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BLOG vom 07.06.2009


Linthwerk-Besuch (1): Kein Denkmal für Hans Conrad Escher
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Der Linthkanal verbindet den Walensee mit dem Zürichsee; er ist ein Bauwerk vom Reissbrett. Das meist schnurgerade Gerinne wurde unter der Leitung von Hans Conrad Escher von der Linth (1767‒1823) nach den Ausführungsplänen von Johann Gottfried Tulla verwirklicht. Zwar war ursprünglich noch ein weiterer Bogen eingeplant gewesen, doch fiel dieser wegen der knappen Finanzen und zugunsten einer vereinfachten Schifffahrt ins Wasser. Die Geradlinigkeit war in beiden Beziehungen günstiger.
 
In selbstloser Weise leitete Escher dessen Bau im Rahmen der Linthebene-Melioration (1807‒1816), zu der auch der Escherkanal (Linth-Unterstück zum Walensee) gehörte, und damit zog er sozusagen die Glarner aus dem Sumpf, den man einst als eigentlicher Seuchenpfuhl betrachtete. Die Gerüchte schreckten nicht einmal vor dem Wort Malaria zurück, das immer und überall auftauchte, wenn es darum ging, missliebige Sümpfe durch Austrocknung zu beseitigen. Die Trockenlegung = Urbarmachung der Ebene war nach der damaligen Beurteilung eine Heldentat von nationaler Bedeutung. Vorher war die Linth, die aus dem gebirgigen Tödi-Massiv im Kanton Glarus kommt (Hauptquellbäche: Sandbach und Limmernbach), ohne Umweg dem Zürichsee zugeströmt, wobei sie sich ihren eigenen Lauf immer wieder durch mitgeschwemmte Geschiebemassen verbaute.
 
Der Linthkanal trennt Ziegelbrücke in 2 Teile. Das Dorf südlich der Linth gehört zur Gemeinde Niederurnen und damit zum Kanton Glarus. Ennet der Linth, im Norden, ist im Wesentlichen der Bahnhof, der auf dem Gemeindegebiet von Schänis im Kanton St. Gallen liegt. Gerade etwa 70 Personen haben im sanktgallischen Ziegelbrücke-Teil ihren Wohnsitz.
 
Die beiden Ortsteile werden durch eine Strassenbrücke verbunden, die den Linthkanal überwindet, die „Ziegelbrücke“ eben. Schon der grandiose Holzbrückenbauer Hans Ulrich Grubenmann hatte 1743 bei Ziegelbrücke eine Brücke über die Linth erbaut, als die Linth noch nach Lust und Laune frei mäandrieren durfte. Jene Holzbrücke ersetzte eine baufällige noch ältere Brücke und kam aus Rücksicht auf die Schifffahrt höher über das Wasser zu liegen. Die heutige Brücke befindet sich am Südostende der Bahnhofanlage.
 
Wer sie rechts liegen lässt und dem SBB-Geleise nach Osten folgt, kommt unter dem Biberlichopf (Biberlikopf), der sich 136 m hoch über die Linth erhebt und auf dem sich ein römisches Kastell befand, im bewaldeten Gebiet auf Bahnschienenhöhe zu einer Friedhof-ähnlichen Gedenkstätte. Ihren Rahmen bilden neben Eiben und Efeu ein Blumenbeet aus dem bewährten Petuniensortiment, wie man es aus Friedhöfen kennt. Die Nische mutet etwas morbid an. Eine überraschend gut erhaltene Sandsteinplatte, rund 1 Quadratmeter gross, verkündet seit 1832 das Lob Konrad Eschers.
 
Wenn man in Gedanken versunken dastehe und das lese, friere es einen fast, schrieb Heiner Keller in seinem Buch „Eschers Erbe in der Linth-Ebene“ (2007) treffend. Keller hatte sich mit seiner AG Natur und Landschaft (ANL), Aarau, des Projekts „Hochwasserschutz Linth 2000“ der ökologischen Aufwertung der Linthebene angenommen; das von Linth-Ingenieur Markus Jud kompetent geleitete Gesamtprojekt ist in Ausführung begriffen und soll 2013 beendet sein; vielleicht erhält er einmal den Namenszusatz „von der Linth". Das wird sich weisen.
 
