Textatelier
BLOG vom: 15.06.2010

Putzaktion für einen Gast wurde zum Geschenk für mich

Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Die Balkontür blieb offen, als ich das Haus verliess. Nur kurz. Nur um die Briefe in den gelben Postkasten zu werfen. Als ich zurückkam, traf ich auf einen Windstoss, der nur darauf gewartet hatte, als Durchzug durch Korridor, Stube und Balkon wieder ins Freie zu sausen. Hätte ich die Tür nicht richtig im Griff gehabt, sie wäre schletzend ins Schloss gefallen. Und genau das soll vermieden werden. Betonhäuser schlucken den Lärm nicht. Sie lassen ihn den Wänden entlang hochgehen und stören dann jene Leute, die in oberen Regionen zu Hause sind. In unserem Wohnhaus wird explizit daraufhin gewiesen.
 
Ich schätze den Durchzug als Lufterfrischer und organisiere ihn immer von Zeit zu Zeit. Da ich an diesem Tag Stunden zuvor zusätzlich die Wohnung gründlich ordnete und reinigte, fühlte ich mich jetzt beim Eintreten wie am Meer. Diese Frische, wie eine Meeresbrise!
 
Wie gut, dass ich von Zeit zu Zeit das Haus verlassen muss, um dann festzustellen, wie angenehm mein Raumklima nach einer solchen Putzaktion ist.
 
In der Stube hatten die orangefarbenen Sonnenstoren mit der Sonne zusammen noch ein südliches Licht entwickelt. Und der Föhnwind wiegte die Gräser in den Balkonkisten hin und her. Die reinste Seligkeit. Ich freute mich über diese Ferienstimmung. Ich erwartete Besuch und war mit meinen Vorbereitungen zufrieden.
 
Aber Ursula kam nicht, verunfallte an diesem Tag. Ein Hund sprang aus einem toten Winkel heraus auf die Strasse, direkt ins Vorderrad ihres Velos. Sie stürzte. Glücklicherweise wurde nur das Rad verletzt. Aber von einem Ausflug nach Zürich-Altstetten wollte sie nichts mehr wissen. Der Schock sass ihr im Nacken.
 
Allein trank ich den vorbereiteten kühlen Tee, ass eine Schnitte Kuchen und sinnierte dann über meine Putzaktion. Ich konnte sie geniessen, auch wenn sie ursprünglich nicht für mich, sondern als Geschenk gedacht war.
 
In jungen Jahren meinte ich einmal, ich hätte jetzt genügend geschrubbt, gewischt, gewichst, abgestaubt usw. Es gäbe doch wahrhaftig im Leben Schöneres als für Ordnung und Reinlichkeit zu sorgen. Als Familienfrau weiss ich aber längst, dass sie die Basis für die Gesundheit bilden.
 
Meine Eltern hatten zusätzlich zur Arbeit des Vaters noch die Hauswartung in einem Fabrikgebäude übernommen. Dort wohnten wir auch. Und das hiess, dass wir Kinder – 5 an der Zahl – alle mitarbeiten mussten. Heute würde man vielleicht von Kinderarbeit reden. Doch war unsere Chefin die Mutter, nicht ein fremder ausbeuterischer Fabrikbesitzer. Sie brauchte unsere Unterstützung, und uns schadete die Mitarbeit nicht. Unsere Aufgaben: Papierkörbe leeren, Büroböden wischen, Pulte abstauben, Fenster und Treppen reinigen, den Steinboden auf den Knien schrubben, den grossen Hof wischen, Holz zum Feuern in die Winde tragen. Diese Arbeiten führten zu einem sauberen Raumklima, das uns allen zur Norm geworden ist. Sie bewirkten das Sonntagsgefühl. Denn die Hauptarbeit wurde am Samstagnachmittag verrichtet.
 
Das heutige Alltagsklima darf bei mir hin und wieder auch bedürftig sein. Nur so komme ich dazu, Blogs zu schreiben. Aber für einen lieben Besuch strebe ich immer noch diese gewisse festtägliche Ordnung und Frische an. Und manchmal denke ich, ich würde gerne nochmals mit Mutter Büros putzen. Sie verteilte die Arbeit so, dass wir das Ende absehen konnten. Mir gefiel es, die Wasserhahnen an den Lavabos zu polieren oder Fenster zu putzen, bis die Scheiben auch an den Übergängen zum Fensterkitt klar waren. Wir arbeiten ruhig und ohne Zeitdruck. Das kann ich nicht mehr. Heute sehe ich schon während einer Putzarbeit die nächste vor mir.
 
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