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BLOG vom 28.07.2010


Afghanistan-Dokumente: US-Kriege ertragen keine Wahrheit
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Ohne Internet würden wir weiterhin meinen, die Taliban-Jagd sei bisher recht erfolgreich verlaufen. Ohne Internet würden wir weiterhin meinen, es gebe in Afghanistan nur wenige zivile Opfer, etwa im Kollateralschadenbereich. Wir wüssten nichts Genaueres über die Operationen geheimer US-Todeskommandos der Task Force 373. Ohne Internet würden wir weiterhin glauben, die von Barack Obama so geliebten Drohnen, die unbemannt und ferngesteuert ihre Bomben platzieren, seien eine erfolgreiche und sichere Sache. Die Amerikaner haben die mediale Berichterstattung fest im Griff, lassen heraus, was ihren Kriegszwecken dient, verschweigen, was ihrer Eroberung eines weiteren energie-strategisch wichtigen Lands schaden könnte. Und die eingebundenen Westmedien amten als willfährige Sprachrohre, wie es ihnen aufgetragen ist.
 
Desinformationen
Kurz: Die Desinformation im Irak-Krieg-Stil, wo die Amerikaner einen einzigen Scherbenhaufen zurückliessen und sich allmählich aus dem Staub und dem Pulverdampf machen, wäre noch grösser als sie bereits ist. Nun sind aber über die Internet-Plattform Wikileaks, die auf die Publikation von schubladisierten Regierungsdokumenten spezialisiert ist, am 26.07.2010 fast 92 000 geheime US-Dokumente aus der Zeit zwischen Januar 2004 und Dezember 2009, vor allem die Bush-Ära betreffend, an die Öffentlichkeit gelangt, die das Kriegstreiben der Amerikaner mit einer bisher noch nicht bekannten Detailgenauigkeit zeigen. Sie entlarven den unendlich schmutzigen Krieg im überdrehten Wildweststil (Indianer-Ausrottung) als schludrige Menschenjagd und lassen erkennen, auf welch verlorenem Posten mit dem Rücken zur Wand die US-Krieger im Verein mit ihren hereingefallenen Vasallen in Afghanistan stehen, 9 Jahre nach Beginn dieses Kriegs. Wenn, von zynischen Kommentaren begleitet, leichtfertig auf Zivilisten, auch auf Kinder, geschossen wird, wie das im berühmten Hubschraubervideo aus dem Jahr 2007, am 07.04.2010 ebenfalls von Wikileaks veröffentlicht, zu sehen war, möchte man nicht mit einer solchen Täterschaft unter einer Decke stecken. Statt des erhofften Ruhms und der Gewinnbeteiligung ernten die Nato-Staaten für ihre Mitläuferei Schimpf und Schande.
 
Amerikaner mit abgesägten Hosen
Trotz Dollareinsätzen im dreistelligen Milliardenbereich und einer überdrehten Ausrüstung stehen die Amerikaner gegenüber den Taliban-Naturburschen, die mit teilweise museumsreifen Waffen für ihr Land kämpfen, als jämmerliche Verlierer da, eine Peinlichkeit sondergleichen. Die Amerikaner könnten mit ihrem gigantischen Atombombenarsenal die Erde zwar gleich mehrfach zerstören; doch wenn sie aus Rücksicht auf die Weltöffentlichkeit auf Atombombeneinsätze verzichten müssen und mit gezielten Kommandoaktionen zu ihrem Eroberungsziel kommen wollen, werden sie allüberall zu Verlierern. Das war schon in Vietnam so, wo sie ein riesiges Gebiet mit ihrem Agent Orange tödlich vergifteten und Menschen zu Krüppeln programmierten. Die geheimen „Pentagon Papers“, 1971 dank einem Gerichtsentscheid veröffentlicht, haben damals die gezielte Irreführung der Öffentlichkeit ans Licht gebracht und den Vietnamkrieg dem Ende näher gebracht. Hoffentlich bewirken die Afghanistan-Protokolle dasselbe.
 
Amerika hat seit dem 2. Weltkrieg, bei dem die Russen den Deutschen die entscheidende Schwächung beigebracht haben, tatsächlich jeden Krieg verloren, wurden in der Schweinebucht selbst von Fidel Castro zur fluchtartigen Heimkehr veranlasst, und das trifft nun eindeutig auch auf die Schlacht um Afghanistan zu. Am Schluss stehlen sich die Unterlegenen davon (die USA wollen die Truppen ab 2011 schrittweise abziehen) und versuchen, durch PR-Massnahmen die Niederlage in einen Sieg umzufunktionieren. Die USA sind Weltmeister im Verdrehen der Wahrheit und im Anrichten von chaotischen Zuständen durch ihre Bombenteppiche. Bei der Schadenbehebung aber sind sie nicht mehr dabei, es sei denn, sie können noch ein paar Geschäfte machen. Dabei möchte ich nicht alle Amerikaner verunglimpfen, zumal es viele gibt, welche nur schwer ertragen, was in ihrem Land abläuft, was es der Welt antut, und ich bewundere den Mut der vielen Amerika-kritischen Autoren, die in den USA gefährlich leben.
 
Herunterspielen
Die Veröffentlichung der Riesenmenge an Geheimdokumenten über das Kampfgeschehen und das Spionagewesen, insgesamt also über die Zustände am Hindukusch, war nur dank elektronischer Datentechnik mit ihrer praktisch unbeschränkten Kapazität möglich. In der Folge kommen nun auch die eingebetteten Medien (Presse, Radio, Fernsehen) nicht mehr darum herum, einige der Kriegslügen geradezubiegen und darüber zu berichten, was sie bisher auf Wunsch Amerikas verschwiegen oder verbogen haben. Doch haben sie noch eine bewährte Methode im Köcher: das Herunterspielen, das sie ebenso wie die Panikmache (Schweinegrippe) virtuos beherrschen.
 
