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BLOG vom 22.06.2009


Colmar (2): Der Taubenschlag, der zum Schwärmen anregt
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
In der Altstadt von Colmar im Elsass F stehen 2 „schönste Gebäude“: Da ist einmal das im 1. Colmar-Blog beschriebene Hotel „La Maison des Têtes“ an der Rue des Têtes mit den karikaturhaften Köpfen an der Fassade und dann das „Haus Pfister“ an der Rue des Marchands, das den Namen eines seiner Eigentümer im 19. Jahrhundert trägt und als „Symbol des alten Colmar“ gilt. Nach meinem persönlichen Empfinden ist dieses 1537 für den Hutmacher („Barettmacher“) Ludwig Scherer aus Besançon errichtete Gebäude mit seiner bemalten Fassade, seinem doppelstöckigen Eckerker mit Turmspitze und seiner filigran geschnitzten, überhängenden, hölzernen Galerie in der 2. Etage, die den Erker einbezieht und auf kunstvoll bearbeiteten Kragsteinen ruht, das mit Abstand prachtvollste Haus in der mit Prachtbauten reich bestückten Altstadt.
 
Die Malereien an der Fassade des Pfisterhauses erzählen von den Habsburger Kaisern des 16. Jahrhunderts, von Evangelisten, Kirchenvätern, und allegorische Figuren und biblische Szenen sind ebenfalls aufgemalt. Daneben steht ein eleganter Wendeltreppenturm, wie er bei Schlössern üblich ist und der das übrige Bauwerk überragt; unter seinem Dach befindet sich sichtbares Fachwerk. Der mittelalterliche, aus der Gotik herausgewachsene Bau, der hervorragend erhalten ist, bekommt sein Renaissance-Gepräge vor allem durch den Fassadenschmuck, der zu all dem Überfluss noch durch Balkonpflanzenbänder ergänzt wird. Zwischen den mächtigen Rundbögen im Parterre ist heute eine Wein- und Spirituosenhandlung untergebracht. Die von mir gesuchte Lie (Weindruse), gebrannt aus dem Hefe-Depot im Gärtank mit dem weissen Traubenmost, habe ich dort nicht gefunden. Ich hatte auf eine Gewürztraminer-Lie gehofft, musste mich nach einer weiteren Suche mit einem etwas kommuneren Gewürztraminer-Marc begnügen.
 
Die Turbulenzen überstanden
Ich staune immer wieder, wie sich im Elsass, das stets umkämpft und von den Nationen Deutschland und Frankreich hin und her gerissen wurde, die alte Bausubstanz so weitgehend erhalten konnte – man muss schon von Glück reden, dass früher noch in handwerklicher Art gekämpft wurde und flächendeckende Bombardierungen, auf die sich die Westmächte und insbesondere die USA inzwischen spezialisiert haben und mit denen im Aktionsradius der Geschosse auch die gesamte Zivilbevölkerung verstümmelt werden kann, damals noch nicht möglich waren. Ganz ohne Schäden ging es zwar auch im Elsass nicht; das Winzerdorf Sigolsheim beispielsweise wurde 1944 fast vollständig zerstört. Vielleicht hat die Eigenschaft der Deutschen und Franzosen, immer auf der Seite der Sieger zu sein, wenigstens Schlimmeres abzuwenden geholfen: „Se ranger à coté du vainqueur.“
 
In Colmar, der elsässischsten Stadt des Elsasses und Hauptstadt des französischen Départements Haut-Rhin, ist das bauliche Festival in seiner unbekümmerten Ordnung besonders konzentriert. Die Häuser sind wie Spielzeugobjekte locker hingestellt. Der mittelalterliche Stadtkern strotzt geradezu vor grandiosen Bauwerken, die, einzeln oder im Verbund mit anderen betrachtet, eine Augenweide sind. Entstellende Neubauten bekamen keinen Zutritt. Und die zweifellos öfters renovierten Gebäude behielten ihre Massstäblichkeit, auch wenn sie innen moderneren Anforderungen angepasst werden mussten.
 
