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BLOG vom 24.04.2010


Wasserschloss: Stabile Ehe aus Natur und Industriekultur
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Eines der bemerkenswertesten Gemächer des Wasserschlosses ist der Limmatspitz: das Gebiet Vogelsang (Gemeinde Gebenstorf AG), eine nach Norden zusammenlaufende Landzunge, wo die Limmat in die Aare einmündet. Bäche, Kanäle und Umgehungsgerinne bilden ein ganzes Gewässernetz, das auch die Stroppelinsel östlich des Zusammenflusses entstehen liess. Darauf baute einst ein Fabrikant seine Villa; heute ist die Insel im Besitz der Pro Natura, die an der Limmatmündung 5 Hektaren Land ihr Eigen nennt und sie zum Geschenk für die Natur macht.
 
Natur und Industriekultur sind hier eng ineinander verschmolzen. Insbesondere von den mächtigen Silberweiden sowie Schwarzpappeln und den schön erhaltenen Fabrikationsgebäuden der ehemaligen Zwirnerei Stroppel mit eigenem Elektrizitätswerk, die sich im Wasser spiegeln, geht jene Faszination aus, die jedes Kontrastprogramm bietet, das einen inneren Zusammenhang hat.
 
Die Zwirnerei, ein aneinandergereihter Komplex unterschiedlicher Zweckgebäude wie dem dreigeschossigen Zwirnereigebäude mit unterschiedlich ausgerichteten Satteldächern und einem geschwungenen Sheddach (auf der Färberei) sowie Wasser- und Liftturm, wurde 1869 im Auftrag des Zürcher Nähfadenpioniers Emil Escher-Hotz erbaut. Die Zwirnerei ging bereits 1906 an die britische Firma J. & P. Coats über. Bis in die 1980er-Jahre zog sie unter dem Namen Coats Stroppel AG ihre Fäden. Die Firma als solche existiert noch, was auch eine Firmentafel mit dem Logo (eine kreisrunde Kette) im Stroppelareal belegt. In der Nähe, etwas limmataufwärts und linksufrig beim Streichwehr, das fast strömungsparallel den Fluss überquert, ist auch die von den Gebrüdern Wagner aus Zürich 1862 gegründete Spinnerei Vogelsang, die später zur „Schweizerischen Bronzewarenfabrik“ BAG (1947 abgebrannt und niedriger als vorher wieder aufgebaut) und endlich zur „Leuchtenfabrik Limmatthal“ mutierte; diese stellte am Ende des 20. Jahrhunderts ihren Betrieb ein. Die globalisierten Wirtschaftsveränderungen löschen viele Glanzlichter aus. Die heute häufig zu Künstlerateliers umgenutzten Fabrikationsstätten sind auch von Verwaltungsgebäuden und Arbeiterhäusern umgeben.
 
Die Auenlandschaft neben den Industrieanlagen wird seit 2003 allmählich wiederhergestellt. Dem Kraftwerkkanal entlang wurde der Kanalaushub, der dort abgelagert war, abgetragen, und zwischen Aareinsel und Schachenacker wurden Uferanrisse geschaffen, welche vom fliessenden Wasser lustvoll bearbeitet, immer wieder neu gestaltet werden können. Weil die gezähmte, vom Stadtleben ermüdete, aus Zürich heranfliessende Limmat über keine grossen landschaftsgestalterischen Kräfte mehr verfügt – sie fällt kraftlos über ein Streichwehr – wurde ein Seitenarm mit Baggerhilfe geschaffen. Im Anschluss an einen metallenen Fussgängersteg mit Geländer, der das Unterwasser des Kleinkraftwerks überbrückt, wurde ein Aussichtshügel aufgeschüttet. Von ihm aus stabilisieren schräge Spannseile den Steg, und zudem ermöglicht er einen guten Überblick über den Limmatspitz. Im Unterwasser fand sogar eine kleine Insel Platz. Man kann über eine Treppe, auf deren Stirnseite in fünfstrahligen Sternen der edlen Sponsoren gedacht wird, zum Aussichtspunkt hinaufsteigen. Alles in allem ist das ein Kunstwerk, vom einheimischen Gestalter Ruedi Sommerhalter geschaffen: eine Schrägseilbrücke, deren Tragkonstruktion landeinwärts versetzt ist und sich an einem leicht gebogenen, schräggestellten Pylon festklammert, eine gelungene Verbindung von Landschaft und Technik, auch hier.
 
