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BLOG vom 02.10.2010


Mulhouse/Elsass: Die Stadt mit dem industriellem Charisma
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Gerade weil Mulhouse (Mülhausen) im Elsass F, zwischen Vogesen und Rhein gelegen und nur rund 30 km von Basel entfernt, keine Touristenstadt ist, sondern eine offensichtlich industrielle Vergangenheit und Gegenwart hat, sprach sie uns an. In dieser Stadt leben etwa 112 000 Einwohner. Neben Aulnay, Poissy, Rennes, Sevelnord und Sochaux gibt es auch hier ein Peugeot-Werk. Besonders bedeutend waren in den vergangenen Jahrhunderten die Textilindustrie und ihre Zulieferbetriebe. Zudem sind der Pharma- und Chemiekonzern Rhône-Poulec sowie der Ammoniak- und Salpetersäurehersteller PEC-Rhin angesiedelt. Die Chemische Industrie (Kunstdünger) wurde durch die 1904 erfolgte Entdeckung grosser Kali-Lagerstätten in der Nähe von Cernay, etwa 18 km von Mulhouse entfernt, beflügelt. Später gesellte sich die Elektroindustrie hinzu. Die Wasserstrassen und der 1945 erbaute Grand Canal d' Alsace begünstigten die Industrialisierung ebenfalls. Im Stadtzentrum spürt man aber wenig Fabrikatmosphäre, abgesehen von den ausserordentlich zahlreichen langzeiligen Arbeiterwohnsiedlungen älteren und jüngeren Datums, die bis in die Altstadt hineingreifen und manchmal geradezu festlich anzusehen und meistens gut unterhalten sind.
 
Mulhouse hat eine eigenwillige Geschichte. Nach 1397 war Mülhausen eine Freie Reichsstadt gewesen, die dem Zehnstädtebund (Dekapolis) beitrat. Zwischen 1515 und 1798 gehörte der Ort zur Schweiz; die Stadt sicherte sich dadurch gegen die Zudringlichkeiten des Hauses Habsburg sowie jene von Burgund und Frankreich ab. Mit den Städten Basel, Solothurn und Bern wurden Bündnisse abgeschlossen. 1798 entschieden die Mülhauser Bürger unter dem Druck Frankreichs, Franzosen zu werden. Das heisst, sie beschlossen den Anschluss an die Republik Frankreich unter wirtschaftlichem Zwang, ansonsten die Stadt wohl durch Zollmauern wirtschaftlich erdrosselt worden wäre, woraus man erkennen kann, dass wirtschaftliche Erpressungen keine Spezialität der modernen Globalisierung sind. Die Industrie begann sich im 18. Jahrhundert in diesem wichtigen Zentrum des damals verarmten Elsass anzusiedeln, insbesondere die Textilindustrie, besonders während der von Napoleon über England verhängten Kontinentalsperre. Industrie- und Verwaltungsbauten verdrängten die Fachwerkhäuser und damit den elsässischen Charakter von Mülhausen; davon ist nur noch ein kleiner Restbestand vorhanden.
 
Die Industrie war vor allem auf das Bedrucken von Kattun, ein dichtes Baumwollgewebe, spezialisiert; diese Stoffdruckindustrie wurde durch Samuel Koechlin, Johann Jacob Schmaltzer und den Maler Jean-Heniri Dollfus begründet. Sie machten 1745 ihre ersten Versuche mit Schweizer Baumwolle, und im folgenden Jahr wurde die erste Fabrik errichtet. Die bedruckten Stoffe nannte man Indiennes, weil bedruckte Foulards, Schals und Mouchoirs (Toilettentücher für repräsentative Zwecke) meistens aus Indien kamen. Die Kattuns ihrerseits, die mit gut haltbaren Farben bedruckt wurden, dienten für Kleider, Möbelbezüge, Vorhänge und als Wandbehänge und lösten Seidendamast, Samt und Brokat ab, waren also „Ersatztextilien“. Heute ist der Stoffdruck nur noch in Restbeständen vorhanden, die immerhin genügen, dass der Ort noch heute als diesbezügliches französisches Zentrum gilt. Seit 1969 gibt’s in Mulhouse eine Universität, die auf Textilforschung und Chemie spezialisiert ist.
 
