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BLOG vom 07.02.2009


O Sole mio! Besuch im baufreudigen Rheinfelder Kurzentrum
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
In der Nähe des Eingangs zum Kurzentrum Rheinfelden (Kanton Aargau) an der Roberstenstrasse 31 steht ein modern gestalteter Sole-Brunnen, dessen Rohr wie ein um 180 Grad gedrehtes Euro-Zeichen €, allerdings nur mit 1 Mittelstrich, aussieht. Allerdings erinnert dieser kreisförmige Einlauf nicht an die Euros, welche auch von Deutschland her zum Kurzentrum fliessen, sondern ans Zeichen der Alchimisten für Kochsalz (NaCl, Natriumchlorid). Der Brunnenkörper hat die gleiche Form eines Würfels wie ein Salzkristall. Man kann dort per Knopfdruck etwas Sole aus den Salz-Bohrfeldern der Saline Riburg herausfliessen lassen – aus 200 Metern Tiefe. Ich wölbte die rechte Hand zu einer Schale, füllte Sole ein und saugte einen Schluck auf. Haben Sie auch schon eine Speise masslos versalzen? Aber so etwas konzentriert Salziges dürften Sie noch nie im Leben in den Mund geführt haben!
 
Mehr als Kochsalzwasser
Ich hatte in meiner unbändigen Entdeckerfreude zuerst degustiert und erst im Nachhinein die Informationstafel gelesen: „Ein winziger Tropfen Sole genügt schon, um zu wissen, wie Salz schmeckt. Die konzentrierte Sole aber nicht trinken.“ Einen Teil der Sole spuckte ich noch aus, und so überlebte ich die Prozedur, wofür unter anderem dieses Blog den Beweis liefert. Da ich meine Zähne mit Kochsalz putze (um der Zahnsteinbildung entgegenzusteuern und das Zahnfleisch zu kräftigen), habe ich eine gewisse Kochsalztoleranz aufgebaut.
 
Nun verwahrt sich das Kurzentrum Rheinfelden selbstverständlich dagegen, einfach mit einem kommunen Salzwasser, wie man es etwa zum Kochen von Teigwaren verwendet oder in einem künstlichen Salzbad vorfindet, aufzuwarten. Die Natursole, auch Ursole genannt, wird im Verhältnis 1:10 mit dem kalzium- und magnesiumreichen Rheinfelder Trinkwasser vermischt, so dass der Salzgehalt auf etwa 3 Prozent reduziert wird und jetzt in der Grössenordnung des Mittelmeers liegt. In einem Prospekt über die Rheinfelder Natursole® heisst es zu dieser Mischung: „So entfaltet die ortsgebundene Natursole die für Wohlbefinden und Heilerfolge bekannten Wirkungen. Das Geheimnis der Heilkraft liegt in der besonderen Zusammensetzung der Sole und des Rheinfelder Trinkwassers.“
 
In der gesättigten Natursole sind folgende Komponenten enthalten:
• Natrumchlorid (Kochsalz, NaCl): 320 000 mg/l
• Kalziumsulfat (Gips, CaSO4): 5500 mg/l
• Magnesiumsulfat (Bittersalz, MgSO4): 60 mg/l
• Magnesiumchlorid (MgCl2): 300 mg/l
• Kaliumchlorid (KCl): 73 mg/l
• Strontiumchlorid (SrCl2): 94 mg/l
• Natriumbromid (NaBr): 3 mg/l
• Ammoniumchlorid (NH4Cl): 3 mg/l
• Borsäure (H3BO3): 41 mg/l.
• Auch etwas Eisen und Kieselsäure kommen vor. 
So läppert sich also auch noch in der verdünnten Fassung einiges zusammen. Und wenn diese Mischung, wie sie in den Urmeeren vorhanden war, doch so gesund ist (was ich keineswegs bezweifle), verstehe ich hinten und vorne nicht, warum denn das handelsübliche Kochsalz, das unter anderem ebenfalls aus der Saline Riburg kommt, von all dem gesundmachenden Zubehör gereinigt und als banales NaCl auf den Markt geworfen wird, das allerdings noch mit dem Antiklumpmittel E536 (Kaliumferrocyanid, nererdings: Kaliumhexacyanidoferrat) vergällt wird. Nun weiss ich noch von meiner Tätigkeit in der chemischen Forschung her, dass Cyan-Verbindungen ausserordentlich giftig sind, was selbstverständlich auch auf das so genannte gelbe Blutlaugensalz Kaliumhexacyanoferrat II zutrifft: Es ist als Reinsubstanz sehr giftig, soll aber in den gesetzlich erlaubten Mengen zur Verbesserung der Rieselfähigkeit unbedenklich sein. Man erlaube mir, dazu grosse Bedenken zu haben und naturbelassene (ungereinigte und unvergällte) Salze vorzuziehen. Unser Lebensmittelfachmann Heinz Scholz vertritt diese Meinung ebenfalls; beim Erhitzen von Kochsalz würden geringe Mengen der giftigen Blausäure frei, schrieb er mir. Und er fügte bei, dass es auch ohne diesen unsinnigen Zusatz von E536 ginge: „Das Bad Reichenhaller Markensalz (reines Alpensalz aus Natursole), das wir verwenden, enthält E 536 nicht, sondern die Trennmittel Calciumcarbonat und Magnesiumcarbonat. Die A. Vogel Kräutersalze von Bioforce, die wir auch verwenden, enthalten gar keine Trennmittel."
 
