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BLOG vom 10.02.2009


Ein bisschen Hölle: der Schwefelwasserstoff im Thermalbad
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Der Schwefelwasserstoff riecht wie Gülle (Jauche), wie faule Eier; er ist ein Faulgas. Dieses Gas entsteht, wenn schwefelhaltige, organische Verbindungen und anorganische Sulfate von Mikroorganismen (Desulfurikanten) zu Schwefelwasserstoff reduziert werden. Der Gestank passt genau zu seinem Ruf, ein krankmachendes, ja tödliches Gas zu sein. In der Redensart von „Pech und Schwefel“ kommt alles Böse zum Ausdruck – eine höllische Sache. Der Schriftsteller Franz Kafka (1883‒1924) hat dieses Motiv aufgegriffen: „Mein Körper, oft jahrelang still, wurde dann wieder geschüttelt bis zum Nichtertragen-können von dieser Sehnsucht nach einer kleinen, nach einer ganz bestimmten Abscheulichkeit, nach etwas leicht Widerlichem, Peinlichem, Schmutzigem; noch in dem Besten, was es hier für mich gab, war etwas davon, irgendein kleiner, schlechter Geruch, etwas Schwefel, etwas Hölle. Dieser Trieb hatte etwas vom ewigen Juden, sinnlos gezogen, sinnlos wandernd durch eine sinnlos schmutzige Welt“ (Patzer 1970: 124).
 
Im „Roche Lexikon Medizin“ (2. Auflage, 1987) wird der Schwefelwasserstoff-Teufel in wissenschaftlicher Sprache wie folgt an die Wand gemalt: „Hydrogensulfid: H2S, farbloses, brennbares (in Luftgemisch explosibles, sehr giftiges, kräftig nach faulen Eiern riechendes Gas in Erdgasen, Schwefelwässern und – als Fäulnis- und Stoffwechselprodukt – in Aborten, Kläranlagen (‚Kloakengas’, ,Latrinengas’), in Darmgasen. Stark reduzierend und mit Halogenen heftig reagierend (…) Bewirkt Hornhautreizung (Keratitis superficialis punctata) und Schädigung der Atemwegsschleimhäute und des Nervensystems. Entspricht in der Giftigkeit etwa der Blausäure.“
 
Der nichtmetallische, brennbare Schwefel tritt in verschiedenen Gestalten und Anwendungen auf. Er findet z. B. in der Gummiherstellung und auch bei der Produktion von Schiesspulver (eine Mischung aus Schwefel, Salpeter und Holzkohle), als Salpeterschwefel in der Feuerwerkerei oder anderer Explosivstoffe Verwendung. Die Chinesen waren es, die Explosivstoffe aus Salpeter und leicht brennbaren Stoffen als Erste einsetzten, als sie 1232 gegen die Mongolen kämpften. Von China aus verbreitete sich die Kenntnis über die Herstellung und den Einsatz des Schiesspulvers ziemlich schnell aufs Abendland; Handfeuerwaffen und grosse Geschütze kamen auf, deren Tötungseigenschaften von einer grausamen Menschheit bis heute perfektioniert wurden und werden.
 
Der Schwefel macht auf den ersten Blick also einen eher unsympathischen Eindruck. Nur schwefelwasserstoffhaltige Thermalbäder bilden da eine Ausnahme: Dort soll diese Schwefelverbindung sogar ein Heilmittel sein. Wie passt denn das zusammen?
 
Im Schinznacher „Badschachen“
Mit dem Auto sind wir von unserem Wohnort Biberstein AG/CH aus in etwa einer Viertelstunde beim Thermalbad Bad Schinznach (in der Gemeinde Schinznach-Bad). Von der Kantonsstrasse Wildegg‒Brugg zweigt man nach links ab, dem Aarebett entgegen. Etwa 500 m aareaufwärts, beim NOK-Stauwehr, teilt sich die Aare in 2 Flussarme. Der östliche davon, der das Schinznacher Kurgebiet streift, ist die Restwasserstrecke.
 
