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BLOG vom 08.05.2010


Führte ein „fat finger trade“ an der Wallstreet ins Elend?
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
In Bezug auf die Machenschaften im Bereich des Finanzwesens ist man sich – nicht erst seit der US-Hypokrise – einiges gewohnt: Betrügereien, falsche Bewertungen durch korrumpierte Ratingagenturen („Moody’s“ erteilte den Lehman-Brüdern Bestnoten), an Plünderungen gemahnende Saläre, Manipulationen aller Art, beschönigend umschriebene strukturierte Produkte („kapitalgeschützt“), ein unglaubliches US-Nachäffertum (die wirklichen Affen mögen diesen Begriff bitte entschuldigen), Fehleinschätzungen, Übertreibungen usf. Die vielen tüchtigen, guten Bank- und Börsenangestellten tun einem Leid.
 
Am Donnerstagabend, 06.05.2010, ist die Serie der börsianischen Dummheiten noch um ein weiteres Highlight ausgeweitet worden: Ein Händler an der Wallstreet (wo denn sonst?) vertippte sich möglicherweise und gab beim Gambling mit Aktien des Konsumgüterherstellers Procter & Gamble ein „b“ (für billion, dem englischen Begriff für Milliarde) statt ein „m“ (für Million) ein. 1 Milliarde sind 1000 Millionen, ein kleiner Unterschied. Die Sache ist in Abklärung begriffen. In Amerika spricht man in solchen Situationen von einem fat finger trade, verfettete Würstchenfinger können eben einmal die falsche Taste erwischen – das B befindet sich auf der Tastatur ganz in der Nähe des M; nur gerade das N (wie Null) ist dazwischen.
 
Und so kam es für einen Moment zum grössten Kurssturz in der Wallstreet-Geschichte; da schienen alle Mauern einzubrechen. Der Ruf dieses Börsenplatzes, der bisher als der wichtigste galt, brach ebenso ein. Die Algorithmen, entwickelt aus komplexen Berechenbarkeitstheorien, die Computer steuern, sind offenbar mit den gleichen Eigenschaften wie Menschen behaftet: mit (Tipp-)Fehlern.
 
Um es etwas weniger informatisch-mathematisch auszudrücken: Wenn es kursmässig schon dramatisch bergab geht, wird das durch automatisierte Aktienhandelssysteme wie Stopp-Loss-Vorgaben noch verstärkt, weil alle Börsianer die Verluste begrenzen wollen und dadurch ihrerseits Verluste erzeugen. Auch Einflüsse von Derivaten und Fonds, hinter denen keine effektiven Werte stehen, könnten mitgewirkt haben. Falsch programmierte Hochgeschwindigkeitscomputer schalten sich ein, kommen selber nicht mehr draus, generieren idiotische Geschäfte und reiten den Markt ins Chaos. Es ist etwa so, wie wenn ein Alpinist abstürzt und ihm gleich alle Bergkameraden nachspringen würden, weil sie damit die eigene Absturzgefahr beseitigen wollen. Eine solche Logik können nur Börsenhändler und Algorithmiker verstehen.
 
Das Jonglieren mit den zunehmenden Nullen kann ja einmal schief gehen, zumal die Staatsverschuldungen ohnehin allmählich das Rechnen in Billionen, Billiarden, Trillionen und Trilliarden erzwingen. Der Weg zur Apokalypse ist mit immer mehr Nullen gepflastert.
 
