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BLOG vom 03.08.2010


Feier in Biberstein: Auf Dummheiten der Gescheiten achten
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
719 Jahre hat sie auf dem Buckel, die Schweiz, und sie ist in einem exzellenten Gesundheitszustand in jeder Beziehung. Wenn die Voraussagen der Globalisierungs- und Unterwerfungswilligen auch nur zum Teil wahr geworden wären, gäbe es sie allerdings schon lange nicht mehr. Doch jetzt steht sie, nachdem fast die ganze Welt in eine Schulden- und Sinnkrise hinuntergezogen worden ist, plötzlich als strahlendes Erfolgsmodell da. Merkwürdig. Gleichwohl aber sind einige Euro- und Globalisierungsturbos, eine hoffentlich bald aussterbende Spezies, von ihrem Sologang, der ihr so viel Ansehen und Wohlstand gebracht hat, noch immer nicht überzeugt, und sie fahren mit dem ebenso aussichtslosen wie einfältigen Bestreben fort, die Schweiz für den Eintritt in die Europäische Union EU weichzuklopfen. Allen voran in verschleierter Art Bundespräsidentin Doris Leuthard, die in ihrer Bundesfeieransprache im aargauischen Beinwil im Freiamt nach einem obligaten Scheinbekenntnis zur Heimat dazu aufrief, sich an der Europa-Debatte zu beteiligen, was im Klartext heisst, sich auf einen EU-Beitritt vorzubereiten. Auf diese Weise will sie, die unbegrenzte Multinationale, „die Probleme der Zukunft“ anpacken, statt das Erfolgsmodell weiter zu perfektionieren. Dass sie eine Änderung ausdrücklich will, kam in der Wischiwaschi-Rede im folgenden Satz ans Licht: Gemeinsam können wir den Kompass für die Schweiz neu ausrichten.“ Ich frage mich wirklich, was es da in grundsätzlichen Belangen überhaupt neu auszurichten gibt.
 
Man hätte die Bundespräsidentin Leuthard, deren Unterwerfungsbereitschaft unter die amerikanisch beherrschte Einheitswelt hinlänglich bekannt ist, als Zuhörerin an die Bundesfeier nach Biberstein AG einladen müssen, wo nach einer launigen Vorstellung durch Gemeinderat René Bircher, der fürs Kulturelle zuständig ist, Hans Peter Joss, der ehemalige Gemeindeammann von Bözen im oberen Fricktal, das Wort ergriff. Von ihm wurde der verstorbene, originelle Berner Stadtpfarrer und Politiker Klaus Schädelin zitiert: „Bei uns gibt es keine Primadonnen. Die wollen sowie immer etwas ändern.“ Allfällige Zusammenhänge mit dem oben gesagten wären rein zufällig.
 
Die Sache mit den Schmetterlingen und Dinosauriern
Joss ist ein eigenwilliger Denker, selbstbewusst, der nicht immer zur Aargauer Kantonshauptstadt Aarau oder zur Bundesstadt Bern blickte und erwartete, dass von dort die Morgenröte komme. Er sorgt selber dafür. Und er steht zur Schweiz, schon weil „Swissness“ ein international bekanntes Markenzeichen („Brand“) wurde. Die Schweiz sei wettbewerbsfähig, habe sehr gute Rahmenbedingungen, und die Schweizer Unternehmen verfügten über bestens ausgebildete Leute. Zudem habe sie ein sehr gutes Steuersystem, das auch den weltweiten Vergleich nicht zu scheuen brauche, und zu alledem auch eine hohe Innovationskadenz, die auf ein hervorragendes Bildungs- und Weiterbildungssystem zurückzuführen ist. „Die Überblickbarkeit verschafft uns Wendigkeit“.
 
Seine Rede stand unter dem Titel: „Schmetterlinge haben überlebt – nicht die Dinosaurier.“ Die Schmetterlinge konnten sich eben anpassen, unter schwierigen Umständen weiterexistieren, und genau das habe auch die kleine Schweiz getan. Dabei bewährte sich die jahrhundertealte Kultur von Neutralität, Föderalismus und Solidarität. Der Redner zitierte Winston Churchill: „Die direkte Demokratie der Schweiz ist zwar nicht die beste Staatsform, die es gibt, aber sie ist die beste, die ich kenne.“ Kein Wunder, dass auch die direkten Nachbarn wie Baden-Württemberg, Vorarlberg, Savoyen/Hochsavoyen und Como/Varese der Schweiz beitreten würden.
 
