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BLOG vom 11.07.2010


Turtmanntal 2: Via Bärenpfad zur Wasserleite von Ergisch VS
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Man fühlt sich wie in einem Flugzeug, das stillsteht und nur von einem sanften Aufwind nach oben getragen wird: Die Kabine der Luftseilbahn Turtmann-Unterems-Oberems (TUO) entpuppt sich als eindrückliche Aussichtsplattform über das Tal der Rotten (Rhone) und die nördlich daran angrenzenden Berner Alpen. Man erlebt das Wallis aus dem kleinen Behältnis als fast hermetisch geschlossene, in sich gekehrte Welt mit ihren eigenen Gesetzmässigkeiten.
 
Walliser Eigenarten
Im Tal unten ist das pulsierende Leben, ein Gemisch aus Städtchen und Dörfern, Landwirtschaft, Industrie, Verkehrsanlagen. Rebberge, die es auch in der Talebene des Wallis gibt, sind die Steilhänge hinauf gekrochen, haben sich dort festgesetzt wie die vielen Dörfer auf Aussichtsterrassen oder innerhalb von einem ganzen Geäst aus einsamen, ansteigenden Seitentälern, die von Felswänden verbarrikadiert sind und wo sich das Volkstum noch besonders gut halten konnte. Die Walliser vereinigen das Traditionelle mit dem Neuzeitlichen. Sie mussten in dieser klimatisch begünstigten, aber rauen Landschaft ums Überleben kämpfen. Sie verstehen es, fast jeden Wassertropfen gewinnbringend auszuquetschen – zur Energieerzeugung oder zu Bewässerungszwecken. Zum Durstlöschen eignen sich auch die vielen verschiedenartigen Weine. Denn die Niederschläge sind bei dem kontinentalen Klima gering, die Sommer heiss, die Winter kalt. An den Talseiten emporsteigende warme Luft trocknet die Hänge aus; die angenehmen Winde nehmen Feuchtigkeit mit, um sie anderweitig wieder als belebenden Regen niedergehen zu lassen, ob sie dort nun nötiger seien oder nicht.
 
Die Hänge wurden in Kulturland umgewandelt, in dem viele Menschennester entstanden sind, jedes ein Schaustück für sich. Es sind Gruppierungen von kleinen, einfachen Holz-Châlets, die oft Carnotzets genannt werden, obschon diese Bezeichnung genau genommen nur für die Kellerräume gilt, und Stadel. Sie umrunden überall eine stattliche Dorfkirche, um die herum die Toten begraben sind; die Holzgrabkreuze sind meistens von einem Giebeldach geschützt.
 
Als Faust aufs Auge wirken die zahlreichen, verschieden grossen Telecom-Parabolspiegel am Hang oberhalb von Leuk, spiegelnde Kreisflächen, welche das Landschaftsbild stören und wegen denen Archimedes (etwa 278 bis 212 vor unserer Zeitrechnung) sein berühmtes Wort ,,Noli turbare circulos meos!“ – (= zerstöre mir meine Kreise nicht) – gemeint waren seine geometrischen Figuren – wohl nicht von sich gegeben hätte. Der Spiegelauflauf, der sich ständig zu vermehren scheint, erinnert an George Orwells längst überholte, übertroffene 1984-Vision.
 
Im Wallis befruchten sich Deutsch und Welsch, die sich vor allem durch die Sprache unterscheiden – doch als standhafte Walliser fühlen sie sich alle.
 
Unterems
Als ich zu solchen Gedanken inspiriert war, überflog unsere schwebende Kabine gerade das Dörfchen Unterems, eines der ersten besiedelten Gebiete im Wallis, an exponierter Lage auf einem Hochplateau auf 1000 Höhenmetern. Die Gemeinde umfasst nur 139 Hektaren und ist die viertkleinste Gemeinde im Kanton Wallis. Ems heisst in der keltischen Sprache = Bach.
 
Eine 10 km lange Strasse, die von Turtmann hier hinauf und weiter bis Oberems führt, gibt es erst seit 1959. Sie ist im Prinzip einspurig, hat aber viele Ausweichstellen und mehrere Spiegel lassen im Voraus hinter Kurven schauen. An prächtiger Lage ist ein ganzes Unteremser Altersheim-Dörfchen „APH Emserberg“ entstanden, architektonisch dem Dorfbild angepasst. Die Berner Alpen mit dem zum Wallis gehörenden Bietschhorn und das Lötschental grüssten von der gegenüberliegenden Talseite in ihrer ganzen Erhabenheit. In Unterems beginnt bereits der Bärenpfad, in den wir aber erst in Oberems einschwenken wollten.
 
