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BLOG vom 28.03.2010


Ernährungskuriositäten: Fett erlaubt. Tränen von Jamie Oliver
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Die gesicherten Erkenntnisse von heute (oder gestern) sind die Irrtümer von morgen“, so lautet ein Spruch, der sich immer mehr bewahrheitet. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), aber auch die Ernährungsorganisationen in Österreich und der Schweiz, vertraten jahrzehntelang die Empfehlung, man solle doch gefälligst mit dem Fett sparsam umgehen. 30 % der Gesamtnahrungsenergie durften in Form von Fett verzehrt werden (10 % in Form von Eiweiss und 60 % in Form von Kohlenhydraten). Natürlich wurde auch gesagt, dass ein Drittel der als Fett zugeführten Energie gesättigte Fette sein sollen. Wer mehr gesättigte Fette konsumierte, lief laut DGE Gefahr, seinen Cholesterinspiegel in die Höhe zu treiben.
 
Dann wurde die Empfehlung in die Welt gesetzt, wer mit dem Fett sparsam umgehe und vermehrt ungesättigte Fettsäuren aufnehme, werde weniger mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und dem Schlaganfall zu tun haben.
 
Auch die Übergewichtigen wurden verunsichert, sollten sie doch Light-Produkte zu sich nehmen. Aber es war dann so, dass diese nicht satt wurden und von diesen „kastrierten“ Lebensmitteln mehr assen und immer dicker wurden.
 
Nun ist wieder alles anders: Wie unter www.stern.de am 22.03.2010 nachzulesen war (Titel: „Das Comeback des Fetts“), besteht nach Auswertung von 3 neuen Meta-Analysen kein Zusammenhang zwischen dem Verzehr gesättigter Fettsäuren und dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch fehle der Beweis für ein längeres Leben, wenn man eine fettarme Ernährung bevorzuge.
 
Als schädlich werden lediglich die Transfettsäuren eingestuft. Diese in bestimmten Margarinen, Pommes frites und industriell hergestelltem Gebäck vorkommenden Stoffe wirken sich viel ungünstiger auf dem Cholesterinspiegel aus und erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen besonders stark.
 
Die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder kritisiert die DGE. Sie spricht sogar von einer Fehlinformation und Täuschung. Die DGE hat zwar 2006 eine Leitlinie zu Fett publiziert, jedoch hat diese Schwächen, „vor allem in den Kapiteln über das Herz-Kreislauf-Risiko und Adipositas“, wie die Wissenschaftlerin berichtete. Nach den oben erwähnten neuen Erkenntnissen müsste die DGE reagieren und ihre Leitlinien anpassen.
 
Wie Sonja Popovic im eingangs erwähnten Stern-Bericht ausführt, hängen an der Fett-These Milliarden Umsätze. Die Diät-Industrie hat natürlich wenig Interesse, wenn Ernährungsdogmen, die seit über 40 Jahre im Umlauf sind, geändert werden. Sie verdienen ja an der empfohlenen Fettreduzierung kräftig mit. Aber auch die Pharmaindustrie mit ihren Cholesterinsenkern sichern sich gewaltige Einnahmen.
 
Das hat noch ganz andere Folgen: Zum einen werden Ernährungsberater ausgebildet, die dann Patienten informieren, und zum anderen verlassen sich Ärzte und Journalisten auf die Empfehlungen der Ernährungsgesellschaften.
 
Auch mir passierte das hie und da, als ich auf angeblich exakte Studien hereinfiel und manchmal diese in meinen Büchern und Artikeln zitierte. Man muss sich ja auf Institutionen und Wissenschaftlern beziehen, denn sonst wird der Leser behaupten, diese oder jene Meldung hätte ich mir aus den Fingern gesogen. Die Medizin- und Wissenschaftsgläubigkeit ist bei uns sehr verbreitet. Über so manchen Studienunsinn habe ich schon in Blogs hingewiesen. Man muss immer genau recherchieren, wer die Studien durchgeführt hat und wer die Auftraggeber sind. So kam es in der Vergangenheit vor, dass beispielsweise die Margarine-Industrie nur solche Studien publizierte, die ihr angenehm waren. Es gab Zeiten, wo dann die Butter verteufelt wurde.
 
Wer sich fettarm ernährt, der wird wahrscheinlich weniger fettlösliche Vitamine aufnehmen und dafür mehr Kohlenhydrate verzehren. Und das scheint dem Körper nicht gut zu bekommen. „Jüngere Studien geben Hinweise darauf, dass eben dies das eigentliche Übel ist, vor allem für jene Menschen mit Bauchansatz, die unter dem Metabolischen Syndrom leiden“, schreibt Sonja Popovic.
 
