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BLOG vom 02.11.2009


Sunday Times: Ein verregneter Londoner Sonntag …
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Am 1. November 2009 hatten wir in London diesen Regensonntag. Um 8 Uhr morgens wollten wir zur Antiquitäten-Messe („Antiques for Everyone“) nach Birmingham fahren. Ich wollte neue Kontakte anbahnen und meine Preiskenntnisse auffrischen. Ich schaute aus dem Fenster zum Himmel hoch, wie ein zügiger Wind dunkle Regenwolken meine Absicht vertrieb. Der Regen begann gegen die Fenster zu prasseln, und eine Wasserkaskade floss über die schräge Glaswand beim Hauseingang tief. Bei solchem Wetter fahre ich nicht auf Autobahnen. Ich trank eine Tasse Kaffee und plante einen neuen Tagesablauf im Haus.
 
Am letzten Freitag hatte ich von meinem Uhrenmacher in Basel ein Ersatzteil für meine Neuenburger Pendüle erhalten: ein neuer Haltegriff für das Pendel. Die Operation dauerte eine gute Stunde und gelang mir. Munter schwingt das Pendel wieder hin und her.
 
Inzwischen war es 10 Uhr geworden. Ich fuhr durch den Regen zum „Corner Shop“ im Wimbledon Village und kaufte meine Sonntagslektüre, die mit allen Beilagen rund 2 kg schwere „Sunday Times“.
 
Das Lesefutter im Hauptteil der Zeitung bot keine Überraschungen: Spritzen gegen die Schweinegrippen sollen allen 18-Jährigen verabreicht werden, Cannabis sei nicht gesundheitsgefährdend, im Gegenteil. Die Kontroverse ist im vollen Gang. Der britische Premier Gordon Brown will noch mehr Geld aus dem Fenster werfen, um die Wirtschaft anzukurbeln.
 
Immerhin doch noch eine Neuigkeit: Der Briefwechsel des Nobelpreisträgers Thomas Stearns Elliot, zum 1. Mal veröffentlicht, rücken ihn in ein besseres Licht (u. a. habe er seine Frau nicht grausam behandelt). Einige Zeilen seines Gedichts „Waste Land“, 1922 geschrieben, und als eines der aussagekräftigesten des 20. Jahrhunderts gerühmt, passte ausgezeichnet zu diesem Regensonntag: „He who was living is now dead/We who are living are now dying/With a little patience“ (Er, der lebte ist jetzt tot/Wir, die leben sind jetzt am Sterben/Mit ein bisschen Geduld).
 
Der Streik der Pöstler habe seine gute Seite, so lese ich als heutiger Langsamfahrer weiter. Fahrer, die, zu schnell fahren,d vom einarmigen „CATV-barrel“ (Fotovisier) erwischt wurden, entkommen den Bussen, weil sie nicht fristgerecht ins Haus flattern.
 
Der gutherzige Lord Mandelson, der ungewählte 1. Staatssekretär, rät den Universitäten, arme Studenten zu bevorzugen. Den Studenten werden jährlich über £ 3000 zum Unterhalt des Lehrkörpers abgeknüpft.
 
Die „Taliban“ werden wiederum – und keineswegs überraschend – doppelseitig mit „double barrows“ (doppelläufigen Gewehren) aufs Korn genommen unter dem Titel „Harte Kämpfe in den Wüsten“, weiche Angriffsfläche in den Städten (besonders die Attentate in Kabul und Bagdad betreffend.
 
Inzwischen ist es 12 Uhr – also Mittagszeit geworden. So will ich den Durchhaltewillen des Lesers nicht weiter strapazieren. Gleich um die Ecke wird im grossartigen Tempel ein buddhistisches Fest gefeiert. Welches es ist, ist mir im Augenblick gleichgültig, denn ich besuche die Stände mit frisch gekochten Gerichten auf und wähle für Lily ein „green curry“ mit Huhn und Reis, und für mich ein Nudelgericht mit Meeresfrüchten. Einige andere Zutaten kommen hinzu und füllen meine Kartonschachtel. Zum Glück sind wir nicht nach Birmingham gefahren, frohlocke ich, inzwischen von den angenehmen Düften hungrig geworden. Zu Hause zapfe ich eine Flasche Rotwein an, denn an einem derartig trüben Tag will ich nach dem Essen eine Siesta einbauen.
 
Nach der Siesta ist es inzwischen 4 Uhr geworden, und ich lese ein weiteres halbes Kilo von der „Sunday Times“, worüber ich mich hier nicht auslassen möchte. Anschliessend knipse ich den Fernseher an und komme doch noch zu meinen Antiquitäten im „Roadshow“-Programm. Nachher ist das Programm im Fernsehen mit ausgeleierten Schmarren vollgestopft. Während 10 Minuten beschaute ich den Film voller Grausamkeiten „Lock, Stock and 2 Smoking Barrels“. Angewidert schalte ich das Gerät aus, und verzichte auf die diesmal obendrein rauchenden Gewehrläufe.
 
Zum Sonntagsabschluss lege die Edith Piaf auf den Plattenspieler. Am Samstagmorgen habe ich auf dem Flohmarkt ihre 20 Golden Great Hits aus der Reihe „Déjà Vu“ ergattert. Eben schlägt die Pendüle 11 Uhr. Lily bringt mir eine Tasse Schokolade. Meine Bettschwere macht sich bemerkbar … Alles in allem habe ich einen guten Sonntag genossen.
 
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