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BLOG vom 21.11.2010


Bahnreisen 2010: Ohrstöpsler, Plaudererer und Salatesser
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Die Eisenbahn ist für mich ein Symbol des Lebens. Man sitzt ruhig und bewegt sich doch schnell vorwärts.“
(Wolfgang Korruhn)
*
„Die Bahn ist für mich kein x-beliebiges Unternehmen, sondern hat eine hohe patriotische Komponente.“
(Peter Ramsauer, Bundesverkehrsminister von D)
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Wer heute mit der Bahn reist, kann etwas erleben. Der Reisende weiss nie so genau, wann er am Ziel ankommt oder mit welchen Unannehmlichkeiten er sonst konfrontiert wird. So mussten beispielsweise in der letzten Oktoberwoche 2010 die Fahrgäste auf den Basler Bahnhöfen (SBB, Badischer Bahnhof) über eine Stunde auf den ICE warten, da 3 Züge ausgefallen waren. Die Deutsche Bahn (DB) gab bekannt, dass wegen Bauarbeiten nördlich von Freiburg (Denzlingen) nur ein Gleis zur Verfügung stand und dass sie an den Verspätungen unschuldig sei; ausserdem seien die Reisenden durch entsprechende Aushänge und im Internet informiert gewesen. Aber die meisten Passagiere wussten nichts davon. Die zahlreichen Reisenden Richtung Mannheim und Frankfurt am Main stiegen dann nach einer zermürbenden Wartezeit in einen ICE ein, aber viele mussten sich mit einem Stehplatz begnügen.
 
Plauderei im Zug
Wegen der Zugverspätungen war ich vorgewarnt. Als ich nämlich am 13.11.2010 einen Vortrag in Baden beim Schweizerischen Podologen-Verband (SPV) halten sollte, nahm ich einen früheren Zug. Die Reise ging mit der Schweizerischen Bundesbahn (SBB) von Schopfheim D via Basel nach Baden im Aargau. An diesem Tag ging alles glatt, es gab keine Verspätung mit der zuverlässigen SBB. Im Zug hatte ich wieder diverse Erlebnisse. Schon früher berichteten Rita Lorenzetti und ich in Blogs über solche Begebenheiten.
 
2 Sitzplätze vor mir war es wohl einer Reisenden zu langweilig. Sie packte ihr Handy aus, wählte eine Nummer und plauderte darauflos. Sie berichtete wohl einer Freundin, warum sie die alte Arbeitsstelle – sie war im Sozialdienst tätig – gewechselt hatte. Nun hat sie im Sicherheitsdienst eine Arbeit gefunden, und sie hofft auf eine geregelte Arbeitszeit. Sie erwähnte auch einen Disput mit ihrem Mann. Das ganze Gespräch dauerte vielleicht 30 Minuten. Sie hatte eine klare und laute Stimme. Jedermann im Abteil hörte mit. Ich verstehe die Leute nicht, die bei Bahnfahrten alles ausplaudern. Ich persönlich hätte Hemmungen, solche Intimitäten öffentlich zu machen.
 
Charlotte Janz nahm in der „Badischen Zeitung“ am 16.11.2010 das Telefonieren in der S-Bahn sehr treffend aufs Korn. Sie schrieb: „Da werden hitzige Arbeitsdiskussionen lautstark am Handy in der Bahn ausgefochten, die Strategie mit dem neuen Kunden besprochen, Inhalte von Meetings geplant und Firmengeheimnisse und Strategien ausgeplaudert, als wären alle Mitreisenden taub, stumm oder einfach nur blöd.“ Sie forderte, man solle schlechtes Benehmen mit schlechtem Benehmen kontern. Sie hatte auch eine grandiose Idee: Man solle doch in Zügen Wirtschaftsspione mitreisen lassen. Die würden dann im Zug mehr erfahren als durch Spionage in Firmen.
 
