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BLOG vom 18.10.2010


Erinnerungen an eine Mutter, die heute 100 geworden wäre
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Am 18.10.2010 wäre unsere Mutter 100 Jahre alt geworden. Du musst darüber ein Blog schreiben.“ Der Befehl kam vor einigen Wochen von meinem Bruder – andere Geschwister habe ich nicht. Und solche Aufforderungen haben Gewicht. Der sprachtalentierte Rolf ist heute der schon fast hauptamtliche Chefkorrektor des Blogateliers.
 
Doch was soll ich schreiben? Wenn ich die guten Eigenschaften unserer Mutter, Klara Hess-Fässler (Rufnamen: Klär, Claire), hervorhebe, sieht es darnach aus, als wolle ich sagen: Seht, was für eine bäumige Abstammung wir haben. Halte ich mich mit Lob zurück, wäre das unserer Mutter gegenüber ungerecht. Ich bin gespannt, was da herauskommen wird, zumal sich ja viele Denkprozesse erst beim Schreiben entwickeln.
 
Fässler-Familiengeschichte
Über die Familie Fässler weiss ich eher wenig. Ein Bruder meiner Mutter, Josef Fässler, stellte mir im Oktober 1955 eine handschriftliche „Genealogie des Geschlechtes Fässler“ zur Verfügung; ich durfte sie abschreiben, zumal mir damals kein Fotokopiergerät zur Verfügung stand. Darin stand, das Geschlecht stamme aus dem Muotatal des „Landes“ (Kantons) Schwyz und sei mit dem untergegangenen Geschlecht „Köppli“ identisch. Ihr Heimatort war Oberiberg SZ, ein Kurort zwischen Einsiedeln und Schwyz. Das Fässler-Wappen zeigt ein goldenes Fass und darüber 3 goldene Sterne. Mir scheinen solche Angaben glaubwürdig zu sein, zudem ich mich im Muotatal immer geborgen fühle, und ein Mostfass gehört zum Mobiliar meines Weinkellers.
 
Auch meine Cousine Rita Lorenzetti half mir beim Schliessen von Lücken; viele der nachfolgenden Angaben stammen von ihr; sie ist das genealogische Verwandtschaftsgewissen.
 
Meine Mutter wuchs in einer grossen Familie oberhalb des Schulhauses im Binzholz in Wald im Zürcher Oberland auf. Ihre Mutter (meine Grossmutter) war Josefine Fässler-Speichinger, deren Spuren nach Deutschland, genau genommen nach Emmingen ab Egg (Baden-Württemberg), führen und die meine Cousine Rita Lorenzetti-Hess, deren Ehemann Primo und ich im Frühjahr 2010 erkundet haben (Link am Schluss).
 
Grossmutter Josefine (1882‒1960) war Weberin in der Kühweid in Wald. Es heisst, dass sie eine kaum zu übertreffende Weberin war, sehr perfekt.Die Familie Fässler lebte im Felsenhof. Das Haus von damals wurde nach einem Brand vor einigen Jahren abgebrochen. Heute steht dort ein Neubau, laut Rita, mit gleichem Namen.
 
Unsere Mutter hatte 8 Geschwister, die das Erwachsenenalter erreichten:
Margaretha, genannt Grit oder Margrit (Brändli)-Fässler;
Martha, genannt Marty Angst- Bless (verwitwete Angst-Fässler);
Fridolin Fässler, genannt Fridel (Ehefrau: Zita Hirsig);
Anna Maria , genannt Anni (Hess)-Fässler;
Johann Karl, genannt Hans Fässler-(Küng);
Josef, genannt Sepp Fässler-(Anwander);
Maria Rosa, genannt Rösli (ledig);
• Verena, genannt Vreni (Erni)-Fässler.
Das erste Kind von Josefine, Anna, starb schon im Kindesalter (im 7. Lebensjahr).
 
