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BLOG vom 10.10.2009


Die 4 Wohltaten, oder: Der Zeitgeist, in Glossen gefasst
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Der Nieselregen draussen stimmt mich verdriesslich. So singe ich das Loblied auf den gegenwärtig noch immer vorherrschenden Zeitgeist, der uns so reichlich mit Wohltaten überschüttet. Nachher werde ich wieder froh und zuversichtlich sein.
 
Wohltat 1: Das Handy
Die besten Wohltaten sind jene, die man ausschlägt. Was andere geniessen, geniesse ich mit, ob ich will oder nicht. Der Hund trägt ein Halsband. Der Mensch hält sein Handy, entweder an die Ohrmuschel gedrückt oder ist mit einem Gängelband ans Gerät gebunden. Er zapft damit Musik ab oder verzapft und empfängt viel zum Lebensgenuss unentbehrlichen Konversationsstoff. So ein Stoffwechsel leert nebst dem Darm auch das Hirn. Der im Kopf geschaffene Freiraum wird sofort nachgefüllt. Ich staune, wie fingerfertig der Daumen die Tastatur des Handys bearbeitet und neu verbunden der Handy-Schwätzer weiter quasselt mit einer sprachlichen Akribie, Eloquenz und Eleganz ausserhalb der Schule gewonnen. Das hat schon Martin Luther erkannt, als er sagte, man müsse dem Volk aufs Maul schauen. Der Zeitgeist legt diese Erkenntnis weiterhin mit erhöhter Resonanz an den Tag. Schliesslich unterhalten sich die Leute über Distanz, und es muss dabei geschrien werden, damit nicht nur ich an der Konversation teilhaben kann.
 
Mit dem gleichen Gerät kann heute der Texter mit dem Daumen allein schneller schreiben als mit 10 Fingern auf dem PC: 1 4 10 (one for ten). Der arme William Shakespeare musste sich mit einem Federkiel abquälen …
 
Wohltat 2: Der Konsument
Welche Wonne, das Gitterkorbwägelchen durch den Supermarkt zu stossen und an allen Ecken an ein anderes zu stossen. Ein Rädchen klemmt, ein anderes rollt um sich selbst. Aber der Spass lohnt sich, dank des reichhaltigen 2-4-1-Angebots (buy two, get one free). Im Nu ist dieser geräderte Einkaufskorb voll gefüllt. Die überlasteten Rädchen beginnen zu quietschen. Bitte nicht hastig zerren oder stossen, sonst könnte er umkippen.
 
Der Konsument reiht sich munter in die lange Warteschlange vor der Kasse – und ist bei Weitem nicht allein und kann erst noch sein Handy anschalten. Vergnügt wie ein Küken, piepst der automatische Preisableser dazwischen. Nur eines könnte den Spass verderben – nämlich wenn man den Code der Visa-Karte vergessen hat. Dann ist der Konsument aufgeschmissen. Nicht der Supermarkt, sondern allein die Karte, das heisst, die Bank sichert Kredit, es sei denn, die Kreditlimite sei bereits überzogen. Welche Schmach, dabei ertappt zu werden…
 
Der Konsument erfreut sich des Lebens nach seinem wohlverdienten Einkaufssieg, sobald er auf dem Parkplatz die Ware in den Kofferraum lädt. Einfacher geht es nicht. Nach langer Heimfahrt durch den Verkehrsstau werden die auf Vorrat gekauften Lebensmittel aus dem Plastik befreit und in den Kühlschrank gestopft. Die Dame des Hauses hat diesen Liebesdienst zum leiblichen Wohl der Familie geleistet und hat ihren „cup of tea“ voll verdient! Die Wunderküche besteht aus Fertigmahlzeiten – ganz nach dem Geschmack des Zeitgeists.
 
Wohltat 3: Der Automobilist
Je grösser das Auto, solange es das neueste Modell ist, desto höher schwillt das Wohlbefinden des Besitzers eines der so genannten „Chelsea tractors“, besonders weil es das Wohlbefinden neidischer Nachbarn stört. Vom erhöhten Fahrersitz im dichten Londoner Verkehr, hinter verdunkelten Scheiben sitzend, beansprucht der Lenker gern 2 Fahrbahnen und missachtet das Vortrittsrecht anderer Strassenbenutzer.
 
Das soll ihm nicht angelastet werden. Ganz im Gegenteil. Aufs Volkswohl bedacht, ist mancher Besitzer solcher und anderer Luxuskutschen ein Mitglied des Spitzenkaders einer Grossbank oder ein Grossmogul der Industrie und hat rechtschaffen die Wirtschaftskrise unterstützt. Solche ehrenwerte Mitglieder der Prominenz verdienen es, als Vorbild zu gelten für die nächste Generation der Spitzenverdiener, die auf ähnliche rechtschaffene Art und Weise das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich sichert, wacker unterstützt von Politikern aller Schattierungen zwischen Grau und Schwarz innerhalb des demokratischen Kapitalismus.
 
Verdoppelt euere Boni, sage ich, und lässt die englischen Members of Parliament weiterhin ihre Taschen stopfen!
 
Damit habe ich hier beinahe die nächste Wohltat vorweggenommen:
 
Wohltat 4: Die „Celebs“
Wie trostlos wäre die Welt ohne sie! Sie sorgen für Unterhaltung und Skandale, ob als Fussballspieler in der Liga von David Beckham, in Gefolgschaft seiner lobenswerten Gattin Victoria Beckham; als schief lächelnde Künstlerin Tracey Emin, die jetzt ihr ungemachtes Saubett nach Frankreich verlagern will, um dem Steueransatz von 50 % zu entkommen; als Carla Sarkozi, einstiges Nacktmodell und gegenwärtig eine Sängerin mit Fistelstimme, ihrem Mann als Celeb ebenbürtig und ihn erst noch um einen halben Kopf überragend; als skandalumwitterter Silvio Berlusconi  … Wer zählt sie auf? Sie sind vom Zeitgeist zu Leitbildern gehisst und werden von „Fan Clubs“ bejubelt. Gut, dass dem so ist, denn die Welt braucht „role models“ (Vorbilder)."
 
Nach diesem Loblied auf den Zeitgeist hat sich meine Laune verbessert, einzig und allein, weil der Nieselregen der Sonne gewichen ist.
 
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