Eine kohlenhydratreduzierte Diät, wie die Logi-Diät von Worm, scheint besser zu wirken als eine fettarme Diät für Übergewichtige. Warten wir einmal ab, ob die Ergebnisse der neuen Meta-Analyse wieder eines Tages umgeworfen werden. Am besten ernährt man sich vielseitig mit gesunden Produkten. Man sollte auch mehr auf das „Bauchgefühl“ hören und das, was einem schmeckt, massvoll essen.
 
Walter Hess schrieb mir in einer E-Mail am 24.03.2010 sehr treffend dies: „Die pauschale Fett-Verteufelung war ein blühender Unsinn. Hochwertige Öle geniesse ist gern, veredle manche Speise damit. Für mich das Schlimmste sind die industriell verarbeiteten, trostlosen Light-Produkte, es sind verstümmelte Lebensmittel.“
 
Fast-Food brachte Starkoch zum Weinen
Der englische Starkoch Jamie Oliver, der sich in England bemüht, den Kindern und Erwachsenen eine gesunde Kost ans Herz zu legen und auch den Fast-Food-verwöhnten Eltern zeigt, wie man richtig kocht, wagte etwas Aussergewöhnliches. Er wollte den US-Bürgern kulinarische, gesunde Kost beibringen. Er war der Ansicht, er würde als Missionar gefeiert werden.
 
Er suchte sich die „Höhle des Löwen“ für seine TV-Show „Jamie Oliver`s Food Revolution“ aus, nämlich Huntington in West-Virginia. Dieser Ort gilt laut der US-Gesundheitsbehörde Centers for Diseas Control and Prevention (CDC) als jener mit der ungesündesten Ernährung. Die Kinder bekommen schon zum Frühstück und später beim Mittagessen Fast Food serviert. In den Küchen stapeln sich grosse Mengen an Imbissschachteln. „Es ist dieses Essen, das Amerika umbringt“, sagte der Starkoch (www.spiegel.de).
 
Auch in den meisten US-Filmproduktionen verschlingen die Schauspieler meistens Fast-Food (chinesisches Essen in Papptüten, Pizzas usw.) und das – so wird jedermann suggeriert – mit Genuss.
 
In der Küche einer Grundschule wollte Oliver den Kids beibringen, wie gesundes Essen zubereitet wird. Aber die zeigten ihm die kalte Schulter. Die Ablehnung war so massiv, dass Oliver in Tränen ausbrach. „Sie verstehen mich nicht, weil sie nicht wissen, warum ich hier bin.“
 
Er hätte lieber in eine Grundschule nach Deutschland kommen sollen. Dort hätte er sicherlich mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich hielt ja einmal einen Vortrag in der Grundschule meines Enkels Manuele. Die Kinder waren sehr wissbegierig. Noch Monate danach sagen etliche Kinder zu meinem Enkel, wenn Sie ihre Pausenbrote oder Nahrung bei Schulfesten beurteilten: „Dein Opa würde sagen, das ist ungesund, das ist gesund.“ Sie wissen da genau Bescheid, aber ob sie sich oder ihre Eltern daran halten, bezweifle ich. Aber vielleicht gab ich einen unwesentlichen Anstoss zu einer gesunden Ernährung.
 
Auch in den USA wurde eine Sendung mit dem Starkoch gezeigt. Die Quoten waren jedoch nicht berauschend. Die Zubereitung einer gesunden Kost stösst bei den meisten US-Bürgern auf wenig Gegenliebe. Die interessieren sich vielmehr für die glorreichen „Siege“ der US-Soldaten, für die Werbung, für US-Filmproduktionen und der Oscar-Verleihung.
 
Cholesterinsenker für 8-Jährige
Schier unglaublich, aber wahr: Laut Empfehlung der „American Academy of Pediatrics“ (AAP) sollen bereits Achtjährige cholesterinsenkende Medikamente schlucken, um die erhöhten Blutfette zu senken. Kinderärzte reagierten empört und die „New York Times“ kritisierte die Empfehlung. Es gibt nämlich keine aussagekräftigen Studien, dass durch diese Empfehlung Herzinfarkte verhindert werden.
 
Wichtig wäre eine Änderung der Ernährung. Diese wäre dringend notwendig, da es immer mehr Übergewichtige und Fettleibige unter den US-Kids gibt. Laut einer neuen Studie sollen bereits 37 % aller Kinder und Jugendlichen in den USA übergewichtig sein, 19 % gelten als fettleibig (www.spiegel.de).
 
Wie krank müssen Leute sein, die bezüglich Dicksein einen Rekord aufstellen wollen! So berichtete dpa am 17.03.2010, dass eine US-Amerikanerin mit ihren jetzigen 273 kg noch 200 kg zulegen möchte, um dann als dickste Frau der Welt zu gelten. Um das zu erreichen müsste sie 12 000 Kalorien täglich zu sich nehmen. So ein Wahnsinn!
 
Hinweis auf einige weitere Blogs zu Ernährungsfragen
29.01.2008: Ernährungsstudien-Wahn: Verwirrung bei den Verbrauchern
 
Der Link zum stern-Artikel:
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