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BLOG vom 08.08.2009


Dora Wespi: Wo jeder Punkt und jeder Strich ein Unikat ist
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Man nehme einen feinen Pinsel, eine (mit Wasser verdünnbare) Aquarellfarbe, Tusche oder Temperafarbe nach freier Wahl und eine weisse A6-Karte. Und nun ziehen Sie einen möglichst geraden, senkrechten Strich. Gut gemacht. Nun fügen Sie in einem geringen Abstand einen weiteren, möglichst identischen Pinselstrich hinzu. Und so weiter.
 
Sie werden feststellen, dass jeder einzelne Strich eine eigene Persönlichkeit von unterschiedlicher Länge, unterschiedlicher Dicke (Dichte), unterschiedlichen leichten Krümmungen, unterschiedlicher Farbintensität ist. Auch der Bildträger (das Papier) hat seinen Anteil am Entstehungsprozess in der unaufhörlichen Phase der Veränderungen, den Einflüssen der Zeit und des Zeitgeists. Es wird Ihnen nie im Leben gelingen, zweimal den gleichen Strich zu ziehen. Ein jeder ist ein Unikat. Jeder Strich ist aus dem speziellen Moment heraus geboren, aus einem Moment und einer Befindlichkeit heraus, die sich so niemals wieder einstellen werden.
 
Die Kunst des Malens einer Linie
Man könnte dies auch auf das Verfertigen von Prosa übertragen. All die Buchstabenkombinationen sind Produkte, die aus augenblicklichen Eingebungen heraus entstanden sind. Hätte ich wenig früher oder später geschrieben, wäre der Wortsalat anders herausgekommen. Zudem zeichnet der Zustand des Pinsels mit, auch die Füllfeder und der Computer tun es.
 
Der Grieche Apelles, der als bedeutendster Maler der Antike gilt, hat bei einem kollegialen Wettstreit mit Protogenes, einem anderen berühmten griechischen Maler (und Erzgiesser) genau die Kunstfertigkeit des Strich-Zeichnens zum Thema gemacht: Dabei ging es darum, wer die feinere farbige Linie malen könne – der Gipfel der Kunst sozusagen.
 
Der deutsche Philosoph Hans Blumenberg (1920‒1996) hat in seinem 1987 bei Suhrkamp erschienenen Werk „Die Sorge geht über den Fluss“ diesen Zweikampf auf höchstem Niveau im Kapitel „Auf Rhodos“ eingehend beschrieben:
 
„Apelles besucht Protogenes, seinen ihm an Berühmtheit dichtauf sitzenden Konkurrenten in der Malerei. In dessen Haus auf Rhodos trifft er ihn nicht an. Was da, im letzten Drittel des vierten vorchristlichen Jahrhunderts, geschah, berichtet Plinius im ersten nachchristlichen. Apelles zog, um einen Beweis seines Dagewesenseins zu hinterlassen, über die auf der Staffelei stehende Maltafel eine farbige Linie von höchster Feinheit (summae tenuitatis). Daran erkannte Protogenes bei seiner Heimkehr sogleich die Hand, die allein eines solchen Meisterstücks (tax absolutum opus) fähig wäre. Doch zog er nun selbst mit einer anderen Farbe in jene Linie hinein eine noch feinere (tenuiorem lineam) und entfernte sich wieder. Als Apelles seinen Besuch erneuerte, den Rivalen wiederum verfehlte, sah er beschämt, was auf der Maltafel geschehen war, und durchzog mit nochmals anderer Farbe beide Linien, so dass für weitere Verfeinerung kein Platz mehr blieb ‒ im Doppelsinne: nullum relinquens amplius subtilitati locum. Protogenes fand sich bei der Rückkehr endgültig besiegt, holte den enteilten Apelles noch am Hafen ein, und bei nun besiegelter Freundschaft beschloss man, das Werk beider Hände unverändert der Nachwelt zu überliefern. Es wurde von allen bewundert, zumal von den Zunftgenossen, und fand schliesslich den seines Ruhmes allein würdigen Besitzer: in Cäsars Haus auf dem Palatin. Als dieses zur Zeit des Augustus einem Brand zum Opfer fiel, folgte das Rätselwerk dem, der seine Grösse erkannt hatte, nach.
 
