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BLOG vom 16.07.2010


Ökostation Freiburg: Minzenduft im „Grünen Klassenzimmer"
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Schon lange wollte ich einmal die Ökostation in Freiburg im Breisgau besuchen (www.oekostation.de). Ich wusste, dass die Ökostation einen exzellenten Ruf und einen sehenswerten Heilkräutergarten hat. Und diesen wollte ich unbedingt sehen. Am 08.07.2010 war es soweit. Ich fuhr bei herrlichem Sommerwetter am Vormittag nach Freiburg in die Falkenbergerstrasse 21 b. Die Ökostation befindet sich in der Nähe des Seeparks und des Flückinger Sees. Unweit davon sind das Eisstadion und das Westbad.
 
Bevor ich mich mit Heide Bergmann um 11 Uhr treffen sollte, zog es mich in den Heilkräutergarten, zumal ich etwas früher ankam. Ich wusste bereits, dass dieser 200 m2 grosse Garten 1987 nach dem Vorbild mittelalterlicher Klostergärten angelegt wurde. Auf jeden Fall war ich sehr neugierig, was mich hier erwartete.
 
Nach Passierung des Torbogens konnte ich schon den herrlichen Duft des Lavendels einsaugen. Der Garten, der mehr als 150 bekannte Tee-, Würz-, Duft- und Arzneikräuter aufweist, ist nach Familien bzw. Anwendungsgebieten geordnet. In den meisten Fällen entdeckte ich Schilder mit den Bezeichnungen der Pflanzen und die dazugehörigen Anwendungsgebiete. So gibt es hier Kräuter für Magen und Darm, Herz und Kreislauf und Pflanzen, die bei Erkältungskrankheiten wirksam sind. Auch einige Giftpflanzen waren in einem gesonderten Beet anzutreffen.
 
In dem weit über die Grenzen Freiburgs bekannten Heilkräutergarten entdeckte ich 2 Rondellen, die von Kräuterhecken aus Lavendel, Thymian, Salbei und Erberraute eingefasst sind, auch eine Kräuterspirale.
 
Ein Highlight des Gartens ist die „Pfefferminzstrasse“ mit über 20 verschiedenen Arten. Jede Art hat einen anderen Geschmack. So hat die Marokkanische Minze ein frisches, würziges Aroma. Zusammen mit Schwarztee ist sie Bestandteil des nordafrikanischen Tees.
 
Die Apfelminze, um eine weitere Art zu nennen, entfaltet ein mild-fruchtiges Aroma. Sie schmeckt fein in einer Sommerbowle oder in Desserts. Einen Kaugummigeschmack bietet die Sorte Spearmint. Weitere Minzarten sind die Englische Minze, die Grüne Minze, die Multimenthaminze, die süsse Limonenminze, Orangenminze, die Erdbeerminze mit einem grossartigen Aroma und die Schokominze. Wer After Eight mag, der findet in der Schokominze diesen Geschmack.
 
Gummibärchenblume und „Colapflanze“
Im Garten waren zurzeit diese Kräuter in voller Blüte: Stockrose, Lavendel, Johanniskraut, Karde (beginn der Blütezeit), Ringelblume, Beinwell, Rosmarin, Oregano, Schafgarbe, Wilde Möhre und etliche Gartenpflanzen. An einem Bäumchen waren saftige und reife Sauerkirschen zu sehen.
 
Der Garten hat jedoch noch mehr zu bieten. Da wächst beispielsweise die Eberraute (Artemisia abrotanum), die auch Stabwurz, Eberreis oder Pastorenkraut genannt wird. Sie riecht beim Reiben der Spitzen nach Cola.
 
Die aus Chile stammende Gummibärchenblume (Cephalophora aromatica) war in diesem Jahr hier nicht zu sehen. Reibt man ganz leicht die gelben Blütenköpfchen oder die länglichen, grünen Blätter zwischen den Fingern, entsteht ein fruchtartiger Geruch, der nach Gummibärchen erinnert.
 
