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BLOG vom 20.05.2009


Auf dem Bözberg: Wo die Goldammer die Einsamkeit besingt
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Der Bözberg ist die am dünnsten besiedelte Fläche des Aargaus. Um diese weitgehend menschenleere Gegend wenigstens am Nachmittag, 17.05.2009, etwas zu bevölkern, lud der Verein Pro Bözberg (www.pro-boezberg.ch) zu einer Sonntagswanderung auf jenem Plateau ein; ein Berg, der den Namen verdienen würde, ist das nicht. Das Schweizervolk hatte an jenem Tag gerade in nationalen Abstimmungen seine Sympathie zur Naturheilkunde, zur traditionellen Medizin (sprachlich zur anhängselhaften Komplementärmedizin degradiert) und sogar den biometrischen Pass ganz knapp angenommen – und die Aargauer ihrerseits sagten Nein zur radikalen Schulreform „Bildungskleeblatt“ mit der damit verbundenen Abtretung des Nachwuchses zu globalisierungstauglichen staatlichen Abrichtungen („Tagesstrukturen“) möglichst bald nach der Ablösung von der Mutterbrust, über den geplanten nationalen HarmoS-Einheitsbrei (Schulharmonisierung auf schweizerischer Ebene) hinaus.
 
Heilpflanzen und Kleeblätter trifft man auch auf dem Bözberger Homberg (gehört zur Gemeinde Unterbözberg) in Fülle, und eine Art Pass (sogar ein eigentlicher Reisepass) ist auch er, der Bözberg-Jurapass, der das Fricktal mit Brugg verbindet. Er gehört zur Diretissima zwischen Basel und Zürich. Der Bözberg (Bözhügel) hat sich einen Eisenbahn- und einen Autobahntunnel einverleibt und war obendrein und obendrauf schon zur Römerzeit begangen worden, weil er weniger hoch und beschwerlich als andere Juraübergänge ist – insbesondere gegen Osten (Benken, Staffelegg) nimmt die Höhe des Hügelzugs zu. Vor allem nach 1773 wurde die Strasse durch die Stadt Bern unter dem Befehl Österreichs ausgebaut; die Eröffnung war im November 1779. Die auf dem Bözberg lebenden Menschen profitierten mit Ausnahme einiger Pferdebesitzer und Wirte kaum vom Durchgangsverkehr, mussten manchmal noch die Strassen unterhalten, bis dann 1859 der junge Kanton Aargau diese Aufgabe freundlicherweise übernahm.
 
Ernst Bopp, Effingen AG, und Heiner Keller, Oberzeihen AG, betätigten sich als fachkundige Wanderleiter, wobei ich der Gruppe des Ökologen Keller zugeschlagen wurde. Er raste bereits beim Abmarsch über das landwirtschaftlich genutzte Plateau erzählerisch durch erdgeschichtliche Abläufe, berichtete vom Auffalten des Jurahügels unter dem Druck der Alpen und dem Widerstand des Schwarzwaldmassivs.
 
Der „Aargauer Tafeljura“ zwischen den Wäldern im Norden, dem Bözberg im Osten und dem Faltenjura (Kettenjura) im Süden ist zum Teil im Bundesinventar der Landschaften von nationaler Bedeutung aufgeführt. Deshalb wehrt sich der „Pro Bözberg“ („Verein zur Erhaltung von Landschaft, Natur und Erholungsraum Bözberg/Oberes Fricktal“) denn auch so vehement gegen das gigantische Steinbruch-Projekt der Jura-Cement-Fabriken JCF (Tochter des internationalen CRH-Konzerns). Es umfasst das Gebiet zwischen Effingen, Kästal, Oberbözberg und Alt-Stalden, also die Bözberg-Westflanke, wo auf rund 1 Quadratkilometer Kalkstein und Mergel abgebaut werden sollen. Und neuerdings befürchtet man dort auch noch das Nagra-Lager für radioaktive Abfälle, das in den Opalinuston-Schichten in diesem Gebiet errichtet werden könnte.
 
