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BLOG vom 11.08.2009


Schwyz: Der unbefleckte Flecken, Plausch mit Sepp Trütsch
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Wer vom Alpthal (Kanton Schwyz), das sich auf der Ostseite des Mythen-Massivs befindet, zum Flecken (dem Ort) Schwyz und Hauptort des gleichnamigen Kantons am Westfuss der Mythen gelangen will, hat die Auswahl zwischen 2 grossen Bögen; der 1478 m hohe Nüsellstock und sein gebirgiges Umgelände versperren den direkten Weg. Er kann im Uhrzeigersinn über Einsiedeln, dem Sihlsee entlang über Unteriberg und Oberiberg nach Schwyz fahren oder im Gegenuhrzeigersinn via Einsiedeln, Bennau, Rothenthurm und Sattel. Dies ist die kürzere Route. Wir haben sie nach unserer Wanderung auf den Grossen Mythen am 06.08.2009 gewählt, um unsere Leistung auch von jener Seite aus zu begutachten.
 
Am Geissmoosfelsen bei Rothenthurm haben die Schwyzer am 02.05.1798 unter der Führung von Aloys von Reding und dem Kapuziner-Pater Paul Styger die Franzosen durch den Einsatz einer im Gehölz verborgenen Flankengruppe zurückgeschlagen, ein ähnlicher Erfolg wie in Morgarten (am 15.11.1315) – sie kämpften wie die Taliban in Afghanistan mit List und Tücke gegen eine aggressive kampftechnische Übermacht und sicherten sich allseitige Bewunderung. Und immer, wenn ich jeweils in Rothenthurm vorbeifahre, kommt mir auch der Kampf gegen den Waffenplatz, den die Armee mitten im Hochmoor erstellen wollte, in den Sinn. Nach der Teilabschaffung der Schweizer Armee in den Ären Adolf Ogi und Samuel Schmid würde die Anlage heute wahrscheinlich vor sich hin gammeln. Es ist noch einmal gut gegangen.
 
Lassen wir die Geschichte und kehren wir zu touristischen Aspekten zurück. Ich erzählte dies hier eigentlich nur, um aufzuzeigen, dass es von Schwyz aus gar nicht so einfach ist, auf den eigenen Hausberg, den Grossen Mythen, zu kommen. Eine Möglichkeit ist, vom Flecken aus auf die Ibergeregg (1406 m ü. M.) zu fahren und von dort aus über die Müsliegg und Stäglerenegg bei geringen Höhendifferenzen zur Holzegg (1405 m) zu wandern, was in 30 bis 40 Minuten möglich sein sollte. Nach dieser Höhenwanderung steigt man dann auf dem gut befestigten Bergweg hinauf auf den Mythen, wie bereits im Blog vom 09.08.2009 beschrieben. Wer von Schwyz aus aber zu Fuss gehen will, kann in 2 Std. 35 Min. übers Chlösterli (Frauenkloster St. Josef im Loo) und das Mythenbad zur Holzegg wandern, wobei dann noch einmal 1 Std. 30 Min. für den Aufstieg zum Gipfel hinzukommen.
 
Im Tourismusbüro Schwyz an der Bahnhofstrasse (www.schwyz-tourismus.ch) wurden wir ausserordentlich gut und eingehend beraten. Wir erfuhren dort auch, dass der Sonnenaufgang auf dem Grossen Mythen ein einmaliges Erlebnis sei. Doch dafür war es jetzt, am späteren Nachmittag, leider eindeutig zu spät; die Sonne, die sich an jenem Tag sehr verausgabt hatte, trug sich eher mit Untergangsgedanken.
 
Aber es war schön, vom Schwyzer Zentrum, dem barock gestalteten Hauptplatz mit den 5 einmündenden Strassen, zur Mythen-Kulisse hinaufzuschauen – unten die prächtigen historischen Bauten, oben die Felswände. „Die haben wir bewältigt“, dachte ich, leichte Nachwehen in den Oberschenkeln spürend.
 