Wer einen Balkon oder Garten hat, kann für die Kinder eine Pflanzecke einrichten. Folgende aromatischen Pflanzen erfreuen jedes Kind: Vanilleblume (Heliotrop), Schokokosmee, Gummibärchenblume, Orangentagetes und die Eberraute.
 
Bevor ich den Garten verliess, entdeckte ich Nisthilfen für Wildbienen. In quergeschnittenen Hölzern und kleinen Häuschen mit einer Holzwand auf der Vorderseite waren Löcher gebohrt. Diese Höhlungen benötigen Wildbienen für die Aufzucht der Larven. Als ich die Nisthilfen betrachtete, erinnerte ich mich an solche im Botanischen Garten von Basel. Dort  war auf einer Infotafel dies zu lesen: „Als fleissige und wichtige Blütenbestäuber sammeln sie (die Wildbienen) Nektar und Pollen, welche sie in Portionen in die Brutröhre eintragen. Zu jeder Portion legen sie ein Ei und verschliessen die Kammer anschliessend mit Lehm. Die Larven leben vom Futtervorrat und benötigen keine Brutpflege. Erst im nächsten Frühjahr befreien sich die jungen Männchen und Weibchen aus ihrer engen Kinderstube.
 
Der Garten ist übrigens von Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr für jedermann zugänglich. Zu bestimmten Zeiten werden Führungen durch den Kräutergarten und Heilpflanzenkurse angeboten. Infos dazu sind im Internet zu bekommen.
 
Ein achteckiger imposanter Bau
Als ich in das Naturhaus der Ökostation eintrat, war ich überrascht. Der mit einer Kuppel versehene, achteckige Bau wurde mit dicken Fichtenstämmen und Lehm gebaut. Unterhalb der Kuppel ist am holzgetäfelten Boden eine achteckige Vertiefung angebracht. Diese dient als Veranstaltungsfläche und der erhöhte Rand als Sitzfläche. Am Rande des offenen „Saales“ im Kuppelbau sind die Büros untergebracht. Links und rechts oberhalb des Büroeinganges von Heide Bergmann waren Kräuterbüschel kopfüber aufgehängt. Ein schönes Bild.
 
Das Gebäude wurde 1986 im Zuge der Landesgartenschau eröffnet. Damals war das urige Holzhaus mit Garten eine Attraktion. Das Gebäude wurde vom BUND Landesverband mit Zuschüssen der Landesregierung, der Stadt Freiburg, der Stiftung Naturschutzfonds, mit Spenden und Ehrenamtlichen geschaffen. Leider brannte das Gebäude in der Nacht vom 15.02.1987 ab. Der Wiederaufbau wurde dann bald darauf realisiert und 1991 konnte die Ökostation wieder eröffnet werden. 1500 Besucher kamen zur Eröffnung. Das Naturhaus überzeugte mit „dem Charme einer perfekten Baubiologie“, wie der damalige Umweltbürgermeister Peter Heller betonte.
 
Heide Bergmann, Lehrerin, Gärtnerin und Mitbegründerin der Ökostation und im Leitungsteam tätig, begrüsste mich, und es kam bald ein anregendes Gespräch zustande. Ich war von ihrer warmherzigen, aufgeschlossenen Art begeistert. Sie ist hoch motiviert und man spürt ihr grosses Engagement für das Umweltbildungszentrum und den Heilpflanzengarten.
 
Sie erzählte mir, dass dieses kleine Zentrum sich über die Jahre stetig entwickelt und Profil gewonnen habe. Sie prägte den Aufbau dieses Umweltbildungszentrums entscheidend mit. Aus diesem Grund erhielt sie von der internationalen Fondation Yves Rocher den 1. Preis für Deutschland, die „Trophée de femmes 07/08“ verliehen. Zusammen mit 11 anderen Preisträgern des Wettbewerbs aus 11 Ländern wurde sie am 08.03.2007, dem Tag der Frau, geehrt. Der Festakt im renommierten Institut de France fand im Beisein der französischen Umweltministerin Nelly Olin und Jacques Rocher statt.
 
