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BLOG vom 04.02.2011


Knarre im Schrank: Ansichten aus einem revolutionären Land
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Die „Badische Zeitung“ (BZ), die ich schätze, berichtete am 01.02.2011 darüber, dass die Verschärfung des Waffenrechts, über die in der Schweiz am 13.02.2011 abgestimmt wird, „viele Schweizer in eine tiefe Identitätskrise“ stürze. Ich weiss zwar nicht genau, was die Redaktion der um unser Wohl besorgten BZ damit genau meint. Denn da das anmutige Wort Identitätskrise aus der Trickkiste der Psychiater kommen dürfte, wird die Sache ziemlich kompliziert. Es ist es aus der Identitätsphilosophie abgeleitet, welche sich mit der Differenz aus Denken und Sein (oder, wenn zu viel geschossen wird: Nichtsein) befasst, oder aber – eine andere Möglichkeit – mit dem Auseinanderdriften von Geist und Natur. Variante: Ist die Identifizierung einseitig, ist das Denken auch gerade noch das Sein – oder umgekehrt, wie man bei Parmenides, Hegel und Spinoza nachlesen kann. Eines bringt das Andere in Übereinstimmung.
 
Bevor ich den letzten Leser vertrieben habe, wende ich mich eilig Handfestem zu: Wahrscheinlich dachte die BZ an unseren seelischen Zwiespalt zwischen traditioneller Wehrbereitschaft mit der „Knarre im Schrank“ (BZ-Titel) und der Unterdrückung unserer unbändigen Schiesslust mit der Volksinitiative „Für den Schutz vor Waffengewalt“ (Volksabstimmung am 13.02.2011). Tatsächlich gibt es in der Schweiz die Befürworter einer Entwaffnung auf der einen und die noch mehr Anhänger der traditionsgebundenen Verteidigungsbereitschaft auf der anderen Seite. In irgendwelche Kriege liessen und lassen wir uns nicht verwickeln. Auch aus Afghanistan halten wir uns raus, ganz im Gegensatz zu unserem freundlichen Nachbarland Deutschland, das dort laufend eigene junge Staatsbürger und riesige Steuergeldsummen opfert. So hat der Bundestag dieser Tage mit breiter Mehrheit beschlossen, maximal 5000 bedauernswerte deutsche Soldaten für „mindestens 1 weiteres Jahr“ am Hindukusch zu belassen. Und dieselbe BZ, die sich um unsere eingelagerten CH-Knarren im Schrank so sehr besorgt zeigt, kommentierte diesen verlängerten Afghanistan-Einsatz, bei dem auch scharf geschossen wird, so: „Vernünftige Entscheidung“. Mich hat das fast vom Stuhl geworfen. Nichts von Identitätskrise in diesem gravierenden Fall. Gewehre zu benützen ist offenbar weniger problematisch als Gewehre daheim einzulagern.
 
Ich habe bisher die Ansicht vertreten, eine Waffe an sich sei nichts Verwerfliches, wohl aber ihr verantwortungsloser Gebrauch, also ihr Missbrauch. Allerdings kann man auch aus der Waffenverbreitung solche Schlussfolgerungen ziehen, wie es Wladimir Lenin einmal tat: „Die Schweiz ist das revolutionärste Land, weil der Staat den Soldaten die Gewehre und sogar die Munition nach Hause mitgibt.“
 
Statistisch brachte uns dieser spezielle Aufbewahrungsort in eine lausige Position (laut BZ): USA: 96 Kleinwaffen pro 100 Einwohner (fast jeder hat eine Schusswaffe bzw. mehrere davon), Jemen: 54,8, Schweiz: 45,7 Kleinwaffen pro 100 Einwohner, Irak: 34 (an 9. Stelle). Aus dieser Statistik kann man z. B. entnehmen, um wie viel kriegerischer es in der Schweiz zugeht als im Irak ...
 
Verteidigung unerwünscht
In der Schweizer Linksszene bis hin zur Sozialdemokratischen Partei gibt es seit Jahren, vor allem seit der Gründung der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA), 1982, immer wieder Vorstösse, um unsere Armee zu schwächen und wenn möglich abzuschaffen. Von solchen Seiten, die auch die Waffenschutz-Initiative lanciert haben, wird nicht zur Kenntnis genommen, dass das Recht, eine Militärwaffe im eigenen Heim zu haben, immer auch ein Freiheitsrecht ist. Damit wurde und wird potenziellen Angreifern kundgetan, dass sie uns besser in Ruhe lassen, ansonsten sie mit Widerstand zu rechnen haben. Mit Folklore hat das nichts zu tun – dafür sind Schützenfeste und etwa auch das Entlebucher Amts- und Wyberschiesse zuständig. Auf das Weiberschiessen (Weiber schiessen selber und werden nicht etwa abgeschossen), hat mich kürzlich Frieda Huber aus Buchs SG aufmerksam gemacht, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass dabei auch eine Schützenkönigin erkoren wird.
 