Als man sich in der Renaissance die antiken Künstleranekdoten zueignete, war man angesichts des Malertreffens auf Rhodos ratlos und konnte nicht glauben, dass es sich schlichtweg um gerade Linien von verschiedener Farbe und Feinheit gehandelt haben sollte. Irgend etwas der Meister Würdiges musste dargestellt gewesen sein und der neuen Ära der Kunst zur Herausforderung dienen. Lorenzo Ghiberti übertrug die antike Szene auf das grösste Problem, dem man sich gegenüber sah: auf das der Perspektive. Der Wettstreit der Malerfürsten war über eine verkannte optische Konstruktion ausgetragen worden. Damit freilich war die Pointe zerstört. Sie bestand gerade darin, dass aus einem Nichts an Bildlichkeit, aus der Reinheit der funktionslosen Handschrift, das Ganze eines artistischen Könnens sollte ablesbar gewesen sein. Allerdings nicht für jedermann ‒ nur für den einen anderen, der zu gleicher Verfeinerung und Überfeinerung fähig war. Gleiches konnte nur durch Gleiches erkannt werden; dieser alte Satz galt auch für das Auge der Rivalen ‒ und für den Genius Cäsars. Denn die anderen sahen fast nichts, wie Plinius berichtet: flüchtige Linien auf einer fast leeren Fläche. So früh schon hatte sich als das wahre Publikum des Künstlers der andere Künstler erwiesen. Von Cäsar schweigt die moderne Ästhetik der Rezeption.“
 
Soweit das Zitat. Ein eindrückliches Dokument, dessen Bedeutung wahrscheinlich nur Leute mit einem ausgesprochenen Zeichentalent in seinem gesamten Tiefgang und seiner Breite erfassen können. Ein solcher war der griechische Maler Zeuxis, von dem Plinius ebenfalls berichtet. Zeuxis hatte so täuschend echte Weintrauben gemalt, dass sein Bild die Vögel anlockte. Und er selbst liess sich einmal von einem Zeitgenossen, Parrhasios, überlisten. Dieser hatte einen Vorhang so wirklichkeitsgetreu gemalt, dass Zeuxis diesen beiseite schieben wollte.
 
Tag für Tag üben
Damit etwas (wie das Zeichnen einer geraden Linie ohne Lineal oder die Anfertigung eines Texts) so weit als möglich hin zur Perfektion entwickelt werden kann, muss täglich geübt werden – für Schreiber bedeutet das, dass täglich gelesen und geschrieben werden muss, je mehr, desto besser. „Nulla dies sine linea“ – dies forderte bereits der römische Gelehrte Gaius Plinius Secundus der Ältere, der neben seiner Tätigkeit als Kriegsherr das naturkundliche Wissen seiner Zeit zusammenfasste. Im übertragenen Sinne bedeutete sein berühmtes Zitat auch, dass „kein Tag ohne Richtschnur, ohne Sinn“ (Naturalis historis 18, 35) sein dürfe. Auch bei Friedrich Nietzsche, Emile Zola und Paul Klee findet man dieselbe Einsicht.
 
Bilder in Serie
Jeder Tag hinterlässt seine Linien, zu denen wir beigetragen haben, gelungene und missratene. Das Bestreben, sich ständig zu verbessern, sich zu entwickeln, sollte die Grundlage jeder Lebensgestaltung sein – und dazu gehört das tägliche Üben, damit wir auch schwierige Aufgaben, die viel Kunstfertigkeit erfordern, immer besser erledigen können. Schon oft habe ich solche Zusammenhänge bedacht. Dementsprechend war ich hoch erfreut, als vor einigen Tagen unverhofft ein 2,8 kg schweres Buch (31 ×31 cm, 3,5 cm dick) per Post eintraf, das mir genau zu solchen Kausalitäten neue Impulse vermittelte.
 
Jede Seite dieses einzigartigen Werks ist bis ganz aussen mit 35 verkleinerten Karteikarten (A6, 105 ×148 mm), das heisst bis an die äussersten Ränder derart vollgestopft, dass für die Seitennummern kein Platz mehr zur Verfügung stand. Der Titel des in einer Auflage von 500 Exemplaren erschienenen Wälzers, der 2000 erschienen ist, lautet:
 
„Dora Wespi, Serielle Arbeiten, A6, 1983‒1999“ (ISBN 3-9521859-0-6).
 
