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BLOG vom 19.11.2009


Teufen AR: Eine gesunde, heile und traditionell heilende Welt
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Von der Stadt St. Gallen aus ist der Eingang ins Appenzellerland nach dem Stadtteil Riedhüsli nicht besonders attraktiv. Neben dem Trassee der Appenzeller Bahnen führt die Strasse durch den Wattwald oberhalb des Wattbachs und erreicht bald die Lustmühle, wo unter anderem die bekannte Paracelsus-Klinik ist; sie besteht aus mehreren Einzelgebäuden mit menschengerechten Dimensionen und ist auf ganzheitliche Behandlungsmethoden spezialisiert.
 
Das Dörfchen Lustmühle ist ebenso wie das weiter oben folgende Niederteufen ein Ortsteil der Gemeinde Teufen (Appenzell-Ausserrhoden AR). Dort, am Südhang des von Gletschern geformten Hügelzugs „Eggen“, öffnet sich die Sicht über eine grüne und weiter oben bereits weiss übertünchte Hügellandschaft aus Nagelfluh, granitischem Sandstein („Teufener Stein“) und Mergel auf den schroffen Alpstein mit der dominanten Grösse, dem Säntis.
 
Wo man das Kranksein los wird
Am 10.11.2009 schaute ich mich wieder einmal in diesem Teufen um. Dabei handelt es sich um die zweitgrösste Gemeinde des Kantons AR (nach Herisau). Zuerst erhält man das Gefühl, um den Gesundheitszustand der Teufener sei es bedenklich bestellt, gibt es dort doch 2 Privatkliniken (neben der erwähnten Paracelsus-Klinik die Beritklinik in Niederteufen), 1 Augenklinik (Scarpatetti) und unzählige Praxen für Naturheilkunde. Selbst das Gesundheitszentrum A. Vogel mit seinem Heilpflanzen-Schaugarten ist dort beheimatet.
 
Der Schein trügt: Die Appenzeller Bevölkerung zählt zu den Gesündesten der Schweiz, gehört also zu jenen, die am wenigsten Krankheitskosten verursachen, zusammen mit den Regionen Schwyz, Zug, Luzern mit Ob- und Nidwalden, Uri, St. Gallen mit den beiden Appenzell und Graubünden. Besonders hohe Kosten veranstalten demgegenüber die Kantone Genf, Waadt, beide Basel, Tessin, Bern und Neuenburg. Und das Leitbild von Teufen hat die Volksgesundheit hoch oben auf die Prioritätenliste gesetzt. Der Gemeindehauptmann Gerhard Frey liess entsprechende Leitplanken montieren „Die Gesundheit der Bevölkerung ist uns ein wichtiges Anliegen. Wir setzen Zeichen im Bereich der gesundheitlichen Prävention und entwickeln Programme, die sich an den Gesundheitszielen für die Schweiz gemäss SGPG orientieren.“ Die SGPG ist ein assoziiertes Mitglied des Vereins „Public Health Schweiz“ www.public-health.ch .
 
Dank einer weitsichtigen, intelligenten kantonalen Gesetzgebung mit Sonderstatus haben im Appenzellischen Naturheilkundige nicht mit Schikanen zu rechnen, im Gegenteil, sie sind ein Teil des traditionellen, urwüchsigen Appenzellergeists, der sich mit den Auswüchsen der Moderne wie der Überverarztung mit Chemiegiften schwer tut. Da wird man bockbeinig – und wenn aus diesen Ausführungen hervorgehen sollte, dass mir die Appenzeller schon aus diesem Grund ausserordentlich sympathisch sind, wäre das absolut zutreffend, ohne jede Einschränkung.
 