Oberems
Wir schwebten noch bis nach Oberems, der Seilbahn-Endstation, auf 1335 m, bezahlten die bescheidenen Fahrtkosten und liessen uns vom freundlichen Seilbahn-Operateur den weiteren Weg zur Wasserleite (teilweise in Röhren verlegter Wasserkanal, ein Wasserleitwerk) erklären. Wir müssten nur durchs Dorf gehen und würden dann gleich Wanderwegweiser sehen. Wie bei meiner Ankunft üblich, läuteten immerhin 2 von 3 Kirchenglocken – es war gerade Mittag. In aller Bescheidenheit – ich empfand das als etwas viel der Ehre. Die im oberen Dorfteil fast versteckte alte Kapelle aus dem Jahr 1701 schwieg.
 
Bei einem auf Stelzbeine mit vorstehender Schieferplatte als Mäuseschutz (Mäuseplatte) aufgebockten, mäusesicheren Stadel sprachen wir mit einem alten Mann (wie ich), einem der 131 Einwohner, der früher Bauer gewesen war und der den guten Gras- bzw. Heu-Ertrag lobte, dank des vielen Regens im Frühjahr 2010. Eva stellte fest, dass hier oben „geheuet“ werde wie in den 1950er-Jahren auf dem Bergbauernbetrieb ihrer Eltern in Malix GR; sie fühlte sich angeheimelt. Der Oberemser Bauer, der ein Goldketteli mit Kreuz um den Hals, ein weinrot kariertes Hemd und eine silberfarbene Dächlikappe trug, unter der schlohweisses Haar hervorschaute, arbeitete seinerzeit nebenher in der Zentrale des nahen Kraftwerks Oberems (1952 als Gougra AG gegründet, heute „Argessa“ mit Sitz in Siders geheissen), war also mit Arbeit reich eingedeckt und glücklich, es jetzt etwas ruhiger nehmen zu können. Wasserkräfte des benachbarten Val d’Anniviers und des Turtmanntals werden seit 1908 teilweise genutzt. Der Name Argessa ist mit dem früheren Namen von Ergisch identisch.
 
Auf dem Bärenweg zur Wasserleite
Die Wandweg-Signalisation ist gut. Wir fanden den Bergwanderweg-Wegweiser, der zur „Wasserleite Ergisch“ wies und „1 h 45 min“ Dauer prophezeite. Kaum leserlich stand „Schneckenweg“ darunter, weshalb wir denn auch entsprechen länger brauchten.
 
Kurz nach dem Dorfausgang stehen 3 Holzskulpturen von Tieren, welche für die mit Tiernamen benannten Wege stehen, darunter unser Bär mit grossenteils herausgebrochener Nasenpartie, was auf seine Ungefährlichkeit hinwies. Der Pfad führte zuerst, oberhalb der Sennerei, durch eine Margaritenwiese und war mit Holzgattern mit schwenkbaren Holztürchen manchmal abgesperrt. Eine Steinnelke und ein Türkenbund mit den prächtigen Perigonblättern grüsste neben vielen anderen Alpenpflanzen am Rand des Wegs, der zunehmend steiniger, unförmiger wurde. Gelbe Adonisröschen und Wollköpfige Kratzdisteln waren in schönster Blüte. Eine Tafel wies daraufhin, dass hier ein Herdenschutzesel in Aktion sei – im Rahmen des Projekts KORA (Koordinierte Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management der Raubtiere der Schweiz). Den Esel aber sah ich nicht; vielleicht hatte der Bär ihn genüsslich verzehrt ... Er zieht ja Schauermärchen förmlich an. Zunehmend begegneten wir auffallend grossen Lärchen, die sich hier ebenso wohl fühlten wie wir.
 
