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BLOG vom 18.08.2009


Ebenalp und Wildkirchli: Schroffem, Überhängendem zugetan
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Unumwunden gebe ich es zu: Ebenalp und Wildkirchli sind keine Geheimtipps. Am 12.08.2009 trafen wir dort oben, an der Südostwand des Ebenalpstocks, ganze Völkerscharen an. Pro Jahr sollen es etwa 200 000 Personen sein, die hier vorbeiwandern. Vielleicht ist der Alpstein tatsächlich „das schönste Gebirge der Welt“, als das es der Geologe Albert Heim (1849‒1937) empfand.
 
Die Medien haben übers Wildkirchli und die Bärenhöhle schon alle denkbaren Aspekte ausgeleuchtet. Und wenn ich richtig gezählt habe, war ich selber nun zum 3. Mal dort oben, hoch über den Tälern des Weissbachs und des Schwendebachs: auf einer Schulreise (um 1950), bei einem Familienausflug (in den 70er-Jahren) und jetzt wieder mit Eva, sozusagen auf einem Altersausflug zur Rettung der Beweglichkeit. Noch viel, viel berühmtere Besucher waren vor mir in jener touristisch belebten Einsamkeit – zum Beispiel Louis duc d’Enghien (1804 in Paris hingerichtet), Major de Sully, Königin Hortense der Niederlande (Mutter Napoléons III.), Prinzessin Stéphanie, Prinz Louis Napoléon, der Generalvikar und Dichter Johann Heinrich von Wessenberg aus Konstanz D, die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, Meersburg D, Josef Viktor von Scheffel (Verfasser von „Ekkehard“ und „Der Trompeter von Säckingen“), der Maler, Dichter und Reiseschriftsteller August Corrodi, Prof. Wilhelm Conrad Röntgen (Pionier der Röntgenuntersuchungen) und Graf Ferdinand von Zeppelin, Konstanz.
 
Die Anreise
Die Anreise auf die Ebenalp, dem Schlussstein der nördlichen Säntiskette, ist heutzutage ein Pappenstiel, selbst ohne Zeppelin: über Appenzell mit der Appenzellerbahn via Weissbad bis Wasserauen (867 m ü. M.) – ein Wunder, dass diese Bahn in der traditionsbewussten Gegend bereits elektrifiziert ist. Beim Bahnhof Wasserauen am Schwendibach, etwa 8 km hinter Appenzell, befinden sich auch viele Parkplätze und die Talstation der Luftseilbahn Ebenalp, eine von 44 Luftseilbahnen im Alpstein. Sie bewältigt innert 6 Minuten einen Höhenunterschied von 723 m hinauf auf die Ebenalp (1590  Höhenmeter). Die 1. Luftseilbahn entstand hier 1955; die Anlage wurde mehrmals erneuert. Die Retourfahrt kostet 27 CHF, für Kinder 10 CHF (www.ebenalp.ch). Der ausgesprochen nette, auskunftsbereite Mann an der Kasse, der pro Tag bis 3000 Gäste zählt, schenkte mir die 1974 erschienene Jubiläumsschrift „Ebenalp Wildkirchli“ mit Texten von Rainald Fischer, Hans Heierli und Hermann Grosser, der einige Angaben für dieses Blog entnommen sind.
 
Auffahrt zur Ebenalp
Bei der Fahrt nach oben über die Bommenalp und vorbei am Wildkirchli in der Aescherwand erhält man manchmal das Gefühl, man schwebe gleich in eine lotrechte, ja überhängende, teils splittrige Felswand hinein und ist dann erleichtert, wenn es der mit 40 Personen besetzten Kabine gelingt, im letzten Moment noch knapp über die oberste Kante (Aescherkante) der Wand hinweg zu segeln. Auch das 42 mm dicke Seilbahn-Drahtseil hält (Spanngewicht: 50 Tonnen pro Seilseite). Die Ebenalp (ebene Alp) hat zwar Buckel und Vertiefungen, ist aber nach dem ungehobelten Appenzeller Empfinden eben eben. Die Umgebung ist ein Eldorado für Hakenkletterer.
 