Ihr Vater, Josef Fridolin Fässler, betreute das ganze Bauerngut der Fabrikherren Elmer in Wald als Meisterknecht eigenverantwortlich. Er hatte 50 Franken Lohn in 14 Tagen. Für jedes Kalb, das in seinem Stall geboren wurde, bekam er 2 Franken Prämie. Er wachte oft die ganze Nacht bei einer Kalberkuh.
 
Den meisten Nachkommen blieb nach der Schulzeit nicht viel anderes übrig, als ihr Auskommen in der örtlichen Textilindustrie zu suchen. Ausnahmen waren Sepp (siehe weiter unten), Hans, der in einer Druckerei und später in einer Molkerei in Schaffhausen arbeitete, Fridel, der nach verschiedenen Gelegenheitsarbeiten von der SBB (Bahn) angestellt wurde, womit für ihn ein Traum in Erfüllung ging, und Rösli, die eine Verkaufslehre machen konnte.
 
Da (Gross-)Mutter Josefine neben ihrer Kinderschar, wie gesagt, noch in der Weberei arbeitete, mussten einige ihrer grösseren Kinder zeitweise zum gestrengen Grosi ins Binzholz. Anni zum Beispiel lebte die Woche hindurch dort, ging von dort aus zur Schule und durfte samstags dann heim in den Felsenhof.
 
Die elterliche Ehe
Unsere Mutter und unser Vater Paul Hess, der in der „Hueb“ in Wald aufgewachsen und als Webermeister tätig war, mögen einander während ihrer Kindheit und Jugendzeit häufig begegnet sein. Mein Vater bezeichnete seine Frau als „schön“; vor allem die wohlgeformten, langen Beine hatten es ihm angetan. Bei den wenigen gemeinsamen Fototerminen stand er jeweils auf einem Schemel oder auf einer Treppenstufe, um etwas grösser zu erscheinen. Sie heirateten am 29.05.1936 in Einsiedeln, und nach knapp 13 Monaten erweiterte ich die Familie. Meine Eltern waren bereits nach Lichtensteig SG gezügelt, zuerst in die Schwendi (Haus Züblin), dann in eine Wohnung am Graben (Haus Erne, Dachdecker) und endlich im Obergeschoss der der damaligen Apotheke von Walter Bremer, ein einst bekannter Cellist, am oberen Ende des historischen Kerns des Städtchens. So hatten wir uns also wenigstens wohnungsmässig emporgearbeitet. Mein Vater arbeitete bei der berühmten, ehemaligen Weberei Stoffel.
 
Seine Frau führte die Haushaltsgeschäfte, was ihm Recht war. Papa mochte sich nicht mit Geldangelegenheiten herumschlagen, hatte ohnehin immer das Gefühl, wir würden bald einmal nicht mehr über die Runden kommen: „Wenn es noch lange so geht, geht es nicht mehr lange“, war eine seiner wichtigen Erkenntnisse. Denn in der Textilindustrie kriselte es immer. Doch es ging noch sehr lang. Unsere Mutter hatte in einem Bekleidungsgeschäft, Brändli-Mode an der Bahnhofstrasse in Wald ZH, das erst vor wenigen Jahren aufgelöst worden ist, eine Ausbildung als Damenschneiderin erhalten, wahrscheinlich so etwas wie eine Anlehre. Sie war ausserordentlich talentiert und fertigte jede Woche einen Rock oder einen Mantel an, änderte Kleider ab und verdiente etwas dazu, so dass es uns finanziell gut ging, auch wenn das Sparen das Gebot jener Kriegs- und Nachkriegsjahre war. Dann kam „der Migro“, wie man sagte, und die Lebensmittel wurden billiger, was die finanzielle Lage zusätzlich entspannte.
 