Wir gerieten in einen gottvergessenen Winkel. Das Turtmanntal begann spätestens hier, seine ganze Wildheit offenzulegen. Der Einschnitt unter uns wurde tief und tiefer, stieg wieder an; die penninische Decke mit ihren vielen Steinsorten von Sandstein bis zu kristallinen Gesteinen gab ihren Inhalt preis. Durch eine selektive Erosion sind die Härteunterschiede des Gesteins prachtvoll herausgearbeitet. Das Rauschen des Wassers tief unter uns wurde intensiver. Felsentürme auf der einen, Abgründe auf der anderen Seite – und es schien unmöglich zu sein, auf die andere Talseite zu gelangen. Felswände führten in einen dunklen, urwüchsigen Wald, den Toibuwald (1390 m), hinein, und eine Tafel warnte vor plötzlich anschwellendem Wasser aus den Kraftwerkanlagen mit dem Stausee. Unter uns – das war doch ein Urwald, weil er grösstenteils unzugänglich ist und nie bewirtschaftet werden konnte.
 
Unter einer Lärche, die hier, nahe bei der Waldgrenze, zu einer riesigen Dimension herangewachsen war, nahmen wir das Picknick ein, ein Sammelsurium, das wir in der letzten Minute vor der Seilbahnabfahrt aus dem Kofferraum in den Rucksack ungeladen hatten. Da waren immerhin 2 gesottene Freilandeier und Salz aus einem Ministreuer, 2 Becher Joghurt mit gewölbten Aludeckeln, die ihren vor lauter Begeisterung über der Bergreise angewachsenen Innendruck am liebsten zur Explosion gebracht hätten, sodann etwa 20 cm Pariserbrot und in einem Glasbehälter exakt geschnittene Mangoscheiben, die Eva vor der Abreise vom Stein abgelöst hatte. (Die Aprikosenernte war im Wallis noch kaum angelaufen; am Strassenrand wurden solche Früchte französischer Herkunft für 7 bis 8 CHF pro Kilo verkauft.) Dann waren da noch die zum Schneckenweg passenden Haselnussschnecken mit Zuckerglasur; offenbar war in der Bäckerei die Nussfüllung knapp gewesen. Auch hatten wir noch etwas mit basischen Salzen angereicherten Brennnesseltee und eine Flasche eines mit Holunderblüten aromatisierten Appenzellerwassers bei uns. Und weil ja alles mit zunehmender Höhe besser schmeckt, schloss ich messerscharf, dass wir sehr weit oben sein mussten.
 
Der Suone (Wasserleite) entlang
Der Weg führte weiter über einen bräunlichen Nadelfilz, den Lärchen und Tannen für uns vorbereitet hatten. Ein gewaltiges Getöse entströmte einem Schacht. Waren wir in eine Bärenfalle geraten?
 
Wahrscheinlich wird in diesem Schacht das herabstürzende Wasser zum Teil in die berühmte Leite nach Ergisch abgesondert; das war vermutlich die Anschöpfstelle. Hier begann also die Ergischer (Ärgischer) Wasserleite – zuerst mit einem über die Schlucht führenden Rohr, eine Rohrbrücke, deren Passage aber mit einem Verbot belegt war. Genau an dieser Stelle musste die Haarnadelkurve unter dem Taubenwald sein, wo der Weg über den Bach auf die rechtsufrige Talseite führt. Doch der Wanderwegweiser zeigte linksufrig, wo wir bisher vorgestossen waren, weiter in die Tiefe. Also machten wir die 180-Grad-Kurve und gelangten in eine noch kühlere, frische, von Harzen aromatisierte Luft – „und bei uns daheim haben wir wohl über 30 C“, gab Eva zu bedenken und genoss die Waldeslust umso mehr. Wir tranken diese herrliche Luft förmlich.
 
Unten an der Turtmänna ermöglichte ein kleiner Metallsteg mit Holzgeländer, der „Bärensteg“, endlich den Übergang zur anderen Talseite, wo nach einem kurzen Aufstieg neben Felsblöcken von Einfamilienhausgrösse die Wasserleite (-leitung) mit einem Betonbassin beginnt und die Wassermenge mit Schiebern reguliert werden kann. Sie ist teilweise ein Bächlein, das dem Fels entlang fliesst, teilweise in 31-cm-Plastikrohre verlegt, die unter dem Weg vergraben sind oder Felspartien durchqueren. In der Regel verhindert das Tretschbord, das wie ein unendlich langes Hügelbeet aussieht, dass das Wasser seinem Trieb in die Tiefe nachgeben kann. Das Bord ist ein dichter Walm, auf dem man herrlich spazieren kann. Im Büchlein „Wandern an sagenhaften Suonen“ von Johannes Gerber (Rotten Verlag AG, Visp 2009), steht, diese Ergischer Leite sei „hohe Suonenbaukunst“, was ich ebenso empfunden habe. Doch ganz so spektakulär wie die Suone im Baltschiedertal ist sie nicht, aber die Ergischer Variante zählt zu den schönsten und erlebnisreichsten. Angaben über ihre Länge habe ich nicht gefunden; ich schätze sie auf 3 bis 4 km. Die Wanderdauer vom Bärensteg nach Ergisch wird auf dem Wanderwegweiser mit „1 h 05 min“ angegeben.
 