Bärenkunde
In der Panoramahalle der Bergstation Ebenalp erhält das Reisevolk, jetzt wieder mit festem Boden unter den Füssen, gleich eine Lektion in Bärenkunde – aus gegebenem Anlass: Noch vor 20 000 Jahren lebte auch in der nahen Wildkirchli-Höhle ein Höhlenbär (Ursus spelaeus), ein riesiger Verwandter des heutigen Braunbärs, wie Knochenfunde von rund 900 Tieren insbesondere zwischen 1904 und 1908 durch Emil Bähler (1868‒1950), Otto Köberle und Franz Dörig ergeben haben. Die Knochen sind etwa ab 50 000 Jahren vor unserer Zeitrechnung angefallen; Höhlenbären suchten Höhlen als Winterquartier, Geburts- und Sterbeplätze auf. Auch Zeugnisse menschlicher Besiedlung (Steinwerkzeuge) und Knochen von Höhlenlöwen, Wölfen, Steinböcken, Gämsen, Mardern und Vögeln kamen bei den Grabungen zum Vorschein. Höhlen waren für Tiere und Menschen ein begehrter Unterschlupf. Menschen und Bären, welch letztere ihre Jungen im Winter zur Welt bringen, genossen das Phänomen der Temperaturinversion: Wenn es im nebligen Tal kalt ist, wärmt die Sonne in der Höhe die Luft auf; im Sommer ist es angenehm kühl.
 
Ein 1997 entstandenes Skelett-Modell (Knochen wurden mit Kunststoff kopiert und die Rippen ersetzt) veranschaulicht in einem Schaukasten die Dimensionen des Höhlenbären, der über 2 m gross und bis zu 30 Jahren alt werden konnte, was Vegetarier auf die gesunde Ernährungsweise zurückführen dürften. Denn der Höhlenbär war in erster Linie der fleischlosen Kost zugetan, ohne dabei aber ein herumliegendes, saftiges Aas (wir sagen dem Gammelfleisch) zu verschmähen – im Gegensatz zum Braunbären, einem Allesfresser. Der Höhlenbär tat sich insbesondere in der blumenreichen Hochstaudenflur gütlich, falls uns die Forscher keinen Bären aufgebunden haben.
 
Die Erinnerung an ihn ist eine Touristenattraktion und zugleich ein Beweis, dass der Bär in der Schweiz sehr wohl für ihn günstige Lebensräume finden kann. Doch als 2005 ein Jungbär aus der Trentiner Population im Bündnerland ankam, war die Begeisterung klein. Im April 2008 wurde „JJ3“, der zum Risiko- oder Problembären erklärt worden war, im Kanton Graubünden abgeschossen – ganz im Stil der Terroristenbekämpfung. Wahrscheinlich befürchtete man unterschwellig, der Bär werde auch Urlauber fressen und so dem Fremdenverkehr schaden; ich weigere mich nämlich zu glauben, dass die Bündner zugelaufenen Bären nicht einmal den Inhalt einiger Abfallcontainer gönnen oder ein Volk von Angsthasen sind.
 
Wer nach solchen Informationen und Gedanken einen Bärenhunger verspürt, kann diesen im Berggasthaus Ebenalp, das sich 150 m oberhalb der Seilbahnstation befindet, oder im Wildkirchli-Bereich im Berghaus Aescher stillen.
 
Die Wildkirchli-Höhlen
Der gut befestigte Weg über eine Alpweide auf hellem Seewerkalk, dem jüngsten Gestein des Schichtkomplexes, und Gault-Sandstein zu den Wildkirchli-Höhlen ist in etwa 10 Minuten zu bewältigen. Die Nebelwolken konnten der Sonne nicht länger trotzen, lösten sich gerade auf und gaben die Sicht hinüber zur Alp Sigel frei. Und unverhofft sieht man als Fortsetzung des Wanderwegs schräg unter sich einen gefrässigen, portalartigen Schlund als Produkt einer chemischen Verwitterung und Auslaugung des Kalksteins. Ein Bogen wie bei einer Brücke trägt den Fels über der Höhle, das Resultat der Verfaltung; hier ist der Scheitel der Ebenalp-Falte. Doch ein etwas mulmiges Gefühl vermitteln die schweren Holzstämme, welche die riesigen Steinbrocken aus Alpenkalk unterstützend sichern. Hat das bisher gehalten, wird es dies auch während unseres Durchmarschs tun, dachte ich – der übliche Stil beim Gefahrenabschätzen. Und wie dieses Blog belegt: Die Höhlendiele hielt.
 