Ich selber habe das volle Pensum der Militärdienstzeit als Grenadier- und Nachrichten-Wachtmeister und anschliessend noch das gesamte Zivilschutzpensum absolviert, hatte den Karabiner und später das Sturmgewehr im Schrank, wenn ich nicht gerade an obligatorischen Schiessübungen teilzunehmen hatte, ohne einen einzigen unerlaubten Schuss abgeben zu haben. Meine Verteidigungswaffe für allfällige schnelle Mobilmachungen und auch die (Taschen-)Munition in Reichweite zu haben, war für mich eine Selbstverständlichkeit, nicht der Rede wert: Ein Symbol der Liebe und Treue zum Vaterland, wie es immer war, zumindest seit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahr 1848 beziehungsweise seit der Revision der Bundesverfassung von 1874: „Die Waffe bleibt in den Händen des Wehrmannes.“ Wir dürfen sogar Äxte, Küchenmesser und Stricke im Hause aufbewahren.
 
In einem Interview mit der Zeitung „Zeit-Fragen“ (www.zeit-fragen.ch) vom 24.01.2011 sagte der aus den USA stammende Prof. Alfred de Zayas, Lehrer für Völkerrecht an der „Geneva School of Diplomacy“, mit Blick auf die Geschichte der Schweizer Wehrfähigkeit und die erwähnte Bereitschaft zum Widerstand: „Das hat den Regionen in der Schweiz, im besonderen den Gemeinden oder Gemeindezusammenschlüssen, die das Waffenrecht besassen, einen besonderen Schutz gewährt und damit ihre Freiheit gesichert. Diese Freiheit hat letztlich den einzelnen Gemeinden und Kantonen ermöglicht, unabhängig vom Deutschen Reich, die Schweiz war bis zum Westfälischen Frieden 1648 ein Teil davon, ein demokratisches Staatswesen aufzubauen, das, so kann man wohl sagen, einzigartig in dieser Welt ist. Das Waffenrecht war also ein grundlegendes Recht für den sich im 19. Jahrhundert entwickelnden demokratischen Bundesstaat und hat die Demokratie gesichert. (...) Noch etwas scheint mir bei dieser Frage wichtig. Die Schweiz hat eigentlich den historischen Beweis erbracht, dass sie trotz ständiger Bewaffnung eines der friedliebendsten Länder auf unserem Planeten ist. Sie hat keine imperiale Expansionspolitik betrieben wie andere Länder auf dem europäischen Kontinent, wenn wir an Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, Holland, Belgien usw. denken, oder ausserhalb Europas an die USA. Die Schweiz hat sich an diesen Raubzügen nie beteiligt und fällt damit schon unter den europäischen Staaten im positiven Sinne aus dem Rahmen.“
 
Identität behalten
Soweit Alfred de Zayas, der im gleichen Atemzug noch darauf hinwies, dass sich die Schweiz, wenn sie ihre Identität und Kultur, ihre eigene Seele, behalten wolle, nicht mit dem EU-Europa vermischen solle. Und das ist genau der zentrale wunde Punkt: Die von den Sozialisten in geradezu masochistischer Art heiss begehrte Globalisierung und Unterordnung unter zentrale, auch militärische Grossmachtsysteme erträgt keine Einzelgänge. In einem umfassenden Prozess wird, oft sogar von behördlichen Seiten, alles getan, um schweizerische Besonderheiten wegzurationalisieren: Gemeindefusionen werden ebenso wie Länderfusionen vorangetrieben – denn Demokratien sind eigenwillig und lästig, bei Konzentrationsprozessen hinderlich – nur wird dabei übersehen, dass sich auch das Kapital konzentriert. US-gesteuerte Zentralarmeen wie die Nato sind der Traum vieler Globalisierer, die sich vom Geschehen im Wirtschaftsbereich mit dessen neoliberal bestimmtem Drang und Zwang zur Grösse inspirieren und auf verhängnisvolle Abwege leiten liessen. Kein Mittel ist den von einer Veränderungsmanie besessenen Alt-68ern zu billig, um die Gesellschaft auf einen Zentralkurs zu bringen. In filigraner Feinarbeit wird versucht, sich selbst puffernde, vielgestaltige Regelsysteme durch Einebnungen zu destabilisieren, ins Ungleichgewicht zu bringen und sturmreif zu machen.
 
Die Schweizer Armee, im Volk noch immer stark verankert, muss mit verschiedenen Einzelaktionen geschwächt werden – die Globalisierung will es so. Die Möglichkeit, die besonders wirksam ist, besteht in einer weitgehenden Budgetkürzung bei den Verteidigungsausgaben, welche die Armee automatisch zum Schrumpfen bringt und sie bestenfalls noch für Schutz- und Überwachungsaufgaben zur Unterstützung der Polizei gewähren lässt. Der verfassungsmässige Auftrag, die Schweiz zu verteidigen, wird damit ständig unterhöhlt. Und wo immer sich eine zusätzliche Chance ergibt, ein Glied der Armee zu amputieren, wird diese begierig wahrgenommen.
 
Die Schweiz als eigenwillige Demokratie ist vielen umgebenden Ländern ein Dorn im Auge, weil sie den Vergleich zu scheuen haben und die Schweiz zu einem Ort der Zuflucht wurde. Den Neid kann man nicht verbieten. Man bekommt ihn zu spüren, wobei es nicht unangenehm ist, beneidet zu werden. Litte man tatsächlich an einer Identitätskrise, würde man sie dadurch umso besser ertragen.
 
Hinweis auf weitere Blogs über die Schweizer Armee
06.10.2007: CH-Armee: Vom Hospizwerk auf dem Gotthardpass zur Nato
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