In dieses Kapitel gehört das Rheinfelder Badewasser, das aus der Tiefe kommt und noch einen Bezug zu jenem ursprünglichen Element hat, aus dem wir Säugetiere hervorgegangen sind – diesmal ohne gesundheitsschädigende Zusätze. Die verdünnte (ungereinigte und nicht vergiftete) Sole wird in Rheinfelden auf etwa 33 °C erwärmt, so dass man auch an kalten Wintertagen im Freien baden kann – auch ein Innenbad steht zur Verfügung. Die Heilanzeigen betreffen den Stütz- und Bewegungsapparat, vor allem nach Unfällen und/oder chirurgischen Eingriffen), aber auch neurologische Erkrankungen und solche der Atem- und Kreislauforgane. Hautkrankheiten wie Psoriasis (Schuppenflechte) und Frauenkrankheiten finden hier ebenfalls eine Linderung und im Idealfall hoffentlich eine Heilung. Die oberen Atemwege kommen insbesondere im Solenebel auf ihre Rechnung.
 
Gruss von „Sole due"
Als wir am 02.02.2009 diese Anlage erkundeten (Eintrittspreis: 25 CHF für 2,5 Stunden pro Person), war die Umgebung des Aussenbads als Teil der Wellnesswelt „sole uno“ gerade eine Baustelle. Ich hatte an der Information von der ausserordentlich freundlichen Brigitte Bötzel erfahren, dass gerade eine neue Badeebene mit einem Intensiv-Solebecken in der Grösse von 200 m2 mit einem Salzgehalt von 12 % im Bau sei und noch im Februar 2009 eröffnet werde. So hat man dann das Tote Meer ganz in der Nähe und braucht nicht mehr ins Unruhegebiet Israel zu fahren und sich bis auf die Knochen analysieren zu lassen. An einer Bauwand habe ich gelesen, dass eine Etage über dieser konzentrierten Salzlösung ein Eisbad, ein Feuerbad, ein Kaltwasserfall, ein tropischer Regen, Aroma-Dampfbäder und Liegeflächen entstehen werden – es werden etwa 10 Mio. CHF in diese zusätzliche Anlage „sole due“ investiert. Demnächst soll auch das etwas trostlose Innenbad attraktiviert werden – und das ist kein Luxus.
 
Als ich in einer Eckes des Aussenbads die Spätnachmittagssonne zur Vitamin-D-Produktion nutzte, sprang gleich daneben der Motor eines kleinen Baggers mit Gummiraupen an und schleuderte mir eine Abgaswolke ins Gesicht, die ich mit Husten protestierend quittierte. Ich begab mich dann zu den Massagedüsen und zum Sprudel und liess mich dann im runden Strömungskanal im Gegenuhrzeigersinn herumspülen. Der hohe Salzgehalt verstärkt den Auftrieb im Wasser, so dass es hier unmöglich wäre, Nichtschwimmer zu sein. Alte und junge Menschen tummelten sich in dieser beladenen Flüssigkeit. Ein Pärchen im zeugungsfähigen Alter hielt sich eng umschlungen. Wahrscheinlich hatte es davon gelesen, dass die Natursole selbst bei Kinderlosigkeit helfen kann, weshalb der Volksmund die Solebäder „Storchenbäder“ nennt. Er dichtete in exzessivem Überschwang: 
„Das Weib zog hin auf des Mannes Rath
Weiss nicht, wie es ging, gut war die Stund:
Schwanger waren das Weib, die Magd und der Hund.“ 
Und der seinerzeitige geschäftstüchtige Kurarzt von Rheinfelden, Hermann Keller (1857‒1930) riet den Eltern heiratsbereiter Töchter, den jungen Damen als Mitgift lieber eine Badekur in Rheinfelden zu stiften als ihnen Leintücher in die Ehe mitzugeben.
 
