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BLOG vom 24.05.2009


Badener Unterwilerberg: Wo viele Eiben für Mythen sorgen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Im Naturreservat Unterwilerberg im aargauischen Baden ist es nicht etwa so, dass man vor lauter Eiben den Wald nicht sieht. Etwa 1200 von diesen sagenumwobenen Bäumen haben sich einfach in diesem Wald auf brüchigem Jurakalk und Mergel niedergelassen und sich unter den Kronendächern von Buchen, Eschen, Bergahornen oder Föhren wie düstere, dunkle Gestalten angesiedelt, zum Teil schon vor 200 Jahren. Wälder mit so vielen Eiben sind eine Rarität, und dass um sie herum ein Schutzgebiet errichtet worden ist, das heute 58,3 Hektaren umfasst, ist ebenso berechtigt wie erfreulich. Dieser Eibenbestand gilt als einer der umfangreichsten und schönsten der Schweiz.
 
Der Unterwilerberg befindet sich zwischen dem Badener Quartier Chappelerhof (Kappelerhof) und Turgi/Wil, wo die Limmat und damit auch die mit einer speziellen Busspur versehene Kantonsstrasse und die SBB-Linie Baden‒Brugg in Ufernähe eine kleine Wölbung nach Süden haben. Der höchste Punkt des Unterwilerbergs (548 m ü. M.) liegt 206 m über der Limmat. Gute Einstiege in den Märchenwald finden sich in der Nähe der Bushaltestelle Ruschebach (RVBW-Buslinien 1 und 4). Von dort kann man dem rechtwinklig zur Strasse verlaufenden Bachtobel folgen, dem 7-Brüggli-Weg, wo sich auch die berühmte „Chappi-Eich“, eine Stieleiche (Quercus robur) befindet. Dieses Baumdenkmal ist über 180 Jahre alt, hat einen Stammdurchmesser von 1,4 m und ist 40 m hoch.
 
Das Reservat
Ich wählte am 20.05.2009 den anderen Einstieg, folgte also zu Fuss der Kantonsstrasse gegen Turgi (Westen) bis zum verwitterten Holzwegweiser auf der Hangseite, in dem in roter Schrift „Gebenstorfer Horn. Baldegg. Birmenstorf“ eingraviert ist – und darunter steht die Strassenbezeichnung „Unterwilerbergstr.“. Dieser gut ausgebaute Waldweg mit Naturbelag windet sich neben intensiv knoblauchartig duftenden Bärlauchteppichen langsam in die Höhe. Sogleich wird der Wanderer von einer Tafel im Holzrahmen begrüsst:
 
„Naturwald-Reservat Eibenwald Baden. Dieser Wald soll sich nach den Kräften der Natur frei einwickeln. Der Eibenwald, die Bachtobel und die Blockschutthalden bilden ein Refugium für eine besondere Flora und Fauna. Seit 2005 (im Eibenwald seit 1961) wird hier auf jegliche Holznutzung verzichtet. Langfristig entstehen urwaldähnliche Waldbilder.
 
Der Wald bleibt frei zugänglich. Wir zählen auf Ihre Rücksichtnahme zugunsten der Tier- und Pflanzenwelt. Beachten Sie: Im Naturwaldreservat ist die Gefahr durch herabfallende Äste und umstürzende Bäume besonders gross.“
 
Die Warnung ist berechtigt, besonders im unteren Teil des Waldes modern viele Bäume kreuz und quer übereinander vor sich hin, und auf der Unterwilerbergstrasse lag ein armdicker, dürrer Buchenast – wie es eben zu einem Urwald oder einem Märchenwald mit seiner verwunschenen Stimmung gehört. Am Totholz bildet sich ein vielgestaltiges neues Leben; vor allem Pilze und Insekten haben es auf morsche Baumbestandteile abgesehen.
 
Der von den beiden Ruschebächen durchflossene Wald hat steile, feuchte und damit rutschige Stellen; Blockschutthalden belegen, dass es hier manchmal wild zugeht. Von hier aus haben denn auch schon oft Schlamm und abgerutschtes Material die Strasse und die SBB-Linie im Wilerloch zugeschüttet.
 
