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BLOG vom 28.11.2009


Einige philosophische Vignetten zu den Jubelgefühlen
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Sind wir als Erwachsene noch zu heftigen Jubelgefühlen fähig, wie einst in unserer Jugendzeit? Das ist durchaus möglich. Was löst Jubel aus? Junge Liebe ganz gewiss, ehe sich der Jubel im Alltag verflacht. Auch Kinder, vornehmlich unsere eigenen, lösen in uns Jubel aus, wenn sie herumtollen und drollige Fragen stellen, von ihrer Neugier angestachelt. Der Jubel braucht sich nicht laut und unbändig zu äussern. Der stille Jubel entflammt beim Spaziergang durch den bunten Herbstwald oder beim Betrachten eines Kunstwerks. Das tollpatschige Spiel junger Katzen oder Zicklein gehört mit zu den vielen Ursachen des Jubelns.
 
Man muss Staunen können (eine Gabe, die uns etwas abhanden gekommen ist), um Jubel in uns zu erwecken. Gelingt uns endlich etwas, das uns immer wieder misslungen ist, dann steigert sich unsere Freude bis zum Jubel. Als Kind bastelte ich lange an einem Drachen. Als ich ihn mit der Schnurspule in die Höhe treiben wollte, stürzte er immer wieder in Spiralen tief ab. Ich verbesserte meinen Drachen und verlängerte nach und nach den Drachenschwanz. Ei! Wie herrlich, als er endlich aufstieg und ich ihn mit der „Melkbewegung“ hoch in der Luft halten konnte.
 
Auch die Vorfreude, wenn mir eine Ferienreise bevorsteht  – etwa nach Florenz und anderen Orten, die mit erstaunenswerten kulturellen Schätzen verbunden mit gediegener Lebensart aufwarten –, ist bei mir mit einem Jubelgefühl verbunden. Auch eine Fahrt ins Blaue lockt den Jubel herbei, wie wir unterwegs angenehme Überraschungen erhoffen – Geschenke des Zufalls, gleichgültig, ob sie uns auf geistiger oder wirklicher Fahrt zufliegen.
 
Jubel ist Ausdruck der Lebensfreude. Widrige Umstände können jedoch leicht den Jubel in Elend umschlagen lassen, gerade im heutigen tristen Weltgeschehen. Sollten wir uns deswegen unsere Freude niederwalzen lassen? Wenn die Waage auf der Seite des Elends niedergedrückt wird, sollten wir zum Ausgleich auf der Seite der Freude gewichtig zulegen.
 
Jubel ist oft ansteckend, von unserer Begeisterungsfähigkeit entfacht. Ein Thema, das uns begeistert, mag andere ebenfalls zum Jubel hinreissen, sofern eine innere Wahlverwandtschaft zwischen uns und anderen besteht. Dabei sollten wir beachten, dass uns nicht Spielverderber ins Gehege geraten und uns einen Eimer mit kaltem Wasser über den Kopf giessen.
 
Der Jubel ist kurzfristig, mit einem Höhenfeuer der Freude vergleichbar, das nach einer Spanne Zeit erlischt. Den Augenblick des Jubels gilt es folglich voll zu geniessen und auszuschöpfen.
 
Nicht alles ist Jubel, was den Anschein von Jubel vorgibt. Der Bergsteiger, der zuerst den Gipfel bezwingt, frohlockt, weil er seine Gefährten hinter sich gelassen hat. Wer den Grund zum Jubel auf der Seite der Verlierer sucht, erlangt und auftrumpft, der verkennt das Wesen des echten Jubels.
 
Warum juble ich nicht öfters? Das mag eine Frage des Temperaments oder der Gemütsart sein. Zu viel Jubel, überall und immerdar von Stapel gelassen, scheint mir als angehauchter Stoiker immer ein bisschen suspekt. Jubel ist ein herrliches Lebensgewürz, doch des Guten zu viel durchdringt er andere Geschmacksstoffe, die an der Lebensfreude mitbeteiligt sind. In diesem Zusammenhang greift der Jubel in die Ekstase über, wird zum Jubelschrei.
 
Das Wort Jubel, wie wir es auf Deutsch kennen, fehlt auf Englisch: „jubilation“ überdeckt sich nicht mit dem Wort Jubel, noch die französischen und spanischen Ausdrücke: „cris de joie“ und „gritos jùbilo“.
 
Lasst uns alle auf unsere eigene Art jubeln!
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Emil Baschnonga
 
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