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BLOG vom 22.11.2009


London einst und heute: Exotik im bröckelnden Empire
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Am einem Samstag, es mag im Jahr 1962 gewesen sein, erreichte ich in der 2. Nachmittagshälfte meine 1. Londoner Bleibe in Egerton Gardens in South Kensington, SW3, ein grosses Boarding House (Pension), das 2 mehrstöckige viktorianische Backsteinhäuser miteinander verband. Im Essraum spielte die etwas dickleibige „Landlady“ Ping-Pong mit den Untermietern, worunter einige Schweizer, die ich von meiner Schulzeit her kannte und mir diese Unterkunft empfohlen hatten.
 
Etwas verwirrt stand ich mit meinem Gepäck vor der Türe, bis sich die Landlady bequemte, mich nach der Anmeldung in meine Unterkunft im 3. Stock zu weisen. Der Raum war eng, zusätzlich verengt durch einen Einbauschrank. Ein mit Gasflammen betriebener Heizkörper war in der Wand eingelassen, den man mit Münzen unterhalten musste. In einer Ecke war ein wackeliger Tisch, in der anderen ein Schüttstein. Ich wollte etwas Luft in den Raum bringen und zerrte den arg klemmenden Unterteil des Fensters hoch, die in England damals weit verbreiteten „sash windows“. Blies der Wind, ratterte dieses Fenster unablässig und liess viel Durchzug ins Zimmer dringen. Mit einer gewissen Erleichterung bemerkte ich das Büchergestell neben dem Zimmereingang. So packte ich zuerst meine Bücher aus und reihte sie ins Gestell. Meine „Hermes Baby“ fand ihren Platz auf der Tischmitte neben der Lampe. Meine Kleider fanden ihre Unterkunft im Schrank.
 
Ich hatte keine Lust, länger in diesem tristen Zimmer zu verweilen und beschloss, die unmittelbare Umgebung zu erkunden: das stattliche Viktoria und Albert Museum, das Brompton Oratory nebenan, dessen wuchtiges Kreuz ich von meinem Fenster sehen konnte. Ich überquerte die Strasse und steckte meinen Kopf durch einige Pubstüren, damals in 2 Teile aufgeteilt, der „public bar“, wo die Biertrinker vor der Theke standen, und der „saloon“ mit Sitzgelegenheiten.
 
Mein Spaziergang führte mich an einem abgeschrankten Trümmerfeld (wo jetzt eine Moschee steht) vorbei – von einem der vielen Bombenabwürfen über London verursacht – zur South Kensington Untergrundstation. Ich merkte mir diesen Weg. In einer Viertelstunde erreichte man diese Station vom Boarding House. Ich verfolgte meinen Weg weiter der Exhibition Road entlang bis zum Hyde Park und wieder zurück und war inzwischen hungrig geworden. Ich stand vor dem „Shangri La“, einem chinesischen Restaurant, und betrat es kurzentschlossen. Ich verzehrte ein für meinen Geschmack viel zu scharfes Nudelgericht und bestellte ein 2. Glas Bier, um den Brand zu löschen. Das war meine 1. chinesische Mahlzeit, denen viele folgten, besonders wenn mich der Kohlgeruch im Boarding House unangenehm in die Nase stach.
 
Ein junger Mensch findet sich leicht in die ihm fremdartige Umwelt einer Grossstadt ein. Ich machte mir einen Sport daraus, dem roten Doppeldecker-Bus (dem „Routemaster) nachzujagen und aufs Trittbrett zu springen. Ich reihte mich geduldig, genau wie die Engländer, in die langen Warteschlangen bei den Haltestellen ein, entfaltete, genau wie die Engländer, die weitfächerigen Zeitungen in der Metro und faltete sie zum Lesen zurecht.
 
Am nächsten Tag, Sonntagmorgen war es, als mir ein Riesenfrühstück aufgetischt wurde – in dieser Reihenfolge: eine Schale Haferbrei, ein „Kipper“ (geräucherter Hering), 2 Scheiben Toast, Ei mit Schinken und „baked beans“. Alles wurde mit Tee heruntergespült. Eine eher hässige und kugelrunde Portugiesin verteilte die Speisen. Am Ende des langen Esstischs sass Malcolm, ein hagerer Engländer und Junggeselle, über 60 Jahre alt, mit dem ich zum 1. Mal und in der Folge immer wieder ins Gespräch kam. Gut genährt, beschloss ich, Piccadilly zu besichtigen. Und wen traf ich auf dem Oberdeck? Das anmutige Mädchen aus Belgien mit ihren 2 Brüdern. Nach der Überfahrt mit der Fähre nach Dover hatte sie meinen Geigenkasten bis zum Zoll getragen. So bummelten wir zusammen kreuz und quer durchs Londoner Zentrum, bestaunten die Lichtreklamen, verloren einige Pennies bei den einarmigen Banditen in den Amüsement-Arkaden beim Leicester Square, durchstreiften das Soho und setzten uns schliesslich in ein Kino. Die Tagesschau war dem Film vorgelagert. Übermüdet, wie ich war, habe ich den ganzen Film durchschlafen. In den folgenden Wochen traf ich mich noch mehrmals mit Arlette. Leider war sie bei einer Familie in Wallington untergebracht, viel zu weit ausserhalb der Stadtnähe. Immerhin besuchten wir den riesigen Botanischen Garten (Kew Gardens) und ruderten in einem Bötchen auf der Serpentine im Hyde Park.
 
