Textatelier
BLOG vom: 22.06.2010

Vom Glück, in Zürich-City eine Parkbusse bezahlen zu dürfen

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Zusammen mit Tokio, Osaka, London, Moskau, Seoul und Genf gehört Zürich zu den teuersten Städten der Welt. Doch Parkbussen sind dort zu einem verhältnismässig günstigen Preis zu haben: 40 CHF. Das entspricht etwa einer Portion Züri-Geschnetzeltem und einem Fläschchen Bier in einem mittelprächtigen Gasthaus.
 
Am 29.05.2010 stellte ich mein Auto an der Gartenstrasse in der Stadt Zürich direkt neben einem für die Polizei reservierten Parkplatz ab und fütterte um 14.45 Uhr den hungrigen Geldautomaten mit einem Fünfliber für die maximal zulässigen 2 Stunden. Ich war zu einer Feierstunde in der Nähe eingeladen, geriet in eine überraschend angenehme Gesellschaft, sozusagen in einen zeitlosen Raum. Man unterhielt sich ausgezeichnet. Und als ich bekannt gab, ich müsse meinen Prius umparkieren gehen, unterstützte mich einer meiner neuen Bekannten, dass ich das unbedingt tun müsse, da Nachzahlen verboten sei. Man müsse sein Auto auf dem Parkplatz mindestens ein paar Zentimeter verschieben, da viele Parkplatzwächter mit einem Kreidestrich an Pneu und auf dem Boden die genaue Position des Fahrzeugs während der 1. Parkierungsphase markieren würden.
 
Mir, einem ausgesprochenen Freilandei, waren solche Tricks natürlich fremd, und dementsprechend hörte ich aufmerksam zu, meine praktische Bildungsfähigkeit noch einmal übend. Entscheidende Minuten verstrichen. Auch kamen verschiedene weitere lustige Parkbussen-Geschichten aufs Tapet, indessen ich wie auf Nadeln sass und mich mit einem Stück herrlichem Ziegenkäse aus der Champagne zu beruhigen versuchte. Er hatte einen herrlichen Ammoniakgeruch, wie er nur bei Rohmilchkäse während der geduldigen Höhlenreifung entstehen kann.
 
Dann nahm ich die erste Gelegenheit zur Bereinigung meiner sich dramatisch zuspitzenden Parksituation wahr – im Laufschritt, wie er zum hektischen grossstädtischen Lebensstil nun einmal gehört, raste ich zu meinem Parkplatzfeld 7. Als es in Sichtweite kam, zeichneten sich die Umrisse einer himmeltraurigen Szene an: Meine Weitsicht erkannte einen volluniformierten Polizisten, ein Angehöriger einer auf Parkplatzsünder spezialisierten Sonderbrigade. Er stand wie ein Fels mit gezücktem Notizbuch protokollierend unmittelbar neben meinem Auto. Wäre ich 2 Minuten früher gekommen, hätte ich dem Aufseher die Arbeit ersparen können.
 
Hier habe er den Täter gleich vor sich, begrüsste ich die kräftige Schutzmann-Figur, die nicht mehr allzu weit vom Pensionsalter entfernt sein konnte. Irgendwie waren wir uns auf Anhieb sympathisch. „Ja“, sagte er seufzend, er müsste mich jetzt halt büssen, schaute nochmals zur Kontrolle auf seine Uhr. Ich wusste, dass ich hier etwa 25 Minuten zu spät eingetroffen war und legte ein umfassendes Geständnis ab: „Ich gebe alles zu.“
 
Bei den vorangegangenen Parkbussen-Gesprächen in der geselligen Runde hatte ich mitbekommen, dass viele Parkzeit-Übertrittswillige die Polizisten wüst als aufpasserische, hinterhältige Tage- und Gelddiebe beschimpfen würden. Mein Polizist kam mir überhaupt nicht als so etwas vor – er tat einfach korrekt seine Pflicht, erfüllte seine Aufgabe ohne irgendwelchen Hintersinn. Meine anständige Reaktion schien ihn eher zu verblüffen – „gibt es das noch?“, mag er sich gefragt haben.
 
„Möchten Sie die Buss gleich bezahlen?“ – „Ja, gern“, antwortete ich, wobei ich mit dem Adverb „gern“ nicht eine besondere Leidenschaft fürs Bussenzahlen durchblicken lassen wollte, sondern damit einfach meine Vorliebe für schnelle Erledigungen von anstehenden Aufgaben bekundete.
 
„S’macht 40 Franke“, sagte der Polizist. Für eine teure Stadt wie Zürich sei das ja noch günstig, warf ich ein. „Parkbussen kosten überall gleich viel“, belehrte mich der nette Mann; das war mir neu, und es erleichtert meine Kalkulation bei kommenden Parkierungsstrategien.
 
Ich überreichte ihm feierlich eine 100-Franken-Note, und er gab mir eine Fünfziger- und eine Zehnernote zurück: „Sie geben mir 1 Note, ich Ihnen 2“, kommentierte er diesen Vorgang, woraus ich schloss, dass er mir eigentlich lieber etwas gegeben als weggenommen hätte.
 
Sozusagen unter Freunden unterbreitete ihm dann das folgende Problem: Ich hätte noch etwa 1 Stunde in der Nähe zu tun, gab ich bekannt, und ob ich nun, da ja nun der erste Akt des Parkierens auf eine für die Stadt Zürich sicher lukrative Weise in sich abgeschlossen sei, das Auto gleich hier stehen lassen und einfach nachzahlen könne. Nebenan waren mehrere Parkplätze nicht besetzt, da der Feierabend ausgebrochen war, und es wäre ja ein Blödsinn gewesen, den Motor zu starten und die 3 Meter zum benachbarten Parkfeld zu fahren. Das gehe leider nicht, sagte der Polizist. Er dachte angestrengt nach, wohl zwischen Vorschriften und Vernunft abwägend. „Also, ausnahmsweise“, kam er zu Schluss. Ich bedanke mich überschwänglich, wünschte ihm einen schönen Abend und er mir einen guten weiteren Aufenthalt in Zürich.
 
In diesem Zürich gefällt es mir immer gut, nach wie vor. Hier herrschen Ordnung und Disziplin; eine Parkbusse heisst hier denn auch Ordnungsbusse. Und wenn die Ordnung mit polizeilicher Gewalt durchgesetzt werden muss, geschieht das auf einfühlsame, menschenfreundliche Weise. Diese Erkenntnis hätte ich verpasst, wäre ich rechtzeitig zum Parkplatz 7 zurückgekehrt.
 
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