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BLOG vom 30.05.2009


Klausenpass (3), Urnerseite: Reise durchs wilde Schächental
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Passübergänge sind, sieht man von der guten Aussicht nach mehreren Seiten ab, keine besonders attraktiven Angelegenheiten. Die Strassen ufern in ausladende Parkflächen aus, allerhand Infrastrukturbauten wie Gaststätten und Kioske und manchmal auch militärische Anlagen und Kapellen stehen in der schönen Landschaft herum. Im besten Fall handelt es sich um historische Bauten, die struben Zeiten, Wind und Wetter getrotzt haben.
 
Auf der Klausenpasshöhe ist es nicht anders. Der Alpenübergang ist in die Nordalpen eingebettet und verbindet das Linthal mit dem Reusstal, weiter oben den Urnerboden mit dem Schächental. Die Umgebung ist dermassen attraktiv, dass sich die Augen mehr als genug weiden können. Unmittelbar über der Passhöhe steht wie ein verwitterter Burgturm das Märchstöckli (2382 m), das aus Juragestein der Axendecke besteht. Daneben sind die langen Felsbänder des Glatten bis zu den Schächentaler Windgällen, Gesteine aus der Dogger- und der Liaszeit. „Die Felsen stehen da wie alte Altäre und sind wie durch Patina und Russ beseelt“, formulierte der Urner Dichter und Maler Heinrich Danioth (1896‒1953), und weiter: „In ihren Spalten rauschen Bäche, die nicht sichtbar sind, und ihr Gestrüppe streift ein Wind, der nirgends weht. Ist Mittag überschritten, brechen blaue Schatten aus den Klüften, wachsen seitwärts und nach oben und erfassen bald die beiden Talseiten.“
 
Ins Schächental
Das nostalgische, 1903 entstandene Hotel Klausenpasshöhe (www.klausenpasshoehe.ch) mit dem viereckigen Spitzturm, das gerade zu Renovationszwecken eingerüstet ist, befindet sich auf der Urnerseite unterhalb des Passübergangs auf dem Gebiet der Gemeinde CH-6465 Unterschächen. Man kann dort hausgemachte Apfelstrudel mit Vanillesauce, Caramelköpfli oder Brischtener Nidle (Rahm) geniessen.
 
Das mit grauem Eternit verkleidete, 4-stöckige Gebäude mit den grünen Fensterläden und ebensolchen Umrahmungen wird in jedem Winter durch Kriechschnee etwas in Schräglage gedrückt. Es erhielt neue Fundamente und musste mit Drahtseilen gegen den bergseitigen Hang gesichert werden. Die Pläne für dieses schiefe Gasthaus zeichnete seinerzeit der aufrechte Schwyzer Bauunternehmer Joseph Blaser, der ebenfalls das Tellspielhaus in Altdorf entworfen hat. Heute ist das Hotel im Besitz der Klausenpass Betriebe AG.
 
Die Strasse durchs Schächental ist in steil abfallende Hänge eingebaut. Wer sich nicht gerade auf die Fahrbahn konzentrieren muss, kann den einen oder anderen Blick zum 93 m hohen Stäubifall bei der Alpsiedlung Äsch, die drunten auf dem Talgrund liegt, werfen. Faszinierend sind die weissen Rinnsale von Gletschermilch, die einzeln oder büschelweise von den bewaldeten Abhängen des Steinplanggen ins Schächental hüpfen und dort zum Schächenbach zusammenfliessen, der bei Altdorf/Attinghausen die Reuss erreicht.
 
Dieses Gebiet Ofenwald‒Wannelen, der äusserste Oberstafel des Urnerbodens, besteht aus weichem, rutschigem Gestein, zusammengesetzt aus Sandsteinen, Tonschiefer und Mergel, die wir auch drunten im Brunnital noch sehen würden.
 
Zu einem Halt haben mich das Hotel und Pension Posthaus Urigen (1280 m) veranlasst, in dessen Garten ein herbes Eichhof-Bier („Braugold“) unter einem Sonnenschirm angezeigt war. An die Holzfassade ist in Antiquaschrift dieser währschafte Reim gepinselt: „Nicht so eilen/ hier verweilen./ Blicken in die Runde / ruhen eine Stunde.“ Der Rundblick in die Nähe und die Ferne zahlt sich aus. Das vor etwa 100 Jahren erstellte Hotel vereinigt Elemente aus vielen Stilepochen. Im Erdgeschoss, das aus Natursteinen aufgemauert ist und wo bauchige Säulen zu den tragenden, klassischen Elementen gehören, ruht ein châlet-artig romantisierender und art-deco-hafter Holzbau. Diese Architektur ist ein Ausdruck der Stilunsicherheit, wie sie die Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende manifest wurde; es war eine Zeit des Ausklangs, in der Stile und Epochen zu Ende gingen. Neben dem Gebäudekomplex stehen üppige Ahornbäume, bei denen es sich um eine spezielle Sorte, eine Art Edel-Ahorne, handle, wie mir die auskunftsbereite Wirtin sagte; die genaue Sorte sei ihr unbekannt.
 