Ohrstöpsel gegen Lärm
In Frick AG stieg dann eine Studentin in den Zug und setzte sich mir gegenüber. Die junge, aparte Frau mit mittellangen schwarzen Haaren trug eine schwarz umrandete Brille. Sie wühlte aus ihrer grossen Tasche einen Schreibstift, einen Zettel und ein Buch heraus. Sie las im Buch, machte sich Notizen und blickte nicht mehr auf. Vielleicht war ich für Sie zu uninteressant oder sie wollte nicht gestört werden.
 
Mit vorsichtigem Blick konnte ich den Titel lesen. Es handelte sich um das Buch „Die fünfte Landessprache der Schweiz: Englisch“. Nun wusste ich, warum in der Schweiz tüchtig englisch gelernt wird und so viele Bezeichnungen in Englisch erscheinen. So musste ich mit Verwunderung auf dem Kongress des SPV in einer Vorankündigung lesen, die Referenten sollten sich am „Welcome Desk“ einfinden. Warum kann man hier keine passenden deutschen Wörter finden?
 
Die Studentin hatte sich gegen das Geplauder einen Schutzschirm in Form von Ohrstöpseln angelegt, und so konnte sie sich ungestört ihrem Studium hingeben. Die Stöpsel bemerkte ich erst später, nachdem die zarte Frau ihre mittellangen und glatten Haare hinter die Ohren legte. Übrigens war diese junge Frau die Einzige, die fragte, ob der Platz vor mir frei sei. Die anderen Reisenden auf der Rückfahrt waren weniger höflich. Sie setzten sich einfach hin.
 
Bei überfüllten Zügen habe ich es in letzter Zeit noch nie erlebt, dass die Jüngeren den Älteren einen Platz anboten. Sie bleiben bis in alle Ewigkeit sitzen.
 
Bei dieser Reise fiel mir eine Episode ein, die ich 1999 auf meiner Fahrt von Basel nach Horgen ZH erlebt hatte. Hier kurz die Geschichte: Eine Frau im Pelzmantel setzte sich mir gegenüber. Ein Platz neben mir war noch frei. In Brugg stieg eine Schweizerin ein, setzte sich entgegen der Fahrtrichtung zunächst hin. Dann fragte sie die Frau im Pelzmantel in reinstem „Schwizerdütsch“, ob sie mit ihr den Platz tauschen dürfe, da es ihr entgegen der Fahrtrichtung immer schlecht würde. Die Angesprochene antwortete in einem östlich angehauchten Dialekt – sie stammte wohl aus Polen oder der Ukraine –, sie verstehe sie nicht, sie spreche nur Deutsch. Da sprang die Schweizerin auf und verliess pikiert das Abteil. Ich gab der angesprochenen Dame zu verstehen, dass die Schweizerin nur ihren Platz mit ihr habe tauschen wollen. Da meinte die Frau aus Osteuropa: „Habe schon verstanden. Aber Platz brauch´ ich selber!“ Immer diese Missverständnisse, nicht nur mit integrationsunwilligen Personen!
 
Beobachtungen auf der Rückfahrt
Oh Wunder: Auch die Rückfahrt ging ohne Verspätung über die Bühne. Im Zug von Baden nach Basel setzte ich mich auf einen einzelnen Sitzplatz, da ich Ruhe haben wollte. Aber gegenüber war eine Italienerin mit ihren 2 kleinen Kindern. Da können Sie sich denken, dass es nicht so ruhig zuging. Die Mutter versuchte immer, das kleinere Kind zu beruhigen. Aus war es mit der Ruhe. Ich blickte aus dem Fenster und bewunderte die vorbeiziehende Landschaft. Sehr beeindruckend waren das Abendrot und die Alpenkette des Berner Oberlands, die sich an diesem Föhntag deutlich am Horizont abzeichnete. Die Mitreisenden bemerkten nichts von diesen Schönheiten. Sie liessen sich lieber mit Musik aus dem MP3-Playser berieseln, lasen oder arbeiteten an einem Laptop.
 
In Brugg stieg ein Älterer ein, der angesäuselt war und laut sprechend den Gang entlang lief. Die Mitreisenden störten sich nicht daran. Vielleicht hatten sie schon des Öfteren solche lautstarken Äusserungen erlebt.
 
