Textatelier
BLOG vom: 07.10.2010

Über Füsse und Zehen – Kitzliges, lapidar dargestellt

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Ich schäme mich bis auf den heutigen Tag … Als Hausaufgabe hatte mir der Deutschlehrer aufgetragen, Conrad Ferdinand Meyers Gedicht „Die Füsse im Feuer“ auswendig zu lernen und vorzutragen. Zu spät erinnerte mich ein Freund an diese Aufgabe, als er mich fragte: Hast du das Gedicht auswendig gelernt? Die 10 Pausenminuten reichten dazu nicht aus. Ich verhedderte mich gewaltig und bekam einen roten Kopf. Welch ein Fiasko!
 
Diese Erinnerung mag nicht die beste Voraussetzung sein, um heute über Füsse und Zehen zu schreiben …
 
(1) Es gibt griechische und ägyptische Füsse: Bei griechischen ist die 2. Zehe länger als Hauptzehe; bei den ägyptischen sind beide gleich lang. Ich stelle fest, dass ich ein Grieche bin. 20 % der Leute, wird nachgesagt, seien Griechen.
 
Als Griechin gelingt der Balerina die beste Pirouette.
 
(2) Vor Urzeiten, als wir noch in Bäumen lebten, waren unsere Zehen affenlang. Damit konnten wir uns besser an Ästen klammern. Als Fussgänger verkümmerten sich unsere Zehen. Sonst hätten wir uns laufend die Zehen verstaucht.
 
Die Schwäche anderer nutzen: Ihnen auf die Zehen treten.
 
(3) Die Fusssohlen sind kitzelig und somit eine erogene Zone. „Scratch my back and I scratch yours“ (Kratze meinen Rücken und ich kratze den Deinen) ist eine englische Redensart. Mir behagt diese Redensart weitaus besser:
 
„Kitzle meine Füsse und ich kitzle die Deinen“.
 
Diesen Liebesdienst tausche ich nur mit meiner Frau, vor dem Einschlafen, aus. Ein besseres Schlafmittel gibt es nicht, ausser …
 
(4) Der Schemel stützt und sichert Fusshalt. Aber dazu braucht es auch eine angenehm gepolsterte Rückenlehne, um entspannt etwa ein Buch zu lesen.
 
Zu diesem Idyll gehören ausserdem weiche, warme Finken.
 
(5) Pflanzen gedeihen, wenn man mit ihnen spricht. Und spreche ich zu meinen Zehen, rekeln und spreizen sie sich wohlig.
 
Solcher Zuspruch versagt bei störrischen Menschen.
 
(6) Meine Zehen und Füsse klagten: „Niemand verfasst Zitate über uns.“
 
So drechsle ich einige für sie:
 
Wer jemand mit kalten Füssen für seine Sache gewinnen will, biete ihm einen Fusswärmer.
 
Fusspedale am Klavier, an der Orgel und an der Harfe modulieren Klänge.
 
Den Fussstapfen seines Vorgängers folgte er – bis in den Abgrund.
 
Auf grossem Fuss leben? Wehe, wenn ihm Pfützen aufwarten!
 
Wer die kleine Zehe nicht ehrt, ist der grossen nicht wert.
 
Ohne Füsse gäbe es weder Radfahrer noch Wanderer.
 
Weinstampfen: Mit Füssen und Zehen zum Bouquet.
 
Der Seiltänzer braucht wendige Füsse und Zehen.
 
Vorsicht: Zehengänger sind Leisetreter.
 
Es gibt keine Fusswege zum Himmel.
 
Zum Lohn für meine Mühen, geben mir die Füsse und Zehen bloss Fersengeld.
 
(Ich entsinne mich der Geschichte des Mannes mit den links und rechts ausgewechselten Füssen – aber konnte sie nicht mehr auffinden – was ja keine Rolle spielt.
 
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