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BLOG vom 31.01.2009


Freiburger Moulagen: Krankheiten, in Wachs nachgestaltet
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Vor 11 Jahren wurde ich zum 1. Mal mit Moulagen (vom französischen „mouler“ = abformen) konfrontiert. Ich erhielt von der damaligen Chefredakteurin der Fachzeitschrift „Podologie“ den Auftrag, einen Bericht über die Moulagensammlung am Universitätsspital Zürich zu verfassen. Ich besuchte die dortige Moulagensammlung, die weltweit wohl die am besten erhaltene und auch die attraktivste ist. Dort traf ich auch Elsbeth Stoiber an, die wohl die letzte Vertreterin der Moulagierkunst ist. Sie hatte massgeblichen Anteil an der Qualität der „Krankheiten in Wachs“. Sie beherrschte in ihrer aktiven Zeit die schwierige Materie, Krankheiten des Menschen originalgetreu nachzubilden. Das hat ihr internationales Renommée eingebracht.
 
Die 2. Begegnung mit der Künstlerin hatte ich anlässlich des „1. Internationalen Fusstherapeutischen Symposiums“ Ende Mai 1999 im Graf Zeppelinhaus in Friedrichshafen D. Dort zeigte die Moulagenbildnerin Exponate aus der Sammlung in Zürich, die Krankheiten am Fuss darstellen.
 
2005 erhielt ich von Frau Stoiber eine Einladung zu einer Vernissage im Alten Bad Pfäfers, nahe von Bad Ragaz GR/CH (also die 3. Begegnung). Dort stellte Elsbeth Stoiber ihr Buch über die Chronik der Moulagensammlung in Zürich von 1956‒2000 vor. Darüber berichtete ich in einem Blog am 20.09.2005 („Moulageuse Elsbeth Stoiber: Auf und Ab eines Lebenswerks).
 
Die 4. Begegnung mit der Künstlerin hatte ich am 24.01.2009. Wir wurden nämlich vom heutigen Betreuer der Moulagensammlung in Freiburg, Dr. Martin Faber, eingeladen. Frau Stoiber war als Restauratorin und Beraterin gefragt, während ich mich für die Sammlung interessierte.
 
Was sind Moulagen?
Moulagen sind plastische, naturgetreue Nachbildungen von Körperpartien einschliesslich aller dort in Erscheinung getretenen Hautveränderungen farblicher und struktureller Art. Die Moulagen entstehen stets über einen Abdruck am Patienten. Nach der kunstvollen Bemalung mit Lasurfarben (sie vollzieht sich immer vor dem Patienten und nie nach der Erinnerung oder nach einem Foto) muss die originale Wiedergabe perfekt sein. Jede Moulage hat ihre Diagnose und ist identisch mit zum Teil sehr seltenen Krankheitsbildern. Elsbeth Stoiber und ihre nicht weniger namhaften Vorgängerinnen haben samt und sonders subtile Arbeit geleistet. Es sind lebensechte Arbeiten, die einen hohen künstlerischen und didaktischen Wert haben.
 
Es ist schade, dass in der heutigen Zeit das wertvolle Kunsthandwerk vom Aussterben bedroht ist. Soweit bekannt ist, gibt es keine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für Frau Stoiber. Im Vordergrund stehen heute die Konservierung und Restaurierung der vorhandenen Moulagenbestände. Laut dem Deutschen Hygiene-Museum (DHM) in Dresden ist es ein vorrangiges Ziel, allgemeingültige Standards und Richtlinien zur Konservierung und Restaurierung von Moulagen zu erarbeiten und einen internetbasierten Fortbildungskurs für Restaurationen zu entwickeln (www.dhmd.de). Nebenbei bemerkt, besitzt das DHM 2000 Moulagen.
 
