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BLOG vom 24.10.2010


Wundertüte Coppet / Waadt: Wo Madame de Staël Hof hielt
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Vom Städtchen Coppet (Waadt) kannte ich nur die Genferseeseite: Bei einer Schifffahrt von Genf nach Nyon erweckte nach etwa 13 Kilometern eine kompakte, mittelalterliche Ansammlung von Teil herrschaftlichen Bauten meine Aufmerksamkeit. Die reformierte Kirche, ehemals eine Dominikanerkirche, scheint, immer vom See aus betrachtet, dem Vorbeifahrenden den Hinterteil entgegenzustrecken – es ist der polygonale Chor des im Style Flamboyant erstellten Bauwerks; beim Flammenstil sind bestimmte der im Übrigen stilreinen gotischen Formen überlang, von der Flammenform beeinflusst. Die Zwischenräume zwischen dem Bauten im Zentrum von Coppet sind mit parkähnlichen Kleingärten ausgefüllt, und vor der Ufermauer sind einige Schiffsanlegestellen, die grösste für die Genfersee-Schifffahrt.
 
Aus dem ersten Eindruck heraus war ich Feuer und Flamme für diesen Ort, den ich einmal von innen auskundschaften wollte, und so machte ich hier auf der Heimreise nach dem Besuch der internationalen Organisationen in Genf hier einen Zwischenhalt. Man überschreitet bzw. überfährt die Kantonsgrenze Genf/Waadt nach Versoix. Als ich von Westen gegen den Parkplatz am „Coppet Port“, dem Hafen, vor dem Eingang zum Städtchen fuhr, kam ich mir wie beim Öffnen einer Pralinenschachtel vor, von der ich nur einen Teil der Verpackung kannte. Was sich mir offenbarte, war ein Miniaturstädtchen nach alter Schule mit seinem Westschweizer und auch etwas Berner Charme, das sich an den leicht ansteigenden Schlosshügel anschmiegt. Die Hauptstrasse führt mitten durch den Ort mit den zusammengebauten, oft mit Rundbögen versehenen und schmiedeeisernen Reklametafeln und Wirtshausschildern behängten Häusern. Von der Grand Rue aus zweigen wenige enge Gässchen ab. Eines führt zum See, eine Verlockung, der ich nicht widerstand. Ausgerechnet in diesem Moment durchbrach die Herbstsonne an jenem 13.10.2010 die graue Hochnebeldecke für kurze Zeit – und zwar nur im Raum Coppet – gegen Genf hing der dunkler Schleier nach wie vor. Das saubere, nur von schwachen Wellen bewegte Genferseewasser blitzte immer wieder auf. Aus der dörflichen Enge wurde die Weite. Ich liess die Stimmung auf mich wirken und ging ins Dorf zurück, wo die Universität Genf ihr „Institut Européen“ betreibt.
 
Überhaupt atmet dieses Coppet den Duft der weiten Welt; hier war auch das Geistesleben immer angeregt und anregend. „An einem einzigen Tag wird in Coppet mehr geistige Arbeit gleistet, als in der übrigen Welt während eines ganzen Jahres“, schrieb der Berner Landvogt Charles Victor de Bonstetten zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Er bezog sich auf das Wirken der Tochter des Bankiers und französischen Finanzministers unter Ludwig XVI., Jacques Necker: auf Madame Anne Louise Germaine de Staël (1766‒1817). In Coppet bewohnte sie zuerst sporadisch, später definitiv das elterliche Landgut, das Schloss Coppet, das an der Stelle eines im 15. Jahrhundert abgebrannten Feudalsitzes steht. Die zu Dohnas (Alexander und Christoph I.) und deren Nachfolger, die Hogguers, hatten dem Schloss zwischen 1680 und um 1730 sein heutiges Aussehen verliehen. Nach ihnen liess Gaspard de Smeth 1767 an der Vorderseite des Schlosses sein Wappen anbringen: 3 Hufeisen (de Smeth = Schmied). Necker kaufte das Schloss 1784 für 500 000 französische Pfund und liess sich darin nieder, zog sich aus der Politik zurück. 1804 ging das Besitztum an seine Tochter. Noch heute ist es im Eigentum der Necker-Nachkommen.
 
Die Anlage diente der Familie Necker als Zufluchtsort in den Wirren der Französischen Revolution (1789‒1799), als gewaltige Machtveränderungen anstanden. Die Madame hatte anfänglich Sympathien für diese Umgestaltungen, empfing viele gemässigte Gleichgesinnte, musste sich aber neu organisieren, als die Revolution zunehmend radikalere Züge annahm. Germaine kam in Opposition zu Napoléon und hatte in Coppet nun als Schlossherrin ihren Verbannungsort. Sie zog viele Berühmtheiten an, und ihre Residenz wurde zum „Salon Europas“, zum Tagungsort der „Generalstäbe der öffentlichen Meinung“, wie Stendhal feststellte. Zu den Gästen gehörten unter anderen Prinz August von Preussen, der Schriftsteller François Chateaubriand, die Pariser Bankiersfrau Jeanne-Françoise Récamier und die Universalgelehrten August Wilhelm und Friedrich Schlegel. Hier wurde diskutiert, geschrieben, Theater gespielt. Chateaubriand schrieb der Schlossherrin nach einem Besuch 1805: „Wenn ich, wie Sie, ein schönes Schloss am Ufer des Genfersees hätte, würde ich es nie verlassen.“ Frau de Staël beeinflusste auch die französische romantische Literatur, indem sie die Aufmerksamkeit ihrer Zeitgenossen auf die deutsche Literatur lenkte (das einschlägige Werk heisst „De l'Allemagne“).
 
Und noch heute sind das auf einer Anhöhe gelegene Schloss, das für Tagungen, Konzerte und Empfänge etc. gemietet werden kann, der Eingangsbereich und die Ulmen- und Platanenallee in der Fortsetzung des Ausgangs mit dem Eisengitter und dem Torbogen von der Blütezeit des Wirkens von Madame de Staël beeinflusst. Rechts schliesst sich das alte Kelterhaus an, und links ist der Pferdestall. Die zum Museum gewordene Anlage, die das Leben von damals veranschaulicht, kann besichtigt werden.
 
Nach einem kurzen Eindruck von der zweigeschossigen Dreiflügelanlage in Hellrosa mit Mansarddächern begab ich mich wieder ins Dorf mit seinen Lauben und stämmigen Arkaden zurück, besorgte im Gemeindehaus mit Geranien vor den Sprossenfenstern und den geflammten blauen Fensterläden einige Prospekte. In der Confisérie de la Fontaine an der Grand Rue 38 belebte ich mich für die Heimreise mit einer Tasse Kaffee.
 
Ich weiss seither, was sich in der Wundertüte Coppet befindet: neben der bemerkenswerten baulichen auch viel geistige Substanz.
 
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