Die Globalisierung mit all ihren Fusionen wie Gemeindefusionen sei der falsche Weg, sagte der Mann aus Bözen ins Mikrofon: „Je globaler die Welt wird, desto lokaler verhält sich die Welt“ (Zitat von Joschka Fischer). Je überblickbarer aber ein Gebilde sei, umso engagierter löse man die Probleme. Im Grossgebilde fühle sich niemand verantwortlich. So werden unsere geschätzten Nachbarregionen, wie ich beifügen möchte, wohl ihren Traum vom Länderwechsel weiterträumen müssen. Das flächenhafte Wachstum ist kein Schweizer Staatsziel. Jedenfalls habe ich noch nie davon gehört.
 
Berufsbildung zahlt sich aus
Die Demokratie ist laut Joss von einem „gesunden Misstrauen geprägt: Wir achten auf die Dummheiten der Gescheiten“ – und wohl auch der Primadonnen, die zurückgebunden werden müssen. Wie die Unabhängigkeit, so sollte auch das Schweizer Bildungssystem nicht leichtfertig den globalen Standards angepasst werden. Gerade das Berufsbildungssystem sei einmalig und auch deshalb erfolgreich, weil Berufs- und Branchenverbände ihre Aus- und Weiterbildung mit eigenen Leuten wie dem Kader organisieren, so dass die Schweiz im handwerklichen Bereich das beste Fachpersonal stelle und an internationalen Wettbewerben immer obenauf schwinge. Das Schweizer Berufsbildungssystem hat laut Joss auch einen bedeutenden Einfluss auf die Arbeitslosenquote: Die Schweiz hat bei den Jungen (unter 24-Jährigen) 4,5 % Stellenlose, Spanien aber 40,3 %. Wo man auf eine gymnasiale Ausbildung setzt, wie in Finnland, sind von den 90 % Studierten 23 % stellenlos. Griechenland hat eine Maturitätsquote von 66 %, wovon 30 % auf der Strasse sind, wie man sagt – sie haben keine Arbeit.
 
Wer eine Berufslehre nach Schweizer Art absolvierte, hat ein nur kleines Risiko, arbeitslos zu werden, und wer berufsbegleitend eine Meisterprüfung macht oder sich an einer Fachhochschule weiterbildet, kommt praktisch nie in eine stellenlose Zeit. Erfolgsgarantien sind auch andere typische Schweizer Merkmale, wie sie auch der kürzlich verstorbene Swatch-Unternehmer Nicolas Hayek auflistete: Exaktheit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Kreativität, Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Mehrsprachigkeit.
 
Staaten kennen nur Interessen
Hans Peter Joss sprach hinter einer karibischen Blechtrommel, die für den musikalischen Teil benützt wurde, und kam auf die internationalen Beziehungen zu sprechen. Man erlebe gerade, sagte er, dass Staatsfreundschaften nichts bedeuteten: „Staaten kennen keine Freundschaften, nur Interessen.“ Und den Dinosauriern fehle Geld, das sie nun mit wilder Gier zusammenraffen müssten. Barack Obama, Nicolas Sarkozy, Angela Merkel und Silvio Berlusconi zeigten unter solchen Umständen ihr wahres Gesicht. Der Euro sei zum Sorgenkind geworden, und die Flucht in den Schweizer Franken laufe extrem.
 
Joss: Fast alle europäischen Staaten leben auf Pump, nicht nur Griechenland und Portugal. Und Ende dieses Jahres 2010 sollte Italien 230 Milliarden Euro zurückzahlen ... Die Schulden von heute sind die Steuern von morgen. Die umliegenden Länder sind zu Sozialstaaten verkommen, die Rentengarantie ist dort nur noch ein Bürgerglaube. Neidisch schaut man auf die Schweiz: „Glauben Sie mir, irgendwann würde auch der ehemalige deutsche Finanzminister Peer Steinbrück gern ein Schweizer sein.“
 
In Bezug auf die USA streifte Joss nur, was man von Auge sieht: Die Elektrizitätsleistungen sind in einem bedenklichen Zustand, im mondänen La Jolla in San Diego (Kalifornien) hängen die Masten so schief in der Landschaft, dass sie jeden Moment auf den Boden fallen könnten. Die US-Strassensanierungen wären überfällig, und einen öffentlichen Verkehr, schon gar nicht nach Schweizer Art, gebe es nicht. Die Personen- und Gütertransporte werden zu 95 % auf den kaputten Strassen abgewickelt. Das Krankheitswesen in den USA sei für jeden 7. Amerikaner unerschwinglich, und die Universitäten seien für den Nachwuchs der „Mehrbesseren“ reserviert, so dass einem Heer von Ungelernten einem Heer von verwöhnten Akademikern gegenüberstünden; ein solider Mittelbau, wie ihn die Schweiz kennt, fehlt in den USA. Oberflächlichkeit und Verschwendermentalität herrschen dort vor.
 