Solche Schutthalden, wie sie die Hirschzunge, eine Farnpflanze, liebt, sind schwierig zu bewirtschaften. Genau das verhalf dem Unterwilerwald zu seiner Bedeutung, zu seinem besonderen Wert – fast alle Naturwälder befinden sich im schwer zugänglichen Gelände. Forstwirtschaftlich schwer gezeichnete Wälder können niemals eine solche Qualität wie sich selbst überlassene Refugien entwickeln. Als Publizist habe ich aus solchen Überlegungen heraus immer wieder die Forderung erhoben, man solle doch bitte den Förstern den Zutritt zum Wald verbieten. Dann wären auch Diskussionen über Forstdefizite obsolet, zumal ein unbewirtschafteter Wald ja nichts kostet. Wie ein Mensch, so kann auch ein Wald nur authentisch bleiben, wenn er sich nicht von fremden Mächten, hier von Forstämtern, dort von Religionen, politischen Parteien und – in beiden Fällen – vom Zeitgeist bestimmen lässt.
 
Allerdings hatte ich viele Kontakte mit naturverständigen Forstfachleuten, die einen guten Mittelweg zwischen Natur und Holzgeschäft gefunden haben, und ich habe die Überzeugung gewonnen, dass dies gerade auch in Baden unter dem Regime von Stadtoberförster Georg Schoop der Fall ist, wo das Forstamt dem Naturschutz eine grosse Bedeutung einräumt. Insgesamt stehen 177,89 ha Waldfläche, 7400 Laufmeter Waldrand sowie 30 Baumdenkmäler unter der Vorrang-Zielsetzung Naturschutz, was einen Anteil von rund 26 % der gesamten Waldfläche ausmacht. 143 ha davon sind Reservate und 19,5 ha Altholzinseln. Auf der gesamten Waldfläche bleiben Äste, Zweige, Schlagabraum grundsätzlich liegen; nur an den so genannten Konventionalistenwegen, auf denen sich Leute ohne jede ökologische Bildung bewegen und die jeden herumliegenden Ast weggeputzt haben möchten, wird bis in eine Tiefe von 5 bis 10 m von diesem Prinzip abgewichen, um Zielkonflikte zu vermeiden.
 
Die Philosophie des Nichtstuns, die ich selber überhaupt nicht beherrsche, zahlt sich im Wald langfristig aus; auf eine derart günstige Weise kann man sonst nur selten in die Zukunft investieren.
 
Die Eiben-Geheimnisse
Eine Wanderung durch ein Gebiet, in dem die Natur die Arten-Zusammensetzung bestimmte, wird zu einem berührenden Erlebnis. Am und auf dem Unterwilerberg, wo das Wandersträsschen durch viele Bereiche des Waldes mäandriert und auch die Kernzone in der Mitte antippt, würde es nicht einmal all die Mythen und Legenden brauchen, die sich um die Eiben (Taxus bacchata) mit ihrer dünnen, grauen bis rotbraunen Schuppenrinde ranken; die Ausstrahlung des Walds ist auch so gross genug. Die Eiben-Stämme scheinen aus einem Bündel von Einzelstämmen gebündelt zu sein; man spricht dann von einem Komplexstamm, der skurrile Formen hervorbringen kann.
 
Es gibt keinen Baum, der den Schatten, ja die Dunkelheit so gut wie die Eibe verträgt, und immergrün stehen die Eiben da, wenn alle Laubbäume rund um sie herum kahl sind. Und immer, aber besonders, wenn Nebelschleier herumliegen, scheinen Hänsel und Gretel, Kobolde, Elfen, Gnome und Einhörner aus dem Dunkeln hervorzutreten; denn genau das ist ihr bevorzugtes Refugium.
 
Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass die Eibe mit ihren dunkelgrünen, manchmal fast bläulich wirkenden, unten etwas gelblichen Nadeln seit langer Zeit mit dem Tod in Verbindung gebracht und häufig auf Friedhöfen angepflanzt wird, obschon sie selber fast unsterblich ist. Der Umstand, dass mit Ausnahme des scharlachroten Samenmantels (Arillus) der gesamte Baum das gefährliche Gift Taxin, ein Gemisch mehrerer Pseudoalkaloide, enthält, dürfte wenig zu dieser Einstufung beigetragen haben. Hasen und Rehe können Eibenzweige im Gegensatz zum Menschen problemlos geniessen, weshalb Eiben Mühe haben, ihre Jugendjahre zu überstehen; wenn ihnen das gelungen ist, sind sie aber sehr robust.
 
