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BLOG vom 27.08.2009


Eindrücke aus Auw: Wo die verehrte Maria Bernarda aufwuchs
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Mein Tagesbeginn vom Mittwoch, 19.08.2009, war nicht über alle Zweifel erhaben. Wie üblich weckte mich der Wecker um 06.30 Uhr mit munterer Musik, und nach dem Badezimmer- und Frühstücksritual wollte ich noch schnell die E-Mails erledigen. Keiner meiner beiden ans Netz angeschlossenen Computer war willens, eine Verbindung mit dem Internet herzustellen. Ich betätigte Stromzufuhrschalter, zog alle Kabel aus, steckte sie wieder ein, fuhr die Maschinen herunter und startete sie neu. Jeder ins Netz verwickelte Leidensgenosse weiss, dass dabei Stunden verloren gehen. Und nichts half. Meistens spielen Virenschutzprogramme eine verheerende Rolle. Es ist ähnlich wie bei der Grippeimpfung: Man erhofft sich von ihnen einen Virenschutz, doch sie schaden mehr als sie nützen.
 
Das Dorf und seine Heilige
Ich musste unverrichteter Dinge losfahren. Auf 10 Uhr hatte ich mich mit dem katholischen Pfarrer von CH-5644 Auw AG, Alphons Brunner, verabredet. Denn an diesem Tag wollte ich im Hinblick auf einen illustrierten Bericht in der 1A-Zeitschrift „1A!Aargau" (Chefredaktion: Martin Weber) über die Auswirkungen der Heiligsprechung von Maria Bernarda Bütler (28.05.1848‒19.05.1924) aufs Oberfreiämter Dorf Auw recherchieren. Die Gründerin der Franziskaner Missionsschwestern von Maria Hilf war in jenem Ort als 4. von 8 Kindern in einer „gesunden christlichen“ Bauernfamilie geboren worden und aufgewachsen, wie es in einer Schrift von Pfarrer Urs Keusch, Bad Ragaz, heisst. 1867 trat sie nach einem Kurzaufenthalt im Kloster Menzigen ZG ins Kloster Maria Hilf in Altstätten SG ein, wo sie zur Mutter Oberin aufstieg. Weil allmählich eine zu grosse Zahl an Schwestern in diesem Kloster lebte, wanderte sie am 19.06.1888 zusammen mit 6 Ordensfrauen aus. Sie machte in Ecuador, wo die Kirche von Chone ein „jämmerlicher Schuppen (...), elender als ein Schweinstall“ (Bernarda) war, und besonders in Kolumbien trotz ihres in psychischer und physischer Beziehung angeschlagenen Gesundheitszustands wiederum Karriere, beeindruckte durch ihr vorbildliches, bescheidenes Leben und ihre Hilfsbereitschaft. Sogar ein Knie war havariert, weil sie von einem Pferd gefallen war, was einen bleibenden Schaden hinterliess. Sie ertrug die Schmerzen, hatte einen bedingungslosen Gehorsam und lebte zusammen mit ihren Mitschwestern in grösster Armut (waren „arm wie die Kirchenmäuse“, wie sie schrieben). 3 ihrer Leidensgenossinnen starben in Ecuador; die Situation im tropischen Klima war für sie unerträglich. Deshalb mussten in Europa neue Missionskräfte beschafft werden.
 
Im 1990 erschienenen Buch „Die Aargauer Gemeinden“ (Herausgeber: Roman W. Brüschweiler, Verlag: Effingerhof, Brugg) hatte ich gelesen, dass sich in den letzten 100 (inzwischen wohl 120) Jahren „eine auffallend grosse Zahl von Auwern in den Dienst der Mission stellten“. Unter ihnen rage Schwester Maria Bernarda Bütler als Gründerin von Kranken- und Waisenhäusern in Cartagena (Kolumbien) und als geistliche Leiterin ihrer Kongregation hervor. Aus den Medien erfuhr ich dann von ihrer Seligsprechung am 29.10.1995 durch Papst Johannes Paul II. und der anschliessenden Heiligsprechung am 12.10.2008 durch Papst Benedikt XVI., auch über die von etwa 1500 Personen besuchte Nachfeier in Auw (19.10.2008). Solche Themen betreffen zwar nicht eben meine Kernkompetenzen. Aber wenn ich mich dann gezwungenermassen hinein knie, erwacht das Interesse, und das Thema erscheint zunehmend als nuancenreicher und damit faszinierender. Besonders diese Frage ist interessant: Wurde Auw dadurch verändert?
 
In Auw
Das Auto parkierte ich unterhalb des geräumigen, in mehrere Felder aufgeteilten Friedhofs. Das Dorf in der Nähe der Grenze zum Kanton Luzern ist mit dem öffentlichen Verkehr nur schwach erschlossen: Eine Busverbindung mit Abtwil und Sins (Bahnhof) ist alles.
 
Auf vielen Grabsteinen steht der Name „Bütler“. Am Sockel eines Kruzifixes mit dem vergoldeten Jesus-Abbild ist „Gelobt sei Jesus Christus“ eingemeisselt. So wurde ich an diesem Tropentag auf das, was noch kommen sollte, eingestimmt – ein Klima wie im nördlichen Teil von Südamerika; doch ich befand mich am Fuss des lieblichen Lindenbergs (485 m ü. M.).
 
