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BLOG vom 11.08.2010


Die Traditionslüge: „Lindt, Maîtres chocolatier depuis 1845“
Autor: Ernst Bohren, Teufenthal AG/CH
 
Tradition ist die Heilige Kuh der Schweizer – und das verlässlichste Werbemittel der Imagepfleger in allen Lebensbereichen. Gemäss Fremdwörterbuch von Duden (der Verlag feierte vor 5 Jahren sein 125. Lebensjahr) hat Tradition sehr viel mit Überlieferung und Herkommen zu tun. Wo Tradition ist, da ist auch Qualität nicht weit. Und weil wir doch offenbar seit Menschengedenken ausschliesslich das Gute an unsere Nachkommen weitergegeben haben, müsste die Zukunft der Menscheit geradezu von erhaltenswerten Ideen, Einrichtungen und Werten überquellen. Schön wär’s.
 
Wie auch immer. Tradition ist alleweil ein gutes Argument; zum Beispiel für Jubiläen jeder Art. Hier kann (mit viel Pathos bei Bundes- und Vereinsfeiern) oder (mit grossem Werbeaufwand beim Firmenjubiläum) die Schokoladeseite der Vergangenheit beschworen und verklärt werden. Früher liessen es sich nicht selten sogar Bundesräte nicht nehmen, bei einem national relevanten Firmenjubiläum die ruhmvolle Herkunft des Unternehmens zu würdigen und die Gründerväter zu ehren. Heute haben diese Magistraten wohl Wichtigeres zu tun als privaten Pioniergeist hochzujubeln. Als zurücktretender Bundesrat ist man schon zufrieden, wenn man noch kurz vor dem Abgang ein Jahrhundertwerk der europäischen Eisenbahngeschichte einweihen darf. Nun ja, als ich noch bei Möbel Pfister mithalf, die Jahrhundertfeier des schweizweit bekanntesten Möbelhändlers zu inszenieren, ist es uns auch nicht gelungen, einen Bundesrat an die festliche Jubiläumstafel zu locken.
 
Auch die Chocoladefabriken Lindt & Sprüngli AG mussten seinerzeit für ihr Jubiläum ohne einen Festredner aus dem Bundeshaus auskommen. Der Anlass: Vor genau 125 Jahren hatte Sprünglis Urgrossvater Rudolf Sprüngli-Ammann gemäss der Überlieferung in einem Hinterzimmer der väterlichen Confiserie an der Zürcher Marktgasse erstmals Schokolade gefertigt. Im April 1970 wurde das 125jährige Bestehen des Unternehmens „mit einem gigantisch inszenierten öffentlichen Festakt“ gefeiert. Neben diversen Kranzniederlegungen auf sämtlichen Gräbern der Vorfahren und einer Gratisvorstellung im Zirkus Knie für die Schuljugend sowie die Pensionierten der Gemeinden Kilchberg ZH und Rüschlikon ZH spendete Sprüngli im Jubiläumsjahr 26 VW-Käfer an ebenso viele Krankenschwestern aus Schweizer Bergdörfern. So steht es jedenfalls in dem 1993 vom Weltwoche-ABC-Verlag herausgegebenen Buch „Kampf um Sprüngli“ von René Lüchinger. Der Autor hat die Sprüngli Familien- und Firmengeschichte sauber recherchiert und unterhaltsam beschrieben. Alle hier präsentierten Angaben zum Thema Lindt & Sprüngli stützen sich auf dieses lesenswerte Buch.
 
Inzwischen ist bei Lindt & Sprüngli das150-Jahre-Jubiläum in etwas bescheidener Form über die Bühne gegangen. Immerhin kamen damals, wenn ich mich recht erinnere, sämtliche Schweizer Haushalte in den Genuss einer Mustersendung der köstlichen Lindt- Schokolade. Und damit wären wir endlich beim Thema.
 
Schon bald kommt wieder die Weihnachtszeit mit ihren trauten Kerzlein und Weihnachtsguetsli, den Geschenken unterm Tannenbaum und – jawohl ‑ den feinen Pralinen und Schokoladespezialitäten von LINDT. Viele Wochen vor Weihnachten wird den Fernseh- und potenziellen Schokoladekonsumenten vorgegaukelt, wie die wunderbaren Köstlichkeiten entstehen: Weissbemützte Werbeclowns rühren wieder voller Inbrunst mit ihrem Schwingbesen in den Schokokübeln. Hei, wie sie mit Pinsel und Löffelchen an den neu kreierten Pralinen herumzärteln! Dieses ganze alberne Theater rund um die Schokoladeherstellung kann man zur Not den Werbern noch verzeihen, denn heute weiss wohl Jede und Jeder, dass auch Schokolade höchst industriell hergestellt wird. Aber für die Traditionslüge am Schluss des Werbemärchens müssen doch die Werber und ihre Auftraggeber geradestehen: „Lindt, Maîtres chocolatier depuis 1845“ heisst es da frech und keck. Dabei hat es zu jener Zeit weit und breit noch keinen Lindt gegeben. Was der Urahn der Sprüngli-Dynastie damals im Hinterstübchen der väterlichen Confiserie fertigbrachte, war eine Schokolademasse, wie sie schon die Chocoloatieri von Turin im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts herstellten und in Wurstform feilboten.
 
Der Name „Lindt“ taucht bei Sprüngli offiziell erst im April 1899 auf. Damals wurde die Gesellschaft „AG Vereinigte Berner und Zürcher Chocolade-Fabriken Lindt und Sprüngli“ ins Zürcher Handelsregister eingetragen. Knapp 2 Jahrzehnte zuvor war dem Berner Patrizier Rodolphe Lindt – ob aus purem Zufall oder durch systematisches Pröbeln bleibe dahingestellt ‑ ein grosser Wurf gelungen: Chocolat fondant hiess das Endergebnis der Masse, die (damals) durch langes Reiben in der sogenannten Conche zur köstlichsten Schokolade aller Zeiten verarbeitet wurde.
 
Dieses Geheimnis sicherte sich Sprüngli mit einem gehörigen Batzen durch den Zusammenschluss der beiden Schokoladehersteller. Doch weil sich der Berner Partner jahrzehntelang illoyal gegenüber Sprüngli verhielt und trotz der im Vertrag festgeschriebenen Konkurrenzklausel eine eigene Marke Lindt auf den Markt brachte, folgte eine lange Zeit der Prozesse. Das alleinige Recht auf die Marke Lindt wurde erst am 08.07.1927 durch den Berner Appellationshof endgültig den Zürchern zugesprochen.
 
Als ich noch freiberuflich mit der Imagepflege für verschiedene Aargauer Auftraggeber beschäftig war, habe ich als Gastautor 1998 in der Novemberausgabe der Zeitschrift „Natürlich“ einen Schwerpunktartikel unter dem Titel „Werbung – Balanceakt zwischen Verführung und Information“ geschrieben. Unter anderem kolportierte ich dort den allseits bekannten Rechtfertigungsspruch der Werbebranche: „Man kann einen Einzelnen über einen längeren Zeitraum oder viele Menschen ein einziges Mal anlügen, aber man kann nicht alle Menschen immer anlügen.“
 
Ein Dutzend Jahre später bin ich etwas weiser geworden. Heute weiss ich: Damit eine Lüge geglaubt und verinnerlicht wird, muss man sie dem Volk nur immer wieder hartnäckig einhämmern. Das gilt für die vergleichsweise harmlose Schokolade-Lüge ebenso wie für alle nationalen Mythen sowie für die grossen Lügen des historischen und aktuellen Weltgeschehens.
 
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