Einige ausgezeichnete technische Museen wie das Stoffdruckmuseum an der 14, rue Jean-Jacques Henner, das umfangreiche Eisenbahnmuseum und das nationale Automuseum, das grösste Automuseum Europas übrigens, erzählen noch von der Industriegeschichte. Das Kunstmuseum (Musée des Beaux Arts) ist in einer Villa aus dem 18. Jahrhundert eingerichtet, wo man neben Werken von Pieter Bruegel, Gustave Courbet und Salomon van Ruysdael auch solchen des elsässischen Malers Henner begegnet. Im Rathaus mit der wunderschön bemalten Fassade und der doppelläufig überdachten Treppe an der Place de la Réunion, dem schönsten Platz der Stadt, ist eine Informationsstelle untergebracht, wo wir viele Auskünfte erhielten und uns auch anhand alter Fotos über die Industriegeschichte ins Bild setzen konnten. Zu dieser Historie gehört eine von mehreren weiteren Häusern umgebene Mühle an der Ill, die der Stadt den Namen gab und im Besitz der Strassburger Abtei St. Etienne ist.
 
Gut für einen Tagesausflug
Ich hatte zu Evas 69. Geburtstag den Ausflug ins Oberelsass organisiert und kam damit überraschend gut an. Wir beide waren noch nie dort gewesen, was wir als Bildungslücke empfanden. Dieses vergessene, sträflich vernachlässigte Mulhouse liegt weniger als 1 ½ Autostunden von unserem Wohnort entfernt. Somit eignet es sich für einen Tagesausflug bestens. Von Basel aus benützten wir die Autobahn E 60, dem Forêt de la Harth sud folgend, der nach Osten bis zum Rhône-Rhein-Kanal reicht, bis zur Ausfahrt bei Illzach und von dort ins Zentrum von Mulhouse.
 
Wir parkierten das Auto im düsteren, vergammelten Parkhaus mit engen Parkplätzen neben einem Gewirr von Säulen in der Nähe des rund 100 Meter hohen Europaturms (Tour de l’Europe). Sofort begaben wir uns in den Stadtkern, die Schienen von eleganten, breitspurigen, gelben Trams überquerend, zwischen denen sich manchmal ein Rasengrün ausbreitet. Viele Böden sind mit Porphyrsteinen gestaltet, und der Europaplatz ist mit verschiedenfarbigem Marmor belegt. Die intensiv angeschwärzte Stephanskirche (Eglise St. Etienne, „Temple“ genannt) aus dem 19. Jahrhundert war zum Teil in einer Plastikverhüllung versteckt; die Renovation ist wirklich nötig. Die Stadt, die mit den herkömmlichen Elsass-Vorstellungen kaum noch etwas zu tun hat, bemüht sich sehr um ein attraktives Zentrum. Auffallend ist die weiträumige Stadtgestaltung, die jede Hektik gebändigt hat; hier könnte der Modebegriff Entschleunigung angewandt werden. Hin und wieder gibt es eine alte Fassade, daneben auch viele verschiedenfarbig bemalte neuere, und in einem Fall wurde eine blau spiegelnde Verkleidung ins Mitteldrittel eines alten Hauses gesetzt, worin sich die alten Nachbarbauten wiederholen. Man findet Arkaden jeglichen Alters, auch wintergartenartig gestaltete Sammelbauten für allerhand Läden. Doch wird nirgends nach den Brieftaschen und Kreditkarten der Touristen geschielt, weil es solche kaum gibt.
 
In verschiedenen Buchhandlungen habe ich nach einer detaillierten Stadtbeschreibung gesucht, aber nichts dergleichen gefunden, weil sich offenbar noch niemand die Mühe gemacht hat, die Stadt und ihre Quartiere minutiös zusammen mit ihrem geschichtlichen Hintergrund darzustellen. Immerhin kam ich dann mit 2 guten Stadtplänen heraus, die ich im Drehrestaurant des Europaturms nutzbringend einsetzen konnte. Dieser Turm ist das Wahrzeichen der Stadt. Die 3 konkaven Seiten des Turms beziehen sich auf Frankreich, Deutschland und die Schweiz; der Architekt François Spoerry hat die Grundlagen für den Bau zwischen 1969 und 1972 geliefert.
 
Aussicht auf dem Europaturm
Für das festliche Geburtstagsmittagessen hatte ich 2 Plätze im runden Restaurant auf dem dreieckigen, vor allem gewerblich genutzten Europaturm reserviert (31. Etage, 95 Meter über dem Boden), zumal es einen ausgezeichneten Ruf hat. Wir wurden hoch über der Stadt bei Bilderbuchwetter von Vera Djordjevic ausgesprochen freundlich empfangen. Wir konnten aus verschiedenen Tischlagen wählen, setzten uns im Drehbereich ans Fenster, bestellten einen Kir mit Pfirsichsaft und liessen die Altstadt unter uns, die mehrstöckigen Arbeiter-Reihenhäuser, dem Gundeldinger-Quartier in Basel ähnlich, die Aussen- und Industriezonenbereiche, die Vogesen, das elsässische Flachland, das Schwarzwald- und Sundgau-Gebiet auf uns wirken; ganz langsam zog die Landschaft als Rundpanorama an uns vorbei. Obschon die wenigen hinterbliebenen Backsteinkamine nicht mehr rauchten, sondern bloss noch ein bisschen Industriegeschichte erzählten, beendete ganz am Bildrand ein schwach bräunlich-orangefarbener Dunst das Bild.
 