In die Steinplatte sind die folgenden Worte des Gedenkens gemeisselt:
 
DEM WOHLTHÄTER DIESER GEGEND
IOH. KONRAD ESCHER VON DER LINTH
GEB. DEN 24. AUGUST 1767, GEST. DEN 9. MÄRZ 1823
DIE EIDGENÖSSISCHE TAGSATZUNG.
IHM DANKEN DIE BEWOHNER GESUNDHEIT
DER BODEN DIE FRÜCHTE
DER FLUSS DEN GEORDNETEN LAUF
NATUR UND VATERLAND HOBEN SEIN GEMÜTH.
EIDGENOSSEN
EUCH SEY ER EIN VORBILD.
 
Im oberen Teil der Gedenkplatte, ein zu Stein gewordener Mythos, ist eine etwas abgespeckte Version des nämlichen Hohenlieds in lateinischer Sprache zu lesen.
 
Gedenk-Apéro
Am 05.06.2009 befand sich eine etwa 60 Personen umfassende Gesellschaft auf der Jubiläumsexkursion „30 Jahre ANL“ an jener Gedenkstätte. Die Durstigen hielten ein Glas Fruchtsaft oder Weisswein in der Hand oder kauten an einem gedörrten Apfelringli. Apérozeit. Heiner Keller, der zusammen mit Erwin Leupi im Jahre 156 nach Escher die ANL (Filialen Aarau und Luzern) gegründet hatte, holte zu einer Würdigung der Persönlichkeit Eschers aus: „Er wollte keinen Lohn, liess das Werk hauptsächlich aus dem Landgewinn finanzieren. Für Escher, ein Mann der Tat, lautete die Devise: 1 Problem = 1 Lösung.“
 
Eschers Familie starb nach der nächsten Generation aus; sein einziger Sohn blieb kinderlos – und diese Platte wars dann – neben einigen ähnlichen Erwähnungen zum Beispiel bei Pegelstandanzeigen. Zwar wollte die Tagsatzung hinsichtlich der Escher-Ehrung anfänglich höher hinaus. Sie beschloss am 14.08.1823, für „das Andenken des seligen Herrn Staatsrath Escher“ auf dem Biberlikopf (von wo aus Eschers Werk am besten überblickt werden kann) ein regelrechtes Denkmal zu errichten, wie es der Familie versprochen worden war. Doch erwies sich der Standort dann angeblich als ungeeignet, und man konnte sich anschliessend nicht über die richtigen Dimensionen einigen: Wie hoch hat ein Denkmal zu sein? Und zudem war ja auch noch eine Finanzknappheit da, so dass es sinnvoller erschien, das fürs Denkmal vorgesehene Geld in Eschers Linthwerk zu investieren. Zum bitteren Ende schaute für den Vater des Linthwerks gerade noch die erwähnte Sandsteinplatte heraus. Die Ehefrau Eschers, Regula Escher-von Orelli, starb am 22.04.1832 und erlebte somit keine Ehrung mehr. Nicht einmal eine geplante Gedenkmünze in Gold kam übers Prototyp-Stadium hinaus, wie es so geht; Hans Jakob Oeri hatte sie gezeichnet und Johann Heinrich Lips gestochen. Die Produktion lief nie an.
 
Und wer findet die erwähnte Gedenkstätte schon? „Das dürfte der grösste Apéro seit 1832 an diesem Ort des Gedenkens sein“, heiterte Heiner Keller die Stimmung an Ort und Stelle auf. Er wolle empfehlen, die Gedenktafel zum Linthebene-Informationszentrum in Näfels GL (vis-à-vis Debrunner Acifer) zu verschieben, sagte er, dem Ausgangspunkt unserer Escherkanal-Wanderung (darüber wird in einem weiteren Blog berichtet). Dann sehe sie wenigstens jemand.
 
Wir begaben uns nach diesen aufgelockerten Feierminuten zurück zum Apéro-Buffet, assen noch ein Würfeli Alpkäse und ein Rädchen Rauchwurst, erlabten uns an einem weiteren Schluck aus dem Wein- oder Süssmostglas, ohne gleich zu versumpfen. In weiser Voraussicht sagte ich zu Heiner Keller, auf das Elend des fehlenden Escher-Denkmals anspielend: „Siehst Du, Heiner, genauso könnte es auch uns einmal denkmalmässig ergehen.“ Die spontane Antwort: „Genau. Eben darum habe ich die Gäste vorbeugend hierhin beordert ...“
 
30 Jahre ANL und die Jubiläumsphilosophien
Vom Jubiläum war wenig zu spüren. Es ging den Veranstaltern von der ANL offensichtlich nicht um Werbung in eigener Sache, sondern vielmehr in sympathischer Art darum, die Teilnehmer in ökologische Tatbestände einzuführen und ihnen eine Landschaft näherzubringen, die ein Sieg über die Natur ist, aber kein endgültiger. Sondern sie bedarf einer Dauerbetreuung wie ein Patient nach einer schweren Operation. Nichts mehr ist wie vorher; alles ist labil geworden. Die Lehre daraus ergibt sich von selbst.
 