Mama zeichnete Schnittmuster, bildete sich aus Büchern und Zeitschriften weiter, die damals noch häufig Schnittmusterbögen eingeschoben hatten, brauchte nicht über einen Mangel an Aufträgen zu klagen. Ich selber trug – notgedrungen – von Kindsbeinen an ausschliesslich Massanzüge, die meine Mama aus Stoffresten oder umgedrehten, zu eng gewordenen Kleidern von Papa angefertigt hatte. Ob Mass- oder Konfektionskleider, mir war das einerlei. Die ewige Probiererei ging mir auf die Nerven.
 
Unsere Mutter pflegte eine gute, währschafte Schweizer Küche, zu deren Ingredienzien Papa, als wir in Wald-Schönengrund (Gemeinde St. Peterzell SG) wohnten, gelegentlich ein Kaninchen beisteuerte. Im Kaninchenstall wurden Reste aus der Küche, Altbrot, Gras aus der Umgebung usw. verwertet, und die Tiere schätzten auch einen guten Milchkaffee. Sie hatten es gut. Auf unserem Mittagstisch standen oft gebratene Kartoffeln, dazu manchmal, besonders an Sonntagen, Ghackets, Voressen, eine Wurst, Teigwaren wie Hörnli mit gerösteten Zwiebeln und Käse, Gemüse und Salate nach Saison, Früchte, auch als Wähen. Die Konfitüre machte man selber, vor allem, als dank der Migros der Zucker markant billiger geworden war.
 
Mama war immer daheim, half mir bei den Schulaufgaben, denn an Ausbildung und Bildung lag ihr viel, alles. Sie setzte sich schon in jungen Jahren vehement dafür ein, dass ihr Bruder Sepp eine Lehre (als Sanitär-Installateur) machen konnte und nicht in die Fabrik musste. Sie las viel, hatte die Politik im Griff und sagte somit auch, was ihr Mann auf den Stimm- oder Wahlzettel zu schreiben hatte. Ihm kam diese frühe Form des indirekten Frauenstimmrechts gelegen, brauchte er sich doch nicht um die Politik zu kümmern. Der furchtbare Lärm und die Hektik in der Weberei machten ihn zusammen mit der unregelmässigen Schichtarbeit fertig. In den Websälen war es tatsächlich nicht zum Aushalten; wenn ich mich einmal in der Fabrik umsehen durfte, bekam ich von den herumschiessenden Webereischiffchen mit der bedrohlichen Stahlspitze fast Angst; man kann sich ausrechnen, was in solchen Betrieben für ein Elektrosmog vorhanden gewesen sein muss.
 
Spaltpilz Religion
Was mir schon in jungen Jahren nicht gefiel, waren die kirchlichen Einflüsse, die auf die Verwandtschaft einwirkten, und der nach aussen gerichtete Schau-Katholizismus ging mir schon in jungen Jahren wider den Strich. Meine Eltern waren im Innersten nicht besonders religiös, der Kirche, der Politik und auch der Verwandtschaft gegenüber ausgesprochen kritisch. Sie machten aber den ganzen Religionszauber gleichwohl mit, was ich nicht begreifen konnte. Das führte zu gewissen familiären Unstimmigkeiten, wiewohl es ja die Religionen sind, die noch heute immer wieder zu Zwisten bis hin zu Kriegen führen. Da hätte man sich meiner Ansicht nach klar distanzieren müssen, ungeachtet der gesellschaftlichen Konsequenzen. Ich trat am Tag meiner Volljährigkeit aus der Kirche aus und habe es nie bereut, im Gegenteil.
 