Um 9.45 Uhr war ich in der Pfarrkirche St. Nikolaus am südöstlichen Dorfrand von Auw angekommen, deren Tür offen stand. Die heutige Kirche besteht seit 1705; eine Kapelle gab es schon um 1331. Die Kirchendimensionen sind im Verhältnis zum bescheidenen Dorf (auch Rüstenschwil gehört zur Gemeinde Auw) stattlich. Die Saalkirche mit dem durchlaufenden Satteldach und dem markanten Vorzeichen aus grauem Sandstein ist im Inneren üppig barock ausgestattet. Am halbkreisförmigen Chorbogen hängt das Kreuz mit dem Gekreuzigten. Der Rundbogen ist von toskanischen Pilastern und einem Sprenggiebel eingerahmt. Die Schlusssteinverkröpfung trägt die Holzstatuette des St. Nikolaus, der von 2 fliegenden Puttenengeln umgarnt wird. Sonnenblumen-Bouquets schmückten bei meinem Besuch den festlichen Altarbereich, in dessen Zentrum eine bekrönte Muttergottesfigur mit Kind vom Einsiedler Typus innerhalb eines golden funkelnden Strahlenkranzes die Aufmerksamkeit auf sich zog.
 
Der Bernarda-Altar
Auf der rechten Seite des Kirchenschiffs, unmittelbar vor einem Seitenaltar, ist eine Mauernische der heilig gesprochenen Bernarda gewidmet. Dominant ist ein goldgerahmtes, ausdrucksstarkes Ölgemälde, das die Ordensfrau in Lebensgrösse zeigt. Es ist eine Kopie des Originalgemäldes, das sich im Bernardaheim (europäisches Provinzhaus) der Missions-Franziskanerinnen in Frastanz AU befindet. Das Bild ist von einem bläulichen Marmorrahmen eingefasst und von einer vergoldeten Stukkatur, die aus spiraligen Pflanzen- bez. Muschelornamenten (Rocaillen) besteht, überdachend verziert. Darunter, in einem flachen, schubladenähnlichen Fach, liegt hinter Glas eine Urkunde und wahrscheinlich ein Fussknochen von Bernarda. Die Reliquie steht stellvertretend für den in Cartagena (Kolumbien) bestatteten Leichnam, der nach katholischer Auffassung die Heiligkeit widerspiegelt. Daneben sind Kerzen zum Anzünden bereit.
 
In ein Ringheft mit angebundenem Kugelschreiber, das auf einer aus der Mauer herauswachsenden Marmorplatte aufliegt, die zum Konsol- bzw. Schreibtisch wird,
sind verschiedene Bitten um Fürsprache eingetragen. So zum Beispiel diese: „Liebe Maria Bernarda, meinem Sohn ist die Maschine zum 2. Mal defekt. Bitte hilf ihm, den Defekt zu definieren. Hilf auch mir, führe, leite, segne mich und meine Familie.“
 
Viele Bitten betreffen Krankheiten, so dass die hingebungsvolle, hilfsbereite Heilerin Bernarda offensichtlich über ihren Tod hinaus noch immer viel zu tun hat. Ich fühlte mit, gerade was den Maschinendefekt anbelangt ... (siehe Anfang dieses Blogs), wagte dann aber doch nicht, ebenfalls schriftlich um Mithilfe bei der Reparatur zu bitten, zumal es auf dieser Erde wesentlich gravierendere trostlose Zustände mit Kummer und Leid gibt, die geheilt werden sollten.
 
Über dem lebensechten Gemälde ist ein modern aufgemachtes Zitat der Verehrten neben dem Logo der Franziskaner Missionsschwestern von Maria Hilf gerahmt: „Das Evangelium ist mein Leitstern.“ Es war ihre Grundlage bei der Ausbildung von Novizinnen im Kloster Maria Hilf in Altstätten SG, in das Verena Bütler (so ihr bürgerlicher Name) im November 1867 eintrat. Von 1880 bis 1888 war sie Oberin dieses Klosters, das sie mit strenger Hand führte und dessen finanzielle Lage sie verbessern konnte.
 
In einem kleinen Selbstbedienungskiosk im Eingangsbereich der Kirche von Auw erwarb ich einige Schriften, um meinen jämmerlichen Wissensstand rund um Heiligsprechungen und Heilige auf Vordermann zu bringen. Als ich eben am Auswählen war, sprach mich Pfarrer Brunner an: „Sind Sie der Herr Hess?“. ‒ „Ja.“ Ich war zwar mit dem Geistlichen im Pfarrhaus, einem verputzten Fachwerkhaus auf der gegenüberliegenden Strassenseite, verabredet gewesen; doch kam er mir freundlicherweise entgegen. Wir fanden sofort einen guten Kontakt, und so wurde ich kompetent in die wichtigsten Geheimnisse dieses jungen Bernarda-Wallfahrtsorts eingeführt. Pfarrer Brunner, in Oberrüti-Sins AG und somit in der Nähe von Auw aufgewachsen, wirkte während etwa 20 Jahren überregional im süddeutschen Raum, und seit 13 Jahren betreut er die rund 1200 in Auw ansässigen Katholiken (gesamte Einwohnerzahl: rund 1600).
 