Am Sonntag, 25,04.2010, spazierte ich in der von Natur und Mensch beeinflussten, frühlingshaft aufblühenden Limmatspitz-Landschaft. Gelbe Löwenzahnblüten neben Gänseblümchen und dem Gamander-Ehrenpreis wurden von Traubenkirschen, deren Blütenreihen als hängende Trauben gerade ihren intensiven Duft zu verströmen begannen, überragt. Ein Zitronenfalter-Männchen flatterte etwas nervös umher. Die mächtigen Weiden pressten ihre ersten Blätter vor. Ein Hobbyfotograf, der sich stolz über sein in die handliche Canon-Kamera eingebautes 300-mm-Tele zeigte, verfolgte durch den Sucher einen Kleiber mit bläulichem Gefieder und ockerfarbenen Unterseite, der in einer rissigen Baumrinde nach Insekten, -eiern und -larven suchte, des schönen Vogels Leibspeisen.
 
Der Kameramann hatte, wie ich auch, in der Nähe des Zusammenflusses einen von Biberzähnen angenagten Stamm einer alten Weide gesehen, und er verwünschte dieses Nagetier zusammen mit einwandernden Bären und Wölfen. So gehe es wirklich nicht, sagte er. Bäume brauchten Jahrhunderte und würden dann einfach umgenagt. Meine Mahnung zur Vorsicht, da ich als Einwohner von Biberstein keine Verunglimpfung unseres Wappentiers dulde und auch eine Zuneigung zu Wölfen und Bären habe, schlug er in den damals noch leicht vulkanstaubhaltigen Wind. Da waren Hopfen und Malz verloren, nicht aber der auf einem nahen Landwirtschaftsacker aufstängelnde, ins Kraut schiessende Winterraps, der sich eben anschickte, seine gelben Einzelblüten zur Entfaltung zu bringen. Daneben ist ein intensivpflegebedürftiges Rasengeviert, nach Gartencenter-Art bepflanzt. Die Pro-Natura-Ideen haben also noch Potenzial.
 
Ein junger, in Gstaad aufgewachsener Vater trug seinen 5 Monate alten Sohn auf der Brust. Der Säug- und Tragling schlief vorerst den Schlaf des Gerechten. Er wachte auf und lächelte uns zu, als wir über den Jetset diskutierten, einer besonderen Form von Flugasche, die aus Gründen vulkanischer Konkurrenz irgendwo festsass. Sie war im Limmatspitz nicht auszumachen, dafür streunten hier viele Erholungssuchende umher, wie wir auch.
 
Ein besonders schönes Bild vermittelt der Mündungsbereich Limmat/Aare, in den sich verzwieselte (mehrstämmige) Silberweiden vorgewagt haben, Durstgefühlen vorbeugend. Man kann sich bei Niedrigwasser ins Flussbett bis zu einer Bank aus hellem, gut gewaschenem Kies begeben und von dort aus schöne Bilder geniessen oder schiessen. Im Wasser schwimmen unter anderen Fischen auch Äschen. Ganz in der Nähe steht eine riesige, uralte, in sich verflochtene Schwarzpappel, an der sich noch keine Baumschere vergriffen hat. Der Reinerberg mit seinem Mischwald bildet den Hintergrund, und man erkennt an seinem Fuss, dass der Rand des Wasserschlosses ein beliebter Siedlungsraum war und ist. Schon die Römer haben hier ihre Spuren hinterlassen, etwa einen Meilenstein aus der Zeit von Kaiser Trajan (98 n. u. Z.). Und der Gemeindename Gebenstorf (Gebistorf) weist darauf hin, dass hier einst die alemannische Sippe des Gebin wohnte.
 
So macht man hier auf Schritt und Tritt interessante Begegnungen, obschon aus den Römern Italiener und aus den Germanen Deutsche geworden sind. Der Besucher spürt, dass das Wasser genauso wie die Zeit fliesst. Robert Musil wies im Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ schon darauf hin: „Der Zug der Zeit ist ein Zug, der seine Schienen vor sich her rollt. Der Fluss der Zeit ist ein Fluss, der seine Ufer mitführt.“
 
In Auengebieten wird das bis zu einem gewissen Grad endlich wieder toleriert.
 
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