Meine Mutter hatte wegen meines unangepassten bis rebellischen Verhaltens zunehmend weniger Sympathien für mich und wandte ihre Gefühle und Liebe mehr meinem 9 Jahre später geborenen Bruder Rolf zu, ein Sonnenschein, der seinen eigenen Willen weniger offensichtlich als ich zur Schau trug, sich also etwas diplomatischer verhielt. Zudem las ich nicht nur „Gute Schriften“, sondern Schundromane: Kriminalgeschichten, Piraten- und Wildwestromane, um den Duft der weiten Welt zu erspüren; den „Lederstrumpf“ von James Fenimore Cooper begann ich abzuschreiben, um ihn selber zu besitzen. Das Streben nach Freiheit, Unabhängigkeit inmitten einer grandiosen Natur – es hätte ja nicht unbedingt in Amerika sein müssen – begeisterte mich. Ich hatte immer einen Mangel an Lesestoff. Weil ich mir kein Lexikon leisten konnte, begann ich, eines zu schreiben, hielt alle zugänglichen Daten in sorgfältiger Blockschrift wie gedruckt fest, zum Beispiel die chemischen Elemente mit Zeichen und Atomgewicht, die Römischen Zahlen und alle Departemente von Frankreich mit ihrem Hauptort. So wollte ich mir die Welt erschliessen. Der gleiche Drang ist noch heute virulent. Religiöse Verherrlichungsschriften, die leicht zugänglich waren, stiessen mich ebenso wie die biblischen Grausamkeiten ab. Der Kirchenzauber widerte mich zunehmend an; ich kann noch heute den Modergeruch, wie es ihn in Kirchen oft gibt, und den schaustellerischen Prunk, diesen Jahrmarkt der Heiligen, Engel und Putten, nicht ertragen. Die Schulbücher las ich jeweils sofort nach der Abgabe zu Beginn des Schuljahres vollständig durch, war den Mitschülern dadurch voraus, hatte beste Noten ... aber das zählte daheim nicht. Ich war unangepasst und traf keine Anstalten, angepasst zu werden. Dafür hatte ich zu büssen.
 
Ich verliess mein Elternhaus so früh wie möglich, durfte aber die verschmutzte Wäsche noch immer heimschicken, was ich enorm schätzte. Mit solchen  Aufgaben wurde ich nicht fertig. Ich sah meine Eltern, die wieder nach Wald zurückgekehrt waren, nur noch selten, bis dann meine Mutter an Alzheimer erkrankte. Und in diesem Zustand nahmen wir sie nach dem Tod ihres Mannes am 26.07.1986 in unsere Familie in Biberstein auf; unsere beiden Töchter waren volljährig und flügge geworden. Meine Frau Eva betreute ihre Schwiegermutter während über 10 Jahren, hatte damit eine neue umsorgende Aufgabe.
 
Sie und ich hatten immer wieder Mittel und Wege gefunden, Mama das Leben erträglich zu machen, pflegten eine gelöste, gute Stimmung, lachten viel. Wieso soll man das Unabänderliche zur Tragik stempeln? So lange wir Lösungen fanden, wenn wieder eine weitere körperliche Funktion ausgefallen war, fühlten wir uns verhältnismässig gut. Aber die letzten Tage und Stunden waren schrecklich.
 
Ich habe über den Krankheitsverlauf damals eine Broschüre geschrieben, aus Pietätsgründen bis heute jedoch nicht gewagt, sie zu publizieren. Ich getraue mich nun, aus zeitlicher Distanz, das letzte Kapitel hier anzufügen.
 
Die letzten Stunden
„Es fielen laufend neue Körperfunktionen aus, was noch hinzunehmen war, solange das Schlucken einigermassen funktionierte. Mitte August 1997 hatte unsere liebe Mutter, die zu einem hilflosen, unbeweglichen Torso verkommen war, eine Halsentzündung, die wir mit Hilfe eines verständigen Hausarztes mit antibiotischer Gewalt schnell zu unterdrücken versuchten, damit das Essen überhaupt möglich war. Ein solcher Medikamenteneinsatz ist sonst nicht mein Stil. Die Halsbeschwerden verschwanden; doch nun war der Schluckmechanismus nicht mehr intakt. Gab man ihr einen Löffel von einem nahrhaften Getränk in den Mund, führte das zu einem heftigen Husten- und Erstickungsanfall. Es kam in den ,falschen Hals’, wie man sagt. Eine enthäutete Traubenbeere hustete sie Stunden später wieder aus. Es ging einfach nichts mehr hinunter.
 
