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BLOG vom 22.12.2009


Plädoyer für das Knorrige: Schönheit bei Baum und Mensch
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG (Textatelier.com)
 
Wenn die Bäume ihr Laub abgestossen haben, kommt ihre Struktur, der Zustand ihres Gerüsts, zum Vorschein. Bestehen sie im Wesentlichen aus einer geraden, sich nach oben kontinuierlich verjüngenden Stange, aus der einige Äste in regelmässiger Anordnung herauswachsen, hält sich die Begeisterung des Betrachters in Grenzen. Aber ein alter, knorriger, verwachsener Baumriese mit Narben und Krümmungen, der alle Kraft und alles Leid offenbart, der von Phasen des ungestümen Wachstums und des meteorologischen Glücks und von dramatischen Stürmen erzählt, die in allen Variationen ihre Spuren hinterlassen haben, und dessen zerfurchte, zerrissene Rinde sowie knollenartige Stammüberwucherungen von würgenden Efeusträngen gefesselt und mit Moos und Flechten besiedelt ist – ja, das ist eine wahre Augenweide, ein Schaustück. Er hat Individualität, weist einen unermesslichen emotionalen Wert auf. Daran können wir uns kaum sattsehen.
 
Keinem Fotografen kommt es in den Sinn, eine Telefonstange oder einen Baum, der dieser ähnlich sieht, als Inbegriff der Schönheit abzubilden, auch wenn wir die ausschweifenden Barock- und geschweiften Jugendstilmoden längst hinter uns gelassen haben und die platzsparende Gerade unseren Alltag dominiert. Selbst die beziehungsreiche Baum-Mensch-Symbolik kann nicht darüber hinweghelfen. Nur die dank Dünger konfektionierten Weihnachtsbäume, die sattgrün sein müssen, machen eine Ausnahme. Abseits der Öko-Produktion sorgt die Chemiekeule dafür, dass Einflüsse, die Unregelmässigkeiten im Wachstum hervorrufen wurden, unterbunden werden, von Läusen bis zu Käfern wie dem Rüssel- und Borkenkäfer. Oh Chemobaum, Oh Chemobaum, wie gasen deine Blätter ...
 
Der moderne Schönheitsbegriff, der auf Menschen angewandt wird, wertet die Unregelmässigkeit, das Verwachsene, Knorrige als Fehler, die zu Punkteabzügen führen. Abstehende Ohrmuscheln, die das Hören verbessern, eine gebogene Nase, Runzeln, Pigmentflecken, graue Haare, kleine Zahnfehlstellungen, Fettansätze im Bauch- und Hüftbereich und alle Attribute des Alterungsprozesses, dem niemand entgehen kann, und ein Gesicht, in dem sich die Lebensprozesse spiegeln, werden als korrekturbedürftige Fehler erkannt und gehören auf den Operationstisch. Bestenfalls wird noch ein leichtes Schielen, das manch einem Gesicht eine liebliche, verträumte Note verleiht, akzeptiert und nicht als Sehstörung oder Entstellung disqualifiziert und beseitigt. Schönheit wird im Übrigen ebenso dem Einhalten von Normmassen wie die Gesundheit mit dem Erfüllen von Normwerten gleichgesetzt. Dabei wird nicht in Betracht gezogen, dass die Normen entweder mathematisch errechnete Mittelwerte oder nach dem gerade vorherrschenden Zeitgeschmack frei erfunden sind: eine abgewandelte Form der Rassenreinheit, die zwar in Verbindung mit Überlegenheit steht, deren Resultate aber davon in der Vergangenheit nichts spüren liessen.
 
Das Ebenmässige, Abgeschliffene, Genormte, das am Deutlichsten bei den seelenlosen Produkten der industriellen Massenproduktion zur Geltung kommt, ist ein Ausdruck der Einheitswelt, dem Ziel der einebnenden Globalisierung. Sie ist die Fortsetzung der marxistisch-kommunistischen Gleichheitsforderungen. Selbstverständlich müssen vor dem Gesetz alle Menschen gleich sein, und für alle Menschen im Staate gelten die gleichen Gesetze. Aber als Persönlichkeit sollte sich jeder Mensch und jeder Baum auf seine eigene Art entfalten können, ein Bedürfnis, dem ausserhalb des Walds der Liberalismus entgegenkam, wobei der Sozialstaat gravierende Unterschiede zwischen Reichtum und Armut abzufedern hat.
 
Das Knorrige, Unangepasste, auf eine Person Zugeschnittene muss sich auch im Denken äussern können – und zwar ohne Punkteverlust. An dieser Stelle landet man beim Allerweltswort Toleranz.
 
Ob in der Forstwirtschaft oder im staatspolitischen Alltag: Das Knorrige, krumm Gewachsene mit Verdickungen, Ästen und Astlöchern Versehene ist schwieriger zu handhaben als das Genormte, auf ein Einheitsmass Zurechtgestutzte. Und somit wird es unbeliebt bleiben.
 
Nur wer seinen Sinn fürs Aussergewöhnliche geschärft hat, wird sich davon erbauen lassen. Er wird dem Anpassungsdruck widerstehen und so bleiben, wie er ist, wie ihn die Einwirkungen des bisherigen Lebens geformt und verformt haben – als Beitrag zur wahren Schönheit.
 
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