Sicher gehen eine gewisse Schwermut und damit Ängste von dieser Baumart aus, wozu in erster Linie die Todesängste gehören, wie sie von den Religionen brutal vermarktet werden. Die Eiben gehörten vor allem bei den Kelten und Galliern zu den heiligsten Bäumen und markierten den Übergang in eine andere Welt. Im Buch „Baumzeit“ von Verena Eggmann und Bernd Steiner (Werd Verlag 1995), dessen Umschlag eine 3000-jährige Eibe aus der Normandie ziert, liest man im Weiteren dazu: „Zudem besitzen sie (die Eiben) enorme Zauberkraft, weshalb Türpfosten, tragende Teile von Möbeln, besonders Betten sowie Trinkgeschirre zur Abwehr dämonischer Kräfte aus Eibenholz gefertigt wurden. Geradezu zwingend wurden deshalb auch die Wahrsage- und Zauberstäbe der Druiden aus Eibenholz gefertigt (...). Tatsächlich (...) finden sich noch heute, wie in England, auch auf französischen Kultplätzen weit mehr Eiben als Eichen, was nicht nur darin begründet ist, dass Eiben noch älter werden als Eichen.“
 
Zu den Gegenständen, die früher aus Eibenholz hergestellt wurden, gehörten auch Bogen, Armbrüste und Pfeile, deren Spitzen mit dem Eibengift getränkt wurden. Die Festigkeitseigenschaften, die rotbraune Holzfärbung und die feine Musterung waren auch bei Vertäfelungen, Furnieren, Bilderrahmen, Drechslerarbeiten und Holzblasinstrumenten gefragt. Auch als Bauholz konnte die Eibe dienen. Doch heute spielt die Eibe als Nutzholz kaum noch eine Rolle, und ihr Bestand hat sich ständig reduziert. In Deutschland ist dieser Baum so selten geworden, dass jegliche Nutzung, auch die Entnahme von Pflanzenteilen, verboten ist.
 
Aus der Borke der Pazifik-Eibe (Taxus brevifolia) wird das Taxin bzw. die verwandte Verbindung Taxol gewonnen, die gelegentlich als Medikament gegen Eierstock-Krebs und andere Krebserkrankungen eingesetzt wird.
 
Der Unterwilerberg und die Müseren
Was rar ist, hat einen höheren Wert, und die verhältnismässig vielen Eiben, denen man auf dem Unterwilerberg begegnet, bereiten deshalb so viel Freude, dass sich keinerlei Schwermut einstellen kann. Zudem gibt es viele lichte Stellen wie eine Föhren-Orchideenwiese, die mit geschickten Pflegeeingriffen seit 1989 wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt wurde und im Mai ihre ganze Schönheit mit zarten Blüten hervorbringt.
 
Die Unterwilerbergstrasse, neben der es auf Teilstrecken eine Sickerleitung hat, endet oben auf einer Anhöhe, wo sich mehrere Strassen treffen; insgesamt sind in Baden 50 km Waldtrassen vorhanden. Ich hatte den Waldplan der Stadt Baden (Ausgabe 2007, 1:10 000) bei mir und konnte mich mit dessen Hilfe genau orientieren. Ich wählte nun die von einem Holzwegweiser im Holunderbusch angezeigte Richtung „Baldegg Baden“, also die Hägelerstrasse, umrundete das Reservat an seinen Grenzen, also im Gegenuhrzeigersinn.
 
Ganz oben befindet sich, angrenzend ans Eibenwald-Schutzgebiet, das Müseren-Plateau, das ab 1870 entwässert und in einen dichten Fichtenforst umgewandelt wurde, ein Ausrutscher der unverzeihlichen Art. Man kann dem Westwindorkan „Lothar“ gar nicht genügend dankbar dafür sein, dass er am Stephanstag 1999 hier fast den ganzen Tannenbestand umblies, eine forstwirtschaftliche Naturkatastrophe bereinigend. Ein in einen Baumstrunk eingekerbtes und mit einem Satteldach versehenes Denkmal erinnert an dieses wunderbare Naturereignis, Information und Werbung geschickt koordinierend: „Zur Erinnerung an die Windwurfkatastrophe ,LOTHAR 1999’, gewidmet von Forsttechnik St. Johann, Salzburg ÖBf AG.“
 
Eine etwa 25 m hohe Stieleiche mit einem Stammdurchmesser von 130 cm aber hat den Sturm auf der Müseren überstanden. Anschliessend durfte sich eine artenreichere Baumgeneration entwickeln, wobei Weiden und Birken als Pioniere hervortraten und sich auch Lärchen ansiedelten. Dennoch half das Badener Stadtforstamt mit dem Pflanzen von Schwarzerlen zur Beschleunigung der Wiederbewaldung etwas nach; wir haben ja keine Geduld mehr. Daraus soll ein Mischwald für eine nachhaltige Nutzung entstehen, der aber auch Erholungszwecken dienen kann.
 
