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BLOG vom 28.05.2009


Klausenpass (1), Glarnerseite: Stiebender Berglistüber-Fall
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Vor 110 Jahren (1899) wurde das Glarnerland aus seinem Sackgassenzustand befreit: Die Klausenpassstrasse hinüber in den Kanton Uri – vorerst auf den Urnerboden, dann über die Passhöhe ins Schächental und hinunter nach Altdorf und damit in die Zentralschweiz – war nach einer 6-jährigen Bauzeit entstanden. Sofort wurden Postkurse eingerichtet, die insbesondere dem Tourismus gut taten. Viele Urner wanderten über den Berg in den Kanton Glarus aus, wo sich im Anschluss an die söldnerische Reisläuferei zur Freude der Daheimgebliebenen im 19. Jahrhundert eine Art Wirtschaftswunder mit viel Textilindustrie eingestellt hatte. Baumwolle wurde von Hand zu Garn verarbeitet und Tücher mit Holzmodeln bedruckt. Insgesamt waren 44 Fabriken wie Baumwolldruckereien, Spinnereien und Webereien vorhanden; dem Gesundheits- und Jugendschutz wurde kaum Bedeutung beigemessen. Als diese textile Blüte welkte, siedelten sich Betriebe des Maschinen- und Apparatebaus, der Metall-, Kunststoff- und Holzverarbeitung, der Nahrungsmittel- und Bauindustrie an.
 
Gegen oben verengt sich das Bergtal mit der gelegentlich wild werdenden Linth und ihren Seitenbächen, es wird zu einem Sacktal. Der Bergbach hatte viele Wasserräder anzutreiben. Ein Viehweg über den relativ niederen Pass bestand schon seit dem Hochmittelalter, und auch schon viel früher wurde diese Strecke, die damals gewiss unwegsam war, begangen, wie Funde beweisen. Zudem wollten ja die Urner zum Urnerboden jenseits der Passhöhe gelangen. Auch Motorsportler kriegten die Kurve: Zwischen 1922 und 1934 fanden über den Klausen auf einer 20 km langen Strecke Bergrennen für Autos und Motorräder statt.
 
Nach dem Winter kam gleich der Sommer
Der Klausenpass kann nicht ganzjährig benützt werden. Die Winter sind lang und hart. In diesem Jahr 2009 wurde die Klausenpassstrasse am 20. Mai um 16 Uhr dem Verkehr geöffnet, nachdem in den höheren Regionen mit schwerem Schneeräumungsgerät grössere Schneemengen in die Tiefe gestossen worden waren. Auf den befreiten Klausen floh ich an jenem tropisch heissen Montag, 25.05.2009, in der Hoffnung auf hohe Schneemauern und kühle Luft. Doch war es auf der Passhöhe (1948 m ü. M.) am frühen Nachmittag immerhin noch rund 20 °C, und unter den nur spärlich erhaltenen Schneemauern flossen ganze Bäche Sickerwasser auf die Fahrbahn, bis sie sich im abschüssigen Gelände verloren.
 
In der kurvigen Strecke zwischen dem Urnerboden und der Passhöhe zogen 2 Strassenarbeiter lockeres Gestein mit einem Rechen auf die Strasse und sammelten es dort ein. In diesem Gebiet Vorfrutt hatte sich am Samstag, 23.05.2009 ein etwa 0,5 m3 umfassender Stein gelöst und einen Personenwagen von oben getroffen, wobei der Lenker verletzt wurde. In seiner Sturzlinie querte der Stein die Passstrasse noch einmal, diesmal aber ohne weiteren Schaden anzurichten.
 
Unsere Fahrt über den Klausenpass – zwischen Glarus und Altdorf UR sind es 63, ab Linthal 48 km – stand ganz im Zeichen des Tauwetters. Überall strömten milchig weisse Rinnsale aus Schmelzwasser von den Höhen, sammelten sich zu Bächlein und Bächen, die wie Bungy Jumpers über Felswände sprangen, sich im Unterschied zu den Seilspringern aber gegen unten teilweise zu einer Gischtwolke auflösten.
 
Der Berglistüber
Die diesbezüglich berühmteste Attraktion ist der Berglistüber-Wasserfall, der mittlere von 3 Wasserfällen, über welche der Fätschbach vom Urnerboden (1200 m) in die Talsohle der Linth (720 m) springt. Gleich nachdem man von Linthal einige Kurven am Fruttberg bewältigt hat, lädt beim „Bergli“, wo auch das gleichnamige Restaurant ist, ein grosser Parkplatz zum Anhalten ein. Und von jenem aus erreicht man, vorbei an hölzernen Hangverbauungen, in etwa 5 Minuten über ein abschüssiges, aber gut gesichertes Weglein den in eine wunderbare Kulisse eingebauten 44 m hohen Wasserfall, der bereits 1897 als „einer der schönsten Wasserfälle der Schweiz“ beschrieben wurde. Man nähert sich ihm auf mittlerer Höhe, sieht ihn also mit voller Wucht unmittelbar vor sich und kann in einer Höhle unter dem überhängenden Fels aus Quintnerkalk tiefer absteigen und sich von der Gischt benetzen lassen. Wie gut diese Abkühlung tat!
 