Gemeindehauptmann Frey brachte die Naturheilkundegeschichte in einem Interview auf den Punkt: Die freie Heiltätigkeit war früher einmal eine appenzellische Besonderheit, heute kennen auch andere Kantone ähnliche Regelungen. Das Gesetz betreffend die Freigebung der ärztlichen Praxis im Kanton Appenzell Ausserrhoden von 1871 wurde im Jahr 1965 durch ein Gesundheitsgesetz ersetzt. Das Appenzellerland profitiert vom guten Ruf, den die damaligen Pioniere begründet haben. Wie in anderen Bereichen auch, sorgen bekannte Namen von Personen oder Institutionen für die nachhaltige, grosse Ausstrahlung, auch über die Schweizer Grenzen hinaus.“ Zu Recht wies der Gemeindepräsident ferner darauf hin, dass Gesundheit und Appenzellerland schon seit vielen Jahren eng miteinander verbundene Begriffe sind, man könnte fast von Synonymen sprechen: „Ich erinnere zum Beispiel an die Touristen, die schon vor 100 Jahren ins Appenzellerland zur Molkenkur gefahren sind. Erfreulicherweise hat sich das Gesundheitswesen stets den Entwicklungen der Zeit angepasst. Geblieben ist jedoch das Vertrauen der Kundschaft, ein Vertrauen, das sich alle im Gesundheitswesen tätigen Personen und Institutionen jeden Tag neu verdienen (müssen). Das Appenzellerland wird von vielen Leuten als ,heile Welt’ eingeschätzt.“
 
Sicher, es ist auch eine heilende Welt, dieses Teufen, an der Peripherie des Kantons Appenzell gelegen. Es könnte als so etwas wie das naturheilkundliche Einfallstor ins Appenzellerland bezeichnet werden. Dadurch ist Teufen zu einer wohlhabenden Gemeinde geworden. Nicht allein der Gesundheits-, sondern auch der Wandertourismus blüht hier. Das Wanderwegnetz darf mit weitläufig" umschrieben werden; besonders kennt man den 7-Eggen-Höhenweg: Vögelinsegg 956 m ‒ Steineggwald 1084 m ‒ Oberhorst 987 m ‒ Waldegg 980 m ‒ Moosbänkli 1000 m ‒ Schäflisegg 965 m ‒ Frölichsegg 998 m ‒ Gstalden 839 m ‒ Lustmühle 775 m, der in gut 2 Stunden zu bewältigen ist und mit den Appenzeller Bahnen kombiniert werden kann. Einzelheiten finden Sie unter http://www.wandersite.ch/Tageswanderung/431_Appenzell.html
 
Das Dorf Teufen
Das lang gestreckte Dorf selber gehört zu den schönsten, aber vielleicht nicht ganz zu den allerschönsten im Appenzellerland. Sein Gesicht modellieren herrliche alte Bauten; doch fehlt es dem 9 km von St. Gallen entfernt liegenden Zentrum auf 837 Höhenmetern etwas an Geschlossenheit, das heisst viele Gebäude haben keinen architektonischen Bezug zur unmittelbaren Umgebung bzw. zu den Nachbarbauten. Dabei ist noch erstaunlich viel altehrwürdige Bausubstanz vorhanden, so eine Häusergruppe aus dem Jahr 1782, von der 2 Bauten ein Mansarddach besitzen, das von einem kielbogigen Quergiebel durchstossen ist – eine ausserrhödlerische Einmaligkeit.
 
Ich begab mich über die zweiarmige Freitreppe ins Gemeindehaus, das bis 1951 auch als Pfarrhaus diente. Es stammt aus den Jahren 1837/38. Ich steuerte, vorbei an lebensgrossen Porträts von Lokalgrössen in Öl, in der 2. Etage dem Gemeindeschreiberbüro zu – unangemeldet. Ich drückte auf den Knopf „Anmelden“, und nach 2 Minuten leuchtete „Eintreten“ in Grün auf. Gemeindeschreiber Walter Grob empfing mich wie einen guten Bekannten, obschon wir uns zum ersten Mal sahen. Er suchte für mich Informationen über seine Gemeinde heraus und beschaffte mir Nr. 1 der „Teufener Hefte“, das er mir tags darauf per Post und geschenkweise zustellte. Danke vielmals! So sind sie eben, die Ausserrhödler.
 
In Zentrum
Neben dem Gemeindehaus ist das alte, noch immer belebte, von Architekt Felix Wilhelm Kubli entworfene Schulhaus, welches seinerzeit das schönste im Lande sein wollte. 
 