Oft sind Moulagen in einem schlechten Zustand. Es treffen immer wieder Meldungen ein über solche, die in Kisten und Kartons in Kellern und auf Dachböden gefunden wurden. Die Restaurierung ist deshalb schwierig, weil alte Moulagen sehr dünn gegossen und innen hohl sind. Das Wachs ist spröde. Durch eine spezielle Reinigung ist es möglich, weniger stark verschmutzte Moulagen zu alter Frische zu bringen. Sehr stark verschmutzte Moulagen sind jedoch nicht mehr zu retten.
 
Studenten sind begeistert
Die Freiburger Universitäts-Hautklinik besitzt 822 Moulagen. Zusammen mit dem Lehrbeauftragten der Universitäts-Hautklinik, Prof. Dr. Thilo Jakob, hat Dr. Faber ein Konzept entwickelt, in dem die Moulagen wieder aktiv in den Studentenunterricht eingebunden werden. Dank einer regelmässigen Unterstützung vom Studiendekanat wird nun schon seit 3 Semestern an den Moulagen gelehrt. Zusätzlich wird mit Hilfe des EDV-Beauftragten der Hautklinik, Privatdozent Dr. Marcel Müller, eine Datenbank erstellt, in der alle Moulagen erfasst und kommentiert werden. Diese wird in Zukunft Kollegen des Universitätsklinikums Freiburg ermöglichen, die Moulagensammlung einzusehen und gegebenenfalls für Unterrichtszwecke gezielt Moulagen auszuleihen. Aufgrund der Grösse der Sammlung sind die Moulagen auf den Seminarraum, den Hörsaalvorbereitungsraum und auf das Uniseum (www.uniseum.uni-freiburg.de) verteilt.
 
Zunächst führte uns Martin Faber in den Seminarraum. Dort sind in 3 grossen Vitrinen die für den Unterricht ausgesuchten Moulagen untergebracht. Warum diese für den Unterricht von Bedeutung sind, erklärte Faber so: „Gegenwärtig erleben Moulagen eine neue Bedeutung für einen praxisorientierten Unterricht: Sie tragen dazu bei, die heutigen Ansprüche an eine praktische Ausbildung umzusetzen, und sie ergänzen auf diese Weise das ,bed side teaching’ mit Patienten, die sich unter Berufung auf ihre Persönlichkeitsrechte nicht immer leicht für Ausbildungszwecke gewinnen lassen. Im Unterschied zu Fotos in Lehrbüchern oder Vorlesungen fordern die dreidimensionalen Wachsmodelle die Studenten auf, aus selbst gewählten Perspektiven und Abständen ein eigenes Bild der Krankheitserscheinungen zu entwickeln. Differentialdiagnosen lassen sich an der Gegenüberstellung mehrerer Wachsabformungen sehr leicht vermitteln.“
 
Und was sagen die Studenten? Sie sind begeistert. Dazu Timo S., ein Medizinstudent (publiziert im Freiburger Uni-Magazin 1/08): „Wir sehen an den Wachsmodellen Dinge, die wir sonst nie zu Gesicht bekämen, weil es die Krankheiten oder solch schwere Stadien nicht mehr gibt, da sie vorher behandelt werden.“
 
Zweimal in der Woche trifft sich eine kleine Gruppe Studenten mit dem Seminarleiter zur Moulagenrunde.
 
Mit Arsen vergiftete Winzer
Nicht nur in der Moulagensammlung in Zürich, sondern auch in Freiburg im Breisgau konnten wir Krankheiten in Wachs begutachten, die es heute nicht mehr gibt oder die sehr selten geworden sind. Dazu einige Beispiele: Unter der „Kaiserstuhlkrankheit“ oder auch Arsenhyperkeratose litten früher Kaiserstühler Winzer, die jahrzehntelang arsenhaltige Spritzmitteln gegen Pilzbefall von Rebstöcken einsetzten. Die Folge waren krebsartige Hautveränderungen der Innenhand. Die berufstypische Krankheit verschwand mit dem Verbot von arsenhaltigen Spritzmitteln in den 1950er-Jahren.
 