Das Schinznacher Gebiet „Badschachen“ ist also in mehrerer Hinsicht von Wasser – von Flusswasser und Regenwasser – geprägt. Wenn man sich von der Kantonsstrasse in der kurvigen Abwärtsfahrt dem Thermalbad nähert, sieht man an kalten Tagen zwischen den Bauten im Kurareal Dampfwolken aufsteigen – und es riecht (für viele unangenehm) gelegentlich nach Schwefelwasserstoff (H2S).
 
Neben dem Eingang zur Information (i) ist ein stilvoll bemaltes Brünneli mit einem althergebrachten Wasserhahn aus Messing angebracht. Dort kann jedermann warmes Wasser trinken, das leicht nach Gülle riecht. Wir haben uns daran gewöhnt und geniessen das – vielleicht im kafkaesken Sinn … Das duftende Wasser ist u. a. auch wegen seines hohen Lithium-Gehalts (0,60 mg/l) ein Gesundheitselixier. Lithium soll antidepressiv wirken und der Alzheimer Krankheit vorbeugen können. Diese Trinkkur kann sogar bei Übersäuerung des Magens, Magengeschwür, chronischen Entzündungen im Dünn- und Dickdarm, Funktionsstörungen der Gallenblase und Zuckerkrankheit lindernd sein.
 
Neben dem verzierten Trinkbrunnen, wo Plastikbecher zur Verfügung stehen, kann man in antiquierter Schrift einen Wasseranalyse-Bericht lesen, aus dem hervorgeht, dass sich in der „Schwefeltherme Bad Schinznach“ unter anderen 81 Milligramm Schwefelwasserstoff pro Liter befinden. An Anionen sind 1050 mg/l Sulfat (SO4, 2-) in diesem „Calcium-Natrium-Sulfat-Chlorid-Wasser“ enthalten.
 
Der Schwefel ist an der Erdkruste bloss zu etwa 0,06 % beteiligt. Zudem hat er sich nicht etwa gleichmässig verbreitet, sondern er ist auf verhältnismässig wenige, teilweise abbauwürdigen Lagerstätten konzentriert. Daraus kann auch geschlossen werden, dass schwefelhaltiges (Thermal-)Wasser eine Rarität ist. Jede Heilquelle ist ein Unikat, hat ihre besondere Zusammensetzung. Im Allgemeinen versteht man unter Schwefelwassern Quellen, die mindestens 1 mg/kg Wasser an zweiwertigem Sulfidschwefel enthalten. In Deutschland gibt es deren 31, in Tschechien ist besonders Marienbad bekannt. In der Schweiz haben folgende Bäder mehr oder weniger schwefelhaltiges Wasser: Andeer GR, Alvaneu GR, Bad Ragaz SG, Bad Zurzach AG, Lavey-les-Bains VD, Ovronnaz VS, Saillon VS, Schwefelberg-Bad BE, Scuoll GR, Serneus GR, Valens SG, Yverdon-les-Bains VD. Hinzu kommen die Wellness-Hotels „Limmathof Novum Spa“ in Baden AG und das Hotel „Lenkerhof“, Lenk im Simmental BE.
 