Das war am letzten Donnerstag im August 1997. Als sich der Zustand nicht besserte, sprachen wir mit dem Hausarzt. Was ist zu tun? Selbstredend könnte man mit Nährlösungs-Infusionen das Leben und Leiden künstlich um ein paar Tage verlängern. Das wäre sinnlos, ja geradezu unmenschlich gewesen. Und vom Hausarzt und auch seinem Stellvertreter, mit dem wir am Samstag sprachen und dessen eigene Mutter zufällig im gleichen Zustand wie unsere Patientin war, wurde uns einfach zu Geduld und zum Durchhalten geraten. Wir teilten diese Auffassung, hatten aber Mühe mit dem Vollzug.
 
Das war die schwierigste Phase. Gewissermassen lässt man einen lieben, hilflosen Menschen verhungern und verdursten. Im gleichen Haus isst und trinkt man im Wissen, dass im Raum nebenan jemand ist, der ebenfalls Nahrung und Flüssigkeit brauchen würde. Da schmeckt einem nichts mehr. Die Zeit verläuft langsam. Samstagnachmittag. Abend. Nacht. Sonntagmorgen. Vormittag. Die Mutter atmete in ihrem Bett schwer durch den Mund, war vollkommen abwesend, nicht mehr bei Bewusstsein.
 
Sonntagnachmittag. Abend. Aus einer Sprayflasche benetzte ich ihre ausgetrocknete Mundhöhle. Offenbar sammelten sich ein paar Tropfen Wasser im Hals an, was einen Erstickungsanfall auslöste. Ein feuchtes Tuch leistete bessere Dienste. Wir sorgten nun für mehr Luftfeuchtigkeit im Raum alles, was wir noch tun konnten. Wir hatten keine Ausbildung in Sterbehilfe; was wir geben konnten, war liebevolle persönliche Anteilnahme und das Bemühen, alles, aber auch gar alles, zu tun, was uns sinnvoll zu sein schien. Wir waren ja in die immer auswegloser gewordene Situation hineingewachsen und an dieser Aufgabe erstarkt. Die Stunden waren lang. Das Leben dieses bedauernswerten Menschen hatte keinen erkennbaren Sinn mehr.
 
Die Nacht zum Montag. Wir konnten kaum noch länger zusehen, wie sich der Körper gegen den Tod wehrte, wie der Atem schwerer wurde, die Wangen einfielen, blass, die Haut wie Seidenpapier. War das noch die starke Persönlichkeit von einst? Leute, die im Leben das Sagen hatten, hätten Mühe mit dem Sterben, heisst es.
 
Es ist alles erträglich, wenn man helfen, eine hilfreiche Massnahme treffen kann. Aber wenn man einfach zuschauen muss, geht das an die Substanz. Erstmals hatte ich das Gefühl, dass die Grenzen unserer psychischen Belastbarkeit allmählich erreicht waren. Ich suchte in Gedanken nach einem Ausweg, um die Verantwortung abzuschieben. In zivilisierten Ländern ist es nicht mehr üblich, zuhause zu sterben. Ich kam mir feige vor. Sollten wir diesem apathischen Häuflein Elend jetzt noch den Transport in ein Heim oder Spital zumuten? Vielleicht würde dadurch noch ein Funke von einem Gefühl der Geborgenheit, der Zugehörigkeit, der Sicherheit zerstört. Die Dislokation war also undenkbar.
 
Am Montagmorgen, als ich ins Büro musste, verabschiedete ich mich. Ich sagte laut und vernehmbar: ,Du bisch e gueti Mueter gsi’, drückte ihr die Hand, küsste sie auf die eingefallenen, blutleeren Wangen, drückte die steifen Hände ein wenig. Meine letzte gefühlvolle Berührung eines lieben Menschen, aus dem schon viel Leben entwichen zu sein schien emotionale Nähe, das Beste und Letzte, was noch gegeben werden konnte.
 
