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BLOG vom 09.09.2009


Pferdealtersheim „Le Roselet“ JU: Viele menschliche Bezüge
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Das Bild war eindrücklich, ergreifend: Auf dem mit Rindenhäcksel belegten, eingehagten Trockenplatz unter einem Vorplatz vor Stallungen standen 2 grosse, schwere Pferde, ein mittelbrauner Freiberger und ein hellbraunes Shetlandpony mit einer dichten Mähne, Seite an Seite, den Blick in gleicher Richtung leicht zum Boden gesenkt. Sie standen da, ruhig, unbeweglich, müde, melancholisch, dösend. Gleich dahinter, in etwa 20 Metern Distanz, ein ebenfalls älteres Freiberger-Paar mit weissen Hufkronen, wie es schien. Partner-Look. Auch sie standen einfach dort, spürten eine gewisse körperliche Nähe des Anderen und warteten. Worauf? Ein altes, gertenschlankes Pferd lag am Boden, versuchte aufzustehen, streckte die Vorderbeine aus, warf den Kopf nach hinten, wie um sich Schwung zu geben. Es gelang lange nicht. Die Muskeln waren schwach. Der Ort des Geschehens: Bei den Gebäuden der Stiftung für das Pferd „Le Roselet“ in CH-2345 Les Breuleux (ehemals Brandisholz, Bezirk Franches-Montagnes, JU).
 
„Schwarz auf weiss“
„Le Roselet“ ist ein vom Reiter und Journalisten Hans Schwarz initiiertes und 1958 eröffnetes Pferdealtersheim, die Endstation für alte, ausrangierte Rösser; der Gründer starb 1965. Ich habe seine Publikation „Schwarz auf weiss“ („Die Zeitung für den freien Bürger“), die pro Ausgabe für 50 Rappen zu haben war, in meinen jungen Jahren jeweils verschlungen. Vorher hatte Schwarz mit Gleichgesinnten die demokratische Kampfzeitung „Die Nation“ und die „Schweizer Zeitung am Sonntag“ gegründet, in denen er für die Erhaltung der politischen Freiheiten und die Bekämpfung von jeder Art von Diktatur und Konformismus eintrat. Solche kritische Geister wären heute, in dieser Zeit der besonders ausgeprägten Anpassungen, Unterwürfigkeit und Gleichmachung wichtiger denn je.
 
Schwarz war ein geschickter Fechter, schrieb Klartext, wurde manchmal fuchsteufelswild, nannte Missstände beim Namen, war das Enfant terrible der schweizerischen Journalistik, setzte sich für Menschen und Tiere ein und hat kurz vor seinem Ableben seinen eigenen Nachruf geschrieben: „Der Tod an meiner Seite.“ Zur Pferdehaltung in der Schweiz wetterte er in der Abschiedsnummer seines Kampfblatts vom 07.07.1965: Item, die Pferdehaltung in der Schweiz war immer nur bei einer Minderheit von Pferdehaltern einwandfrei (Boxe, Pferd nicht angebunden, Weide oder wenigstens Auslauf, täglich genügende Bewegung im Freien, liebevolle Behandlung, mindestens einen Stallgefährten, und wäre es ein Schaf oder Rind). Heute aber ist sie meistenorts eine Katastrophe, ein Skandal, eine Schande für unser Land. Es wäre vorzuziehen, es gäbe nur noch zwanzigtausend Pferde in unserem Land, die richtig gehalten werden, als sechzigtausend, von denen die Hälfte ein nur einigermassen würdiges, die andern aber ein miserables Leben haben.“
 
Die Geschichte des Pferdeheims
Rückläufig war der Bestand an Arbeitspferden. Sie wurden in den letzten Jahrzehnten zunehmend durch Maschinen ersetzt, die weniger Betreuung brauchen. Der Tierpfleger Stefan Hofer erzählte uns in „Le Roselet“ die Geschichte des Heims, das zuerst auf der St. Petersinsel eingerichtet worden war; doch erwies sich jener Ort wegen der vielen Fliegen und Mücken als ungeeignet. In den Freibergen, in „Le Roselet“, an der Strasse Les Breuleux–Les Emibois, fand man geeignetere Grundstücke mit grossen Weideflächen und Stallungen, die aus eigenen Mitteln (Spenden) ständig weiter ausgebaut wurden; auch ein Restaurant kam hinzu. Soeben wurde der mittlere Veteranenstall umgebaut. Und ausserhalb des Dorfs Les Bois wurde beim Turm eines Ursulinenklosters aus dem 17. Jahrhundert eine komfortable Filiale für Pferde und Esel eingerichtet – Ställe aus Holz und ausladenden Dächern. Ein weiteres Pferdeheim, das ebenfalls der Stiftung für das Pferd gehört, befindet sich in Le Jeanbrenin. Insgesamt werden heute etwa 165 Pferde, Ponys und Esel betreut, meistens solche ab 18 Jahren. Auch wird eine kleine Freiberger Zucht betrieben, die, ein willkommener Nebeneffekt, den gealterten Stuten und Hengsten wieder etwas Leben einflösst. Es sei wie in einem Altersheim, wenn eine neue junge, attraktive Pflegerin auftauche, metapherte Hofer, um die Lage verständlich zu charakterisieren.
 