Der freundliche, bescheiden wirkende, an Lebenserfahrungen gereifte Ortspfarrer mit ergrauendem Haar, wachem, fröhlichem Gesichtsausdruck und unauffälliger Brille mit Stahlrahmen erzählte von Bernarda („von Gott geführt, einer inneren Stimme gehorchend, die Menschen liebend und fröhlich“), und er führte mich in die verwandtschaftlichen Zusammenhänge der Bütler-Familie ein (der Stammbaum kann unter http://www.mariabernarda.ch/pages/stammbaum.html eingesehen werden). Er orientierte mich über die Lage des Geburtshauses, erzählte vom Maria-Bernarda-Heim und den Wallfahrten, die oft in Begleitung eines Pfarrers nach Auw stattfinden, der dann eine Andacht hält; in den letzten Tagen kamen z. B. Gruppen aus Olten und Wil SG.
 
Wir kamen auch auf den geplanten, rund 1 km langen Besinnungsweg zu sprechen, der noch im Herbst 2009 verwirklicht werden dürfte; bis zum 18.10. soll er betriebsbereit sein und ab dann selbsterklärend zum Nachdenken anregen. Pfarrer Brunner hat die situationsbezogenen Themen der vorgesehenen 5 Stationen wesentlich inspiriert; er schilderte das Konzept aus dem Stegreif:
 
--  Entdecke Dein Geheimnis (Berufung, Lebensplan).
--  Bewege Dich und lasse Dich bewegen (man bringe sich zur Entfaltung, nehme aber auch Impulse auf).
--  Schöpfe Kraft aus der Natur (die Station ist im Grünen, ermöglicht einen Blick in die weite Landschaft bis zu den Alpen).
--   Orientiere Dich an einem Leitstern des Lebens (diese Station wird sich voraussichtlich beim Maria-Bernarda-Heim befinden).
--   Habe ein weites Herz, wirke, erkenne und schätze auch das Wirken der Mitmenschen (Endstation beim Brunnen bei der Kirche, wo eine Weltkugel mit dem markierten Bernardas Lebensweg aufgestellt werden soll).
 
Die einem Generalunternehmer (dem Metallbauunternehmen Klausner AG, Auw) übertragene Einrichtung der Weganlage soll insbesondere von einheimischen Handwerkern gestaltet werden. Vielleicht kann auch der neue Spycher aus Tannenholz, der über dem Steinfundament von Eichenbalken getragen wird und sich unmittelbar bei der Kirche befindet, in den Besinnungsweg einbezogen werden. Darin könnte ein Bernarda-Museum eingerichtet werden – entsprechende Ideen sind jedenfalls unterwegs. Das gelungene Bauwerk wurde auf Initiative des Chamer Schreinereiinhabers Charles Regez auf dessen eigene Initiative und ohne finanzielle Unterstützung neu gebaut.
 
Beim Spycher und Tätschhaus
Pfarrer Brunner hatte mir kompetent weitergeholfen. Ich bedankte mich für seine Mühen sehr und begab mich zum erwähnten neuen Kantholz-Blockspeicher beim Tätschdachhaus an der leicht ansteigenden Mühlauerstrasse, das gerade umgebaut wird, fotografierte das Ensemble. Aus der Tätschhaus-Baustelle rief mir ein Handwerker mit purpurfarbenem T-Shirt, verschmitztem Lachen, im Mittelteil kahlem Kopf, buschigen Augenbrauen und weissem Schnurrbart aus einer Fensteröffnung zu: „Gibt es schöne Bilder?“ Ich ging zu ihm; der Mann war über und über mit Sägemehl beschneit. Ich lobte den neuen Spycher (den alten, zerfallenen hatte die Denkmalpflege bereits aufgegeben) und ebenfalls die offensichtlich kunstvolle Restauration des wahrscheinlich ältesten, breitbehäbigen Auwer Hauses (Doppelwohnhaus) mit seiner zerfurchten Holzbretterfassade und dem währschaften Balkenwerk, das nach einer dendrochronologischen Holzalterbestimmung durch Markus Sigrist von der Kantonalen Denkmalpflege Aargau aus der Zeit um 1522/23 stammen muss. Der Kern der anschliessenden Scheune wurde frühestens im Herbst 1749/50 erstellt.
 
Erfreut war ich, feststellen zu können, dass ich es mit dem heutigen Eigentümer, also dem Bauherrn Charles Regez (56) aus Cham zu tun hatte, der sich im Dorf eines ausgezeichneten Rufs erfreut, weil er aus eigener, unternehmerischer Initiative viel für die Erhaltung der alten Bausubstanz getan hat und noch tut. Wir verwickelten uns in ein lebhaftes Gespräch, aus dem sich ergab, dass die Schreiner- bzw. Zimmermannsarbeiten für den Spycher mit Laubengängen auf 2 Seiten, die über eine Fronttreppe zugänglich sind, der Châletbauer und Zimmermann Arthur Ernst aus CH-3858 Hofstetten bei Brienz ausführte, der auch für das Ballenberg-Museum tätig ist und sich in solch delikaten Konstruktionen auskennt. Auch die Bruchstein-Grundmauer wurde von einem Spezialisten instand gestellt.
 
Ich erfuhr von Herrn Regez ferner, was ein Tätschhaus nach innerschweizerischer Bauart ist: ein mit Schindeln, vielleicht sogar mit sich überlagernden Holzbrettern gedecktes Bauernhaus, dessen Satteldach weniger steil als üblich und ausladend ist, als ob man es von oben mit einem Tätsch (Schlag) etwas zusammengestaucht hätte. Auf dem flacher gewordenen Dach können sich grössere Schneemengen ablagern, die isolieren und von kalten Winden abhalten. Das Auwer Tätschhaus ist jetzt mit Biberschwanzziegeln gedeckt und wird 3 Familien eine schöne Wohnstätte mit Ambiance bieten. Wie beim Spycher, ist auch hier über dem Mauersockel ein Grundgerüst aus Eichenholz verwendet worden. Die alte Tannenholzfassade kann erhalten bleiben, die Ecken sind mit neuen, kräftigen so genannten Doppelzapfen befestigt. Dies alles trägt zur markanten Aufwertung des historisch gewachsenen Dorfkerns bei.
 