Das kristallklare Wasser fliesst je nach Breite des Grabens, der von einer eindrücklichen Flora und Moosen begleitet ist, und je nach Gefälle schneller oder langsamer. Es fliesst an dramatisch abschüssigen Stellen vorbei; gelegentlich hat man das Gefühl, der Weg sei überhängend. Darunter fallen die Felsen fast senkrecht in die Tiefe ab, und dennoch haben hohe Rottannen, Arven und Föhren einen Halt gefunden – fast unglaublich. Dann wieder sieht man umgefallene Bäume im Hang liegen; sie betonen den Urwaldcharakter und schaffen neue Lebensräume. An einer Stelle, wo ein Bergbach aus dem Chummugrabe am Fusse des Ergischhorns auf die Leite trifft, musste ich den Bauch stark einziehen, da dort der schmale Weg etwas unter einem hinauskragenden Felsen verläuft. Die Bilder mit dem in die alpine Felslandschaft eingepassten, spiegelnden, sich um Hindernisse schlängelnden Rinnsal, das etwa 100 Sekundenliter führt, sind im Spiel mit der gelegentlich durchschimmernden Sonne unvergleichlich. Für den Bau stand offensichtlich genügend Gefälle zur Verfügung, was die Anlage etwas erleichtert haben mag. Dann lichtet sich der Wald, und man wandert in die dürstenden Wiesen hinaus ... das Dorf Ergisch tritt weiter unten in Erscheinung. Ein Wassersprenkler zog über einer Wiese seinen Kreis. Die Luft war schwül.
 
Betrachtet man die Leite als menschliches Bauwerk, wird offensichtlich, wie hart der Kampf der Walliser um genügend Wasser zu Bewässerungszwecken in den ausgesprochen trockenen Sommern seit je war. Überall mussten Bewässerungskanäle gebaut werden, ansonsten man nicht einmal genügend Gras (Heu) fürs Vieh gehabt hätte, was darauf schliessen lässt, dass im Wallis die künstliche Bewässerung so alt wie die Graswirtschaft (Rindviehhaltung) ist.
 
Die Leiten tragen verschiedene Namen. Im Unterwallis nennt man sie „Bisse“, manchmal als „bez“ oder „beiz“ geschrieben und wohl vom germanischen „beds“ (= Bett) abgeleitet. Im germanischen Oberwallis setzte sich der Begriff Suon (auch Wasserleita, Wasserfuhr, Runs = das Rinnende, Gerinne) durch. „Suon“ scheint aus dem indogermanischen „nass“ bzw. „Wasser“ abgeleitet zu sein. In einer ausgezeichneten kulturgeschichtlichen Studie von Dr. L. Meyer über das Turtmanntal im Jahrbuch 1923 des Schweizer Alpenclubs ist die Leite nach Ergisch als „Ergisserin“ oder „Flüowasserleite“ bezeichnet. Also muss sie älteren Datums als das Buch sein.
 
Ergisch
Ergisch (1086 m ü. M., Bezirk Leuk), dieses heimelige Nest mit den liebevoll dekorierten, von Sonne, Wind und Wetter geschwärzten Holzhäusern, ist eine Walliser Siedlung wie sie im Bilderbuch vorkommt – mit einer Aussicht, die für Kalenderbilder geeignet ist. Das Dörfchen hat eine neuromanische Kirche, die soeben aussenrenoviert wird, und in der Umgebung stehen viele Kapellen. Im anheimelnden Dorfladen, der von der Gemeinde übernommen und bei unserem Besuch von Annelis Eggs-Schnyder betreut wurde, kauften wir den herben, ausserordentlichen Heida-Käse auf und sprachen über die Wasserzufuhr.
 