Unterschächen mit dem Brunnital
Durch ein teilweise bewaldetes Gebiet führt die kurvenreiche Strasse ins allemannisch geprägte Dorf Unterschächen (1000 m) mit seiner Barockkirche hinunter, wo eine Klus den Blick und den Weg ins Brunnital freigibt. Ganz hinten schliessen die Grosse Windgälle und der Grosse Ruchen die Szene ab. Rund 740 Personen leben in dieser grossflächigen Gemeinde (8200 ha) Unterschächen, die sich zwischen Spiringen und dem jener Gemeinde zugeordneten Urnerboden geschoben hat. 1687 trennte sich Unterschächen von Spiringen und machte sich als Gemeinde und Pfarrei selbstständig – genau das Gegenteil dessen, was heute an Gemeindefusionitis geschieht. Unterschächen war gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem für seine Luft- und Molkenkuren bekannt ... zumal ja wirklich eine Art Milch zu sein scheint, was da von den Hängen fliesst (vielleicht der Milchüberfluss ...?).
 
Wir wurden am 25.05.2009 förmlich ins Brunnital hineingezogen, das von der Abendsonne ausgeleuchtet war. Es ist (zusammen mit Chammli und Oberalp) ein Wildschutzgebiet, durch das der weiss schäumende Hintere Schächen an grossen Felsbrocken vorbei fliesst. Dieses Tal ist ein beliebtes Wandergebiet, der Ausgangspunkt zum Beispiel auf die Brunnialp, zu Gross Spitzen und Hoch Fulen oder zum Seewlisee, oder für anspruchsvolle Bergtouren. Bei der Talstation der Seilbahn zur Sittlisalp hört die befahrbare Strasse auf.
 
Spiringen UR
Auf der Weiterfahrt das Schächental hinunter schoben wir noch einen kurzen Halt in Spiringen ein. Das Dorf, das sich um die an erhöhter Lage 1951 erbaute, etwas seelenlos wirkende Sankt-Michaels-Kirche gruppiert, besitzt viele Asphaltflächen, hat aber einen Teil seines herkömmlichen Charmes behalten. Leider war das Dörflihaus-Museum geschlossen. Laut der Spiringer Verwaltung (www.spiringen.ch) will dieses Museum dazu anregen, die Wertschätzung für die Natur und die Kultur des Schächentals, Urnerbodens und des Klausengebietes allgemein wecken und zur Sorgfalt im Umgang mit diesen Gütern einladen“.
 
Auf einer Holztafel im Brunnital hatte ich gelesen, es sei hier, auf dieser schönen Welt, alles nur geliehen, aller Reichtum, alles Glück, jede Stunde voller Glück ... denn wenn man eines Tages gehen müsse, lasse man alles zurück.
 
Gruss aus Spilau
Und so liessen wir denn auch das Klausengebiet zurück, das uns für einen einzigen Tag geliehen war, fuhren nach Bürglen, durch Altdorf, grüssten das Tell-Denkmal und entdeckten auf der Strecke nach Flüelen noch eine Tafel „Alpkäse“. Etwa 150 m von der Strasse entfernt erreichten wir den Hof der Familie Alois und Heidi Arnold-Zgraggen, wo der Sennenhund mit einem Ball trainierte. Alois Arnold schnitt uns grosse Alpkäsestücke zum Probieren ab – rahmig-butterig, würzig mit einer milden, erfrischenden Säure. Die Bäuerin packte uns über 2 kg zu je 17 CHF ein und sagte, sie würden den Käse auch per Post ausliefern (Adresse: Flüelerstrasse 53, CH-6460 Altdorf).
 
Der Käse stammt von der Alp Spilau, zu der die Arnolds in den nächsten Wochen aufsteigen werden (1900 bis 2100 m). Dort ist auch der kleine Spilauersee, etwa 3 km vom Riemenstaldner Tal entfernt und zwischen Rossstock, Gamsstock, Hagelstock und Hundstock gelegen.
 
Man vergesse den Wanderstock nicht.
 
Hinweis auf weitere Pass-Beschreibungen von Walter Hess
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