Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     August 26, 2019 06:58 CET
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 08.09.2009


Nebel, Nieselregen auf dem Mont Soleil beim Solarkraftwerk
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Man kann heutzutage nicht einmal mehr den Namen von Bergen trauen: Auf dem Mont Soleil (dem Sonnenberg) oberhalb von Saint-Imier (Bezirk Courtelary, Kanton Bern) war wegen der auf dem Jurarücken liegenden Wolken kaum noch die 100 Meter hohe Windturbine „JUVENT“ zu sehen. Das rotierende Ungetüm war höchstens 300 Meter entfernt. Manchmal lichtete sich der feuchte Wolkennebel etwas. Auf dem Mast traten die 3 riesigen Rotorblätter vorübergehend in Erscheinung. Sie sind in mehrerer Hinsicht beweglich, können sich automatisch verstellen und schienen nervöse Zuckungen zu haben. Die Propeller drehten sich mit letzter Kraft – die von Vestas in Dänemark konstruierte Maschinengondel auf dem hohen Mast, aus der die 3 windempfindlichen Blätter herauswachsen, hätte zur Belebung gern etwas Sturm gehabt. Nieselregen nützt ihr gar nichts. In der Nähe, auf dem Mont Crosin, sind noch weitere 7 Windturbinen, von denen aber nichts zu sehen war. Dorthin wandert man in 1 Stunde 20 Minuten.
 
Solarzellen-Versammlung auf der Montagne du Droit
Zusammen mit meiner Tochter Anita hatte ich die Exkursion auf den Sonnen- bzw. Nebelberg im Rahmen einer 100er-Gruppe am 02.09.2009 unternommen, die der Einladung der infel AG, Zürich, der Informationsstelle für Elektrizitätsanwendung, gefolgt war, wobei das Thema Solarenergie im Vordergrund stand. Wahrscheinlich haben sich vor uns bereits etwa eine halbe Million Energie-Wallfahrer dort oben, auf dem Höhenzug der Montagne du Droit, umgesehen.
 
Auf dem Mont Soleil (1289 m ü. M.), eine durch die Faltung erzeugte Aufwölbung (Antiklinale) des Faltenjuras, stehen seit 1992 auf 20 000 m2 Landfläche (entsprechend 3 Fussballfeldern, dem neuen, von mir soeben erfundenen Flächenmass =Ff) 4575 m2 monokristalline Solarzellen. 8,7 Mio. CHF sind dafür von der Gesellschaft Mont-Soleil (BKW, Centralschweizerische Kraftwerke, AEW Aarau, Energie Wasser Bern, ABB, AEK Energie AG, EBM Münchenstein, Groupe EEF.ENSA und onyx Energie Mittelland) investiert worden. Eine Übungsgelegenheit zum Einfangen des flüchtigen Sonnenlichts mit all seiner Launenhaftigkeit.
 
Der verflixte Wirkungsgrad
Im Bestfall, das heisst bei idealer Sonneneinstrahlung, kann diese umfangreiche, himmelblaue Anlage 500 Kilowatt (kW) Wechselstrom erzeugen. Das fleckige Blau ist die Farbe der Laminate, also der flexiblen Solarfolien, die sich an den allfällig unebenen Untergrund anpassen. Bei unserem Besuch dümpelte die Produktion um 80 kW herum. Der vorerst anfallende Gleichstrom muss mit Verlust in Wechselstrom umgewandelt werden. Er, der seine Polung ständig wechselt, ist unser handelsüblicher Strom, weil er besser zu übertragen ist und die ganze Nachrichtentechnik nur dank ihm funktioniert, also auch das Übertragen dieses Tagebuchblatts zum interessierten Leser, falls es einen solchen geben sollte.
 
Der Wirkungsgrad, das heisst der Anteil der abgegebenen, nutzbaren Leistung an der zugeführten Gesamtleistung, liegt lediglich bei etwa 13 Prozent, der zudem wegen des Umwandlungsverlusts vom Gleich- zum Wechselstrom auf 11,5 Prozent absackt. Der Wirkungsgrad konventioneller Zellen beläuft sich auf 14‒17 %, wenn alles stimmt, das heisst wenn sie im optimalen Winkel zur Lichtquelle stehen. So verbleiben laut der Referentin Brigitte Peiry, ein Sonnenschein von einer geduldigen Führerin übrigens, pro Jahr 500 000 bis 600 000 Kilowattstunden, die zu 60 % im Sommer und zu 40 % im Winter vom Himmel oder von reflektierendem Schnee kommen. Diese Menge reicht für etwa 200 durchschnittliche Haushalte aus, was nicht gerade umwerfend ist.
 