Keller zeigte einen Gesteinsbrocken aus der Jura-Nagelfluh, der auf dem rötlichen Boden lag, Material aus dem Schwarzwald oder den Vogesen. Die einigermassen flachen, aus Meeresablagerungen bestehenden Schichten nehmen nach unten an Alter zu und reichen bis zu 200 Millionen Jahre (Trias) zurück. Der orts- und fachkundige Leiter beschrieb das Bözberg-Flachdach als „verchrügeleti Platte“, also eine Fläche mit kleinen Unebenheiten, die den Bauern schon immer gefiel. Die Abhänge des Bözbergs aber sind bewaldet. Der Wald blieb auch in grösserer Distanz zu den Siedlungen stehen, weil für die Bauern lange Anfahrtswege zu den Äckern zu beschwerlich gewesen wären. Heute handelt es sich um einen forstwirtschaftlich geprägten Mischwald (Keller: „Dutzendwald“, nach Försterart gemischt).
 
Der Tafeljura steigt immer gegen Norden leicht an, das heisst also, dass die Nordseiten am höchsten sind, was aus den von Süden her wirkenden Schiebekräften zu erklären ist. Während man solchen Ausführungen andächtig lauschte, zirpten die Grillen orchestral – sie hatten von den wärmeren Zeiten profitiert und sich freudig vermehrt. Aber den Lerchen-Gesang vermisste Heiner Keller auf dieser monokulturell verödeten Fläche schon. Wir fühlten mit.
 
So wanderten wir alle im Spannungsfeld zwischen Natureingriffen und -schönheiten, vom grossen asphaltierten Homberg-Parkplatz herkommend, Richtung Rüti, Wasserreservoir (VWV Bözberg, 1976) gegen die Sennhütte. Ein erster botanischer Höhepunkt war im Wald der Ortsbürgergemeinde Oberbözberg eine hellbraune Orchidee, die auf totem Holz gedeiht: die Nestwurz (Vogelnestwurz, Neóttia nídus-ávis) mit dem reichen, nach oben dichter werdenden Blütenbestand neben einer Ansammlung von Waldmeistern und Salomonssiegeln.
 
Der Blick öffnete sich beim Ruedacher zum Dorf Remigen und zur Zementfabrik Würenlingen vor dem „Bärengraben“-Steinbruch, der zur Sondermülldeponie wurde, dann zur Lägern und zum Alpstein (Säntis). Am Weg direkt neben uns wuchsen Salbei, Kleiner Wiesenknopf, Aufrechte Trespe und Glatthafer, und eine Goldammer sang mit ihrer metallisch klingenden Stimme ihr Ti-ti-ti-üüüüü mit einem kurzen Pfiff als Nachton-Beigabe dazu.
 
Beim Waldgasthaus Sennhütte (Gemeinde CH-5078 Effingen, MON und DIE geschlossen), Bestandteil einer Häusergruppe auf 634 Höhenmetern, herrschte ein grosser Betrieb, ein schöner Ausflugsort für Familien und Mountainbiker über dem Sulzerloch mit Blick auf Schinberg und Dimmis. Das Gasthaus mit der Klematis an der vorderen Fassade wird von Eva und Pesche Panero geführt. Die beiden Kunstschaffenden lernten sich in der Dimitri-Schule in Verscio TI kennen und streben nun in und um die Sennhütte eine Verbindung von Natur und Kultur an. Pesche Panero, eine zupackende, sportlich wirkende Gestalt, mit dem wir einige Worte wechseln konnten, ist auch ein handwerklich begabter Metallbauer. Er will nebenan auch eine öffentlich zugängliche Feuerstelle schaffen – ohne kommerzielle Absichten. Man müsse etwas menschenfreundlich sein, fügte er bei, währenddem ich mit einem Leichtbier aus Appenzell meine Kehle befeuchtete, ohne gleich ein Lied anzustimmen, mich den kulturellen Ansprüchen widersetzend.
 
Dann war noch der letzte Teil der etwa 9 km langen Wanderung hinunter nach Effingen zu bewältigen (1 Stunde), vorbei an der Zweiblättrigen Schattenblume (Maiánthemum bifólium) mit den weissen, reichblütigen Trauben. Grosse Gewitterwolkenberge türmten sich im Westen auf, zeichneten über der Landschaft in ihren Grüntönen eine neue, weissgraue Gebirgswelt ins Himmelblau.
 