Die Altstadt ist von Flüssen und Kanälen eingerahmt, im Norden von der Doller, im Westen von der Ill, und die südöstliche Vervollständigung besteht aus dem Canal du Rhône au Rhin, der schnurgerade verläuft. Und das Nouveau Bassin liegt an der alten Ill, die anschliessend mit dem Rhône-Rhein-Kanal verbunden ist, und am Quatelbach. Mulhouse ist zu einer Agglomeration geworden, umrundet von Brunnstatt, Didenheim, Morschwiller-le-Bas, die planmässig angelegte Arbeitersiedlung Dornach, Lutterbach, Pfastatt, Bourtzwiller, Modenheim, Riedisheim und wie all die Ortschaften heissen. Von Cernay schlängelt sich die Route de Crêtes, die Vogesen-Höhenstrasse, an der Grenze zu Lothringen bis zum Col du Bonhomme.
 
Das Geburtstagsessen
Das Drehrestaurant drehte sich langsam weiter – eine Atmosphäre wie auf dem Schilthorn, aber bei vollkommen anderer Aussicht. 75 Minuten braucht es für eine vollständige Rundfahrt. Für das Studium der Speisekarte fanden wir vor lauter Aussicht kaum Zeit. Ich war soeben im Begriffe, das Menu Smooth mit den Jakobsmuscheln und dem Risotto im Zentrum des Geschehens zu bestellen, als ich die auf das Blatt „Votre Menu Anniversaire“ stiess, das normalerweise nur auf Vorbestellung zu haben war. Ich erkundigte mich nach dessen Zusammensetzung, die uns ausgesprochen gut gefiel, und die Küche machte für uns eine Ausnahme.
 
Zuerst erhielten wir zu warmen Olivenbrötchen einen mit Essig leicht angesäuerten Cocktail aus zerkleinertem Gemüse wie Tomaten, Gurken, blanchierten Kohlrabi. Auf einer rechteckigen Schieferplatte fanden sich verschiedene Salate mit individueller Sauce – zum Beispiel einer pikanten Senfsauce zum Karottensalat – und ein Presskopf, wie ich ihn in dieser Raffinesse noch nie angetroffen hatte, mit ganz wenig Gänseleber in der Mitte. Dazu hatten wir den Gewürztraminer „La Cuvée personelle de Paul Buecher, Wettolsheim“ bestelltt, der kühl serviert und auch kühl gehalten wurde, damit die leichte Restsüsse nicht aufdringlich wurde. Der Hauptgang bestand aus einer perfekt gebratenen, roséfarbenen Entenbrust mit einem kräftigen Jus, garniert mit schmackhaften gebratenen Kartoffeln und allerlei Gemüse.
 
Als Dessert entschieden wir uns für den glasierten Gugelhopf mit roten Früchten, bzw. Palpitation au Chocolat mit Vanillecrème – das Zucken einer zartschmelzenden Schokolade, wenn ich richtig übersetze. Die erfahrene, gereifte Vera begeisterte uns mit ihrer aufmerksamen, einfühlsamen Art, und die bescheidene Rechnung unterschritt das Geburtstagsbudget wesentlich.
 
Vera begleitete uns zum Lift, und ihre Betreuung hörte erst auf, als wir im Aufzug versorgt waren. Kurz darauf hatten wir die Haftung auf Erdbodenhöhe wieder gefunden. 3 Stadttauben verzehrten auf der Aussentreppe des Europaturms Fleisch, das ihnen ein desorientierter Tierfreund, in weisse Papierservietten verpackt, hingelegt hatte.
 
Wir wussten schon immer, dass das Elsass ein Schlemmerparadies ist. Und seit jenem 21.09.2010 zähle ich auch Mülhausen dazu. Wir besorgten uns noch Käse aus roher Schafmilch und Gebäck aus kleinen Spezialgeschäften, um einen Hauch von Schlaraffenland in die Schweiz hinüber zu retten.
 
„Bringen Sie Waren mit?“ fragte uns der Zöllner in Basel. „Ja, Käse und Gebäck für etwa 30 Euro“, antwortete ich, der Wahrheit verhaftet, wie üblich. An seiner Stelle hätte ich mich für die Details interessiert. Doch mit einer Handbewegung veranlasste er unsere sofortige Weiterfahrt, wohl damit wir all die lieblich duftenden Lustbarkeiten noch in einem möglichst frischen Zustand zu uns nehmen konnten. Man trifft überall rücksichtsvolle Menschen, die genau wissen, worauf es ankommt.
 
Hinweis
Internetseite des Restaurants de la Tour de l’Europe:
 
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