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BLOG vom 10.04.2009


Die Schüler von heute und das Klassenfoto von einst
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Es wird wieder geschrien. Die Kinder spüren den Frühling. Sie rennen, spielen und kämpfen. Jedes ringt um einen eigenen guten Platz, will jemand sein, will im Spiel gewinnen.
 
Schüler gehen jetzt oft an meinem Bürofenster vorbei. Die wandelnden Farben lenken mich jeweils von der Arbeit ab. Seitdem die Sträucher radikal geschnitten worden sind, ist ein Durchschlupf zwischen 2 Zäunen sichtbar geworden. Jetzt sind Wege über die grosse Wiese beliebt. Die Kinder schätzen die Abkürzung zum Schulhaus. Ein schöner Weg, weich und grün. Völlig neu ist diese Situation auch für uns Anwohner, weil jetzt vermehrt Papierfötzel herumfliegen und herumliegen.
 
Auch heute Morgen war ich gar nicht begeistert, als ich, schwer beladen, auf dem Heimweg am Pausenplatz des Schulhauses Chriesiweg vorbei kam und aufgerufen wurde, einen Ball, der über den hohen Maschenzaun geflogen war, zurückzuwerfen. Nein! Dazu war ich gar nicht in der Lage. Der Rücken jaulte schon seit Minuten wegen meiner Lasten. Ich hatte Mühe, die Taschen und Säcke auszubalancieren und heimzutragen. Mit Buhrufen übergossen, ging ich weiter. Aber ein schlechtes Gewissen konnten mir die Primarschüler nicht anhängen. Darf man der Jugend nicht mehr zutrauen, einem verlorenen Ball selber nachzurennen? Eine Strecke von 20 Metern ist meiner Meinung nach zumutbar. Oder dürfen die Schüler den Pausenplatz vielleicht nicht verlassen? Noch als ich darüber nachdachte, kam ein junger Mann daher und erfüllte den Wunsch.
 
Vor ein paar Tagen wieder eine ganz andere Situation: Wieder Pause. Wieder Fussball spielende Buben. Und ganz vorne am Zaun, ein Schüler der betete. Mit gefalteten Händen stand er da. Der Blick ins Leere gerichtet. Ganz still, ganz versunken. Erfüllte er eine Pflicht? Oder brauchte er Hilfe? An wen wandte er sich? Mit dem Rücken zu seinen Kollegen, war er von ihnen getrennt. Aber nichts deutete darauf hin, dass er ausgegrenzt worden wäre. Er muss sich diese stille Ecke ausgesucht haben. Als sich unsere Blicke trafen, kam er in die Welt und zu seinen Kollegen zurück.
 
Und ich verreise seit einigen Tagen öfters in meine eigene, weit zurückliegende Kinderwelt. Ich hatte unserer Tochter davon erzählt, dass im Internet unter www.klassenfotoarchiv.ch eine Sammlung von rund 50 000 Schulklassen-Fotografien aus der Zeit von 1927‒1995 aufgerufen werden könne. Sie setzte sich sofort an den Computer und durchforstete die Schulhäuser aus dem Zürcher Industriequartier. Wir fanden 4 von 5 Geschwistern meiner Herkunftsfamilie.
 
Eine Foto von 1948 mit mir als Drittklässlerin bewegte mich ganz besonders. Ich wusste, dass es diese gab. Meine Eltern konnten sie sich aber nicht leisten, weil der damalige Umzug vom Zürcher Oberland in die Stadt Zürich zu viel Geld verschluckt hatte. Mutter erklärte mir, dass es noch mehrere Gelegenheiten für eine Klassenfoto geben werde. Wenn ich mich auf diesem Bild anschaue, erinnere ich mich augenblicklich an die finanziellen Sorgen, die mir als Kind nicht verborgen blieben. Wie wohl hätte ich mich gefühlt, wenn ich den Eltern unter diesen Umständen überhaupt keine Auslagen verursacht hätte.
 
Aber ich sehe auch anderes. Frau Anna Huber, die Lehrerin, die mich als Zuzügerin im Schulhaus Kornhaus in ihrer Klasse liebenswürdig willkommen hiess. Diese Foto habe ich bestellt. Sie liegt jetzt auf meinem Schreibtisch und zieht mich immer wieder in ihren Bann. In dieser Klasse habe ich als 39. Schülerin die Stadtkinder und das Leben in Zürich kennen gelernt. Mein Platz ist am Rande dieser Foto. Der besorgte, ins Leere gerichtete Blick ähnelt dem betenden Buben aus dem Schulhof Chriesiweg. Nach und nach erinnere ich mich an viele Namen. Geschichten steigen auf.
 
Diese Fotosammlung verdankt der Lehrmittelverlag des Kantons Zürich dem Fotografen Walter Haagmans und seinem Vater Hubert Haagmans. Die Aufnahmen stammen aus der Zeit von 1927‒1995. Die Originale befinden sich heute im Staatsarchiv. Das im Internet abrufbare Klassenfoto-Archiv wurde zum Jubiläum von 175 Jahre Volksschule Kanton Zürich aufgebaut. Ein Rundgang durch diese Zeiträume ist spannend. Allein das Aussehen der Kinder, ihre Kleider, Frisuren, ihre Schuhe lassen den Wandel verfolgen. Die grossen Klassen wurden zunehmend kleiner und die Gesichter der Lehrer und Lehrerinnen verloren die Strenge.
 
Ich frage mich jetzt: Was ist aus allen geworden? Nur von wenigen weiss ich es.
 
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