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BLOG vom 03.04.2010


Allzumenschliches: Oster-Gedanken rund um Nietzsche
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Greife ich im Gedächtnis zurück, erinnere ich mich an sonnige Ostertage in meiner Kindheit. Seither habe ich über Ostern gefroren, sei es in Paris, Ghent, Basel oder London. Mein Regenschirm blieb aufgespannt. Meine Schuhe sogen die Nässe der Pfützen auf. Pfui! Darüber vergiesse ich nachträglich keine Tränen.
 
Diesmal wird es nicht anders sein. So bleibe ich wieder einmal zuhause und bin gut gerüstet: Ich werde länger schlafen, mehr essen und trinken und mich mit Lektüre eindecken.
 
Auch dieses Jahr sind die Schokolade-Eier kleiner und teurer geworden. Die Schokolade ist von gleichbleibend schäbiger Qualität. Immerhin haben sich die Hyazinthen und auch die Osterglocken entfaltet. Die Knospen der Reben und Kastanien halten sich noch immer zurück. Nur die Regentröpfchen glitzern an den Zweigen. Zum Regen gesellt sich der Birkensaft. Das Moos ersetzt das Blattgrün. Der Gartenweg ist glitschig und die Regentonne überfüllt.
 
Nach vielen Jahren habe ich 3 Werke von Friedrich Nietzsche zur Lektüre erkoren: „Morgenröthe“, die Bände I und II von „Menschliches Allzumenschliches“. Mit 24 Jahren wurde Nietzsche als Professor an die Universität von Basel berufen. Mit 3 Mitschülern habe ich, wir mochten 14 Jahre alt gewesen sein, wissbegierig „Also  sprach Zarathustra“ gelesen, mit dem Untertitel „Ein Buch für alle und keinen“. Aber gewiss nicht für kleine Leseratten bestimmt. Das Buch machte unter den Schulbänken die Runde. Ein Lehrer ertappte mich dabei und beschlagtnahmte mit Ekel dieses Meisterwerk. Ich habe ihm das nie verziehen, Rebell und Freigeist, den ich dank Nietzsche geworden bin.
 
Wie viel – teils bewusst provozierte – Missverständnisse umwuchern nicht diesen Meister! Ausgerechnet er, der ein glasklares Deutsch schrieb! Ich habe gestern mit dem Lesen der „Morgenröthe“ begonneneine wahre geistige Gourmandise – und kann folglich getrost auf die Osterschokolade verzichten. Seine träfen Stiche und Hiebe gegen die fadenscheinige Moral und Sitten sind einzigartig. Seine zumeist kurzen Texte, teils Aphorismen, raffen seine Aussagen auf der 1. Linie zusammen, etwa so: „Begriff der Sittlichkeit der Sitten“, „Vollksmoral und Volksmedicin“, „Die Thiere und die Moral“, „Zweifel am Zweifel“, „Die Worte liegen uns im Wege!“, „Humanität der Heiligen“ usf. Nietzsche zieht treffsicher seinen Degen aus dem Hinterhalt, schickt ihm einen Hintergedanken voraus. Darüber ärgern sich die vermeintlich Vortrefflichen. Selbst heute noch, besonders heute!
 
Nietzsche liefert mir Stichworte für eigene Aphorismen, wovon ich hier eine kleine Auswahl meiner Art gemäss auftische:
 
Wegabkürzung. Dabei geht der Weg verloren.
 
Die grossen Probleme liegen in der Gasse, sagte einst Nietzsche. Heute liegen sie in der Gosse.
 
Wo wird die Schuld gesucht und gefunden? Im Misserfolg.
 
Mancher Übermut ist mutwillig böse.
 
Aus den Wolken kommt der Regen. Aus dem Geist tropfen Gedanken.
 
Der Kunstgriff, zeitweise zu verschwinden, erfreut mich noch immer!
 
Die Menschen brauchen einen Gott und haben ihn erfunden.
 
Enttäusche den Menschenkenner nicht, der vorgibt, dich besser zu kennen als du dich selbst.
Somit gewinnst du als Stoiker deinen Spass, ohne dass er es merkt.
 
Der Geiz bricht am leichtesten bei kleinen Käufen durch.
 
Halte deine Weisheit im Zaum. Das nenne ich klug sein.
 
Frohe Ostern!
 
Hinweis auf ein weiteres Oster-Blog von Emil Baschnonga
 
Hinweis
Die Anthologie „Neue deutsche Aphorismen“ enthält 1308 Aphorismen von 91 deutschsprachigen Aphoristikern der Gegenwart, darunter auch von Emil Baschnonga. Edition Azur, D-01097 Dresden 2010.
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