Vom Kaynak zum Sogukluk
Ich machte dann noch schnell einen Besuch in der Solegrotte hinter dem Wasserfall, wo sich wiederum Verliebte aneinander schmiegten. Natürlich wollte ich das Idyll nicht stören und begab mich dann zur Inhalationsgrotte, wo die Sole fein vernebelt ist, um die Atemwege wohltuend zu benetzen, zu säubern und zu pflegen. Dann stieg ich, ebenfalls im Gebäudeinnern, in ein Sole-Sprudelbad ein, wo Muskeln und Glieder gelockert wurden; der Fachausdruck dafür lautet Kaynak (wie der ehemalige türkische Nationalfussballspieler Orhan Kaynak) – offenbar eine türkische Erfindung. Und anschliessend wechselte ich in einen Raum der mit Sogukluk angeschrieben ist, ein Ruheraum mit 42 °C warmer Strahlungswärme und 40 % Luftfeuchtigkeit, so etwas wie eine mit rechteckigen, farbigen Fliesen dekorierte Schwitzkammer. Den Besuch in der russischen Sauna in einem Blockhaus sparten wir uns für ein andermal auf; die 2 ½ Stunden reichten vorerst und bewirkten eine wohlige Entspannung.
 
Man darf schon feststellen, dass Rheinfelden einiges zu bieten hat, und oft ist dort auch O sole mio (meine Sonne) dabei. Durch einen unterirdischen Gang, in dem die Fotografin Brigitt Lattmann beruhigende Bilder von Wasserwelten, hauptsächlich Wasseroberflächen ausstellt und wo sich verschiedene Fitnessanlagen befinden, in denen zum Beispiel an Ort Velo gefahren wurde, wechselten wir hinüber zum Park-Hotel am Rhein, von dessen oberen Etage man einen herrlichen Überblick auf den Rhein hat, wo seit 2003 der Kraftwerkneubau im Gange ist. Und dann erlebten wir den Sonnenuntergang auf dem Rheinufer-Rundweg in der Nähe des alten Bohrturms aus dem Jahr 1912, in dem ein kleines Salzmuseum eingerichtet wurde. Der Turm ist offenbar in Restauration begriffen, zumal neben ihm haufenweise Verbundsteine liegen und ein Dach provisorisch abgedeckt ist. Der Kurpark war teilweise noch schneebedeckt. Und ich warf noch einen Blick zum mittelalterlichen Storchennestturm, der Einlass in die schöne Zähringer Altstadt gewährt.
 
Die Kur-Geschichte
Die reichhaltigen Salzlager im Fricktal wurden 1836 entdeckt. Sie gaben den Impuls zum Kuren in Rheinfelden. Schon 1862 wurde das „Grand Hôtel des Salines im Park“ erstellt. 20 Jahre später erwarb Josef Viktor Dietschy die Badeanlage und baute Baderäume an die Zimmer an, so dass kranke Menschen ungestört ihre Kur absolvieren konnten. An der Gare de l’Est in Paris war es möglich, direkte Billette nach Rheinfelden zu lösen, und die Gäste wurden am Bahnhof Rheinfelden in wegweisender Art mit einem elektrisch betriebenen Omnibus abgeholt. 1912 erweiterte Dietschy die Anlage; der Pionier starb 1933, und das Unternehmen wurde von seinen Nachkommen, vorerst von seiner Tochter Maria Dietschy und ihrem Ehemann Ernst Pflüger, weitergeführt. Die Kuranlage konnte sich bis 1963 über Wasser bzw. Sole halten, worauf sie geschlossen wurde. 1973 wurde das Kurzentrum mit dem damals grössten Soleschwimmbad der Schweiz eröffnet, und ab 1978 entstand, während das ehemalige Hôtel des Salines au Parc weiter vergammelte, das "Park-Hotel" als Hotel garni, das 1981 als Viersternehotel mit direktem Zugang zum Kurzentrum sein Eingangsportal öffnete. Neuerdings gibt es Pläne, das Salines-Hotels in eine Klinik umzubauen.
 
Den Kuranlagen wurde immer wieder auf die Beine geholfen, und dasselbe tun sie mit ihren Gästen. Dass hier in jeder Beziehung grosse, unermüdliche Erneuerungskräfte wirken, ist offensichtlich.
 
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