Verlag Paul Haupt, Bern 1975.
 
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