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BLOG vom 28.06.2010


Regionalpärke: Wertschätzung und Inwertsetzung des Nahen
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
In allen Ländern schliessen sich grössere oder kleinere zusammenhängende Gebiete zu Regionalparks zusammen. In der Schweiz wird die Mehrzahlbildung von Regionalpark zu Regionalpärke. Und einen Plural braucht man dringend; denn diese Parks/Pärke überziehen die Landschaften zunehmend, ohne dass man davon etwas sieht. Sie sind vorerst sozusagen virtueller Art, existieren immerhin als Idee, die zu Plänen wird, und am Ende haben sie vielleicht auf die Entwicklung und Möblierung der Landschaft Einfluss. Ihr Zweck ist im Wesentlichen, das Augenmerk auf eine bestimmte Region zu lenken, die sich als schön und begehrenswert empfindet, einigermassen unversehrt bleiben und sich als Landschaft mit den hier wachsenden regionalen Produkten besser vermarken will.
 
Eine Steigerungsform sind die Biosphärenreservate, die starke natürliche Besonderheiten aufweisen und in denen der Naturschutz stärker betont ist. In der Schweiz hat das Entlebuch diese Auszeichnung erhalten; das Val Müstair (das Münstertal im Bündnerland) bemüht sich momentan um den Ehrentitel. Diese Reservate stehen unter der Obhut der Unesco, der Uno-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, und finden sich bereits in über 100 Ländern – mehr als 550 sind es inzwischen.
 
In der Regel wird der Schweizerische Nationalpark im Kanton Graubünden zu den Biospärenreservaten gezählt. Hier sind die Schutzmassnahmen am intensivsten. Es gibt keine Eingriffe in die Dynamik des Naturgeschehens, die Natur ist geschützt, und Besucher dürfen sich nicht von den Wegen entfernen. Dann gibt es die Einrichtung der Naturerlebnispärke: möglichst ungestörte Lebensräume in Stadtnähe, die der Erholung und Bildung dienen. Das Musterbeispiel ist der Sihlwald zwischen Albiskette und Zimmerberg, der grösste zusammenhängende Laubmischwald der Schweiz. Die Idee der extensiven Bewirtschaftung entstand 1986 und geht auf den ehemaligen Zürcher Stadtförster Andreas Speich zurück, der insbesondere bei seinen Berufskollegen, welche auf den Holzackerbau getrimmt waren, in Ungnade fiel und weggemobbt wurde. Seine Idee aber blieb, fasste Wurzeln. Und dann gibt es noch die Regionalen Naturpärke, in denen eine nachhaltige Entwicklung von Natur und der lokal angepassten Wirtschaft und des Gewerbes angestrebt wird.
 
Etwas weiter von der Natur entfernt sind die Agglomerationspärke, welche in baulich verdichteten Gebieten und in Siedlungsnähe attraktive Parklandschaften für Naherholung, Freizeit, Kultur und Natur bezeichnen oder herstellen wollen; es sind also Ausgleichsräume innerhalb von dichten Besiedlungen. Ihr Ziel besteht darin, der Tier- und Pflanzenwelt umfangreichere Lebensräume zu bieten und der Allgemeinheit einen verbesserten Kontakt zur Natur zu ermöglichen. Land- und forstwirtschaftliche Nutzungen werden mit den Freizeit- und Erholungsbedürfnissen koordiniert. Solch ein Agglomerationspark ist im unteren Fricktal im Gebiet Rheinfelden-Möhlin-Pratteln angedacht („Rheinpark“). Im Aargauer „Aktionsprogramm Verkehr und Siedlung“ sind 3 solche Pärke im Ost-Aargau aufgeführt.
 
Biberstein im Jurapark
Meine schöne Wohngemeinde Biberstein (Kanton Aargau) mit dem Schloss, der Biobadi, dem weitgehend intakten Kerndorf mit den terrassierten Gärten am Jurasüdhang soll bereits im Jahr 2011 zu einem Teil des geplanten, regionalen Juraparks Aargau werden, der insgesamt 33 Gemeinden zwischen Aare und Rhein aus den Bezirken Laufenburg (12), Rheinfelden (5), Brugg (13) und Aarau (3) und zusammen mit der Solothurner Gemeinde Kienberg umfassen wird – 244 km2 Fläche mit total 37'000 Einwohnern. Detaillierte Angaben dazu finden sich unter
 
Hoffentlich machen sie alle mit, verlangt doch der mitfinanzierende Bund, dass solche Pärke ein geschlossenes Areal bilden müssen, so dass in deren Innerem keine Löcher bestehen dürfen (vielleicht wird man eine Ausnahme fürs Emmental mit seinem durchlöcherten Käse machen ...). Das Ausscheren von Gemeinden am Parkrand wäre also weniger dramatisch als jenes von zentral im Park gelegenen. Doch werden es Oppositionelle schwer haben, gute Gründe gegen den Park zu finden, zumal es keinerlei neue Gesetze und Bestimmungen geben wird,wie Daniel Schaffner, Geschäftsleiter von „dreiklang.ch“, sagte; von dieser Regionalorganisation „Aare-Jura-Rhein“ stammt die Idee, einen regionalen Naturpark zu schaffen.
 