Wie man aus eigener Anschauung mit Sonnenbrille weiss, veranstaltet die Sonne, von der rotierenden Erde aus betrachtet, nicht täglich die gleichen Bögen, woraus die Jahreszeiten resultieren. Die 10 560 Panels (mit Alu-Silber zu Reihen geschalteten Solarzellen), die auf 110 stabilen Metallkonstruktionen („Tischen“) stehen und mit einer Effizienz steigernden Schicht überzogen sind, werden damit nur bedingt fertig. Eigentlich müssten sie immer genau und im richtigen Winkel zur Sonne ausgerichtet sein, das heisst sie müssten der Sonne laufend nachgeführt werden. Das Licht sollte möglichst rechtwinklig auftreffen. Aber wo ist die Sonne, wenn Wolken zwischen Solarkraftwerk und Sonne sind und man sie nicht sieht? Astronomen, die millimetergenau wissen, was im All so vonstatten geht, könnten das schon berechnen. Doch die Konstruktion würde dadurch wesentlich komplizierter und teurer, und ob die so erreichte Wirkungsgradverbesserung von etwa 20 %, basierend auf dem jetzigen Wirkungsgrad, nicht durch die hohen Kosten mehr als aufgefressen würde, steht noch in den Sternen. Der begrenzte Wirkungsgrad konventioneller Zellen, wie sie heute zu haben sind, nimmt nach jahrelangem Betrieb leicht ab. Aber die Techniker forschen weiter, und Solaranwendungen werden auch im Flugzeugwesen (Solarflugzeug von Bertrand Piccard) und im Schiffsbau (beim längst ausflügelnden MobiCaut auf dem Bielersee) weitergetrieben. Auf dem Dach des Stade de Suisse in Bern werden Solarzellen statt Ziegel zur Dachbedeckung verwendet, eine gute Idee, die von energiesportlichem Denken zeugt.
 
Attraktiv ist demgegenüber der Wirkungsgrad von Solarkollektoren zur Warmwassererzeugung: rund 80 %, und solche Dimensionen zahlen sich aus. Man kann ja auch einfach einen schwarzen Schlauch aufs Dach legen und die Wärme ohne Umwege als Wärme nutzen, also ohne über den verlustreichen Umweg der Elektrizitätserzeugung.
 
Nur keine Blitze!
Wir schauten nach der grauen Theorie die Forschungs- und Demonstrationsanlage, an der eine 16 000-Volt-Leitung vorbeiführt, bei Nieselregen an; Anita beschützte mich mit ihrem Schirm, was meinen eigenen Wirkungsgrad verbesserte, indem dies das Notieren und Fotografieren erleichterte. Frau Peiry sagte, dass es in diesem Panelgarten einfach nicht blitzen dürfe (und sie meine nicht etwa harmlose Fotoblitze), weil sonst ein einziger Blitzeinschlag 10 in Serie geschaltete Tische, d. h. die darauf montierten Panels, schlagartig ruinieren würde. Weil sich aber Blitze nicht an Blitzverbote zu halten pflegen, muss die Anlage bei Blitzgefahr vorsorglich abgeschaltet werden, was dem Wirkungsgrad der Solaranlage einen weiteren Dämpfer versetzt. Wegen der vielen Kupferkabel schlagen Blitze oft in den Boden. Dabei musste einmal ein mähendes Schaf das Leben lassen. Ich schob eine Schweigeminute ein. Eine Herde von etwa 20 Tieren ist im Kraftwerkareal als Rasenmäherin beschäftigt.
 
Die Konstruktion der Panels ist anspruchsvoll, sollten sie doch jahrzehntelang Wind und Wetter trotzen. Der Schnee rutscht wegen ihrer Steilheit von selbst zu Boden. Als die Schneedecke einmal besonders dick war, mussten die Panels allerdings freigeschaufelt werden. In einer Nut sah ich ein Flechtenwachstum, das auf saubere Luft hinweisen wollte. Die auf dem Sonnenberg installieren Panels stammen von Philips aus den USA, funktionieren aber trotzdem recht gut.
 
Wunder dauern etwas länger
Die Orientierung durch Frau Perry war neutral, zeigte Chancen und Probleme sachlich auf. Es ist wunderbar, dass im Sektor der oft überschätzten Alternativenergien so intensiv geforscht wird. Aber Wunder und die Lösung aller Energieprobleme darf man davon nicht erwarten. Zwar liegt viel natürliche Energie herum; die Pflanzen haben mit ihrer Fotosynthese eine grossartige Lösung gefunden, diese effektiv zu nutzen. Doch will ja wohl niemand behaupten, die Menschen seien auch nur annähernd so schlau und mit so viel konstruktivem Geschick versehen wie die Pflanzen. Unsere technischen Konstruktionen sind unendlich schwerfälliger, stellen sich unbeholfen neben die Naturkreisläufe und verursachen viele Spesen. Ich habe noch kein Areal gesehen, auf dem die Natur riesige blaue Tafeln aufgestellt hätte, die sie verkabelt und mit Wechselrichtern zur Umwandlung von Gleichspannung in Wechselstrom in eine brauchbare Form gebracht hätte. Darum bietet die Natur denn auch einen solchermassen schönen Anblick.
 
Die „Florida“-Windmühle
Windmühlen sind ebenfalls eine menschliche Erfindung. Eine solche, die offensichtlich nur zu Dekorationszwecken dient, hatten wir Energie-Wallfahrer, die wir von Olten her in 2 Europabussen angereist waren, beim Seminar- und Freizeithotel „Florida“ in Studen BE bei Biel gesehen. Die schwerfälligen Propeller der Windmühle, die eher Romantik statt Strom produziert, schliefen morgens um 8 Uhr noch. Ich entwickelte das Gefühl, dass ein starker Wind sie eher wegblasen statt in Rotation versetzen würde.
 