Es war Zeit zum Sterben, und sie sollte es bei guten Gefühlen und bei guter Stimmung tun können. Der Tod, der manchmal Angst und Schrecken bedeutet, war nun sehnlichst erwünscht. Es hätte noch tagelang dauern können, wer wusste das schon? Ich ging zur Arbeit, und an jenem 1. September 1997 um 10 Uhr rief Eva mit belegter Stimme an, Mama habe soeben zu atmen aufgehört.
 
Es war ein Moment von einer unbeschreiblichen Erleichterung der Tod kam als hochwillkommener Besucher. Er löste alle Probleme definitiv. Es waren auch Gefühle von Einsamkeit und Trauer über den Umstand da, dass eine Krankheit einen Körper unerbittlich dahinraffen kann, dass es Situationen gibt, wo man nur noch lindern, aber nichts rückgängig machen und heilen kann. Das Leiden war beendet auch das unsrige. Denn wir waren in ein jahrzehntelanges, langsames Sterben integriert gewesen, was uns erst nachher bewusst geworden ist. Es war ein stärkendes Mitleiden, das zum Reifen beiträgt und neue Erkenntnis-Dimensionen erschliesst, nicht einfach Mitleid.
 
3 Tage später begleiteten wir den Leichnam zur Kremation in Aarau, sahen das Räuchlein aufsteigen und waren tags darauf mit unseren Töchtern und ihren Partnern dabei, als der Friedhofgärtner von Wald ZH die Urne ins Gemeinschaftsgrab senkte. Unsere Mutter war nun wieder bei ihrem Mann. Ein würdevoller Schlusspunkt hinter das Leben, auf das Wesentliche reduziert und deshalb um so eindrücklicher.“
 
Aus Distanz
Soweit das Zitat eines Kapitels, unter dem Eindruck des Geschehens geschrieben. Seither sind gut 13 Jahre vergangen, die eine distanziertere, zusammenhängende Betrachtung ermöglichen. Mit zunehmender Reife bin ich mir bewusst, dass jedes Geschehen aus dem bestehenden Zeitgeist im gegebenen Umfeld heraus verstanden werden muss. Solch ein Verständnis lässt sich nicht ohne Weiteres entwickeln; denn man kennt, wenn es sich auf andere Menschen bezieht, immer nur einen kleinen Teil der Begleitfaktoren und wird so nie in die Lage versetzt, ihm gerecht zu werden. Die Beurteilung aus Distanz geschieht aufgrund von Fakten, die aus einer individuellen und damit keineswegs objektiven Sicht gewertet werden und deshalb von bescheidener Aussagekraft sind.
 
Zeit meines Lebens hatte ich Ehrfurcht vor der Rolle der Mutter, jeder Mutter, die sie für ihre Kinder, für ihre Familie spielt, sicher nie perfekt, aber wohl immer nach bestem Wissen und Gewissen. Und auch wenn man sich als Kind in machen Belangen unverstanden und vielleicht auch ungerecht behandelt fühlt, so ist das kein Grund zur Klage. Es sind Vorgänge, die Kraft geben, die Selbstbehauptung erzwingen, in die Selbstständigkeit führen, die mithelfen, dass man ein ganzer Mensch wird.
 
Das Elternhaus hat eine grosse Bedeutung, die im Zeichen der momentanen feminisierten Globalisierung, die auf Gleichschaltung und Zerstörung kleiner Einheiten wie die Familie mit ihren unersetzlichen sozialen Funktionen ausgerichtet ist, gering geschätzt wird. Ich mag solchen Trends nicht zujubeln. Mein Elternhaus war zweckmässig eingerichtet, ein Garant von Beständigkeit, nur wer sich frei entfalten wollte, musste das erkämpfen. Und wahrscheinlich ist das hart Errungene von einer edleren Beschaffenheit als das, was einem einfach so in den Schoss fällt.
 
Quelle
Lorenzetti-Hess, Rita: „Unsere Familiengeschichte“, verfasst zur Geburt von Anna Luzia im Jahr 2000.
 
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