Sie leitet das Zentrum zusammen mit ihrem Kollegen Ralf Hufnagel. Ausserdem sind in der Ökostation einige Teilzeit- und Honorarkräfte, mehrere Praktikanten und viele ehrenamtliche Helfer tätig. Es gibt auch 2 Stellen für das Freiwillige ökologische Jahr.
 
Den Heilpflanzengarten besuchen viele ausländische Gäste, darunter überraschenderweise viele Japaner. Aus diesem Grunde wurde der Flyer über den Heilkräutergarten in 4 Sprachen (deutsch, englisch, französisch und japanisch) gedruckt.
 
Wie Frau Bergmann betonte, erkennen die ausländischen Gäste oft Heilkräuter, die auch in ihren Heimatländern wachsen. Nach den Geruch- und Geschmacksproben strahlen sie über das Gesicht, und es kommt ein gewisses Heimatgefühl auf. Sie erzählen dann immer wieder, dass schon ihre Grossmütter oder Mütter diese oder jene Pflanze in der Küche oder als Heilkraut verwendet hätten.
 
Auch die Kinder, die hier viele Infos bekommen, sind immer wieder sehr begeistert. Einmal durften die Grundschulkinder ein Erdbeerfeld aufsuchen, die Früchte selbst pflücken und dann auch im frischen Zustand verspeisen. Die Kinder waren glücklich. Frau Bergmann ist immer erstaunt, wie wissbegierig und aufmerksam Kinder sein können. Sie stellen auch mehr Fragen als so mancher Erwachsene. Es ist eminent wichtig, dass man die Kinder an die Naturschönheiten, Pflanzen- und Tierwelt heranführt. Die Ökostation ist hier unglaublich aktiv. Einige der zahlreichen Angebote sollen hier erwähnt werden.
 
Im Jahr 2009 besuchten 265 Schulklassen und Kindergruppen das „Grüne Klassenzimmer“, davon 15 Schulklassen regelmässig. Insgesamt fanden 497 „Grüne Klassenzimmer“-Stunden statt sowie 102 ökologische Veranstaltungen (Kurse, Fortbildungen, Tagungen, Führungen und Familiensonntage). Insgesamt waren 15 000 Besucher in der Ökostation. Eine stolze Bilanz.
 
„Bio für Kids“ und „Powerbohne Soja“
In der Ökostation können die Schulklassen unter 10 Themen wählen und das „Grüne Klassenzimmer“ (1,5 Stunden) oder Projekttage (3 Stunden) buchen. Die Kids erforschen, experimentieren und machen sich fit für Natur und Umwelt. Es sind beispielsweise unter dem Thema „Bio für Kids“ etliche Exkursionen vorgesehen. In diesem Kurs bekommen die Kids die „Gesunde Ernährung“ vermittelt.
 
Unter „Solarexperimente mit ,famos’“ erfahren die Schüler mit vielen interessanten Experimenten wichtige Fakten zu den erneuerbaren Energien.
 
Die Kinder der Klassen 1 bis 8 lernen ein gesundes Frühstück ohne Verpackung zubereiten und Kräuter und Nahrungspflanzen aus dem Garten kennen. Im Rahmen der Aktion „Vom Korn zum Brot“ wird Mehl gemahlen, Flocken gequetscht, Crunchy hergestellt und Brötchen gebacken. Beliebt ist auch das Pressen von Apfelsaft. Es finden aber auch Saftvergleiche statt, und es kommen auch umweltfreundliche Getränkeverpackungen zur Sprache.
 
Neu im Programm ist das Angebot „Powerbohne Soja“ als Unterricht in der Schule und anschliessende Exkursion zu einem Sojabauern (Dachswanger Mühle). Dabei kooperiert die Ökostation mit der Firma Life Food Taifun. Diese Freiburger Firma ist Europas grösster Bio-Tofu-Hersteller. Auf Wunsch kann auch ein Tofumobil, das zur Schule kommt, gebucht werden. Im Tofumobil gibt es dann Verkostungen sowie Ausbildungsangebote (Anmeldung und Info bei der Ökostation).
 