Teufen ist mit Selbstbewusstsein gesegnet. Im Teufener Heft, das mir viele Eindrücke abrunden half, ist der Arzt und Chronist Gabriel Rüsch zitiert (1837): „Teufen, nach Herisau der ansehnlichste Flecken in Ausserrhoden, liegt in der Mitte des Landes, im anmuthigen Thale der Rothe, an der belebten Strasse von St. Gallen und Gais.“ Die Sache mit der Mitte habe ich zuerst nicht verstanden, doch wird sie gleich erläutert: Wer auf einer Landkarte den Zirkel beim neubarocken Bahnhof Teufen, in dem auch die Polizei wohnt, einsticht und einen Bogen von 19 km schlägt, entdeckt zu seiner Verblüffung, dass der Kreis die äussersten Grenzpunkte des Kantons im Neckertal und bei Au im Rheintal umschliesst.
 
Eine besondere Attraktion ist die im Dorfzentrum stehende reformierte Kirche (1676/79), eine Konstruktion des Teufener Baumeisters Hans Ulrich Grubenmann. Er war auch ein grandioser, genialer Brückenbauer, hatte also ein besonderes Talent, grosse Distanzen ohne Stützen zu überspannen; Hängewerk-Konstruktionen brachten die Zimmerleute Grubenmann mit einfachsten technischen Mitteln zur Vollkommenheit. Und so sind denn auch der Chor und das Schiff der Teufener Kirche ungewöhnlich breit, aber weniger hoch als die meisten Kirchen. Man kommt sich deshalb darin nicht klein, verloren und unbedeutend vor.
 
Die entsprechend ausladende, helle, weisse Diele unter dem behäbigen Walmdach ist mit Rokoko-Stuckaturen der Moosbrugger (wie Peter Arnold M.) aus dem Bregenzerwald wunderschön verziert. Im 1777 aufgetragenen Stuck sind die Wappen von Hans Ulrich Grubenmann (1709‒1783), dem Teufener Landammann Gebhard Zürcher und Pfarrer Johann Ulrich Tobler zu sehen. Die blau-rot marmorierte Kanzel sieht in dem hellen Raum mit den Holzbänken, die einen angenehmen Duft verströmen, etwas allzu poppig aus.
 
Im ersten, ältesten Bahnhofgebäude mitten im Dorf sind heute die Gemeindebibliothek und die Grubenmann-Sammlung eingerichtet. Die Sammlung zeigt Leben und Werk der talentierten Zimmerleute anhand von Modellen. Weil sie nur jeden Samstag von 14 bis 16 Uhr und jeweils am 1. Sonntag des Monats von 10 bis 12 Uhr geöffnet ist, habe ich es leider noch nie geschafft, sie zu besuchen. Das ehemalige Wohnhaus von H. U. Grubenmann ist im Hörli in Teufen, das seit 1951 als evangelisches Pfarrhaus benützt wird.
 
Im Übrigen spürt man, dass Teufen ein Fabrikantendorf (Leinwand- und spätere Baumwollweberei) war. Viele stattliche Häuser haben traditionelle Satteldächer, andere Walmdächer. Die Appenzeller Bahn wird hier zur Strassenbahn; dafür besteht seit Mitte 1973 eine Umfahrungsstrasse mit der Leuenbachbrücke. Selbstverständlich konnte ich den Ort hier nur ganz rudimentär beschreiben. Eine Sehenswürdigkeit ist Teufen auf jeden Fall.
 
Kulinarisches
Bei meinem Dorfrundgang riss es mich förmlich in die Metzgerei Breitenmoser „im Anker“ hinein, und ich deckte mich mit Siedwürsten und Adrios vom gleichen Tag ein. Sie machten Teufen alle Ehre, genau wie der Schlurzifladen (Dörrbirnenmasse unter Rahmdeckel) und der Zimtfladen aus der Bäckerei Josef Manser im Dorf 14. Mit dem Zimtfladen habe ich Erinnerungen verzehrt. Er duftet neben dem namengebenden Zimt nach Schokolade, Nelkenpulver, Ingwer, Muskatnuss und vielleicht etwas Kardamom. Weil er preisgünstig ist, habe ich vor langer, langer Zeit als Bub aus Sackgeldresten jeweils ein Stück Zimtfladen in Schönengrund AR gekauft, weil es besonders gross war und deshalb das Preis-Volumenverhältnis als besonders attraktiv erschien. Und dass ich wie damals beim Hineinbeissen in die braune, luftige Masse jeweils in himmlischen Düften schwelgte, kann ich noch heute, gut 60 Jahre später, sehr wohl verstehen. Ganz gewiss sind es auch solche Besonderheiten, die mich immer wieder ins Appenzellerland ziehen.
 
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