Die Nullen haben sich auch an vielen wichtigen Stellen zunehmend etabliert. Weniger verständlich ist der Umstand, dass sich anschliessend auch ausseramerikanische Börsen den aufgrund eines läppischen Fehlers entstandenen US-Vorgaben beugen – aber es bestätigt die jahrzehntelangen Beobachtungen, wonach die Welt jede Dummheit aus den USA gedankenlos übernimmt. So haben zuerst einmal die Börsen in Asien, die aus weltzeitlichen Gründen nach dem Endgebimmel an der Wallstreet gerade erwacht waren, den US-Tiefensprung nachvollzogen und deutliche Verluste eingefahren – immer mit dem Ländernamen „Griechenland“ im Nacken, das seit einigen Monaten den Part der Lehman Brothers übernommen hat. Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index schloss am Morgen MEZ des 07.05.2010 um 3,1 % tiefer bei 10 364 Punkten und damit auf dem tiefsten Stand seit 2 Monaten. Damit hatte er sich ziemlich genau an die Verlustzahl des Dow-Jones-Indexes (-3,2 %) gehalten. Der japanische Herdentrieb fällt mir immer wieder auf. Psychologenfutter. Die europäischen Börsen zeigten sich für einmal und ausnahmsweise anfänglich nicht sonderlich beeindruckt, schwenkten dann am Freitagnachmittag, 07.05.2010, gehorsamst wieder auf den Dow Jones ein, der nach einer kurzen Erholungsphase in der Minus-Depression stecken blieb, legten sogar noch einen Minus-Vorsprung ein. Währenddem der DJ am späten Freitagabend (07.05.) bei -1,33 % schloss, brachten es die Europäer in ihrem überholenden Gehorsam auf -2,85 % (SMI Schweiz), -3,27 % (DAX Deutschland), -3,33 (ATX Österreich), -2,35 % (FTSE MIB Italien), -4,10 % (OMX Finnland), -4,14 % (OMX Niederlande) und so weiter. Damit war die Nibelungentreue zum US-Blödsinn, die bis zum Tod reicht, erneut bewiesen, ja sogar noch überhöht.
 
Selbstverständlich wollten auch die Devisenhändler nicht zurückstehen. Sie gerieten in Aufruhr und setzten den Euro, der erst jetzt als Missgeburt erkannt wird, zusätzlich unter Druck; erst tags darauf ergab sich eine Stabilisierung auf tiefen Niveau. Die japanische Notenbank pumpte Milliarden (nicht Millionen) in den Markt (rund 17,1 Mia. Euro).
 
Lustig ist dabei, dass Griechenland weltwirtschaftlich eigentlich eine vernachlässigbare Rolle spielt – selbst im Euroraum trägt es weniger als 2 % zur Wirtschaftsleistung bei (etwa im Gegensatz von Spanien mit 8 %). Aber Griechenland wird als ein Fanal wahrgenommen, ein feuriges Signal, das zeigt, wohin Staatsverschuldungen führen können, wenn immer sich ein Staatsbankrott als Folge einer abenteuerlichen Fiskalpolitik abzeichnet. Das ist der Fall, sobald ein Staat seine Staatsschulden nicht mehr bedienen kann, wenn ihm also das Geld fehlt, die Zinszahlungen zu leisten.
 
Viele Länder sind aussichtsreiche Staatsbankrott-Kandidaten. Ihre Kreditwürdigkeit leidet; die Bedingungen, Geld aufzunehmen, werden verschärft, was den Bankrott beschleunigt – der berühmte Teufelskreis, der sich nach und nach zum wichtigsten aller Kreise entwickelt. Wenn bereits das schöne, arme Mittelmeerland der Hellenen derartige Wellen schlägt, kann man sich ausmalen, was passieren würde, wenn wirtschaftspotente, bereits heute masslos verschuldete Staaten wie Spanien, Deutschland, England oder gar die USA vor den Augen der Weltöffentlichkeit gegen den Pleitegeier kämpfen müssten: Verkaufspanik und unermessliche Panik überhaupt. Nur, dass das mit der Globalisierung geheissenen Totalvernetzung und globalen Verkettung zu tun haben könnte, haben erst wenige Menschen erkannt. Es wird weitergewurstelt. Habt Vertrauen, Leute! Vertrauen! Augen zu, Geldbeutel auf und durch!
 
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