Der Flecken Schwyz ist lebendige Vergangenheit. Im Zentrum befindet sich das Rathaus, dessen Fassade ein offenes Geschichtsbuch ist. Das Haus wurde 1642 bis 1645 auf den Grundmauern des abgebrannten Vorgängerbaus von 1593 errichtet und erhielt 1777 ein barock umgestaltetes Dach mit Türmchen. Seit 1891 (damals war die Eidgenossenschaft 600 Jahre alt) sind 2 Fassadenseiten über und über bemalt. Der Historienmaler Ferdinand Wagner (1847‒1927) aus München machte mit Keim’schen Mineralfarben (vorwiegend Braun- und Rottöne) die Gründungsgeschichte sichtbar, wobei es ihm die Schlacht bei Morgarten offensichtlich besonders angetan hat, die besonders auffällig dargestellt ist. Sie hatte ja auch Bedeutung. Dabei siegte der Freiheitsdrang der Eidgenossen über die Machtansprüche der unersättlichen Habsburger (1315), die unter der Führung von Herzog Leopold standen. Die „einfältigen Bauern“, als die die kampferprobten Habsburger die Schwyzer Mannen betrachteten, hatten eine innovative Idee: Sie liessen Steinhaufen und Baumstämme wie einen Hangrutsch aufs unten vorbeiziehende, feindliche Heer fallen, was eine chaotische Lage erzeugte, welche die Schwyzer mit ihren Hellebarden ausnützten. Sie zerstückelten die Feinde erbarmungslos. Die Habsburger verloren etwa 2000 Mann, die Eidgenossen deren 12, wenn man den Überlieferungen Glauben schenken darf. Leopold aber gelang die Flucht. Nach der heutigen Vasallen-Mentalität würde man die Habsburger Ansprüche wohl in vorauseilendem Gehorsam zu erfüllen trachten
 
Von einer kriegerischen Stimmung ist im Alltag Schwyz mit seinem geschichtsträchtigen Hauptplatz, der oben, an dominanter Stelle, von der Kirche St.Martin begrenzt ist, kaum noch etwas zu spüren. Zwar steht auf der Kandelabersäule eines achteckigen Brunnens der „Brunnämändel“ in martialischer Ausrüstung und stolz geschwellter Brust; doch hat er ein gütiges Lächeln im bärtigen Gesicht.
 
Schwyzer Literatur
Da in meiner Helvetica-Bibliothek der Kanton Schwyz untervertreten ist, begab ich mich in die Tau-Buchhandlung an der Herrengasse 20. In einer Wühlschachtel vor dem Schaufenster fand ich das Büchlein „Im Wanderschritt durch das Muotatal“. Als ich im Laden bezahlen wollte, sagte mir der Leiter Walter Lenggenhager, das sei gratis. Er und eine jüngere Verkäuferin breiteten das gesamte vorhandene Schwyzer-Sortiment vor mir aus, und als ich mich nach dem Buch „Die Mythen“ von Alois Suter und Hans Steinegger aus dem Verlag Schwyzer Zeitung AG erkundigte, griff der Verkäufer zum Telefonhörer und besorgte mir binnen 15 Minuten 1 Exemplar, das er für nur 17.50 CHF abgab und mich darauf aufmerksam machte, der Kartonumschlag sei etwas verzogen, weil die Laufrichtung des Papiers falsch sei. Dann erläuterte er mir noch andere Quellen für Schwyzer Literatur wie das Staatsarchiv Schwyz an der Kollegiumsstrasse 30. War das eine mustergültige Bedienung!
 
Ebenfalls an der Herrengasse (Hausnummer 12), dem einzigen städtischen Strassenzug, ist die Chäs-Hütta domiziliert, wo wir uns bloss mit etwas Ziegenkäse eindecken wollten. Wir wurden von Marlies Keller ausgesprochen freundlich begrüsst. Als Eva Büffel-Mozzarella betrachtete, sagte die Inhaberin, den könne sie gratis haben, weil sein Datum bald ablaufe. Was für eine Grosszügigkeit in diesem Schwyz; ich bezahlte dann freiwillig einen symbolischen Preis und bedankte mich für die netten Gesten. Vis-à-vis, beim Traiteur Reichmuth (Herrengasse 11) fanden wir einen delikaten Ochsenmaulsalat, Tüfelshörnli (mit gewürztem Doppelrahm-Frischkäse gefüllte Paprika) und Sännäbratwürste, die auch Lauch und Käse enthalten. Und in den Bäckereien/Konditoreien Haug und Lüönd  besorgten wir uns gefüllte Zigerkrapfen, ein delikat mit geriebenen Mandeln gefülltes Fettgebäck, wie man es sonst nur zur Innerschweizer Fasnachtszeit findet, und ein schmackhaftes Hausbrot mit Sauerteiganteil.
 
Begegnung mit Sepp Trütsch
Vor der Heimfahrt schien es angezeigt zu sein, uns noch mit einem Kaffee zu beleben. Eva wollte dies an verkehrsarmer Lage tun – das erstbeste Café an der Strasse behagte ihr nicht. „Wir möchten ja hier nicht Ferien machen“, wandte ich ein. Sie steuerte auf die Wirtschaft Wysses Rössli“ mit dem grossen Wirtshausschild unter dem weit ausholenden, fast überproportionierten Mansarddach zu, das aus einer Nische unterhalb des Hauptplatzes hervorschaute. (www.wrsz.ch), etwas hinter dem grossen gleichnamigen Hotelbau versteckt. Auf einer Empore vor dem Eingang waren Tische, Stühle und Sonnenschirme aufgereiht. Hier also sollte unsere Kaffeepause stattfinden. Noch bevor ich abgesessen war, entdeckte ich am hintersten Tisch Sepp Trütsch, der eben 2 Bekannte verabschiedete.
 