Der Jurafünfliber
Die von 98 Personen Bibersteiner Freiluft-Gemeindeversammlung vom 24.06.2010 wurde unter Platanen und einer blühenden Linde auf dem Pausenplatz des Schulhauses über das Projekt orientiert. An der Wintergemeindeversammlung 2010 werden die Stimmberechtigten über den Beitritt beschliessen. Insbesondere geht es dann um den „Jurafünfliber“. Das ist keine neu entwickelte Alternative zum zerfallenden US-Dollar, sondern die Wortneuschöpfung bezeichnet die 5 CHF pro Einwohner und Jahr, welche die beitrittswilligen Jurapark-Gemeinden für die nächsten 10 Jahre zu berappen bzw. zu befranken haben werden. Bei der hervorragenden Finanzlage von Biberstein wäre dies eine gute Möglichkeit, ein wenig Geld nutzbringend anzuwenden bzw. loszuwerden (die Rechnung 2009 schloss mit einem Überschuss von CHF 942 789.89 ab, rund 613 400 CHF besser als budgetiert). Gemeindeammann Peter Frei, bekannter moderner Schweizer Architekt, der alles fest im Griff hat: „Finanziell ist Biberstein sehr gesund.“ Auch pekuniär ist es auf Fels gebaut.
 
Pflege der Wurzeln
Hinsichtlich des Jurapark-Beitritts steht nicht der kleine Beitrag aus der Portokasse im Vordergrund, sondern die Hinwendung zum Einheimischen, zum Regionalen, zum naheliegenden Guten – zur Wurzelpflege. Solche Massnahmen schärfen das Bewusstsein für die Eigenheiten und Schönheiten der Gemeinden und der Region, in der sie verankert sind. Diese Wertschätzung wird sich automatisch auch in ausgedehnteren Schutzmassnahmen manifestieren; denn zu etwas, zu dem man eine enge Beziehung hat, wird man auch besonders Sorge tragen.
 
Zur Wertschätzung kommt die Inwertsetzung: Nicht nur die Landschaft, die für den sanften Tourismus und als Naherholungsgebiet mit einfachen Mitteln eingerichtet wird, sondern auch das Augenmerk auf regionale Produkte, die im Rahmen einer ortskundigen Organisation besser vermarktet werden können, spielt eine Rolle; das alles beeinflusst die Kosten-Nutzen-Rechnung positiv. Zudem können Lebensräume im überschaubaren Bereich ökologisch besser vernetzt werden, und die Kultur erhält eine breitere Grundlage.
 
Regionalisierung statt Globalisierung
Nach meinem Empfinden sind das wichtige Beiträge zur Regionalisierung, die als Gegenstück zur entfremdenden, banalisierenden Globalisierung nicht genug ins Kraut schiessen kann. Das globalisierte Denken, diese aus der letzten Phase des 20. Jahrhunderts mitgeschleppte Seuche mit ihrem offensichtlichen Zerstörungspotenzial, lässt das Besondere, Individuelle, Ortsangepasste als nichtig und klein erscheinen – es verliert jede Bedeutung. Stattdessen wird das Grosse, ständig Wachsende und Normierte angebetet, von vernebelten Geistern verklärt, bis es dann wegen seiner Grösse von selbst einstürzt.
 
In diesem Sinne hoffe ich, dass unsere Erde nicht zu einer Einheitswelt nach amerikanischen Vorgaben und Weltherrschaftsansprüchen, dem ewigen Ziel der Alttestamentarier, sondern zu einer möglichst flächendeckenden Ansammlung von Biosphärenreservaten und Naturpärken wird. Darin sollen umweltbewusste Menschen ihren Lebensraum selber einfühlsam nach ihren Bedürfnissen gestalten. Nur im engeren Umfeld ist es möglich, seine Vertreter zu wählen und zu beobachten und sich einzubringen statt das Feld einer anonymisierten Beamtenschaft aus endgelagerten Politikern zu überlassen, die auf undurchschaubare Art ins Amt gelangt sind und die niemand kennt.
 
Die Menschen wollen atmen, auch Freiheit atmen. Der Jurapark Aargau soll nach den Worten von Daniel Schaffner eine „grüne Lunge“ zwischen den Städten Zürich und Basel sein, möglichst intakte Ortsbilder bewahren und auch wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanze bereitstellen.
*
Als Beispiel für solch eine besonders schützenswerte Tierart nannte Schaffner den Glögglifrosch, wie wir mundartlich die Geburtshelferkröte wegen seines glockenhellen Rufs benennen. Möge auch sie bei der Geburt des Juraparks mithelfen! Bei der Paarung wickelt das Männchen die Eier-Schnüre um die Fussgelenke und trägt sie geduldig bis zum Schlüpfen der Kaulquappen mit sich herum, falls es einen geeigneten Lebensraum hat. Der Beitrag der Glögglifrösche bei der Jurapark-Schaffung besteht also darin, uns die existenzielle Bedeutung eines individuell angepassten Biotops vor Augen zu führen.
 
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