Das Geburtshaus von Verena Bütler
Diese Tätschhaus-Baustelle lag am Weg zum Geburtshaus von Verena Bütler (den Ordensnamen Maria Bernarda vom heiligsten Herzen Mariä erhielt sie erst später); das Gebäude kann dank eines braunen Kulturwegweisers nicht übersehen werden. Am Bachweg stehen 2 ähnliche Häuser, wovon eines mit Eternit, das andere mit Schindeln verkleidet ist. Das Schindelhaus mit dem Klebdach am unteren Dachende und den roten Läden erwies sich als das gesuchte Objekt. An der Wand ist eine Gedenktafel angebracht, die sich noch auf die Seligsprechung bezieht.
 
Eine ältere Frau mit gepflegtem, schlohweissem Haar hantierte neben dem Haus mit einer Giesskanne. Ich stellte mich vor und war wiederum an der richtigen Adresse. Es handelte sich um Rosmarie Wicki-Bütler (*1931), eine aufmerksame, mütterliche Frau, wie man sie sich als verständnisvolle Grossmutter wünschen würde. Sie ist die Enkelin von Josef Bütler, dem Cousin von Verena bzw. Maria Bernarda, der mit ihr zusammen aufgewachsen war; sie ist also eine indirekte Nichte. Verena ihrerseits war die Tochter von Heinrich und Katharina Bütler.
 
Ihre Vorfahren, „Meissen“ genannt, hätten das Haus, in dem auch sie aufgewachsen ist, selber gebaut, sagte Frau Wicki, und bei der jüngsten Renovation, bei der ihr Sohn tatkräftig mitwirkte, habe man wieder Schindeln verwendet, obschon das sehr teuer war, alles auf eigene Kosten; das Haus ist nicht denkmalgeschützt.
 
„Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen das Maria-Bernarda-Zimmer“, bot sie spontan an. Ich willigte freudig ein, stieg die Aussentreppe zur 1. Etage empor und befand mich in einem mit Erinnerungsgegenständen reich ausgestatteten Raum. Auf einem alten, eckigen Bett mit dunkler Bettstatt mit heller Einlage in den Stützen lagen wohlgeordnet Fotos und Zeitungsausschnitte, insbesondere von der Selig- und Heiligsprechung, die Frau Wicki im Vatikan persönlich hatte miterleben dürfen. Über dem Bett, das laut Frau Wicki kaum Verenas Originalmöbel gewesen sein dürfte, aber aus der gleichen Zeit stammt, hängt eine weitere Kopie desselben Gemäldes von Maria Bernarda in der Ordenstracht wie in der Kirche, diesmal in etwas kleinerem Format. Auf dessen Rückseite steht der schwer leserliche Name eines polnischen Kunstmalers, den ich als Andrej Kasparek identifizierte (es könnte auch Karperek heissen). Das Bild (Öl auf Leinwand) ist mit 1992 datiert und trägt einen Firmenhinweis: „M&K Rankweil.“
 
An der hinteren Wand, wo einst ein Fenster war, ist eine riesige Farbfoto der Ordensfrau aufgehängt, und daneben ein Tischchen mit Erinnerungsgegenständen, Devotionalien und einige Flaschen Chriesilikör (Kirschenlikör) aus der einheimischen Brennerei Hirschen GmbH. Das süsse Getränk besteht aus Kirsch, Kirschensaft und Zuckersirup (28 % Alkohol). Auf der Etikette sind der Kirchturm mit dem roten Spitzhelm, das Bernarda-Gemälde, das zum Logo wurde, abgebildet, und dahinter zeichnet sich der Petersdom schemenhaft ab. Ich erwarb die 318. Flasche für 22 CHF, wovon 1 CHF ans Kloster Maria Hilf in Altstätten gehen. Natürlich kann ich nicht sagen, welches Verhältnis die Ordensfrau Bernarda zum Alkohol hatte, aber wenn ich die Sitten und Gebräuche in der katholischen Kirchenorganisation richtig interpretiere, galten Wein und andere Alkoholika dort eigentlich nie als Teufelszeug ... Schliesslich trinkt man kein Messwasser, sondern Messwein.
 
Im Bernarda-Zimmer ist ferner eine Kopie der Taufurkunde zu sehen. Anhand von Fotos erklärte mir Frau Wicki die Wunder, welche der Selig- und Heiligsprechung vorangegangen waren. Meist geht es um die Heilung an sich unheilbarer Krankheiten, und die Heilungen müssen vollständig und von Dauer sowie gut dokumentiert sein. Zudem sind Tugenden wie Glaube, Hoffnung und Liebe verlangt, die im Falle Bernardas offensichtlich vorhanden waren.
 