Erholungsbetrieb
Der Erholungswert des Gebiets ist zweifellos stattlich. Währenddem ich auf dem Nordhang des angenehm schattigen, kühlen Eibenwalds allein gewesen war und mich ungestört der Waldeslust hingeben konnte, waren oben und dann auf der Hänglerstrasse bis zum Flurholz beim Chappelerhof neben Gruppen uralter Buchen doch einige Leute anzutreffen: eine Dreiergruppe Pensionisten, Zweiergruppen von Joggern, die auf dem hier speziell markierten „Badener Running“ (Walking Trail) schwitzend galoppierten und kein Fett mehr zu verlieren hatten.
 
Bei der Hänglerhütte, einem Jagdhaus im Blockhausstil mit Rundziegeln, setzten sich Jäger mit Plakaten über alle Naturschutzgedanken hinweg und machten Werbung für ihre Sache: „Nachhaltige Jagd schützt und nützt“, denn sie sei nicht nur eine „naturnahe Passion“, sondern auch „eine gesetzliche Verpflichtung“. Jagd sei gelebte Kultur und Lebensfreude (Jagdmusik, Literatur, Gaumenfreunden). Aber das ist ja der Krieg weitgehend auch (Militärmusik, Kriegsliteratur, Feldverpflegung). Und man wurde auch daran erinnert, dass es allein im Aargau rund 2000 Jägerinnen, Jäger und Jagdgäste in 218 bejagbaren Revieren gebe. Solche Informationen hätte ich mir lieber erspart. Auch den Hinweis darauf, dass „Aargauer Jäger verstehen, dass die Jagd nicht jedermanns Sache ist“ ... die Meine ist sie sicher nicht. Eine geregelte Bewegungsjagd habe nichts mit einer „Hetzjagd“ zu tun, sondern sei nötig. Punkt. Und dann wird noch der Schaden hervorgehoben, den Füchse, Rehe und Wildschweine anrichten, und genau wie in der desaströsen Finanzwelt wird zu Vertrauen aufgerufen: „Die Aargauer Jagd verdient Ihr Vertrauen.“ Vertrauen statt kritisches Hinterfragen. Solch eine einseitige imagebildende Werbung im Naturwald ist befremdlich und dürfte das Gegenteil bewirken.
 
Etwas weiter unten, beim Abstieg zum Chappelerhof, auf dem Militärweg, rannte ein Reh vor mir über einen Holzlagerplatz, ein wunderschönes, rehbraunes Tier wie aus dem Bilderbuch. Es schaute mich mit seinen treuen Augen fragend an und muss gespürt haben, dass ich mit einer friedlichen Gesinnung gekommen war. Gäbe es die Jagd nicht, müssten sich die Wildtiere vor den Menschen nicht fürchten. Wenn vor mir ein Reh, eine Gämse oder ein Hirsch flieht, schäme ich mich, einer schiesswütigen Gesellschaft anzugehören, vor der friedliche Tiere Reissaus nehmen müssen.
 
Doch hatte ich bei der Hägelerhütte ein weiteres angenehmes Erlebnis: Ein älterer Badener kühlte im Brunnen („Kein Trinkwasser“) auf der anderen Strassenseite sein Mittagsgetränk, von dem er mir gleich einen Anteil anbot. Ich wollte ihn bei dieser Sommerwärme um rund 15 °C nicht schädigen und lehnte natürlich ab, zumal ich gerade 2 Äpfel gegessen hatte. Er flüchte sich bei jeder Gelegenheit in diesen Wald, sagte er, wo er sich unheimlich wohlfühle. Ob er allein lebt oder eine böse Frau hat, weiss ich nicht. Hier tanke er neue Lebensenergien.
 
Über die Militärstrasse und den Bruderholzweg, direkt neben dem plätschernden (kaum rauschenden) Ruschebach und bei gewissen Verfichtungserscheinungen, spazierte ich dem Chappelerhof entgegen, musste nur über 1, nicht 7 Brücken gehen und schaute ins Bachtobel mit Kalkbrocken und Baumstämmen, ein Ausdruck der Erosionen neben einem Felsmassiv. Und dann hatte mich die Zivilisation wieder. Aus dem Naturweg wurde eine Asphaltstrasse, aus dem Ruschebach ein Kanal mit betoniertem Wasserfall, und auf einer Beige Baumstämmen hatte www.holzenergie.ch ein Plakat angenagelt: „Hier trocknet Energieholz. Es wird geschnitzelt und gibt Heizwärme.“
 
Die Sonne brannte unbarmherzig. Auch sie: eine Naturerscheinung, die ihre Strahlen im Überfluss anliefert. Niemand kommt auf die Idee, sie deswegen abzuschiessen.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zu einem Badener Naturwald
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