Wir trafen dort einen mittelalterlichen Velofahrer aus Wattwil SG, der innert 6 Stunden über Ricken und Glarnerland hierhin gelangt war. Er erinnerte mich an meine eigene Radtour als 16-Jähriger (1953) mit Vaters Militärvelo von St. Peterzell aus auf den Klausen – und am gleichen Tag über Ricken und Wasserfluh zurück. Geld zum Einkehren hatte ich damals nicht. Nach etwa 18 Stunden kam ich total erschöpft am späten Abend wieder nach Hause. Den abschliessenden Aufstieg von St. Peterzell nach Wald-Schönengrund SG schaffte ich kaum mehr; ich hing nur noch wie ein ausgewrungener Lappen über dem schwarzen, schweren Metallrahmen. Der teilweise gepflasterte Klausenpass war mir nur noch als eine Ansammlung von Kurven im steilen Gelände in Erinnerung.
 
Ein Geologen-Hit
Nicht nur der tosende Wasserfall ist eine Sensation, sondern auch die polierten Felsmassen, die ihn einrahmen. Die Kaverne hinter dem Wasserspiel gilt als geologisches Object trouvé, sozusagen ein gefundenes Fressen, zieht doch durch die Mitte der Höhle eine fast messerscharfe Überschiebungslinie. Eine Informationstafel belehrt den Besucher dahingehend, dass diese „Zeugin einer Überschiebungsfläche“ sei, „auf der beim Zusammenstoss der beiden Kontinente Afrika und Europa mächtige Gesteinspakete als so genannte Decken übereinender geschoben wurden“.
 
Bei der Überschiebung am Berglistüber überlagern jurassische Kalke der Griesstockdecke (155 Mio. Jahre), die übrigens bis hinauf aufs Gebirge über der Passhöhe anzutreffen sind, eozäne (auf die zweitälteste Abteilung des Tertiärs zurückgehende) Schiefer der Blattengratserie (30 Mio. Jahre). Sie entspricht der berühmten Glarner Hauptüberschiebung, bei der roter, permischer Verrucano (260 Mio. Jahre alt) mit Hilfe des jurassischen Lochseitenkalks, der als Schmiermittel diente, über den Flysch geschoben wurde. Das Gebiet der riesigen Hauptüberschiebung wurde 2008 als so genannte Tektonikarena Sardona, über 300 Quadratkilometer umfassend, als Musterbeispiel für eine Gebirgsbildung durch eine Kontinentalkollision in die Liste der Unesco-Welterbe aufgenommen. Die über eine weite Strecke zwischen Vorderrheintal, Linthal und Walensee in den Kantonen St. Gallen, Glarus und Graubünden sichtbare, horizontale „magische Linie" markiert das Geschehen deutlich.
 
Dem Verrucano begegnet man am Klausen häufig, nicht aber am Berglistüber, weil der Stein durch den Tödi (Aarmassiv) zurückgehalten wurde. Der Verrucano („Rotrisi-Stein“) gilt als typischer Glarner Stein und wird gern für Skulpturen, Brunnen, Grabsteine usf. verwendet.
 
So hatten wir für die Weiterfahrt auf die Klausenpasshöhe (Höchststeigung: 8,5 %) bereits eine nützliche Einführung in die Geologie erhalten, wodurch das Verständnis für die Rutschgebiete und die schroffen Felsen verbessert wurde.
 
An der Kantonsgrenze
Wir fuhren dann weiter hinauf bis zum Grenzbächli, wo seit 1196 die Grenze zwischen den Landschaften Glarus und Uri mit einem der Bedeutung des Orts angemessen grossen Grenzstein markiert ist und der Urnerboden (1313‒1400 m) beginnt. Natürlich kommt man nicht umhin, die Geschichte dieser Grenzfestlegung zu erzählen, wiewohl sich jeder Geografielehrer zwecks Auflockerung des Unterrichts einen Sport daraus gemacht hat, diese spannungsgeladene Legende variantenreich zum Besten zu geben und sie hinlänglich bekannt sein dürfte:
 
Über den Grenzverlauf hatte es immer March-Streitereien gegeben. Also waren echt kreative Köpfe gefragt, die dem Gerangel ein Ende setzen sollten. Die Landschaften Uri und Glarus kamen schon fast 100 Jahre vor der Gründung der Eidgenossenschaft überein, den Entscheid dem Ausgang eines wettsportlichen Ereignisses zu überlassen: Wo sich an einem vereinbarten Tag je ein von Altdorf einerseits und von Glarus anderseits beim ersten Hahnenschrei startender Läufer treffen würden, dort sollte die endgültige Grenze sein. Die Urner verweigerten ihrem mit dem Krähen beauftragten Güggel das Futter, damit ihn der Hunger zeitig wecke. Die Glarner aber fütterten ihren Hahn üppig, so dass er seine Anerkennung durch frühere Tagwacht bezeugen solle. In Altdorf krähte der hungrige Hahn im ersten Morgengrauen; das wohlgenährte Glarner Federvieh aber liess sein Kikeriki hingegen erst ertönen, als die Sonne schon hoch am Himmel stand ... Und der Urner Läufer konnte entsprechend mehr Land gewinnen. Eine ausführlichere Fassung ist auf der Webseite www.spiringen.ch nachzulesen.
 