Eines der bedeutendsten Einzelobjekte ist die Stiftskirche Sankt-Martin, um 1234 bis 1365 erbaut, ein Spitzenwerk der elsässischen Gotik aus dem einheimischen Buntsandstein, das einige Abgasspuren abbekommen hat. Im Unterlinden-Museum (Musée d’Unterlinden, 1269 bis 1289 entstanden), welches einst ein Zentrum der rheinischen Mystik war und Mitte des 19. Jahrhunderts in ein Museum umgewandelt wurde, ist der berühmte Isenheimer Altar von Matthias Grünewald aus dem 16. Jahrhundert aufgestellt. Weiter zu erwähnen sind die Dominikanerkirche, das Bartholdi-Museum, in dessen Innenhof ich die Bronzeplastik „Die grossen Stützen der Welt“ aus dem Jahr 1902 erblickte, sodann die ehemalige Polizeiwache, von der das Portal und die Loggia zu den Meisterwerken der Renaissance-Architektur gehören.
 
Aus der Volkskultur herausgewachsen sind das Gerberviertel und das damit verbundene Fischerviertel, welches dank des kanalisierten Bachs „Lauch“, der im Südosten die Stadt durchquert, ziemlich mutig als „Klein-Venedig“ bezeichnet wird. Und zu erwähnen ist auch das Gemüsehändlerviertel („Krutenau“) rund um die Rue Turenne. Als schönster Erker, ein Meisterwerk der Steinhauerkunst, gilt jener der ehemaligen Wachtstube (Polizei) auf dem Münsterplatz. Und überall finden sich mit reichen Ornamenten geschmückte Patrizier- und Adelshäuser wie der Rappoltsteiner Hof, dessen Erker lateinische Sprüche zieren, oder das Haus Fleischhauer mit seinen imposanten Portalen.
 
Viele Renaissancebauten sind zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden. Aber jeder einfache Fachwerkbau mit den vorquellenden, farbig bemalten Füllungen zwischen den dunklen, handbehauenen Balken ist ein Glanzstück mit Charme, insbesondere wegen leichter Schrägen, Schiefwinkligkeiten. Das Holzgerüst scheint „gearbeitet“ zu haben. Die geometrische Strenge ist überwunden, und die alten schiefen Dächer mit manchmal farbenfroh glasierten Ziegeln verstärken diesen Eindruck. Viele Häuser tragen Namen aus der Pflanzen- und Tierwelt: Haus zur goldenen Rose, zum Birnbaum, zur Laus, zur Schnecke, zum Affen, zum Wildschwein, zum Esel und so weiter.
 
Das Kolmar-Buch
Über Colmar liessen sich ganze Bücher schreiben. Bei der Vorbereitung unserer Reise ins Elsass vom 18.06.2009 suchte ich krampfhaft ein gründliches Buch über diese Stadt, die ich bereits früher auf einer Wein-Tour besucht hatte – Colmar ist ja auch das Zentrum eines reichen Landwirtschaftsgebiets mit viel Weinbau. Ich besitze eine gut assortierte Elsass-Bibliothek, doch darin findet sich kein einziges Buch, das sich ausschliesslich und gründlich genug Colmar zuwendet. In der Buchhandlung Fabrice Schnell neben dem Pfisterhaus (36, Rue des Marchands) fand ich den recht informativen Reiseführer „Colmar. Touristik und Geschichte“ von Gabriel Braeuner (ID L’Edition), dem ich einige Angaben entnommen habe.
 