Wofür H2S gut ist
Wer Glück hat und wenn alle meteorologischen Voraussetzungen stimmen, kann wahrnehmen, wie ein leichtes H2S-Parfüm die Schwefelthermen überzieht, und wenn es gelegentlich fehlt, wie etwa am 19.01.2009 in Schinznach-Bad, vermissen wir es, zumal wir den althergebrachten Erfahrungen trauen, wonach Schwefel ein Heilmittel ist und dementsprechend positiv dazu eingestellt sind. In alten Schriften liest man oft darüber, sogar in Homers „Odyssee“, worin Schwefel zur Behandlung von Wahnvorstellungen empfohlen wird. Homer lässt seinen sagenhaften Helden Odysseus, nachdem dieser von seiner Irrfahrt zurückgekehrt ist, ausrufen: „Bringe mir Feuer und fluchabwendenden Schwefel, dass ich den Saal durchräuchere.“ Die Griechen erachteten den Schwefel als göttlichen Ursprungs, weil ihnen die Lichterscheinungen und der Geruch brennenden Schwefels mit dem Blitz verwandt zu sein schien. Die Römer ihrerseits setzten das Sulfur, wie der lateinische Name des Schwefels lautet, als Zusatz für Mineralbäder für Rheuma-Geplagte ein, wozu auch die Wärme ihre Wirkungen beiträgt. Die Ärzte des Mittelalters gebrauchten den Schwefel als Heilmittel gegen alle möglichen Leiden von der „Anschwellung des Bauchs“ bis zum Gelenkschmerz, auch als Abführmittel. In der klassischen Homöopathie spielt Schwefel (Schwefelblüte, Sulf) ebenfalls eine wichtige Rolle zur Behandlung von Hautkrankheiten wie Ausschlägen wie Akne und stark juckenden, chronischen und trockenen Ekzemen. Diesen Effekt hat auch das Baden in Schwefelthermen.
 
Wissenschaftlich ist der Einsatz von Schwefelsalben und -tinkturen umstritten, doch werden Schwefelbäder (Sulfitbäder), in denen der Schwefelwasserstoff der Hauptwirkstoff ist, in der Regel positiv bewertet. Der H2S durchdringt die Haut schnell, und offenbar beeinflusst er darin die Entzündungs- und Immunisierungsvorgänge, was insbesondere bei entzündlichen Hauterkrankungen wie Schuppenflechte, Akne oder seborrhoischer Dermatitis günstige Wirkungen hat. Die Medizin kennt schwefelhaltige Präparate gegen chronische Bronchitis und Tuberkulose, Bluthochdruck und Verletzungen der Mundschleimhaut. In der Nuklearmedizin hat(te) Schwefel eine Funktion für Stoffwechselstudien und der Tumordiagnostik. In der kosmetischen Medizin sind schwefelhaltige Präparate in der Behandlung von Akne oder Schuppen bekannt. Und die Hauptanwendung sind gewiss die schwefelhaltigen Heilquellen, die, wie gesagt, gegen Rheuma, Gicht oder Ekzeme (also keratolytisch) helfen und Durchblutungsstörungen mildern.
 
Die Sache mit dem Geruch
Die Wirksamkeit ist vor allem dann gegeben, wenn Schwefel in Form von H2S vorliegt. Ich kann deshalb nicht nachvollziehen, dass einige Schwefelthermen Ozon (O3) einsetzen, um den allgemein unbeliebten Geruch zu beseitigen. Wenn mich meine verblassenden Chemie-Kenntnisse nicht im Stiche lassen, wird der Schwefelwasserstoff zu Sulfaten oxidiert, die im Wasser gelöst bleiben. Wie mir Marianne Stahel von der Bäderadministration in Schinznach auf Anfrage mitgeteilt hat, wird auch dort „zur Neutralisation des H2S Ozon eingesetzt“.
 
Das Ozon hat eine stark oxidierende Wirkung. Dadurch wird der Schwefelwasserstoff aufgespaltet, zerstört und in neue Verbindungen übergeführt – er ist nicht mehr vorhanden. Es riecht nicht mehr. Auch sämtliche Keime werden durch die Ozonisierung abgetötet, was allerdings erwünscht ist; alles hat 2 Seiten. Man kann also sagen, dass Schwefelthermen, die nicht riechen, auch die Schwefelwasserstoffwirkungen nicht mehr voll entfalten können, dass sie zumindest an ihren Reizen, die zu den stärksten der Balneologie gehören, einbüssen. Die Beseitigung des H2S ist meines Erachtens ein Kunstfehler. Es ist, als ob man dem Aspirin die Salicylsäure vorenthalten würde … Glücklicherweise gibt es im Thermalwasser noch eine Reihe anderer Wirkstoffe; doch Eingriffe ins natürliche Gefüge können keine Verbesserung sein.
 
