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BLOG vom 01.03.2009


Mittelengland in Aufruhr: Sommer der Unzufriedenheit?
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Der typische Engländer ist stoisch, phlegmatisch und kaum aus der Ruhe zu bringen. Die Mittelschicht hatte nichts dagegen, als die Reichen reicher wurden, solange sie sich ihren Anteil am Wohlstand sicherten, so bescheiden er vergleichsweise zu jenem der „Neureichen“ war. Wer meint, dass die Klassenunterschiede in England aufgehoben seien, täuscht sich.
 
Ich erinnere mich an den entsetzlichen „Winter of Discontent“ (Winter der Unzufriedenheit) in den Jahren 1978‒1979, mit Streiks auf nationaler Ebene, Stromunterbrüchen, lahm gelegtem Verkehrsnetz, unterbrochener Lebensmittelversorgung unter vielen anderen Kalamitäten. Allabendlich kam ich mindestens 3 Stunden später von der Arbeit nach Hause. Wir mussten Kerzen anstecken (und selbst an diesen mangelte es). Unseren Kindern fehlte die warme Milch. Sie mussten lange warten, bis die Stromunterbrüche befristet aufgehoben wurden. Wir froren wie der Rest der Nation, ohne Zentralheizung mitten im Winter. Das waren schlimme Zeiten, Krisenzeiten.
 
Und jetzt steckt das Land schon wieder in der Krise, die ungleich härter ist. Die faulen Mätzchen und das Ränkespiel der Politiker, mit gravierenden wirtschaftlichen Folgen, nimmt kein Ende. Die Boni-Kultur in der Regierung und in den Multinationalen hat nicht abgedankt: sie wird umgeschichtet. Kleinere Boni werden mit entsprechenden Gehaltserhöhungen vertuscht und ausgeglichen. Aber heute werden die Missstände mehr denn je von der Presse und anderen Medien blossgestellt und angeprangert. Die Leute sind zunehmend empört – und dies mit Recht.
 
Die Statistiker wollen nachweisen, dass die Inflation den Tiefstand erreicht habe. Die Teuerungswelle bläht die Kosten für die Benutzung des Schienennetzes (Bahn oder Metro); sie erhöhten sich, wie immer, auch dieses Jahr weit über die Inflationsrate. Fahrkarten kosten im Schnitt 50 % mehr als anderswo in Europa. Die Pendler werden gerupft. Die Pensionskassen werden abgebaut, vielmehr ausgeraubt. Nur die Staatsbeamten kriegen weiterhin ihre Vollpension. Milliarden (UK: Billionen) von Pfund der Steuerzahler wurden in bankrotte Banken gepumpt und verschrottet. Das Pfund ist im Sturzflug. Die Importe verteuern sich und werden von Exporten nicht aufgefangen, wie die Industrie links und rechts, Gross- und Kleinunternehmen, zwangsläufig schliessen müssen. Die Kreditzufuhr bleibt weiterhin unterbunden und verursacht „cash flow“-Probleme selbst in finanziell gesunden Firmen. Die Zahl der Arbeitslosen schwillt an. Der Sparer geht zinslos aus. Wo verschwindet das Geld, welches in die Wirtschaft gepumpt wird? Natürlich muss der Steuerzahler für die Misswirtschaft bluten. Selbst das reicht nicht aus, um die Staatsschulden einzudämmen. Diese sind obendrein von den verruchten Kriegen, gegen den Willen des Volkes, in Irak und Afghanistan belastet, von den Menschenopfern nicht zu sprechen. Bald werden Banknoten auf Hochtouren gedruckt – wofür der Euphemismus „quantitive easing“ geprägt wurde. So eine Schindluderei!
 
Steht England der „Summer of Discontent“ (Sommer der Unzufriedenheit) bevor? Dieses Szenario ist durchaus plausibel. Der Mittelstand hat die Nase voll und die Arbeiterschaft ebenso. Die Aussichten sind schlecht. Ich war überrascht, wie viele Läden in Wimbledon Broadway schon geschlossen sind, worunter auch der lokale Woolworth. Trotz aller Lockvögel bleiben die Gaststätten leer. Ein Funken könnte das Pulverfass sprengen.
 
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