Doch damit wollte ich mich nicht zufrieden geben und forderte den Buchhändler zu höheren Taten auf. Er durchschritt vor mir einen langen, düsteren Gang, der von verschiedenen Seitengängen mit voll gepferchten Regalen flankiert war und bog dann dank seines literarischen Orientierungsvermögens plötzlich in eine solche Nische ein. An der Hinterwand waren verschiedene Bücher, fast alle in Französisch, zu geschichtlichen Details über Colmar aufgereiht, und darunter fand ich das Buch „Kolmar im Elsass“, 1942 herausgegeben von Luzian Manny, Oberbürgermeister der Stadt Kolmar und dem Geschichts- und Museumsverein Martin Schongauer. Der Buchpreis war mit 23 € angeschrieben. Ich willigte spontan ein. Da hätte ich aber einen guten Kauf getätigt, stellte der Händler fest – es war mehr als ein Verkäufer-Kompliment.
 
Ich hatte einmal gelesen, dass Colmar in der Epoche des Nationalismus auch als Kolmar geschrieben wurde – den zackigen Deutschen lag das K näher als das weiche C.
 
Das Geleitwort lässt keine Zweifel offen: „Dem Chef der Zivilverwaltung, Gauleiter und Reichsstatthalter ROBERT WAGNER wurde vom Führer der Auftrag erteilt, das heimgekehrte Elsass politisch und wirtschaftlich mit dem Grossdeutschen Reiche zu verschmelzen. In rastloser Hingabe vollzieht der Gauleiter diese grosse Aufgabe. Unter seiner Obhut werden unser schönes und gesegnetes Land und seine Bewohner einer glücklichen Zukunft entgegen gehen. Ihm widme ich dieses Buch.“ Gezeichnet: Luzian Manny.
 
Das im Alsatia Verlag, Kolmar im Elsass, erschienene Buch mit den vielen Schwarzweiss-Aufnahmen und dem Ausschnitt „Engelkonzert und Maria mit dem Kinde“ in Farbe, ein hochwertiger Druck, spiegelt den Zeitgeist der deutschen Führung während des 2. Weltkriegs, und ich habe es mit grossem Interesse gelesen. Das Werk ist eine einzige Verherrlichung der Stadt und erstaunlich gut dokumentiert, stilistisch untadelig. Eigentlich unterscheidet es sich durch nichts von jeder anderen beliebigen Kolmar-Beschreibung, denn um die Begeisterung kommt kein Betrachter und kein Autor herum – ich selbst bin ja auch ins Schwärmen geraten und habe mich wie ein Werbetexter aufgeführt. Manny lobt den „unerschöpflichen Bauwillen“ und „die Lust am Schönen und Harmonischen“ gebührend. Mit besten Gründen.
 
All diese Zuneigung durch Manny half nicht, Colmar, das 1940 nach der Niederlage Frankreichs als Teil des Reichsgaus Baden-Elsass im Prinzip dem Grossdeutschen Reich angeschlossen wurde, bei diesem zu halten. Wenig Begeisterung dürften Bürger des Orts empfunden haben, weil sie in Adolf Hitlers Wehrmacht eingezogen wurden. Am 2. Februar 1945 wurde die Stadt in der hart geführten Poche de Colmar (Kesselschlacht von Kolmar) von den Westalliierten erobert und an Frankreich zurückgegeben; das war übrigens die letzte Schlacht des 2. Weltkriegs auf französischem Territorium. Dass die bauliche Schönheit darunter offenbar nicht wesentlich gelitten hat, ist einer der tröstenden Aspekte.
 
Taubenhaus
Colmar oder eben Kolmar wurde im Jahr 823 als Columbarium erstmals urkundlich erwähnt. Das Wort bedeutet Taubenhaus. Und wenn man auf die lebhafte, wechselvolle Geschichte zurückblickt, dann muss man feststellen, dass es dort tatsächlich wie in einem Taubenschlag zu und her ging – ein ständiges Kommen und Gehen. Dazu tragen heute auch die unzähligen Touristen bei, die nach wie vor in beachtlicher Anzahl aufmarschieren, und dazu haben wir wieder einmal unseren Beitrag geleistet.
 
„Wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu“, sagt man. Es müssen nicht immer gleich gebratene sein. Aber in Colmar ist auch das durchaus möglich. 
 
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