Tatsächlich wurde die Grenze zwischen Glarus und Uri im Jahr 1315 genau abgesteckt; damit fanden die langen Streitigkeiten ihr Ende. Politisch gehört Urnerboden zur Gemeinde Spiringen UR. Ganzjährig bewohnt ist der Urnerboden erst seit Oktober 1877. Heute leben etwa 40 Menschen ganzjährig dort.
 
Der Urnerboden
Dieser Urnerboden ist ein teilweise feuchtes Wiesenhochtal, das auf 4 km Länge ohne nennenswerte Steigung verläuft. Diese „grösste und schönste Kuhalp der Schweiz“ ist ein weiterer Superlativ. Er ist auf der Nordseite durch die zerfurchte, sich in die Länge ziehende Felswand des Jegerstocks (Jägerstocks) zwischen dem Ortstock im Osten und dem Lackistock im Westen bekrönt und besteht teilweise aus dunkel anwitternden Sandsteinen und Quartenschiefer, die von hellen Malmkalken bedeckt sind. Die Südflanke wurde schon vor langer Zeit abgeholzt, um Brenn- und Bauholz zu gewinnen, was der Lawinengefahr Vorschub leistete. Immerhin haben noch einige Hangmoore überlebt, zumal der Untergrund häufig wasserundurchlässig ist. Doch waren die Dreispelzige Binse, das Dreigrifflige Hornkraut und das Sumpfveilchen zum Zeitpunkt unseres Besuchs erst am Erwachen. Auch die Weiden, auf denen in einigen wenigen Wochen etwa 1200 Kühe eintreffen werden, hatten ihr Entwicklungspotenzial in der Kräuterproduktion noch längst nicht ausgeschöpft.
 
Ein Stafel ist eine Weide im Hochgebirge; ich weiss das, weil ich, wie angetönt, eine Zeitlang im „Stafel“ oberhalb von St. Peterzell SG aufgewachsen bin, meines Erachtens ohne ein Rindvieh zu sein. Der Urnerboden seinerseits ist in mehrere solcher Stafel unterteilt, beginnend beim Unterstafel bis zu den 17 Oberstafelgebieten Wängi, Orthalten, Sulz, Sali, Zingel, Läcki, Firnen, Vorfrutt, Bödmer-Niemerstafel, Unter Balm, Ober Balm, Chäseren, Heidmanegg, Chammli, Oberalp, Nideralp und Wannelen. Diese Weidegebiete werden, je nach Witterung, von Mitte Juni bis Ende September bestossen, auf dass wir wieder zu unserem rezenten Alpkäse kommen, mit dem man sich die Alpschwingungen einverleiben kann. Der Alpaufzug mit dem liebenswerten Rindvieh wird im globalisierten Neudeutsch als Street Parade bezeichnet.
 
Eva und ich setzten uns auf der Höhe des Weilers Argseeli an den Fätschbach, zogen die Schuhe aus und wateten ins eiskalte, zügig fliessende Wasser. Ich ging bis zu den Knien ins Gletscherwasser und erlebte die Kälte fast schmerzhaft, rettete mich nach wenigen Minuten ans Ufer. Dort verzehrten wir herrliche, geräucherte und kräftige Würste mit grossen Schweinefettstücken aus der Metzgerei und Wursterei Menzi in Mitlödi zu einem frischen, gezwirbelten Brot aus der Bäckerei-Konditorei zur Blume in Glarus. Von dort hatten wir auch einen Mandelgipfel mitgebracht, der selbst in dieser Höhenlage unsere höchsten Ansprüche befriedigte. Die Kalberwürste, die ich ebenfalls gekauft habe, verdienen ein spezielles Blog.
 
Auf der anderen Bachseite befand sich ein Einfamilienhaus-grosser Felsbrocken, auf dessen moosiger, abfallender Oberfläche sich einige Fichten (Picea abies) eher unbequem gemacht hatten. Diese Bäume wagen sich manchmal bis auf 2000 Höhenmeter vor. Auch wir wollten bis auf jene Höhe vordringen, fuhren zwischen den Gebirgsmassiven Glatten im Norden und dem Gemsfairenstock und dem Clariden im Süden zur Klausenpasshöhe. Wir entgingen dem Steinschlag, obschon wir einige Halte eingeschoben hatten, um aus unterschiedlichen Höhen den Urnerboden zu überblicken.
 
Ja, und ganz oben waren einige Schneemauern neben dem Restaurant und dem Café. Eva, inzwischen Urnerboden-abgehärtet, watete barfuss durch den Schnee. Die Körperwärme mag den Schmelzprozess noch beschleunigt haben. Und darauf kam es bei jenen Temperaturen auch nicht mehr an. Auf aperen Stellen versprach der Huflattich den Bergfrühling.
 
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