Frau Eggs sagte, die Bewässerung finde jeweils vom Mai bis Ende August statt. Im Frühjahr muss die Leite jeweils gereinigt und ausgebessert werden. Und das 1. Durchspülen dürfe ausschliesslich bei zunehmendem Mond stattfinden; anschliessend, im Sommer, sei dann der Wasserfluss harmonischer, das Wasser von besserer Qualität und entsprechend wuchsfördernd. Der Leitungsunterhalt ist also ein ritueller Akt. Das Wasser ist etwas Heiliges, weshalb Suonen manchmal als „Heilige Wasser“ bezeichnet werden. Das ist einer der seltenen Fälle, wo das Adjektiv „heilig“ (= besonders verehrungswürdig) zu Recht angewandt wird.
 
Nach 16 Uhr fuhren wir in einem Bus von Ruffiner Reisen nach Turtmann zurück – zu Fuss hätte der Abstieg etwa 1,5 Stunden gedauert. Wir waren die einzigen Fahrgäste, bezahlten mit Halbtaxabos CHF. 4.80 (beide zusammen) und der Buschauffeur Marcel Bregy erzählte uns beim Abwärtskurven auf der schmalen Strasse von einem Ereignis, das nur wenige Jahre zurückliegt: Ein ausländischer Senn hatte 8 Kühe nach der Sömmerung aus dem Turtmanntal nach Ergisch zu treiben. Er verpasste aber die Strasse und trieb seine Kühe der Wasserleite entlang nach Ergisch – 7 Tiere kamen an, 1 bedauernswerte Kuh stürzte ab. Die armen Tiere hatten offenbar alles versucht, um heil über die Runden zu kommen, wovon Haare an den silberglänzenden Felsen und aufgerissene Bauchhäute zeugten. Es ist wirklich erstaunlich, wie geländegängig und auch vorsichtig das Rindvieh ist, das doch eher einen unbeweglichen Eindruck macht. Die Hinterbeine stehen nahe beisammen, und wahrscheinlich stellt die Kuh das Gleichgewicht eher mit den Vorderbeinen her.
 
Mein Respekt vor der Intelligenz der Tiere wuchs weiterhin an.
 
Agarn und Raron
Wir bezogen ein Motel-Zimmer im „Central“ von Agarn, erfrischten uns und fuhren nach Raron. Im Eilschritt bezwang ich noch schnell den jähen Felshügel mit der Burg und der Pfarrkirche, vor allem der Aussicht bei Sonnenuntergang wegen. Bei der Burgkirche ist auch das Grab des Lyrikers Rainer Maria Rilke (1875‒1925). Die 1974 unten in den Hügel gebaute, mit Spritzbeton stabilisierte, künstlich ausgebrochene Felsenkirche St. Michael war ebenfalls bereits geschlossen. Aber der betonorgiastische Vorbau mit der wuchtigen 4-teiligen Glockenanlage, der Sakristei, der die Horizontale betont, ist immer zu sehen.
 
Im Garten des nahen Gasthofs „Schmitta“ konnten wir endlich etwas Vernünftiges essen – die gepflegte und dennoch währschafte Küche begeisterte. Das Gratin zum Lamm-Entrecôte hatte wahrscheinlich den berühmten fettigen, delikaten Turtmann-Raclettekäse zur geschmacklichen Abrundung erhalten. Und das Kalbsgeschnetzelte mit einer cremigen Aprikosensauce, für das ich mich entscheiden hatte, erfüllte alle Anforderungen, die man an ein delikates, austariertes Gericht zu stellen pflegt. Der rubinrote Humagne 2008 von Alex Roten in Sierre, eine rare, rustikale und tannin- und strukturreiche Walliser Spezialität mit dem Duft nach roten Beeren, trug zur Bettschwere bei, um die wir uns allerdings nicht mehr speziell zu kümmern brauchten.
 
Die jungen Leute, die unter unserem Zimmer im „Central“ im harmonisch gewachsenen „Schattendorf“ Agarn, zwischen Ems- und Meritschibach eingebettet, das Wochenende in anständiger Art feierten, störten uns nicht. Das Schlafbedürfnis war stärker noch als der Lärm.
 
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