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BLOG vom 03.12.2010


Vorweihnachtsgeschichte: Auferstehung der Farbstifte
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
30 Farbstifte hausten verlassen in ihrer Blechschachtel, wohl seit über 30 Jahren vergessen in einer Schublade. Sie waren von aristokratischer Herkunft der Marke Caran d’Ache. Jeder der 6-eckigen, von Holz umschalten Stifte trug die Armbrust als Gütesiegel, goldfarbig eingraviert.
 
Eines Tages wurde ihre Schublade ausgeräumt. Jemand schüttelte die Schachtel, und jäh erwachten klappernd die Stifte. Der Deckel der Schachtel war verklemmt. Jemand versuchte, sie mit der quergelegten Klinge einer Schere zu öffnen, was misslang. So wurde die Blechschachtel unsanft auf den Gerümpelhaufen geworfen. Das wirkte: Der Deckel sprang halbwegs auf und die Farbstifte kriegten Luft und erwachten jäh aus ihrem Schlummer.
 
Da erschien der Dackel, neugierig wie immer, und beschnupperte die Schachtel und musste gewaltig niesen. Der Deckel sprang ganz auf, und der Dackel erschrak. Die Farbstifte kullerten kreuz und quer auf den Boden. Krebsrot und zornig ragte der Farbstift, der rote, mit scharfgespitzter Mine empor. Der Dackel beschnupperte ihn zähnebleckend knurrend, und die Spitze stach zu, mitten in die Schnauze. Winselnd verzog sich der Dackel.
 
Zum 1. Mal erkannten sich die Farbstifte in der Tageshelle an den Farben und befanden, dass sie alle Geschwister seien aus dem gleichen Elternhaus in der Schweiz. Die Frage tat sich auf:“„Was sollen wir mit unserer Freiheit tun?“
 
„In 30 Jahren hat sich die Welt unheimlich verändert“, meinte der Grünstift giftig grellgrün. „Kinder brauchen uns nicht mehr, zeichnen nicht mehr. Wir sind kein Spielzeug mehr für sie.“
 
„So müssen wir selbst der Welt zeigen, was wir können“, meinte das Himmelsblau gedankenvoll.
 
„Du schwätzt uns das Blaue vom Himmel herunter“, sagte das Schwarz geringschätzig.
 
„Du bist ein Schwarzseher!“ mengte sich auch das Rosarot in den Streit.
 
„Jetzt kommst du mit deiner Rosabrille“, ärgerte sich der gelbe Farbstift.
 
„Wenn wir uns nicht wehren, werden wir alle fort geschmissen“, warnte der Braunstift sachlich. Das sahen alle 30 Farbstifte ein. Darin waren sie sich einig.
 
Der kohlenrabenschwarze Stift schwang sich wiederum vorlaut zum Wortführer auf und wollte unbedingt zum Tintenfisch werden. Breit, will besagen: lang, lag er auf einem Blatt Papier im Gerümpel.
 
Damit ärgerte er das sonst friedfertige Weiss: „Du willst uns alle beherrschen!“
 
Das Aquamarin jedoch unterstützte das Schwarz: „Als Tintenfisch brauchst du das Meer und kannst in mir schwimmen.“
 
„Und ich werde zu Goldfischen im Meer“, sagte das Orangenrot, sich aufpulsternd.
 
„Und ich bin die Sonne überm Meer“, strahlte blendend das Gelb.
 
Auch das Weiss fand seine Rolle im Bild als perlenweisse Wolken und versöhnte sich mit dem schwarzen Tintenfisch.
 
Aber das Krebsrot war damit ganz und gar nicht einverstanden: „Weder das Schwarz noch das Weiss sind Farben! Wir Farbstifte allein bestimmen das Bild und sind hier in der Mehrzahl!“
 
Wer erschien da unverhofft als Schiedsrichterin und Friedensstifterin? Das 6-jährige Mariechen. Es verstand die Sprache der Farben. Die Kleinen, das sei hier vermerkt, verstehen immer viel mehr als die Grossen. Mariechen wusste Rat.
 
„Was streitet ihr so blöd?“ sprach Mariechen mit silberhellem Stimmchen sie an. „Ihr werdet alle in meinem Bild sein. Wir malen einen Christbaum mitsamt Geschenkspäckli“, sagte sie und ergriff den Braunstift. Im Nu entstand das Gerippe des Tannenbaums. Sie strichelte das Grün über alle Äste, hing Weihnachtskugeln in allen Farben an den Baum und durchwob den Baum mit schneeweisser Gaze. „Und wo bleibt das Schwarz?“
 
„Keine Angst“, beschwichtige Mariechen. „Du trägst den ganzen Baum auf dem pechschwarzen Gestell, von Kastanien, Mandarinen und Päckli umringt.“ Alle 30 Stifte waren sehr zufrieden mit dem Werk – und auch die ganze Welt.
 
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