Jubiläen können eine Gelegenheit zur Besinnung sein, weshalb man ihre Bedeutung nicht unterschätzen und sie nicht ungefeiert lassen sollte. In einem spontan hingeworfenen Text mit Linth-Bezügen hat sich Keller einmal über solche Veranstaltungen auf seine eigene, aufmüpfige Art geäussert: Runde Jahrzahlen üben eine besondere Faszination aus. Patriotische Schlachtfeiern, ideologisch verzerrte Gedenkreden und Festspiele wachsen ebenso wie wissenschaftliche Abhandlungen und wertvolle Quellensammlungen auf der periodischen Spendefreudigkeit von öffentlichen und privaten Geldgebern. Sie liefern gleichermassen Stoff für Bibliotheken, Karrieren, langlebige Irrtümer und Fehldeutungen. Was wäre die Schweiz ohne Jubiläen? Wissensmässig leben wir im eiligen Alltag mit einem Einheitsbrei aus publizierten Meinungen. Geschichtlich und kulturell hangeln wir uns nach Lust und Laune durch den Dschungel der Jahrfeiern. Jeden Tag hat irgend etwas Jahrtag, Geburtstag. Es muss einfach jemand die Initiative zu einem Fest ergreifen. Dann stürzen wir uns in Festlaune und handeln uns Mythen ein. Die Distanz zur Realität spielt keine wesentliche Rolle.
 
An Realitätsverlust und Wahrnehmungsstörungen muss man nicht zwingend leiden, sondern man kann sie auch geniessen und zelebrieren. So wie es einem passt. Was wären die Welt und der Alltag langweilig, wenn alles stimmen würde. Die Schlachten bei Morgarten, Sempach und Näfels werden alle Jahre gefeiert. Kantonsgründungen vielleicht alle 25 Jahre, andere Ereignisse alle 100 Jahre. Die Fülle der Ereignisse gibt jedes Jahr die inflationäre Möglichkeit…. Wie der Vogel des Jahres….
 
Mythen werden von Menschen gemacht, gepflegt und medial verbreitet. Was oft wiederholt wird, wird zur Tatsache, gilt als erhärtet. Die Quellen werden oft abgeschrieben, die Aussagen oft unreflektiert wiederholt. Je öfter wiederholt, desto sicherer wird die Beschreibung: Linth, Sumpf, Abholzung, Malaria, Sanierung: Alles perfekt – so wie man sich eine schöne Landschaft halt vorstellt.“
 
Zitat-Ende. Eine sortentypische Jubiläumsstimmung kam am ANL-Jubiläum ausschliesslich beim Mittagessen (gemischter Salat, Kartoffelstock, Kalbs- und Rindsbraten, Gemüsebouquet) im Landgasthof Sternen in CH-8717 Benken SG auf. Ernst Züger, Gemeinderat in Galgenen (Bezirk March im Kanton Schwyz), klopfte Ruhe gebietend ans Glas und wies auf das segensreiche ANL-Wirken am Beispiel von Erwin Leupi hin. Manchmal sei es schwierig, sagte Züger, tief in seine Erfahrungskiste greifend, Bauern von der Notwendigkeit, die Natur zu schützen, zu überzeugen. Und wie man das macht, habe er von Leupi gelernt: Zuerst gelte es, in Ruhe zuzuhören, die Argumente aufzunehmen und den Gesprächspartnern dann darzulegen, dass man im Grunde auf beiden Seiten dasselbe wolle. Die Bauern hätten unterschrieben – und dies nicht etwa zu ihrem Nachteil.
 
Draussen floss die auf 3 Stufen kanalisierte Linth geradewegs dem Zürcher Obersee zu. Und Bagger und Lastwagen waren dabei, die Dämme auseinander zu schieben und sie zu verstärken. Denn in der Linthebene ist das Wasser manchmal oben, das Land unten. Aber Überschwemmungen (Land unter) haben auf der Grundlage des laufenden Projekts „Hochwasserschutz Linth 2000“ in Zukunft nur noch dort stattzufinden, wo man sie haben will. Und wo sie nötig sind: in neu belebten Auengebieten. Die ANL gab ihnen in Verbindung mit den Wasserbauingenieuren den Tarif vor.
 
Hinweis auf weitere Blogs zur Linth und zum Glarnerland
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