Textatelier
BLOG vom: 13.04.2009

Zur Delikatesse bestimmt: Das Osterlamm, ein Opferlamm

Autorin: Lislott Pfaff, Schriftstellerin, Liestal BL
 
Ich bin ein Lamm – ein Osterlamm, ein herziges, zartes, feines Osterlamm.
 
Ein Milchlamm bin ich, für den Festschmaus der Menschen bestimmt – und darauf bin ich stolz. Denn die Menschen sind höhere Wesen, sie haben nur 2 Beine und können trotzdem gehen. Und einen senkrechten, aufrechten Rücken haben sie, nicht einen demütig waagrechten wie wir Lämmer. Nur wenn sie sitzen, sehen sie ein wenig kleiner aus. Dann essen sie unsere Beine und unseren Rücken und sagen: „Mm, das ist gut!“
 
Wir bekommen die Beine und den Rücken nicht mehr zurück, denn wir sind dann nicht mehr am Leben und können deshalb unseren Körper nicht mehr gebrauchen. Aber dafür sind wir eine Delikatesse geworden, eine babyzarte Delikatesse, hat der Metzgermeister Müller gesagt und hat dabei die Arme in die Hüften gestemmt und gelacht. Ja, so können wir Lämmer den Menschen Freude bereiten…
 
Sogar schon im Mittelalter haben die frommen Mönche in den Klöstern unser Fleisch mit Honig bestrichen, was beweist, dass wir schon damals etwas Besonderes waren. Aber noch viel, viel früher, im Altertum, konnten wir Lämmer den Menschen Gutes antun: Damit der liebe Gott in Ägypten die Erstgeborenen der Israeliten nicht tötete, nur jene der Ägypter, die dadurch bestraft wurden, mussten die israelitischen Familien eines von uns schlachten, mit seinem Blut die Türpfosten bestreichen und sein Fleisch braten und essen. So wurden die israelitischen Erstgeborenen verschont, und wir sind die Nachfahren dieser heiligen Opferlämmer. Ist das nicht wunderbar?
 
Nur schade, dass wir für alle diese erfreulichen und tapferen Taten schon im Alter von 3 oder 4 Monaten unser Leben lassen müssen. Denn wir würden gerne noch ein wenig länger auf der Welt bleiben und uns darüber freuen, dass wir für die Menschen schon seit Urzeiten so wichtige Kreaturen sind.
 
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