Der tropengartenähnliche Eingang zum Restaurant wetteifert mit dem Amazonas-Dschungel. Der wirkliche Urwald ist ein Pappenstiel im Vergleicht zur Dschungel-Konstruktion unter Glas im Eventhotel – nicht was die Dimension, sondern bloss was die Blütenfülle anbelangt. Wir genossen einen Kaffee, hatten auch ein heisses Gipfeli zugute und lernten dabei nebenher, wofür man Elektrizität alles brauchen kann – zum Aufbacken von Gebäck beispielsweise.
 
Die Anfahrt nach St-Imier
Die weitere Anfahrt war über Biel erfolgt, dann hinauf in den felsigen, zerfurchten Berner Jura und via Les Breuleux nach St-Imier. Bei der Talstation der Drahtseilbahn (Funiculaire) kann man sich an einer Informationssäule über den Werdegang von St-Imier (französische Schreibweise) ins Bild setzen. Bis um 1850 war das ein Bauerndorf, das 1839, 1843 und 1856 durch Grossbrände zerstört wurde. Wie im nahen La Chaux-de-Fonds setzte sich beim Wiederaufbau die schachbrettartige Strassenordnung durch, sozusagen eine ortsplanerische Manifestation der industriellen Technik, die zu jener Zeit ein Industriestädtchen entstehen liess. Kinder wurden oft an die Werkbank statt in die Schule geschickt. Von 1800 bis 1860 versechsfachte sich die Einwohnerzahl von St-Imier auf über 5000. Heute sind es noch immer etwa 4800 Personen, die hier, im zentralen Vallon de Saint-Imier, einem Jura-Längstal, leben. Herrschaftsvillen im Vorort gegen Sonvilier im Westen und damit am Fusse des Fôret Droit sowie mehrstöckige Arbeiterwohnhäuser erzählen von der Geschichte der einst blühenden Uhrenindustrie. Im fast klassizistischen Traditionsbau in der Talsohle, der Longines-Uhrenfabrik, die zur Swatch-Group gehört, sind noch heute über 500 Personen damit beschäftigt, anspruchsvolle Chronometer und Uhren im Hochpreissegment zu fertigen.
 
Die Existenz des Longines-Werks ist nach der Krise der Uhrenindustrie, die um 1970 einsetzte, eine erstaunliche und erfreuliche Tatsache. Angehörige von Uhrmacherfamilien sind kultivierte Leute, wie das Kulturzentrum Espace noir und das Relais culturel d’Erguël, das in der ehemaligen Mühle der Reine Berthe untergebracht ist und ein Museum, Bibliotheken und eine Ludothek enthält, in St-Imier lehren. Zudem ist der Ort Sitz der Ingenieurschule des Jurabogens.
 
Die Auffahrt
Man wollte dort schon immer hoch hinaus, wie die Funiculaire St-ImierMont Soleil („Funi“) andeutet. Mit einem furchterregenden Gefälle von 39 bis 60 % klettert die Standseilbahn in zügiger Fahrt über 743 m hinauf auf den Mont Soleil, wie immer seit 1903. Dabei bewältigt sie 351 m Höhenunterschied. In den einzigen Wagen kann man 60 Personen stopfen (Kosten der Rückfahrt pro Person: 9 CHF). Die Kletterbahn wurde im Verlaufe ihrer Geschichte mehrmals erneuert. Von der Bergstation aus erreicht man die Centrale solaire zu Fuss in etwa 15 Minuten.
 
Auf dem Chasseral
Zum Mittagessen wurde die Gruppe zum Hotel Chasseral auf 1609 Höhenmeter verfrachtet. Ich studierte die lange Panoramatafel neben dem ausladenden Berghaus, die zeigte, was zu sehen gewesen wäre, wenn etwas zu sehen gewesen wäre, falls der Nebel nicht gewesen wäre. Diese schwerfällige Formulierung im Konjunktiv II mag die verzweifelte Lage andeuten. Doch freuten wir uns, dass es wenigstens nicht mehr so tropisch heiss wie in den vorangegangenen Tagen war.
 
Das Mittagessen bestand aus Salat, Curry-Poulet, Reis, einem Ring Büchsen-Ananas, ½ Zwetschge, in der hauseigenen Küche in Handarbeit zerteilt, und einem Caramelköpfli zum Dessert. Anita kämpfte verzweifelt für eine vegetarische Variante, die aber viele, viele Tage im Voraus hätte bestellt werden müssen, wie die aus Asien stammende Serviererin lehrte. Die Sache war gelaufen.
 
Mich erinnerte das etwas an die starren Solarpanels, die einfach die nötige Flexibilität nicht haben – mit allen Folgen auf die gute Wirkung. 
 
Hinweis auf ein Blog von Margrit Haller-Bernhard mit Solarenergie-Bezug
 
Hinweis auf einen Ratgeber-Text
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier