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BLOG vom 03.03.2010


Mit dem Nachtwächter im befleckten Beromünster unterwegs
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Der abendliche Rundgang mit dem Nachtwächter von Beromünster vom 27.02.2010 zwischen 19.00 und 20.00 Uhr (sekundengenau) triefte vor mittelalterlichem Flair, besonders, was die kraftvolle Wächtergestalt anbelangte. Hinter ihr trotteten in diesem „gottverlassenen Nest“ (Wächter-Jargon) etwa 30 kulturhistorisch Interessierte her, wovon einer die Hellebarde zu tragen hatte. „Hört, ihr Leut’, und lasst euch sagen, unsere Glock’ hat sieben geschlagen. Gebt Acht auf Feuer und auf Licht, damit der Herrgott vorem Schade behüet“, schmetterte der Mann in der Nachtwächtermontur beim Glockenschlag um punkt 19 Uhr in die Dunkelheit hinaus. Zu seiner Uniform gehörten ein samtenes, altgoldfarbenes Béret (Barret, Baskenmütze) mit Vordach und langen Vogelfedern, eine Pelerine aus währschaftem Stoff, eine Sturmlaterne, ein Feuerhorn und eine lederne Bocksbeutelflasche.
 
Der Stundenruf erklang dort, wo früher an Markttagen eine Sau (Schwein) gestochen und einer Geiss der Grind (Kopf) abgehauen wurde, unter den Arkaden der Schol also. Die Reise zurück in die Zeit nach etwa 1500 hatte begonnen. Und der Nachtwächter mit dem kräftigen, angegrauten Schnurrbart und dem schlecht rasierten Gesicht, der ausgebauten Nase und dem wuchtigen Kinn begann, von seinem „mühseligen, eintönigen und miesen Dreckjob“ zu erzählen – jede Stunde eine Runde. Der Rundgang führte auch an Orte, an denen die ganze Scheisse menschlicher Umwandlungsprozesse zum Himmel stank. Die Sprache des Wächters war ungehobelt und derb und hat natürlich auch auf dieses Tagebuchblatt abgefärbt.
 
Nach Verordnung
Die Grundlage, sozusagen das Reglement, für den Rundgang des Nachtwächters ist die Nachtwächterverordnung von 1495, die genau befolgt werden musste. Er war im Range eines Polizisten und hatte auch darauf zu achten, dass alle Tore geschlossen waren und allfällig ausgebrochene Feuer sofort entdeckt wurden: „Händ Sorg zu Füür ond Liecht, dass de Herrgott vor em Schade behüet!“ So etwas wie der verheerende Brand von 1764, der den ganzen Flecken Beromünster (etwa 150 Häuser) zerstörte, hätte eigentlich verhindert werden müssen – Hunde bellten angesichts dieses Schreckens, und die Männer standen ratlos herum. Der Mattmann wollte noch schnell sein Geld retten und verwechselte die Geldtruhe in der Aufregung mit dem Vogelkäfig. Selbst von Einsiedeln aus war der rot gefärbte Himmel zu sehen. Nur die oberste Häuserzeile, das Stift und die Pfarrkirche blieben von den Flammen verschont. 1806 wurde das altadlige Chorherrenstift in eine Eremitenanstalt für gealterte luzernische Seelsorger umgewandelt.
 
Der Wächter erzählte schnell, wirkte betont gestresst, denn sein Programm war minutengenau einzuhalten. Er forderte uns auf, etwas „tifiger“ zu laufen; denn „Des nächstes soll er rüefen beim Hinteren Brunnen“, dort also, wo ein Strässchen zu den Chorherrenhäusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert hinaufführt; sie werden von der barocken Propstei und der ebensolchen Kustorei dominiert und machten einen verlassenen Eindruck. Die Zimmer waren nicht beleuchtet – und schon gar nicht erleuchtet. Dort versuchte sich der Nachtwächter als Pyrotechniker: Mit einem „Vulkan“, erzeugte er zur Erinnerung an den Chilbitanz, bei dem auch Tanzbären aufzutreten hatten, ein blutrotes Licht. Die Bauten des mittelalterlichen Stifts, dessen Anfänge über 1000 Jahre tief in die Vergangenheit zurückreichen und zu dem zahlreiche Pfarreien und ein weitläufiger Streubesitz von Ländereien gehörten, die bis in die Innerschweiz und ins Elsass reichten, sind noch da, feudale architektonische Meisterleistungen. Die schwache Anleuchtung der Prachtbauten liess eine romantische Stimmung aufkommen.
 
Armut und Ausschweifungen
Beim Chorhof der Herren von Lütishofen, einem Luzerner Ratsgeschlecht, erinnerte der Wächter daran, dass hier auch Kammerzofen und Konkubinen der Verschönerung des irdischen Daseins dienten. Für Leute wie den Nachtwächter fielen weniger Lustbarkeiten ab, vielleicht ein Wursträdchen oder etwas Grüben (Greuben) vom Armenschwein, wenn es endlich geschlachtet war. Mit den Grüben sind die dürren, zerbröselten Schwartenkrusten gemeint, die nach dem Aussieden von Schweineschmalz übrigbleiben und die oft erbettelt wurden („Gräubi heusche“). Kartoffeln wurden im Hundeschmalz gebraten, da offenbar das Schweinefett hinten und vorn nicht ausreichte.
 
Bei der Stiftskirche erzählte der Wächter von den mit ihren Wappen verewigten Chorherren, die Adelsgeschlechtern entstammten und vom Volk durchgefüttert werden mussten – als „ARD“ (lateinische Kurzform) bezeichnet: sehr hochwürdige Herren.
 
Inzwischen schlug es 19.15 Uhr, dann 19.30 Uhr. Der Wächter musste singen, sich akustisch bemerkbar machen – vielleicht eine Abwandlung des Muezzins auf dem Minarett. Viele Leute regten sich über das blödsinnige Brüllen und Bäägen des Nachtwächters auf: „... dass euch d’ Maria und de Sankt Michael bhüet!“ Der Nachtwächter hatte auch Einsätze zu leisten, wenn eine Hebamme oder ein Pfarrer gefragt waren. Die Securitas-Gruppe könnte von alledem nur lernen, auch bezüglich einer besseren touristischen Vermarktung ihrer Arbeit.
 
Der Originalweg führte in die Abgründe des Fleckens, zu den Scheisshäusern mit den Donnerbalken, die heute als schmale, über mehrere Etagen führende Anbauten zu sehen sind und in bestialisch stinkende Dreckecken ausmündeten. Auch ein schmaler Ehgraben, in welche die Nachtwächtergestalt genau hineinpasste, wurde vorgeführt. Wer sich mit angezogenen Beinen zwischen den Wänden einklemmte, konnte sein Geschäft in angemessener Höhe über der Abflussrinne erledigen, in die auch die Brunzchacheln (Nachttöpfe) geleert wurden.
 
Kulturäusserungen
Der Rundgang führte zum so genannten Schloss, einem appetitlichen Wohnturm aus dem 14. Jahrhundert, in dem der Chorherr Helias Helye 1470 das erste Buch der Schweiz (und auch Spielkarten) gedruckt hat – kurz nach Gutenbergs Erfindung der Buchdruckerkunst und lange vor der Einführung des Buchdrucks etwa in Paris oder Florenz. Aus der Schlossstube ertönte bei unserer Ankunft laute Tanzmusik, und der Nachtwächter schrie seinen Befehl („Uufhöre Musig mache!“) in die Nacht hinaus, um diesen verfluchten Lärm abzustellen, was nach mehreren Anläufen endlich gelang.
 
Bei einem Geschäft mit Brautmode und Dessous in der Badgasse erzählte der Wächter von den Badelüsten – es sei gebadet und gehurtet worden, sagte er, und der Bader (Badmeister) habe nicht nur die Bäder einlaufen lassen, sondern auch Glieder gerichtet und faule Zähne gezogen. Zudem setzte er Blutegel an, wenn’s nötig war.
 
In der Gerbergasse an der Wyna drehte der Nachtwächter – Ludwig Suter mit bürgerlichem Namen, Graphiker, Illustrator und Zeichenlehrer in Beromünster – nochmals voll auf. Hier wohnten Dutzende von Schuhmachern und Schuhflickern, aber auch Besenbinder, Scherenschleifer und Schwarzbrenner. Bei der Weinhandlung Weber wurden die Häute von Schweinen, Ziegen und Eseln in der Wyna gewässert und gegerbt. Der Gestank war auch hier wieder grauenvoll, wie man im Werk des Schriftstellers Josef Vital Kopp („Der 6. Tag“) nachlesen kann; er lebte von 1906 bis 1966.
 
Die Nachtwächter, die in dieses Grausen einbezogen waren, hatten ein striktes Alkoholverbot („Vor und während der Dienstzeit keinen Alkohol“), und doch leuchtete die Nase des einen oder anderen Nachtwächters heller noch als seine Sturmlaterne in die Dunkelheit hinaus. Und auch unser Nachtwächter genehmigte sich gelegentlich einen langen Strahl aus seiner unregelmässigen nierenförmigen Lederflasche undefinierten Inhalts. Das ständige Brüllen und Erzählen machen halt Durst.
 
Beim „Bäumli“, inzwischen eine ausgewachsene Linde, bei der Stiftskirche erreichten der Nachtwächter und sein Publikum kurz vor 20 Uhr den Glockengiesser-Brandplatz. Defekte Glocken wurden jeweils aus den Schelllöchern geworfen, worauf sie aus den Splittern neu gegossen wurden. Die grosse Glocke, die heute noch im Turm hängt, soll vom Glockengiesserlehrling eigenmächtig gegossen worden sein, während der Meister und seine Gehilfen in den Möischterer Wirtshäusern gesoffen und gelöffelt haben. Der Chef erschlug den übereifrigen jungen Mann, aber dessen Werk die Zeit gleichwohl überstanden hat. Mehr als 28 Millionen Mal hat ihr Hammer seit 1614 zugeschlagen.
 
Und gerade jetzt schlug sie wieder, haargenau zu den Schilderungen des Nachtwächters, eine perfekte Inszenierung, dank eines ausgesprochenen Zeitgefühls, Schlag auf Schlag, jeder Ton kommentiert, eine erfrischende Wiederbelebung der Kulturgeschichte mit schauspielerischem Talent und zivilisationskritischen Bezügen. Die Runde war beendet. Sekundengenau. Unser Applaus mag manche Bewohner des Fleckens Beromünster, wo der Grafensohn Bero von einem Bären getötet worden sein soll, falls man uns keinen Bären aufgebunden hat, am Einschlafen gehindert haben.
 
Im alten „Hirschen“
Meine Tochter Edith hatte den Nachtwächter-Rundgang im Rahmen ihrer Geburtstagsfeier stilrein dem Familienfest im über 450 Jahre alten „Hirschen“ in Beromünster vorausgehen lassen. Dieses traditionelle Haus mit den sechs- und siebenteiligen Fensterwagen ist 2000/01 von der Neudorfer Familie Stocker renoviert und ausgebaut worden. Die Zimmertüren und die Klappläden zwischen den 3 historischen Gaststuben stammen aus der Barockzeit; sie gestatten eine bewegliche Raumnutzung, das heisst die Zimmerwände können nach oben geklappt und an Haken an der Diele befestigt werden. Die Stühle und Tische in den Gaststuben sind wie auch die Doppelverglasungsfenster sorgfältige Kopien aus Nuss- und Kirschbaumholz bzw. Eichenholz. Das Festessen und der Service waren untadelig. Nur schmackhafte, kaloriengewaltige Greuben waren auf den Speisekarten nicht zu finden.
 
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