Textatelier
BLOG vom: 31.03.2009

Spriessende Knospen: Ansatz- und Anknüpfungspunkte

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Ansatzpunkte werden auf unserem Lebensweg fortwährend ausgestreut, gleichgültig, ob wir sie als solche erkennen oder nicht, über sie stolpern oder diesen oder jenen hoffnungsvoll aufgreifen.
 
Anknüpfungspunkte gleichen einem Kabel, willkürlich einst von der Schere der Umstände zerschnitten. Die Steckdose ist in uns erhalten geblieben. Wir könnten ein Kabelteil wieder mit uns verbinden.
 
Ansatzpunkte sind so vielfältig und so weitfächerig wie unsere Vorstellungskraft. Der Blindgänger geht achtlos an ihnen vorbei. Das ist sein Verlust. Mit offenen Sinnen vermögen wir sie zu erkennen. Ob daraus etwas wird oder nicht, ist wiederum von Zufälligkeiten abhängig.
 
Diesem Gedankengang weiterfolgend, werden aus Ansatzpunkten manchmal Anknüpfungspunkte, vor allem dann, wenn aus den Knospen Zweige spriessen. Die Natur macht dies ersichtlich, besonders jetzt, wie sie aus dem Winter erwacht. Winden und Heckenrosen verstehen sich auf die Kunst des Anbindens so sehr, dass man bald nicht mehr weiss, wo sie beginnen und enden und sich verschlingen im Fliederbusch oder im Haselnussstrauch – oder zwischen Brombeerranken.
 
Kann ich 2 Extremfälle in Anekdoten oder Parabeln fassen?
 
(1) Kurt, erinnere ich mich, sprudelte immer voller Einfallsfreude. Er genoss es, deswegen bewundert zu werden. Aber er verfolgte seine Einfälle nicht, sondern liess sie fallen, wenn ihn andere anflogen. Ein kritischer Beobachter würde sagen, Kurt sei zerstreut und könne sich nicht konzentrieren.
 
Kurt wechselte Stellen wie Unterhosen. Ehe er 30 Jahre alt war, hatte er 2 Scheidungen hinter sich. Kein Wunder, dass er mit seinen unsteten Einfällen viele Reinfälle hatte. Dank einer Erbschaft machte er sich selbstständig, gründete eine Firma, die Strandgut aller Art vertrieb, von exotischen Muscheln bis zum Meerestang und Salz aus dem Himalaya. Letzteres ist der Nachlass aus urzeitlichem Meer (primal sea), die er auch als Kristall-Energie-Anhängsel verkaufte. Sein Geschäft florierte zuerst, bis er immer mehr neue Produkte zweifelhafter Provenienz in seinem Katalog aufnahm. Tief verschuldet musste er seine Firma schliessen und gründete wenige Wochen später eine neue, mit der er Konferenzen organisierte. Seinen Einfällen fehlten jedoch die Fachkenntnisse. Dennoch spielte er sich in seiner Nachbarschaft gern weiterhin als Geschäftskanone auf und wechselte von einem Auto aufs andere, eines teurer als das andere – alles auf Pump. Seine Erbschaft war längst verprasst.
 
Kurt tat mir leid als ich erfuhr, dass er zuletzt mit finanziellen Schiebergeschäften vors Gericht kam und zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt wurde.
*
(2*) Der berühmte Archäologe, Professor Wiesmuth, war hochbetagt, als er am Rande eines Juradörfchens sein Haus verliess und seinen gewohnten Pfad zur Römerstrasse hochging. Seit dem Hinschied seiner Gattin war sein Studierzimmer mit Bruchstücken aus dem Altertum übersät, genauer: mit solchen aus der Frühzeit Helvetiens. Diese waren ihm beides zugleich: Ansätze- und Anknüpfungspunkte zu neuen Gedankengängen. Als er die Römerstrasse erreichte, murmelte er gewohnheitsmässig den Ausspruch römischer Maultiertreiber „pro itu et redito“ in den Bart. So stand auf den Votivtäfelchen vermerkt, die er auf der Passhöhe vieler Römerstrassen entdeckt hatte. Da gab es auf der Passhöhe des Chasseron, ein strittiger Punkt unter Gelehrten, ein Heiligtum. Wie anders liessen sich die dort aufgefundenen Glöckchen deuten, wenn nicht als Weihegaben? „Milia passum“ hiessen die Meilensteine der Römer. Daneben gab es noch ein gallisches Streckenmass, die Leuge. Eine Strasse führt  – zum Glück – zu anderen. Das hat ihn bis auf den heutigen Tag geistig in Schwung gehalten. Er konnte das Einst mit der Gegenwart verbinden, wenigstens bruchstückhaft. Auf seinem Spaziergang über die teilweise freigelegte Römerstrasse murmelte er wie ein Mantra die Stationen der Römerstrassen: Gex über Gigins, Begnins, Aubonne, Cossonay, Donneloye, Payerne, Avenches. Sie waren seine Haltepunkte, die den Gelehrten auch auf seinem heutigen Spaziergang faszinierten, da sie ihm weiterhin viele Rätsel aufgaben und Anknüpfungspunkte schufen.
(*) Quelle: Aus meiner Kurzgeschichte „Auf der Römerstrasse“ (28.11.1969) entliehen. 
*
Ich bin dankbar für jeden Ansatz- oder Anknüpfungspunkt, den mir der gütige Zufall zuspielt. Hoffentlich vermag ich sie als solche zu erkennen.
 
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