Ein besonderes Erlebnis ist der Besuch eines Bauernhofes oder einer Gärtnerei. Die Ökostation vermittelt und organisiert dementsprechende Exkursionen. Exkursionsziele sind zum Beispiel der Häuslemaierhof bei Kirchzarten (Kühe, Schafe, Pferde) oder die Gärtnerei Neuland, Bollschweil (Gemüse, Obstbau). Es gibt noch weitere Projektpartner.
 
Familiensonntag mit Seifenproduktion
Und an die ganz Kleinen wurde ebenfalls gedacht. Es wurde auch ein „Grünes Klassenzimmer“ für Kindergärten geschaffen. Die Kinder lernen Pflanzen, Schmetterlinge, Wildbienen, Libellen, Krabbeltiere kennen. Sie dürfen auch mit Erde, Wasser und Pflanzen experimentieren.
 
Es gibt natürlich auch eine Vielzahl von Veranstaltungen für Erwachsene und Familien (siehe  Internetadresse am Schluss dieses Blogs).
 
Nennen möchte ich die zahlreichen Heilpflanzenkurse, den Recycling-Sonntag für Familien, Kräuternachmittage zum Reinschnuppern, einen Familiensonntag, bei der Seifen hergestellt werden, Garten- und Kompostberatung, Praxis-Workshops (Streuobstwiesen, Artenvielfalt), Sinne-Erfahrungen in der Natur. Hier wird barfuss über den Rasen geschlendert, dem Vogelgezwitscher gelauscht, an Kräutern geschnuppert. Danach gibt es in der Ökostation Riechspiele im Kräutergarten, es wird gewerkelt und mit Erden gemalt. Auch können Wassertiere unter dem Binokular beobachtet werden.
 
Im Angebot sind auch Duftpflanzenkurse im Kräutergarten, klimaaktive Nachmittage im Seepark. Ein solches umfangreiches Angebot habe ich noch nie gesehen. Man wünscht sich solche Angebote auch in anderen Städten.
 
Heide Bergmann, die auch als Autorin von Gartenbüchern bekannt ist, machte mich nach dem 1-stündigen Gespräch noch mit einigen interessanten Broschüren und Büchern bekannt.
 
Rosmarinwein
In ihrem Werk „Kräuter für jeden Garten“ ist das Rezept „Rosmarinwein“ aufgeführt, das ich hiermit bekannt gebe:
 
3 frische Rosmarinstängel gibt man in eine Flasche mit Weisswein. Nach 5 Tagen werden die Stängel herausgenommen – und fertig ist das Lebenselixier. Der Rosmarinwein fördert die Verdauung und stärkt Herz und Kreislauf. Nach anstrengenden Exkursionen und Wanderungen werde ich den Wein mit Genuss probieren.
 
Es war ein interessanter Vormittag, der mir neue Erkenntnisse brachte, auch lernte ich einige angenehme Personen der Ökostation kennen. Ich werde sicherlich wiederkommen.
 
 
Anhang: Man kann die Ökostation des BUND Regionalverbandes Südlicher Oberrhein e.V. mit einer Patenschaft unterstützen (Jahresbeitrag ab 30 Euro).
Adresse: Ökostation Freiburg, Falkenbergerstrasse 21 B, D-79110 Freiburg,
Tel. 0761 892333.
 
Internet
 
Literatur
Bergmann, Heide: „Kräuter für jeden Garten“, GU Verlag, München 2008.
Bergmann, Heide: „Duftpflanzen auf Balkon und Terrasse“, GU Verlag, München 2009.
Bergmann, Heide: „Gartenspass für Kinder“, GU Verlag, München 2005.
Rinklin, Christa: „e wengili vu´ dem un` selben“ (Kräuterfrauen, Blumenköche und ihre Duftgärten zwischen Schwarzwald und Kaiserstuhl), Lavori Verlag, Freiburg 2009.
 
Hinweis auf weitere Blogs über Kräutergärten von Heinz Scholz
 
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