Während meiner Anfangszeit in London besuchte ich viele Kurse im „Holborn College of Law and Languages“ , legte allerlei Prüfungen ab, und erwarb mir unter anderem das „Proficiency“-Zertifikat der englischen Sprache. Ich war beeindruckt vom englischen Erziehungswesen – den Grammar Schools. Kurse aller Art waren leicht zugänglich, selbst Universitäten, entweder kostenlos oder für wenig Geld – ganz im Gegensatz zu heute. Heute entwächst den Studenten ein Schuldenberg …
 
Auf meinen Wanderungen folgte ich den Spuren von Charles Dickens bis tief ins East End hinein, durchstreifte die Elendsviertel und bemerkte viel Armut. Die harte Nachkriegszeit dauerte in England viel länger als selbst in Deutschland. Als ich in England eintraf, waren die Rationierungskarten noch in jedermanns Erinnerung. Viele Gebäude waren schlecht unterhalten und obendrein vom „Smog“ schwarz eingefärbt.
 
Als sich die Weltkarte in Afrika, dem Mittleren und Fernen Osten veränderte, zogen mehr und mehr Immigranten ins Land, etwa aus Pakistan, Indien und Kenia. Ganze Quartiere wurden von Einwanderern besiedelt. Die Engländer wurden in die Oasen der Vorstädte verdrängt. Kensington und Chelsea wurden von den reichen Zuzüglern beschlagnahmt – den Neureichen aus dem Mittleren Osten, Russland usw. Die Boarding-Häuser verschwanden nach und nach. Jenes in Egerton Gardens ist längst zu teuren Luxuswohnungen umgewandelt worden. Je nach Herkunft und Standpunkt wird dieser Wandelprozess entweder gelobt oder angeprangert. Die Spekulanten trieben die Häuserpreise im Verbund mit den Immobilienmaklern hoch und immer höher. Die Reichen wurden immer reicher und die Armen immer ärmer.
 
Gehe ich heute in London aus, fällt mir das Völkergemisch auf. Manchmal glaube ich, dass die waschechten Londoner ausgestorben seien. Fremdes Personal aus der weiten Welt bedient in den Läden. Die einstige kulinarische Einöde ist exotischer Kost gewichen, was mir lieb und recht ist. Sehr oft bedienten Ausländer die Kunden aufmerksamer und höflicher als früher die Engländer, was ich gut finde. In diesem Sinne ist Vielfalt in London eingezogen. Die Stadt pulsiert viel belebter als in den 60er-Jahren.
 
Aber wie steht es mit den Kehrseiten? Jugendliche treiben in Horden ihr Unwesen, ermorden einander, wiegeln zum Rassenhass auf. Nichts vermag sie zu bändigen. Eine Frau allein wagt sich spätabends kaum mehr auf die Strasse. Die verruchten Gewaltsfilme, Videos und PC-Spiele US-amerikanischer Provenienz tragen das Ihre zu dieser Misere bei. Die Drogensucht nimmt überhand. Überspitzt gesagt, hat England unter dem materiell ausgerichteten Diktat aus Amerika viel von seiner einstigen Liebenswürdigkeit und teils skurrilen Eigenständigkeit eingebüsst. Skandale und Korruption herrschen in der Politik vor. Die Parlamentarier vergriffen sich in der Staatskasse, um ihren grotesken Aufwand via Spesen abzudecken. Gesetz um Gesetz wird im Überwachungsstaat England erlassen, um die Grundfreiheiten der Bürger noch härter zu stutzen. Aber die Abrechnung hat begonnen, auch in der City der Finanzen, mit ihrer aufgebauschten „Boni“-Kultur.
 
Besteht uns eine Rückbesinnung auf die wahren Werte, die das Zusammenleben befördern, bevor? Ich möchte es hoffen. Leider verschanzt sich England noch immer hinter seinem zerbröckelten Empire und glaubt als einstige Weltmacht berechtigt zu sein, Kriege im Irak und Afghanistan zu führen. Wie lange noch und wozu?
 
 
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