Das Leben von Maria Bernarda wird hier erkennbar, auch jenes im Nordwesten von Südamerika. Sie reiste, wie gesagt, 1888 mit 6 Begleiterinnen vorerst nach Ecuador, um dort Not zu lindern und am Gottesreich zu bauen. Sie gründete die Kongregation der Franziskaner Missionsschwestern von Maria Hilf, die sich insbesondere der Kinder- und Jugenderziehung annahm. Bald brachen in Ecuador politische Unruhen aus: Die liberale Opposition kämpfte gegen die konservative Regierung – es war eigentlich ähnlich wie im Vorfeld des Freiämtersturms von 1830 als Folge des Kampfs zwischen dem politischen Katholizismus und dem radikalen Liberalismus; die Vormacht der katholischen Kirche war seit den Villmerger Kriegen (1712) ohnehin bereits gebrochen.
 
Die kleine Gruppe von Ordensfrauen musste 1895 von Ecuador nach Kolumbien fliehen und konnte dort dank einer Zufallsbekanntschaft auf der Reise innerhalb einer bestehenden Pfarrei einen neuen Wirkungsbereich aufbauen: Sie nahmen pastorale Dienste in der Krankenpflege, in Pfarrgemeinden, Schulen und eigenen Gemeinschaften wahr. Bis 1920 leitete Bernarda diese Kongregation (= eine Vereinigung von Menschen mit gleicher religiöser Ausrichtung) dank ihres guten Organisationstalents zielstrebig. Sie zehrte ihre Kräfte auf, war an Leib und Seele zermürbt, litt an Fieberschüben, starken Schmerzen, Atemnot und Bronchitis und zudem an einer akuten Darmentzündung und starb im Mai 1924 (Quellen: „Das Evangelium ist mein Leitstern. Von den Schweizer Alpen in die Mission in Lateinamerika“ von Edelburga Meraner, herausgegeben 2008 vom Provinzhaus Bernardaheim, A-6820 Frastanz, und P. Erich Eberle: „Wer aus der Liebe lebt“, Frastanz 1974).
 
Die Wunder
Das 1. Wunder, das Maria Bernarda zugeschrieben wird, ereignete sich 1967 in Kolumbien. Laut einem NZZ-Bericht vom 06.10.2008 lief es folgendermassen ab: „Sie (Maria Bernarda) heilt ein todkrankes Mädchen. Nachdem die Angehörigen dieses auf das Bett der Ordensfrau und deren Abbild auf den Kopf des Kindes gelegt und die ganze Nacht zu ihr gebetet haben, ist am Morgen nicht nur das Bildchen, sondern auch der Tumor verschwunden.“ Bei der Geheilten handelt es sich um die Kolumbianerin Liliana Sanchez, die an einem Gehirntumor litt. Ihr geht es noch heute gut.
 
Das 2. Wunder, die Grundlage für die Heiligsprechung, betraf die Ärztin Mirna Yazime Correa, die an einer untypischen Lungenentzündung erkrankt war und wegen beidseitiger Wasseransammlungen in der Lunge kaum noch atmen konnte. Sie reagierte nicht mehr auf Medikamente, zeigte am ganzen Körper Schwellungen und wurde am 05.07.2002 von den Ärzten aufgegeben. Sie war an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, und die Werte verschlechterten sich. Die Familie hörte von Maria Bernarda. Die Mutter der Erkrankten, Lilian Correa, wickelte ihrer sterbenden Tochter ein Stück Stoff aus dem Ordenskleid von Bernarda und ein Bildchen von dieser ins Haar und begann mit einem neuntägigen Gebet (Novene) zu Mutter Bernarda. Wenige Tage nach dem Gebetsmarathon später erwachte Mirna aus der Bewusstlosigkeit, und ihre Lungen waren auf wundersame Weise geheilt. Die medizinischen Abklärungen bestätigten die Genesung. Die heute etwa 34-jährige, gesunde Ärztin war zusammen mit Frau Wicki an der Heiligsprechung im Vatikan und bezeugte, was mit ihr geschehen war, nach wie vor in voller Bewunderung und Dankbarkeit.
 
„Es geschehen noch Zeichen und Wunder“, stellte ich fest, das 2. Bibelbuch („Exodus“) zitierend. Man braucht den Satz für kleine Überraschungen im Alltag, aber auch für das Unerklärliche. Und die moderne Ausdrucksweise hat dafür einen lapidaren Satz parat: „Lassen wir es einmal so stehen.“ Vieles, darunter die meisten Naturerscheinungen, können wir ohnehin nicht verstehen. Der Bereich des Geheimnisvollen ist um ein Mehrfaches grösser als jener unseres bescheidenen Wissens und Erkennens.
 
Zurück in die Natur
Dann ass ich im „Hirschen“-Garten neben einem Bronze-Elefanten und mit Blick auf Blutbuche, Blautanne und einen Ahornbaum währschaft zu Mittag, verabredete mich mit Anita Küng-Bütler auf 14 Uhr zu einem Gespräch und wanderte in die Natur hinaus, den Besinnungsweg vorweg nehmend, Richtung Maria-Bernarda-Heim, aufs Geratewohl. Die vom Reussgletscher geformte Landschaft, die weiten Grünflächen des Lindenbergs neben dem mit Süsswassermolasse angefüllten Freiämter Reusstal sowie der Blick zur Rigi und die Innerschweizer Alpen mit Tödi und Titlis brachte etwas Ordnung in mein strapaziertes Gehirn.
 