Noch bevor das riesige Afghanistan-Material vollständig aufgearbeitet werden konnte, haben die Medien mit ihren Verwedelungskünsten begonnen. Die „FAZ“ fragte sich beispielsweise, „ob das öffentliche Interesse einen derart massiven Geheimnisverrat rechtfertigt“. Eine merkwürdige Auffassung von verantwortungsbewusstem Journalismus. Oder waren es überhaupt keine Geheimnisse? In einem Interview mit der ARD vom 27.07.2010 sagte der Politikwissenschaftler Markus Kaim zum Inhalt des publizierten Materials, das habe man schon seit Jahren gewusst: „In der Sache ergeben sich so gut wie keine neuen Erkenntnisse. Die Probleme und Missstände, über die in diesen Dokumenten berichtet wird, sind Beobachtern der ISAF-Mission seit langem bekannt.“ Aber der Öffentlichkeit, welche die Milliardenkosten für die Kriege über alle möglichen Wege und Umwege finanzieren muss, wurden sie vorenthalten, wie man beizufügen geneigt ist.
 
Die „NZZ“, die halt nicht zu den von Wikileaks auserwählten, vorinformierten Medien gehörte, wusste natürlich ebenfalls alles schon seit langem, wobei sie das nach meinen persönlichen Feststellungen darüber kaum berichtete. Merkwürdig. Sie ortet die Ursache des Rummels bei der „schieren Fülle der amtlichen Berichte wie dem Faszinosum des Geheimen“, dem sich die Journalisten nicht entziehen konnten. Das ehemalige Weltblatt macht einen etwas jämmerlichen Eindruck, wenn es hinsichtlich des angeblich Bekannten auf die „New York Times“ verweisen muss, die „viele Male über die Fehlschläge der Kriegsführung, die Leiden der US-Soldaten und die Opfer unter der einheimischen Bevölkerung berichtet“ habe. Warum tat die „NZZ“ es denn nicht auch in angemessener Weise? Der Berufsstand des Journalismus wird von dieser Zeitung des Masochismus’ bezichtigt und die Öffentlichkeit der „einseitigen Wahrnehmung“, obschon sie sich selber der Boulevardisierung nicht entzogen hat. Sie merkt bei alledem nicht an, dass die „Whistleblowers“ kaum eine solche Bedeutung hätten, wenn die Medien vor allem in (welt-)politischen Belangen versuchen würden, den tatsächlichen Sachverhalt zu ergründen und darüber auch zu berichten.
 
Obamas Spielzeuge: Drohnen
Da wegen Sicherheitsbedenken die Dokumente aus den vergangenen 7 Monaten noch nicht veröffentlicht sind, wird versucht, aus dem Wikileaks-Coup gar eine Chance für Barack Obama, US-Präsident und Friedensnobelpreisträger, zu konstruieren. Dies, obschon Obama seit 2009 den Afghanistan-Krieg ausgeweitet hat, ebenso den Drohneneinsatz. Obama habe den Krieg in Afghanistan „ausdrücklich zu seinem eigenen gemacht“, schreibt der „Spiegel“ vom 26.07.2010 (Seite 73). Die Drohnen, besonders perfide Waffen, sind pannenanfällig, liederlich gewartet, unzureichend bedient, vereisen gern in der Kälte, stürzen ab, sind für den Kriegseinsatz untauglich. Riskante Bergungsmanöver sind nötig, damit verhindert wird, dass die Drohnen-Wracks in die Hände der Taliban fallen.
 
Das ungeschönte Bild eines sinnlosen, verbrecherischen Kriegs, das bereits die bekannten Dokumente zeigen, ist hoffentlich ein Beitrag zur baldigen Beendigung der von den USA inszenierten Angriffen, die unter keinem Titel zu rechtfertigen sind. Zweifellos ist die Berichterstattung darüber geschönt; denn die 3 Redaktionen („New York Times“, „Guardian“ und „Der Spiegel“), die zuerst Zugang zum Material hatten, bemühten sich um eine „staatspolitisch verantwortliche Berichterstattung“. Was in den besonders brisanten Akten steht, kann jedermann im Internet ergründen. Allerdings muss man einige Abkürzungen verstehen lernen. Wenn US-Soldaten beispielsweise 7 Kinder getötet haben, wird dieses Kriegsverbrechen als „7 × NC KIA (children)" kurzgefasst, also 7 Zivilisten (children = Kinder) im Kampf getötet. Und Beschreibungen von „Elitetruppen“ (die Amerikaner haben nur solche) erinnern mich an meine 38 Wochen in der Grenadierschule Losone TI, wo wir den Häuser- und Nahkampf auf ähnliche Weise geübt haben, allerdings nur für allfällige Verteidigungsaktionen.
 
Ob sich die klassischen Medien um eine weitere Berichterstattung über die Afghanistan-Dokumente herausstehlen werden, wie es erste Reaktionen vermuten lassen, wird die nahe Zukunft weisen. Jedenfalls wird offensichtlich bereits gemauert. Für die Lecks ist weiterhin Wikileaks (www.wikileaks.com) zuständig. Bei der momentanen desolaten Desinformationspraxis über das internationale politische Geschehen und dem Abdriften der Medien zu seichten, nicht mehr hinterfragenden Unterhaltungsorganisationen sind solche Publikationen im Interesse einer Öffentlichkeit, die weniger dumm ist als die Medienmacher vermuten, nun einmal zwingend.
 
Hinweis auf weitere Blogs über US-Kriege und Kriegsberichterstattung
13.02.2005: Journalisten-Freiwild im Irak und die CNN
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