Amüsante Dinge erlebte ich im Regionalzug von Basel nach Schopfheim. In Basel stiegen nämlich viele Leute, die von einem Einkaufsbummel kamen, zu. Mir gegenüber nahm ein Pärchen Platz. Sie sah sehr gut aus und hatte eine milchschokoladenfarbige Haut, sprach ein akzentfreies Deutsch. Dann wurde sie immer müder; sie legte ihr mit einer Strickmütze versehenes Köpfchen auf das Schoss ihres Freundes, der mit einer Baseballmütze behütet war. Das heisst, er platzierte einen Rucksack auf seinen Schoss, dann konnte sie weich gebettet dahindösen.
 
Links, in einem Bereich mit 4 Sitzplätzen, sass ein Mann, der intensiv eine Zeitung las. Aber bald hatte er nicht mehr die schwarzen Buchstaben, sondern einige unruhige Mädchen vor Augen. 3 Freundinnen nahmen neben ihm und gegenüber Platz, redeten lautstark und wurden ab und zu von Lachkrämpfen geschüttelt. 2 der jungen Frauen, die vielleicht 15 bis 17 Jahre alt waren, löffelten aus ein Plastikbechern einen gemischten Salat und verzehrten ihn mit Genuss. Als die Becher leergefuttert waren, studierte die eine die Zusammensetzung der Mischung und erzählte lautstark, welche Komponenten sie vertilgt hatte, nämlich grünen Salat, Karotten, Sellerie, Frenchdressing aus Salz, Öl und Gewürzen. Als sie die Komponente Knoblauch las, musste sie lautstark lachen. Da wurde ihr wohl bewusst, dass sie an diesem Abend nach Knoblauch riechen würde. Schnell zückte sie einen Kaugummi, den sie dann lächelnd in ihren Mund schob. Nach der Esserei und Kauerei zog sie aus ihrer Handtasche ein Röhrchen mit Lipgloss heraus, und toppte mit Hilfe eines Pinselchens ihre Lippen wieder auf.
 
Nachdem die attraktive Schokoladenfarbige und ihr Begleiter in Stetten ausgestiegen waren, setzten sich 2 junge Deutschrussinnen (sie sprachen wohl nur Russisch, wie ich vermute) auf die Sitze. Die Beiden waren wohl auf dem Weg zu einer Disko in Lörrach, da sie schick, aber nicht aufreizend angezogen waren. Sie hatten enge Jeans, moderne Jacken und dazu passende Schals an. Das Haar der einen Frau − sie hatte ein puppenhaftes Aussehen − war gelockt, während die andere eine Kurzhaarfrisur trug. Die mit den kurzen Haaren war die Dominante; sie redete wie ein Wasserfall, kaute an einem Kaugummi und liess ihn manchmal schnalzen. Dann packte sie auch einen Lipgloss heraus und frischte damit ihre Lippen auf.
 
Im Zug war es laut, da viele Leute stehen mussten. Da man bei solch einem Lärm nicht lesen konnte, machte ich diese Milieustudien oder blickte aus dem Fenster.
 
Wer eine Reise mit der Bahn macht, kann also tatsächlich viel erleben und Menschen aller Art kennen lernen oder hören. Wer Ruhe haben möchte, der wird wohl in Zukunft mit dem Auto fahren. Aber da gibt es auch Unannehmlichkeiten, wie Staus, schlechte Strassenverhältnisse, drängelnde Autofahrer und eine erhöhte Unfallgefahr.
 
Persönlich werde ich trotzdem ab und zu mit der Bahn fahren, zumal man interessante Zeitgenossen kennenlernen, in Ruhe etwas lesen, die vorbei fliegende Landschaft geniessen und ausgeruht am Ziel ankommen kann. Vielleicht nehme ich das nächste Mal Ohrstöpsel mit auf die Reise.
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Eisenbahn
23.02.2008: Bahnreisen anno dazumal (II): Personenfuhre im Viehwagen
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