Verena Bütler hatte einen intensiven Naturbezug. Mit ihren eigenen Worten sagte sie es so: „Von kindlichen Tagen an suchte ich immer und immer das Freie, die ländliche Naturwelt, und nur da fühle ich mich körperlich und geistig wohl. Das Schulzimmer, die Wohnstube waren mein Gefängnis (...), der kalte Winter, der mich mehr im Hause gefangen hielt, ein Fegfeuer (...). Jedes Pflänzchen ergötzte mich, da es dazumal in unserem Dorfe fast lauter Wiesen und Saatfelder hatte (...).“ Dem Christentum würde man sich mehr von solcher Naturverehrung wünschen.
 
Das Maria-Bernarda-Heim
Meine weitere Station, das Maria-Bernarda-Heim, erweckte einen schlafenden Eindruck. Es umfasst 2 kubische, in Ocker (Neubau) und hellem Gelb (der renovierte Altbau von 1971) gehaltene Flachdachgebäude neben einer Hochspannungsleitung. Ich wagte mich in die Eingangshalle vor, die menschenleer war. Hier betrachtete ich die Gegenstände, die an die Zeit von Maria Bernarda und die von ihr gegründete franziskanische Gemeinschaft erinnern. Und zudem ist eine Meisterzeichnung von René Villiger hier aufgehängt, eine realistische Zusammenfassung der prägenden Elemente des Dorfbilds.
 
Ein junger Mann erschien zufällig, und, offenbar durch unser Gespräch auf uns aufmerksam geworden, kam Judith Keiser hinzu, welche das Heim seit dem 01.07.2008 leitet und mir trotz meines Spontanbesuchs die Mittagspause widmete. Vor ihr war das Heim von Klosterfrauen geführt worden.
 
Die sportliche, zugängliche Leiterin mit gesunder, sonnengebräunter Gesichtshaut und kurz geschnittenem, schwarzem Haar mit unverkennbarem Interesse für Menschliches und Allzumenschliches vermittelte mir einen guten Einblick ins Heim. Es steht Personen aus allen Konfessionen zur Verfügung, insbesondere solchen aus den Vertragsgemeinden Abtwil, Auw, Beinwil/Freiamt, Dietwil, Benzenschwil, Merenschwand, Mühlau sowie Oberrüti und legt Wert auf eine aktivierende Pflege zur Förderung der Lebensqualität. 44 Personen wohnen hier. Die Tageskosten betragen 89 bis 108 CHF, je nach Zimmergrösse; Auswärtige bezahlen 10 CHF Zuschlag. Seit 2007 wird das Heim von einer Stiftung geführt.
 
Frau Keiser führte mich in die oberste, 3. Etage, von der aus man einen prächtigen Überblick über Auw geniesst – eine „kleine Stadt, in der man sich noch kennt“, kommentierte sie. Dort oben begegneten wir der aus Kolumbien stammenden Ordensschwester Margarita Rojas im Ornat, eine zierliche, demütige Person mit einer mässig dunklen Hautfarbe, abgesehen von einigen Stellen, die von Pigmenten deutlicher gefärbt sind und das Gesicht individuell prägen. Hinter der grossen Brille waren lebhafte Augen auszumachen, die den Überraschungsgast aufmerksam musterten. Schwester Rojas spricht ein einwandfreies Deutsch, erzählte von ihrem angenehmen Aufenthalt in der Schweiz und von Mutter Bernarda, die den beschaulichen Lindenberg sehr geliebt und diesen als „mein Paradies“ bezeichnet habe.
 
Im Gasthof „Hirschen“
Nach diesen angenehmen Begegnungen spazierte ich ins Dorf zurück – Richtung „Hirschen“ an der Sinserstrasse 4. Die Mittagshektik war vorbei, und Anita Küng-Bütler, die Inhaberin dieses grossen Gasthofs mit Tradition, hatte jetzt Zeit zu einem Gespräch bei einem erfrischenden Mineralwasser. Auch ihre Mutter, Maria Bütler-Gisler (*1936), war erfreulicherweise da – beide rotblonde, zupackende, charmante Frauen. Maria Bütler – Verena war ihre Grosstante – führte die Gaststätte zusammen mit ihrem Mann Burkard Bütler in der 5. Generation zwischen 1964 und 2001. Leider hatte Burkart Bütler (*1935) vor etwa 2 Jahren einen Schlaganfall und wird seither im Auwer Bernarda-Heim gepflegt.
 
Der Gasthof wurde am 09.08.1884 von Jakob Bütler (dem Sohn von Verenas Vater Heinrich Bütler) gekauft, und dieser gab ihn dann an seinen Sohn Burkard weiter. Am Neujahr 2001 übernahm Anita Küng das Szepter.
 
Ich fragte die beiden Frauen, ob sich denn in Auw seit der Berühmtheit des Orts im Nachgang zur Selig- und Heiligsprechung viel verändert habe, man spüre hier als Aussenstehender ja nicht viel von Wallfahrtsrummel, schob ich meiner Frage nach. Anita Küng, die bekleidungsmässig so aussah, als ob sie von einer Safari zurückgekehrt wäre, antwortete, hier sei nach wie vor alles „einfach normal“. Und ihre Mutter stimmte zu. Das war auch mein Eindruck, und genau dies macht den verträumten Ort und seine Menschen sympathisch. Sie bleiben so, wie sie sind.
 
Gesegnetes Brot
In der gegenüberliegenden Bäckerei Peter Trutmann antwortete mir Trudi Trutmann auf eine ähnliche Frage, manchmal schaue der eine oder andere Gast, der auf den Spuren Bernardas hierhin kam und sich im Ort umsehen wolle, herein, aber nach dem Medienrummel nach Bernarda-Feiern klinge die Sache jeweils wieder deutlich ab.
 