Durch diese grösste der 3 untereinander verbundenen Höhlen im Schrattenkalk, dem dominierenden, spröden, von Klüften durchsetzten Gestein des Säntismassivs, führt der Wanderweg auf rund 1500 Höhenmetern nahtlos weiter. Der Boden der unförmigen, prähistorischen Höhle mit ihren Nischen und Kurven, die spärlich, aber genügend ausgeleuchtet ist, ist stellenweise etwas glitschig, eine mächtige Schutthalde aus Gesteinsmaterial. Angaben über die Länge dieser Höhle habe ich nirgends gefunden – ich schätze sie auf etwa 150 bis 200 m. Die kurios verwinkelte Form entstand durch die Interferenz von Bruchsystemen, die in verschiedenen Richtungen verlaufen. Die Temperatur ist kühl, und von der Diele fallen Wassertropfen. Von paläolithischen Artefakten oder Tierresten ist nichts mehr zu sehen.
 
Beim Ausgang aus dieser Gasthaushöhle, wie man sie nennt, befindet sich ein 1972 nachgebildetes, erneuertes Eremitenhäuschen, ein zweistöckiger Strickbau mit Satteldach; die Vorgängerbauten entstanden 1683 beziehungsweise 1860. In diesem Umfeld lebten zwischen 1671 und 1853 nicht weniger als 23 Einsiedler. Der letzte war Waldbruder Anton Fässler, der beim Laubsammeln tödlich verunfallte.
 
Das einfache Holzhaus mit den von Astgabeln gestützten Dachkänneln dient heute als einfaches, aber informatives Museum, das in Wort und Bild über das Leben in dieser unwirtlichen Gegend bis zurück in die letzte Eiszeit (Würm-Eiszeit vor 60 000 bis 10 000 Jahren) vieles zu erzählen weiss.
 
Daneben ist die Altarhöhle hinter einem niederen Zaun, ebenfalls unter einem flachen Tonnengewölbe. Ihr Eingang ist wie zu einer Vorhalle erweitert. Diese Höhle wurde 1657 von Pfarrer Paulus Ulman als Kapelle eingerichtet und erhielt 1785 eine Altarrückwand mit einem hölzernen Rokokoretabel (Altaraufsatz). 1935 schuf der Kunstmaler Johannes Hugentobler einen Baldachin. Eine Mauer schliesst diesen Raum gegen den hinteren Höhlenteil unter einem nassen Querspalt („Kellerhöhle“) ab. Am Höhleneingang schmiegt sich ein Glockentürmchen an den überhängenden Felsen an. Zur Einsiedelei gehört auch ein sich an den Fels anschmiegendes, von Schindeln umgebenes Ökonomiegebäude, wo 3 fette, friedliche Schweine ruhten und einem ungewissen Schicksal entgegensahen.
 
Über eine kleine Holzbrücke (Lehnenbrücke), die über eine Felsenspalte führt, erreicht man nach wenigen Schritten das Gasthaus Aescher (1870 erbaut und 1999 erneuert), das in die 3. Höhle gebaut ist und, von aussen betrachtet, an die leicht überhängende Aescherwand angeklebt zu sein scheint (www.aescher-ai.ch). Es bietet rustikale Verpflegungen an: Tagessuppe mit Wurst, Kalbsbratwurst mit Rösti, Chäsrösti (16 CHF) oder Wienerli mit Brot (9 CHF). Die Menukarte ist in ein Holzbrettchen eingebrannt.
 
Den Abschiedsgruss vom Wildkirchli überlasse ich Josef Viktor Scheffel, der nach seinem einwöchigen Aufenthalt im „Aescher“ (Gebiet der Gemeinde Schwende AI) seine Gefühle in lyrischer Form zurückliess, nachdem er hier die letzten Kapitel seines „Ekkehard“ zu Papier gebracht hatte: 
Abschied vom Wildkirchli
von Josef Viktor Scheffel
 
B’hüet Gott, mein lieber Aescherwirt.
B’hüet Gott, die brave Frau,
Wie war bei euch die Luft so lind,
der Himmel prächtig blau.
 