Auch etliche Spätstadien der Syphilis, wie sie heute wegen der besseren Behandlungsmöglichkeit nicht mehr vorkommen, sahen wir in Wachs verewigt. Interessant war auch eine vom russischen Moulageur Fiweisky 1905 gefertigte Moulage, die eine von Syphilis verunstaltete Schädeldecke zeigte. Auf einer weiteren Moulage konnten wir eine grosse Hautläsion infolge einer Röntgenbestrahlung in Augenschein nehmen.
 
Nach dem ersten Einblick in die Welt der Moulagen gingen wir in den Hörsaalkeller und sahen uns dort noch einige Moulagen an. Im Keller sind noch viele Moulagen in Kartons verpackt, und die rührige Mannschaft um Dr. Faber, ist jetzt bemüht, diese zu ordnen und in Schränke zu verstauen.
 
Im Hörsaalkeller sahen wir Ekzeme, Schuppenflechte, bösartige Geschwulstbildung der Haut (malignes Melanom), Melanome und Plattenepithelkarzinome, Pilzerkrankungen am Fuss, Scabies (Krätze), Lupus vulgaris auf einem Fuss von einem Patienten, der unter einer Elephantiasis litt. Diese Krankheit wird durch Lymphstauung verursacht. Auch sahen wir einen Hautausschlag nach Quecksilbertherapie der Syphilis. Früher wurde die Syphilis ja mit dieser giftigen Substanz behandelt, heute bekommen die Kranken wöchentliche Depotspritzen von Penicillin.
 
Elsbeth Stoiber und auch ich sind begeistert von den Fortschritten, die der Hautarzt Martin Faber ehrenamtlich für Moulagen bewirkt hat. Er ist mit Begeisterung dabei, die Moulagensammlung auf Vordermann zu bringen. Zurzeit wird er von Herrn Hofmann, der die Sammlung mit einem speziellen Computerprogramm erfasst, unterstützt. Das digitale Archiv ist dann von Fachleuten einsehbar.
 
Wichtig ist auch, dass die Moulagen erhalten bleiben. In der Vergangenheit gab es in einigen Instituten Bestrebungen, Moulagen zu vernichten. In Zürich hat dies Elsbeth Stoiber verhindert. Sie rettete vor über 30 Jahren die Sammlung aus eigener Initiative, nachdem man ihr aufgetragen hatte, die Moulagen wegen Platzmangels einzuschmelzen.
 
Glücklicherweise setzt sich in Freiburg die Direktorin der Dermatologischen Klinik, Frau Prof. Dr. med. Leena Bruckner-Tuderman, für die Bewahrung der Moulagen ein. Sie ist auch bereit, Mittel für restauratorische Arbeiten zur Verfügung zu stellen.
 
Nachtrag: Ein herzliches Dankeschön an Elisabeth Faber, die für unser leibliches Wohl sorgte und an Dr. Faber, der uns einen guten Einblick in die Moulagensammlung gab.
 
Literatur
Stoiber, Elsbeth: „Chronik der Moulagensammlung und der angegliederten Epithesenabteilung am Universitätsspital Zürich (von 1956 bis 2000)“, 1. Auflage 2005. Das Buch in bibliophiler Gestaltung kann bei der Autorin bezogen werden. Adresse: Elsbeth Stoiber, Kniebrechstrasse 6, CH-8135 Langnau am Albis.
„Moulagen-Sammlungen des Universitätsspitals Zürich“, 1993.
Scholz, Heinz: „Krankheiten am Fuss – in Wachs gebettet“, „Podologie“, Heft 5-1998.
Faber, Martin; Jakob, Thilo: „Freiburger Moulagen“, Freiburger Universitätsblätter, Heft 178, Dezember 2007, S. 79‒86.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zum Thema Moulagen
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