Auf einem oberen Gestell sah ich 2 Exemplare des „Sr. Bernarda-Brots“. Das wohlschmeckende Gebäck, das aus 4 Brötchen zusammengesetzt und übers Kreuz eingekerbt ist, wird aus gesegnetem Weizen- und Dinkelmehl sowie Kleie hergestellt, und vom Verkaufspreis von 3.80 CHF gehen 20 Rappen an die Mission. Auch ein feiner Apfelstrudel sprach mich an, ebenso ein Linzertörtchen mit einem Abbild der heilig gesprochenen Bernarda und der Auwer Kirche auf der Verpackung.
 
Damit schloss ich meine Auwer Expedition ab und reiste von der einen (südlichen oder oberen) Ecke des Freiamts zur unteren, nach Villmergen (Nachbargemeinde von Wohlen), da ich von Frau Wicki vernommen hatte, dass in der dortigen Kirche eine Bernarda-Statue steht.
 
Die Bernarda-Statue in Villmergen
Unter dem Villmerger Kirchhügel stellte ich meinen erhitzten Prius ab und stieg schwitzend den steilen, gepflästerten und mit Zement ausgefugten Weg zur Kirche mit dem Spitzhelm auf dem Chorflankenturm empor. Sie steht auf einer Geländeterrasse, und etwas weiter oben ist die Nothelferkapelle.
 
Die an exponierter Stelle zwischen 1863 und 1866 von Wilhelm Keller im neugotischen Stil erbaute katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul, die das Dorf beherrscht, ist noch grösser als jene von Auw. Das Eingangsportal auf der Westseite war sperrangelweit offen, und im kreuzrippengewölbten Langhaus stand ein Denka-Lift mit einer Arbeitsbühne am Ende des langen Teleskop-Auslegers, der bis zu den unechten Kreuzrippen über den achtkantigen, schlanken Pfeilern reicht; dort war ein Restaurator bei der Reinigung der tapisserieartigen, floralen Gewölbeausmalung am Werk. Die dreischiffige, weit gespannte Hallenkirche wird soeben einer Innen-Reinigung unterzogen.
 
An der 1909 neu gefassten, auf Elfenbeingrund vergoldeten Kanzel besserte der Restaurator Beat Waldisbühl defekte Stellen in den Blattgold-Leisten aus, eine diffizile Arbeit, welche die ganze Konzentration erfordert. Das Blattgold, zwischen Seidenpapieren eingelegt, ist nur 8/1000 Millimeter dick. Die hauchdünne Folie knault sich gern zusammen und fliegt federleicht, wenn sie der Kontrolle des Vergolders entgleitet. Beat Waldisbühl befettete eine Art Spatel am eigenen Haarboden, wodurch das Gold an diesem Werkzeug haftet und auf auszubessernde, grundierte Stelle aufgetragen werden kann. Das Blattgold hat eine gewisse Elastizität und kann nach dem Antrocknen mit einem abgerundeten, gebogenen Spatel poliert werden.
 
Doch galt mein Hauptinteresse der Bernarda-Statue, die rechts vor dem Chor aufgestellt ist, die bisher einzige in der Schweiz. Mir schien das auf den ersten Blick eine etwas modernisierte, verschlankte Bernarda-Version mit auffallend schmaler Nase zu sein. Die Heiliggesprochene hat zudem blau-graue Augen und einen verträumten, verklärten Blick; auf den übrigen Abbildungen ist der Kopf breit, und die Augen sind jeweils konsequent braun. Ein gelungener Gag ist das Taschentuch in der linken Hand; in der rechten hält sie einen Rosenkranz. Da die schwarze Ordenstracht, die nur das Gesicht vom Kinn bis zu den Augenbrauen und die Hände frei liess, für die klimatischen Verhältnisse in Südamerika denkbar ungeeignet war, musste Bernarda unablässig den Schweiss von der Gesichtspartie wischen. Das Gehorsamsgelübde geht vor, so dass sich keine Erleuchtung durch das Licht des Glaubens, angepasste Kleider zu tragen, einstellen konnte.
 
Die Bernarda-Statue stammt aus den Altarbau-Werkstätten von Ferdinand Stuflesser, St. Ulrich in Gröden (Italien, www.stuflesser.com ), einem bekannten Südtiroler Familienbetrieb mit Tradition. Die geschnitzte Statue wurde, wie ich im Pfarrhaus von der Sekretärin Vreni Hug erfahren habe, dank grosszügiger Spenden ermöglicht und am 19.05.2009 eingeweiht und eingesegnet. Sie war mit Zimmerpflanzen wie einem Philodendron und einem Drachenbaum (Dracaena) aus den tropischen Urwäldern geschmückt.
 
Eine Beziehung zu Villmergen (Bezirk Bremgarten) hatte die aus dem benachbarten Bezirk Muri stammende Bernarda nicht, wie auch Pfarradministrator Bernhard Stefan Schneider, den ich wenig später kennenlernte, bestätigte. Doch weil in Villmergen üblicherweise eine (im Moment demontierte) St.-Niklaus-Statue steht, schien es sinnvoll zu sein, auch die Regionalheilige gleichermassen zu beehren.
 