Die Luzernerin Dora Wespi (1946), die sich bescheiden „Bildermacherin“ nennt und bis vor kurzem an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern Dozentin war, wirkte während meiner Redaktionsleitung als eine von mehreren Illustratorinnen und Illustratoren an der Zeitschrift „Natürlich“ mit, zumal viele Aussagen und auch Informationen nur zeichnerisch zum vollendeten Ausdruck gebracht werden können; ein Musterbeispiel sind die gezeichneten Pflanzentafeln, welche eine Pflanze mit all ihren Bestandteilen in all ihren Entwicklungsstadien exakt zeigen. So etwas ist fotografisch auch nicht annähernd in dieser Detailtreue und in all den Entwicklungsstadien darzustellen. Doch inzwischen hat sich ganz allgemein die Fotografie auch dort durchgesetzt, wo ihre Unzulänglichkeit offensichtlich ist, weil sie im Digitalzeitalter so billig wurde. Höchstens noch ein paar computertechnisch erstellte Grafiken finden sich in modernen Zeitschriften, welche weniger auf die Leser denn auf den Kommerz Rücksicht nehmen.
 
Die Zeichnungen von Dora Wespi, die insbesondere Rezepte illustrierten, erfüllten gleich mehrere Forderungen: Sie visualisierten das Gericht schwungvoll, hatten eine künstlerische Qualität und zudem meistens eine karikierende Beilage. Denn ohne künstlerische Aussage geht es bei Frau Wespi nie.
 
Was aber ist die Aussage ihres Buchs, ein Auszug aus 30 000 mit Punkten, Strichen und anderen Flächen versehenen Karteikarten, die sich immer zu wiederholen scheinen und doch immer neu sind? Die Schaffung unzähliger Serien mit Punkt- und Linienmustern, freien Formen, menschlichen und pflanzlichen Motiven dienten der Künstlerin zu Studienzwecken, vorerst nur für den Hausgebrauch. Sie versorgte jeweils 1000 Stück ihrer Karten in selbst gebastelten Kartonschachteln. Dann entstand auf Anraten des Typografen und erfahrenen Buchgestalters Hans Rudolf Lutz und mit Hilfe von Marc Philipp, Stefan Dittli und Dominik Peikert das erwähnte Buch.
 
Ich habe es langsam, bedächtig durchgeblättert, geriet dabei in so etwas wie in eine Trance und war zunehmend fasziniert. Die Tausende von Zeichnungen, die sich innerhalb eines Themas (Paare, Netzwerk, Fluglinien, Verte, Planeten, Horizonte, Reservat, Eudämonie, Grenzen, Geschichtenbilder, Stafette usf.) so sehr gleichen, lehren das exakte Betrachten. Dadurch treten die Unterschiede immer deutlicher zutage, und die Faszination wächst von Blatt zu Blatt.
 
Nach Angaben der Künstlerin, die ich immer als quirlige, geistsprühende Persönlichkeit erlebt habe, begleitete jeweils ein Arbeitstitel die einzelnen Serien, der sich durchaus verändern konnte, so dass der definitive Werktitel erst am Ende der Werkserie festgelegt wurde. Für den Betrachter spielen die Titel kaum eine Rolle. Er selber wird durch seine persönliche Art der Betrachtung zum mitwirkenden Akteur. Und am Schluss wird er die ganze Welt mit anderen Augen sehen – auch die von der Globalisierungsphilosophie angepeilte Einheitswelt. Man weiss dank Dora Wespi jetzt, dass es ausserhalb der maschinengesteuerten, seriellen Produktion (inklusive Klonen) nie vollkommen identische Reproduktionen geben kann – und in perfektionierter Ausgestaltung schon gar nicht. Gewisse Restbestände von Individualismus werden nie auszurotten sein.
 
Ein gütiges Geschick, sozusagen ein Naturgesetz, bewahrt uns von vielen Übeln. Frau Wespi hat dafür einen eindrücklichen Beweis erbracht.
 
Hinweise
Bezugsquelle des Buchs
Dora Wespi
WeDo Verlag
Obere Bergstrasse 3
CH-6004 Luzern
Preis: 175 CHF
Jedem Buch liegt eine nummerierte und signierte Originalgrafik bei.
 
Im A6-Format ist 2005 ein weiteres reizvolles Werk von Dora Wespi erschienen: „Aus den Skizzenbüchern A6. 20.01.2000‒20.11.2004“ (ISBN 3-9521859-1-4).
 
Hinweise auf weitere Blogs zur Malerei
11.06.2005: Wie lustig ist ein Abend mit berühmten Karikaturisten?
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