Am bewaldeten, aber teilweise gut beleuchteten Osthang präsentierte sich eine Fülle von Pflanzenraritäten. „Mached mir no echli Botantik“ (wenden wir uns noch etwas der Pflanzenkunde zu), sagte Heiner Keller und zeigte unter anderen auf das Gefleckte Knabenkraut (Dactylorhíza maculáta), das Weisse Waldvögelein (Cephalanthéra damasónium), den Wald-Ziest (Stáchys sylvática), das Immenblatt (Melittis melissophýllum) und die Klebrige Salbei (Sálvia glutinósa) mit ihrem viereckigen Stängel. Ob er eigentlich alle Pflanzen kenne, fragte ich noch. „Ja. Es wird immer einfacher“, war die Antwort.
 
Links tauchte der Landwirtschaftsweiler Chästel mit seinen Silogruppen und dem in weisses Plastik verpackten Gras auf, dahinter der Einschnitt des Bärtschilochs, und über alledem kreiste ein roter Milan. Wie er schauten wir auf jenes Gebiet „Chatzensteig“ hinunter, wo früher Flösser auf dem Rückweg und andere Leute den Bözberg, vorbei an Wegelagerern, passierten und in dessen Nähe auch der Effinger Karrenweg („Römerweg“) ist, der laut Vermutungen von Römern stammt, in seiner heutigen Ausprägung wahrscheinlich aber jüngeren Datums ist.
 
Hornlose Rinder weideten – mit vielen Chips mit Nummern und Strichcodes in den Ohren – in denen sie die ganze Biometrie wie wir demnächst in den Pässen herumtragen. Sie haben fast zu wenig Ohrlappen, an denen all die Plastikschilder befestigt werden können. Bald, bei Geisshalden, kam das Dorf Effingen zum Vorschein, auf das wir zwischen den Hügeln Hessenberg und Ruge und vorbei an Rebparzellen zusteuerten. Der kleine Umweg lohnte sich insbesondere wegen der berühmten Pfeifengras-Föhrenwälder auf Effinger Mergeln, einem mergeligen Malmkalk, der früher in Rebbergen und auf Äckern als Dünger eingesetzt wurde. Auf diesen rutschigen Flächen entwickeln sich ungestört einige Pflanzen wie Thymian, Bergaster, Sichelblättriges Hasenohr und verschiedene Orchideenarten. Diese finden sich vor allem in den lichten, wechseltrockenen und wechselfeuchten Föhrenwäldern, die man nicht betreten sollte – die Pflanzenpracht am Wegrand ist überreichlich.
 
Noch setzte der Gewitterregen nicht ein. Wir erreichten Effingen trockenen Fusses. Einige kehrten in der „Glocke“ ein; ich fuhr um 17.13 Uhr mit dem von einem überaus freundlichen Chauffeur gelenkten Postauto hinauf nach Neu-Stalden und wanderte via Alt-Stalden und neben einem blühenden, ausgedehnten Erbsenfeld die 1,5  km zum Parkplatz Homberg zurück. Und genau jetzt fielen die ersten Tropfen.
 
Im Prius erzählte ein Radiosprecher vom Abstimmungsausgang, eine kalte Dusche für Bundesrat Pascal Couchepin, der sich nicht so richtig für die Naturmedizin anfreunden und das Volk davon nicht abhalten konnte, dieser eine deutliche Ehrerbietung zuteil werden zu lassen. Die Pro-Bözberg-Wanderer sollten ihn, unseren Gesundheitsminister, zur nächsten Exkursion einladen, damit er sieht, dass allein schon eine Vertiefung in die Naturgeheimnisse eine gute Medizin ist.
 
Hinweis auf ein Buch über das Gebiet Fricktal/Bözberg
Keller, Heiner: Bözberg West. Landleben zwischen Basel und Zürich“, Verlag Textatelier.com, CH-5023 Biberstein 2005.
 
Hinweis auf weitere Blogs über den Bözberg
17.05.2005: Densbüren–Linn: Bei Linden, Eichen und Pimpernuss
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