Die Maturitätsarbeit einer anderen Bernarda
In dieser Kirche lag noch 1 Exemplar der Maturarbeit von Bernarda Adrienne Brunner (man beachte den gleichen Vornamen) aus Hilfikon AG zum Kaufe (25 CHF) auf: „Leben und Wirken der Sr. Bernarda Bütler.“ Ich erwarb diese Schrift der Namensgenossin, habe sie am gleichen Abend daheim gründlich gelesen und sie als erstaunlich reife, um Objektivität bemühte Arbeit erlebt, neutral und ohne Verherrlichungen. Sie stellt die grösseren politischen, kirchenpolitischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge bis hin zur Gegenwartsreligiosität her.
 
Der mir persönlich nicht bekannten jungen Autorin, welche die Kantonsschule Wohlen AG besuchte, möchte ich ein aufrichtiges Kompliment machen, denn aus verhältnismässig spärlich vorliegenden Fakten, meist aus Verherrlichungsschriften, verstand sie es, ein einigermassen gerundetes Bild zu zeichnen. Sie zeigt darin auch auf, wie die katholische Kirche durch Heiligsprechungen, die für sie einträglich sind (Kosten: 100 000 bis 300 000 CHF) an Einfluss und Macht gewinnen will. Die junge Autorin hat wenig Verständnis für bedingungslose Unterwürfigkeit (Maria Bernarda betrachtete Priester als „Könige des Himmels“), für blinden Gehorsam und „heilige Pflichten“ beim Aufbau des „Reichs Gottes“. Sie schrieb aber, ohne verletzend zu wirken; sie lässt ihre Anteilnahme engagiert spüren. Frau Brunner beschreibt die Schwester Maria Bernarda als „helfend, dienend, pflegerisch, aber auch herrschend und manipulativ beherrschend“.
 
Die Heiligen hätten in der heutigen Zeit „extrem an Bedeutung eingebüsst“, schrieb die Maturandin: „Die Gesellschaft individualisiert sich, sie bedient sich aus einer Vielfalt von Religiositäten und wählt nach ihren Bedürfnissen. Dadurch entsteht eine Religion, die keinerlei Bekenntnisse fordert.“
 
Papst Johannes Paul II. wirkte dem durch eine inflationäre Flut von Selig- und Heiligsprechungen entgegen. In seiner Amtszeit (1978‒2005) erhob er rund 1500 Personen in den Stand der Seligen oder der Heiligen, ein eigentlicher Boom. Und sein Nachfolger Benedikt XVI. ist im Verhältnis zur Amtszeitlänge diesbezüglich noch wesentlich aktiver. Selige und Heilige werden schon fast am Fliessband produziert.
 
Die Schweiz kam bisher glimpflich davon. Der 1. Heilige war Niklaus von Flüe („Bruder Klaus“); er wurde bereits 1669 selig und viel später, am 15. Mai 1947, heilig gesprochen. Doch werden hierzulande auch andere Heiliggesprochene verehrt, die aber alle zugewandert sind. Dazu gehören die Märtyrer der Thebäischen Legion (Ägypten) um den heilig gesprochenen Mauritius, die in Saint-Maurice VS oder anderen Orten der Schweiz den Märtyrertod starben. Zu ihnen sind auch Felix, Regula und Exuperantius zu zählen, die bis zur Reformation als Stadtheilige von Zürich amteten. Auch die in den Gegenden um Solothurn und Bad Zurzach AG verehrte Verena (260‒320) gilt in der Heiligengeografie nicht als waschechte Schweizerin, zumal sie ebenfalls aus Theben am oberen Nil stammt. Sie ist in Bad Zurzach begraben und wirkte Jahrhunderte nach ihrem Tod am touristischen Aufschwung dieses Orts mit, was gewiss nicht ihr vorrangiges Ziel war ...
 
Auch die Kirche braucht ihre „Events“, um es im neuzeitlichen Jargon auszudrücken. Aber ein solcher spektakulärer Anlass will nicht so recht zum unauffälligen, der Publizität abholden Leben von Maria Bernarda passen. Dass die Bevölkerung von Auw bei aller Wertschätzung Bernardas das ganze Spektakel bisher in freiämterischer Bescheidenheit über sich ergehen liess, spricht für sie. Und wenn dem lokalen Gewerbe dadurch das Überleben ein wenig erleichtert wird, ist das ebenfalls gut so.
 
Ich konnte meine Recherchen beenden – während des Tages kehrte meine Glücksphase zurück – , hatte meine Angaben beisammen und werde meinen Zeitschriftenbericht nun schreiben können, aus dem Vollen schöpfend.
*
Daheim angekommen, schaute ich nach, ob sich die Internetverbindung wunderbarerweise wieder aufgebaut habe. Keine Spur. Ich ass zu Abend: Früchte, Beeren, Haferflocken, Jogurt, Rohmilch von Demeter-Qualität und dazu einen Viertel vom gesegneten Sr.-Bernarda-Brot.
 
Gleich nach dem nächsten Internet-Verbindungsversuch trudelten 183 E-Mails herein, und das Netz war plötzlich wieder intakt. Auch meine Webseite schien schneller denn je abrufbar zu sein. Ein Wunder, obschon ich nicht einmal ausdrücklich darum gebeten hatte. Die digitale Maschine war nicht mehr defekt, als ob sie das gesegnete Brot selber gegessen hätte. Die Heilung erwies sich bis jetzt als nachhaltig. Und so kann ich auch diese rohen Aufzeichnungen ins Netz stellen.
 
Himmlischen Dank, liebe Bernarda!
 
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