Baustein
Der Schwefelwasserstoff ist in konzentrierter Form ein Gift, wie eingangs dargestellt wurde, in Verdünnung aber ein Heilmittel – es kommt also auf die Konzentration (auf die Menge pro Einheit) an. Der Schwefel ist auch ein bedeutendes Element und Baustein biologischer Systeme. Er findet sich als unentbehrliches Element z. B. im Bindegewebe und im Knorpel und in Aminosäuren, dem Grundbaustein der Eiweisse. Er ist es auch, der Zwiebeln und Knoblauch ihren grossen gesundheitlichen Wert verleiht (Pflanzen verteidigen sich damit gegen Fressfeinde – und Menschen gegen Vampire …). Knoblauch steht in hohem Ansehen, weil er das Risiko für Herzerkrankungen durch Bluthochdruck, erhöhtes Blutfett usf. verringert.
 
Der H2S-Gestank wird schon in geringen Konzentrationen wahrgenommen – die Geruchsschwelle liegt bei etwa 0,15 mg/m3. Luft aber, die intensiv damit belastet ist und wenige Prozente dieses Gases enthält, kann tödlich sein: Es stellen sich Schwindel, Atemnot und Erregungen ein. Gleichzeitig wird der Blutfarbstoff Hämoglobin zu Sulfhämoglobin umgewandelt. Dabei werden das Atemzentrum gelähmt und das Herz geschädigt. Das wären also die Nebenwirkungen bei Überdosierungen. Bei den in Schwefelthermen vorhandenen Dosen stellen sich solche nicht ein. Hier wird die Durchblutung der Haut (Hyperämie) verstärkt, was zu einer verbesserten Mineralienaufnahme führt. Der verbesserte Hautstoffwechsel führt dazu, dass die oberste Hautschicht (Hornschicht) abgelöst wird. Zudem kann der Schwefel jetzt schnell in die Haut eindringen und dafür sorgen, dass die Horn bildenden Zellen (Keratinozyten) langsamer wachsen und das entzündungsfördernde Interleukin-8 verringert wird. Der Bewegungsapparat wird aufgebaut und damit gestärkt. Herzschlag und Stoffwechsel nehmen nur im Rahmen des Erwünschten zu – man hat nach dem Baden immer einen guten Appetit. Alle mir bekannten Thermalbäder haben denn auch leistungsfähige Restaurants.
 
Insgesamt gehören Schwefelthermalbäder zur sanften Therapie; gute Resultate zeigen sich erst bei einer kurmässigen Anwendung. Die meisten Bäder haben Innen- und Aussenschwimmanlagen. Für mich ist das Baden im Freien immer ein besonderes Vergnügen. Wenn dabei noch etwas UV-Licht auf die Haut gelangt, verbessert das die Schwefelwirkungen auf die Haut.
 
Die meisten Bäder sind mit Düsen auf verschiedener Höhe ausgestattet, die eine Unterwasserdruckstrahlmassage an beliebigen Körperstellen erlauben; die Intensität kann der Benutzer durch die Veränderung der Distanz zur Düse selber regulieren. Der therapeutische Nutzen dieser Therapieform begründet sich durch die Kombination von Massage sowie Muskelentspannung dank des Auftriebs des Wassers und durch die Wasserwärme. Auch Unterwasserbewegungstherapien unter kundiger Leitung können sinnvoll sein; wegen der Auftriebskraft können auch Bewegungen, die sonst vielleicht schmerzhaft sind, leichter ausgeführt werden. Anschliessend ist ein Ruhebad z. B auf einer Unterwasserliege oder in einem Ruheraum angezeigt, wobei sich eine allgemeine Entspannung einstellt.
 
Damit hoffe ich, zur Ehrenrettung des Schwefels und zu seiner Rettung als Molekül H2S meinen Beitrag geleistet zu haben: Man nehme ein bisschen Hölle in Kauf und fühle sich dabei gut! … ein gutes Training auf das, was viele von uns, wenn man der biblischen Religion trauen darf, ohnehin erwartet. Ich nehme mich da nicht aus.
 
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