Ist auch das Haus nicht riesengross,
es war mir eben recht.
Am wohlsten ist’s im kleinen Nest
Dem biedren Mauerspecht.
 
Gegrüsst sei eure Felsenwand,
Gegrüsst der ganze Berg!
Es ist mir wenig hoch genug,
Hier stand ich als ein Zwerg.
 
Gegrüsst sei auch die Nachbarschaft,
Die Herrn im Wolkenflor,
Der Säntis und der alte Mann,
der Kasten und Kamor.
 
Die stehen unerschütterlich
Auf festem Grunde da
und lachen ob dem Türkenkrieg
Und ob der Cholera.
 
Und käm ich wieder auf die Welt,
Ich liess den ganzen Qualm
Und zög’ als Appenzeller Senn
Zum Aescher auf die Alm.
 
Dies Liedl sang als Abschiedsgruss
Ein fahrender Scholar,
Der sieben Tag’ und sieben Nacht’
Allhier zu Gaste war.
 
Er schleppte auf den Berg herauf
Viel alte Sorg’ und Qual,
Als wie ein Geissbub jodelnd fährt
Er fröhlich jetzt zu Tal. 
Zum Seealpsee hinunter
Zurück zur Prosa: Offenbar war die Stimmung gut. Die Bergriesen lachen heute über den Schweinegrippekrieg, können sich kaum noch halten.
 
Die Wanderung zum Seealpsee hinunter dauert laut Wanderwegweiser 1 Stunde; bei meinem Feldversuch war es wesentlich mehr. Der Weg verläuft meistens durch Wälder im Gebiet Durschrennen, steil bergab, Richtung Südfuss des Schäflers. Auf der anderen Seite des Schwendibachtobels türmen sich die bewaldeten Abhänge und Wände des Bogartenfirsts mit den quer liegenden und senkrecht stehenden Felsschichten auf, ein offenes Geologie-Lehrbuch, Kapitel: Querbrüche und versetzte Schrattenkalkbänder.
 
Vor dem Abstieg erhielt ich von Eva die Anweisung, die Wanderschuhe kräftig zu verschnüren, um nicht nach vorne zu rutschen und die Zehen zu beschädigen, und das Powerhouse (nach der Pilates-Gymnastik: Becken und Pobereich) kräftig anzuspannen und zügig vorwärts zu streben. Über Wurzeln und vorbei an bemoosten Steinen nahmen wir Kurve um Kurve mit Schwung, bei mässigem Gegenverkehr. Die meisten Wanderer ziehen den Abstieg dem Aufstieg vor, was wohl mit der Schwerkraft zu tun hat.
 
Der Felsweg ist mit einem Metallzaun und Seilen perfekt gesichert. An Felsen halten sich Fichten, Weisstannen, Föhren und Eschen fest – die alpine Waldgrenze ist im Alpstein bei 1500 Meter, also etwa beim Wildkirchli. Wir waren ja jetzt tiefer unten, hatten auf 1150 Meter abzusteigen. Rote Kornelkirschen boten sich uns an. Die den Wanderer begleitenden Felsen haben abenteuerliche Formen; manchmal scheint ein tonnenschwerer Erker an die Steilwand angeklebt.
 
Die Wunder am Weg lohnen alle Strapazen. Das Gröbste ist überwunden, wenn man das Fahrsträsschen erreicht, das von Wasserauen zum Seealpsee führt und das ich im Blog vom 30.08.2007 beschrieben habe. Merkwürdigerweise war meine Begleiterin mehr auf den Felgen als ich, als wir zur Seealp mit ihrem berühmten Seealpsee etwas aufwärts zu gehen hatten – schon wieder unter vorkragenden Felsen hindurch.
 
Der Seealp mit ihrem Seelein und dem Rückweg hinab durchs Hüttentobel nach Wasserauen werde ich ein spezielles Blog widmen. Dort gibts noch einen Abstieg, der einen fordert. Man wird allmählich zum Niedergangsprofi, der sich nahtlos in diese Zeit einfügt.
 
Hinweis auf weitere Blogs übers Alpstein-Gebiet
30.08.2007: Vergangenheitsspuren: Seealpsee, Appenzell, St.Peterzell SG
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