Schweizer Fehler korrigieren
Auch die Schweiz mache nicht alles richtig, räumte der Referent ein. Das Selbstbewusstsein des Volks sei verkümmert, und wir würden die Achtungstellung (das Strammstehen) einnehmen, noch bevor sie uns befohlen wird. Auch unser Krankheitswesen sei reformbedürftig; die letzte Reform von 1995 zeige Wirkungen – in der falschen Richtung, werde unbezahlbar: „Mich nimmt wunder, wie lange das Schweizer Volk die jährlichen Prämienerhöhungen von 10 % noch verkraften kann.“ Schon jetzt muss das marode System mit massiven staatlichen Prämienverbilligungen gestützt werden. Im Bundeshaus in Bern würden nur noch Parteipolitik und Wahlkampf betrieben. Und der Redner zitierte den ehemaligen Bundesrat Willi Ritschard: „Je höher der Affe steigt, desto mehr sieht man nur seinen Hintern.“ Es sei eine himmeltraurige Entwicklung, Parteipolitik vor Sachpolitik zu stellen, sagte Joss, der das „Affentheater um den Staatsvertrag mit den USA“ als Beispiel dafür erwähnte. Seiner Ansicht nach fehlen Persönlichkeiten, Volksdemokarten, Integrationsfiguren, die das „Gouverner c’est prévoir“ (Regieren heisst vorausschauen) praktizieren. Und bei den Medien schaue man nur noch auf die Leser- bzw. Zuschauerquote: billiges Spektakel statt Bürgerinformation.
 
Alte Grundsätze in Biberstein
Die Rede kam im freiheitsbewussten Biberstein, das nicht vom Fusionitisvirus befallen ist, ausgesprochen gut an. Der Applaus war kräftig, und selbst ein Hund, der eine lange Leine mit einem daran befestigten Robidog-Säcklein hinter sich herschleppte, unterstützte das Klatschen mit kräftigem, anhaltendem Gebell, woraus ich geschlossen habe, dass auch Hunde gewisse Schmetterlingseigenschaften aufweisen. Die Kulturkommission Biberstein hat bei der Referentensuche eine gute Wahl getroffen; Joss war ein Schulkollege von Myrta Lüscher und Ursula Schwarz.
 
Die spezielle Sichtweise Auswärtiger ist immer erfrischend. So stellte Hans Peter Joss beim Anblick der schönen Südhänge von Biberstein fest, dass dieser Ort offensichtlich „ein Heer von Millionären“ angezogen habe. Bis vor gut 30 Jahren habe man über das damals noch arme Biberstein Witze gerissen:
 
Da kam ein reicher Mann zum Doktor und äusserte einen speziellen Wunsch: „Mir gefällt das Leben, und ich möchte unsterblich sein. Ich biete Ihnen eine Million Franken.“ Der Arzt antwortete: „Dann müssen Sie umziehen (zügeln).“ – „Ja, wohin denn?“ – „Ziehen Sie nach Biberstein. Dort hat noch niemals ein Millionär sterben müssen.“
 
Die Feier fand im romantischen Schlosshof bei der riesigen Platane im Gratisbratwurst- und -Cervelatduft statt, versüsst von einem Kuchenbuffet nach Hausfrauenart. Der einheimische Jodlerklub Haselbrünneli, in dem viele Auswärtige mitsingen, verschönerte das Bild optisch und akustisch. Die Männer trugen den „Berner Mutz“, wie die mit Edelweissen geschmückte Tracht heisst, die 3 Jodlerinnen die verschiedene Trachten wie die blaue Aargauer Werktagstracht (Silvia Bron aus Holziken). Für die Unterhaltungsmusik sorgten die Pantonics aus dem aargauischen Stetten, die mit Steeldrums die Weltoffenheit Bibersteins betonten. Der Regen setzte erst ein, als alle wesentlichen Programmpunkte abgearbeitet waren, abgesehen vom Höhenfeuer auf der Heidechile. Aber man weiss sich in Biberstein ja nach dem Vorbild der Schmetterlinge, die nicht immer nur im Bauch sein müssen, zu helfen, käme nötigenfalls auch mit Dinosauriern zurecht: Man hielte sie einfach auf Distanz.
 
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