Doch im Gegensatz zu Altersheimen für Menschen, wo man kaum Leute im Freien sieht, sind die Pferde möglichst oft an der frischen Luft – insgesamt stehen ihnen um die 90 Hektaren zur Verfügung. Im Sommer suchen sie die Ställe gelegentlich auf, wenn es draussen zu heiss ist, und im Winter müssen sie ins Freie, wenn die Ställe gereinigt werden. Wenn die Tiere im Herbst möglichst lange draussen sind, erhalten sie ein schöneres, dichteres Winterfell. Sie können im Freien ihren Herdentrieb gut ausleben. Ob sie die schöne, leicht hügelige, ruhige Landschaft mit den Einzelbäumen, Tannenwäldern gebührend geniessen? Der Nebel hatte sich am Tage unseres Besuchs gegen Mittag gelichtet, der Himmel war noch verhangen, die Luft klar, der Blick über die saftig grüne Landschaft ungetrübt.
 
Gewisse Parallelen zum Menschen
Die Altenbetreuung ist auch in der Pferdebranche eine aufwändige Angelegenheit. So haben viele Pferde Zahnprobleme; denn durch das Mahlen haben sich die Zähne abgeschliffen. Wenn die Pferde das Futter nicht mehr genügend zerkleinern können, ist es ihnen weniger gut möglich, Nährstoffe aufzunehmen. Sie magern ab und werden schwächer und schwächer. Viele von ihnen haben auch Arthrose, wobei zu berücksichtigen ist, dass rund 20 Prozent der Pferdeheiminsassen über 30 Jahre alt sind. Das älteste Tier, Santa Lucia (Shetland), hat Jahrgang 1971.
 
In der Regel kostet die Einstellung eines Pferds (Kost und Logis) etwa 800 CHF im Monat, wobei dann noch die Pflege hinzukommt. Die Stiftung Roselet verlangt vom letzten Besitzer nur monatlich 200 CHF, inkl. Pflege (Hufeisen- und Nagelpflege), Tierarzt, Tierspital; er muss die gesamte Entscheidungsbefugnis abgeben. Das Geld wird im Übrigen von 35 000 Gönnern bereitgestellt; auch Patenschaften können eingegangen werden (www.philippos.ch). „Es geht uns gut“, sagte Stefan Hofer. Auch den Pferden geht es offensichtlich gut; sie haben das grosse Los gezogen. Die Pferdeanlagen und -weiden sind für den Kanton Jura auch ein bedeutender touristischer Faktor, kommen doch pro Jahr etwa 80 000 Besucher nach Le Roselet.
 
Nach unserem Rundgang durch die Stallungen, in die durch bauliche Massnahmen zunehmend mehr Licht gebracht wird, standen die alten Pferde noch immer gedankenversunken auf dem Trockenplatz. Ihre Rücken hingen zum Teil zwischen Widerrist und Kruppe stark durch. Dies müsse nicht unbedingt vom Reiten sein, antwortete Pfleger Hofer auf meine Frage. Mit zunehmendem Alter werde einfach die Muskulatur etwas schwächer, und der Bauch zieht natürlich auch nach unten. Man kennt das ja.
 
Pferde sind halt auch nur Menschen ... Unsere Reisegruppe, die gerade von der Besichtigung des Solarkraftwerks auf dem Mont Soleil gekommen war (infel-Exkursion vom 02.09.2009), bestand vor allem aus älteren bis alten Leuten wie mir, eine Art Altersausflug. Als ich da zu philosophieren begann, weil das bei dieser Übereinstimmung der Altersauswirkungen zwischen Pferd und Mensch kaum zu verhindern war, gab meine Tochter Anita (43) ihre eigene Version bekannt: „Siehst Du“, sagte sie, „diese Pferde leben im Jetzt, geniessen den Tag und fragen sich nicht, was morgen ist.“
 
Das war gut gesagt. Meine Begleiterin kam mit mir dann zum Gehege, hinter dem ein alter Esel seinen eigenen Gedanken nachhing. Gleich und gleich gesellt sich gern. Ich sprach das Tier kollegial an, lobte seine Eigenschaften der Unbeugsamkeit, Hartnäckigkeit, Selbstbewusstheit. Der Esel hörte aufmerksam zu, und Anita fotografierte uns zwei. Ich habe das Bild gerade exakt betrachtet. Grosse Unterschiede sind tatsächlich nicht auszumachen.
 
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