So ein Zufall: Bei der Vorbereitung unserer Mythen-Wanderung hatte ich neben anderen Werken sein 1994 bei Kümmerly+Frey, Bern, erschienenes Buch „Musik-Plausch. Wander-Hit Schweiz“ studiert, weil darin auf den Seiten 10 bis 17 ein bebilderter, aufgelockerter Artikel „Rund um den Grossen Mythen“ zu finden ist. Darin sind die Mythen als „Erosionsreste einer ehemals viel grösseren alpinen Decke, die von Südosten überschoben worden ist“, treffend beschrieben. Und in dem Buch hat der Spassmacher Trütsch auch einen Einkaufstipp parat:
 
„Frau Curti kommt in die grosse Weinhandlung. ,Welä Wy chönnd Sie mier empfähla (Welchen Wein können Sie mir empfehlen)? Äs wär für dr erscht Hochsigstag (Er ist für den 1. Hochzeitstag bestimmt).’ ‒ ,Das chunnd druff aa: Wänd Sie fyrä oder vergässä ... (Das kommt darauf an: Wollen Sie feiern oder vergessen)’?“
 
Ein ausserordentlich netter Kellner brachte die beiden Kaffees und je ein Glas Wasser dazu, wie es sich gehört, aber eigentlich selten vorkommt. Der Preis pro Kaffee (3.70 CHF) war erstaunlich günstig.
 
Ich sprach Sepp Trütsch an, weil ich vermutete, er könnte der Inhaber dieses Hauses sein. Ja, so sei es, antwortete er mir, seit etwa 1 Jahr seien er und seine Frau Ida Trütsch-Reichmuth die erst 5. Besitzer dieses Hauses, das in der Wirtschaft und in der Turmstube gepflegte Speisen anbietet. Das traditionsreiche und tadellos gepflegte Haus entstand wenige Jahre nach dem Dorfbrand von 1642 als wichtigste Taverne des Fleckens Schwyz. Zwischen 1742 und 1835 und dann wieder zwischen 1848 und 1910 befand sich das Postbüro von Schwyz hier. Der Schwyzer Schriftsteller Meinrad Inglin (1893‒1971) wohnte in seinen letzten Lebensjahren jeweils im Winter in dem gastlichen Haus; im Roman „Schweizerspiegel“ behandelte er das Selbstverständnis der Schweiz im 1. Weltkrieg. Ab 1970 gehörte das „Wysse Rössli" dem Schweizerischen Bankverein, der es 1978 komplett umbaute. Der Schwyzer Unternehmer Karl Trütsch-Langlois renovierte 2007 sämtliche 27 Zimmer und den Restaurationsbetrieb.
 
Sepp Trütsch (1949) war leutselig, gesprächig, im besten Sinne volksnah. Man fühlt sich bei ihm wohl. Er war früher Präsentator der TV-Serie „musig plausch“. Dann präsentierte er zusammen mit Karl Moik und Caroline Reiber den „Grand Prix der Volksmusik“ und war dann Mitpräsentator des „Musikantenstadls“, der jetzt die Domäne von Andy Borg ist.
 
Ich sagte zu Herrn Trütsch, mich störe das ununterbrochene US-Gedudel auf Radio DRS1, schliesslich gebe es auch andere Musik als amerikanischen Pop. Mein Gesprächspartner gab noch einen drauf: „Wenn man in den USA weilt, hört man mehr Schweizer Volksmusik als in der Schweiz.“
 
Das war eine nette Begegnung in schöner Übereinstimmung bei der Beurteilung der Lage. Beim Abschied sagte Sepp Trütsch in seiner herzlichen Art noch: „Gälled, Ihr chömmed wieder emol.“ Ja, wir werden es tun, dem Haus eine Aufwartung machen, wenn wir nicht verschwitzt und müde und damit empfänglich für neue Genüsse sein werden.
 
Schwyz hat schliesslich auch eine reiche gastronomische Tradition. Direkt angrenzend ans „Wysse Rössli“ ist die Metzghofstatt, wo sich neben dem Archivturm im 17. Jahrhundert die Landesmetzg befand. Der Turm ist übrigens der älteste bauliche Zeuge aus der Zeit vor der Bundesgründung.
 
Man sieht: In Schwyz sind auf Schritt und Tritt Entdeckungen garantiert.
 
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