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BLOG vom 10.04.2011


Radioaktivität (3): Radon aus dem Untergrund gefährlich?
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Krank durch verstrahlte Raumluft“ (www.focus.de) oder „Das gefährliche Gas aus dem Untergrund“ (http://weltderwunder.de): So wurde in der letzten Zeit über das Edelgas Radon in Schlagzeilen berichtet. Es wurde dann von einer Lungenkrebsgefahr gesprochen, die signifikant ansteige, wenn höhere Werte gemessen werden. Auch las ich in der Online-Ausgabe der „Basler Zeitung“ (www.bazonline.de) dies: Das „Bundesamt für Gesundheit“ plane auf 2014, die ganze Schweiz wegen der erhöhten Radongehaltes in Häusern durch eine Grenzwertsenkung zum Risikogebiet zu erklären. 50 000 bis 100 000 Gebäude müssten wegen der Grenzwertüberschreitung saniert werden. Oder muss man die Schweiz gar evakuieren ..?
 
In vielen Medien findet man Tipps zur Sanierung von Innenräumen und Angebote zu den Radon-Exposimetern, mit denen man Messungen in Innenräumen vornehmen kann. Für ein Einfamilienhaus reichen 2 Geräte aus, wie das „Bayerische Landesamt für Umwelt“ empfiehlt.
 
Keine einheitlichen Empfehlungen
Wie das „Bayerische Landesamt für Umwelt“ betonte, gibt es keine einheitlichen Empfehlungen nationaler und internationaler Gremien zur Begrenzung der Radonexposition.
 
Hier die empfohlenen Richtwerte für die Radonkonzentration in Wohnräumen (Becquerel/Kubikmeter):
 
Deutsche Strahlenschutzkommission (SSK): bis 250 Bq/m3: keine Massnahmen, einfache Massnahmen von 250 bis 1000 Bq/m3, Sanierungsmassnahmen empfohlen bei Werten über 1000 Bq/m3.
 
Europäische Kommission (EU): Referenzwert für bestehende Gebäude: 400 Bq/m3, Planungswert für Neubauten: 200 Bq/m3.
 
Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP): Wohnungen 200 bis 600 Bq/m3.
 
Weltgesundheitsorganisation (WHO): Richtwert 250 Bq/m3, einfache Minderungsmassnahmen ab 250 Bq/m3.
 
Warten wir einmal ab, ob sich die Organisationen auf gleiche Radonkonzentrationen einigen werden. Da ist offensichtlich viel Willkür im Spiele.
 
Erlanger Umweltmediziner fordern inzwischen „radon-sichere“ Neubauten. Die Radonkonzentration soll dort unter 100 Bq/m3 liegen.
 
Welche Gefahren gehen von Radon aus?
Schon 1996 berichtete ich in meinem Buch „Mineralstoffe und Spurenelemente“ über Lungenkrebsfälle. Damals wurde behauptet, dass 80‒85 % der Lungenkrebsfälle in den alten Bundesländern von D durch Rauchen  (2008: 90 % in D) und 4‒7 % durch radioaktive Zerfallsprodukte des Radons ausgelöst werden. Raucher sind deshalb gefährdeter, weil sie auch mehr Radon bzw. kurzlebige Folgeprodukte (hauptsächlich Polonium-218) mit dem Tabakrauch aufnehmen. Laut dem „Karolinska Institut“ in Stockholm war die Krebsrate bei einer Konzentration von 140‒400 Bq/m3 um das 1,3-Fache und bei einer Konzentration von über 400 Bq/m3 Raumluft um das 1,8-Fache erhöht.
 
Das „Bayerische Landesamt für Umwelt“ publizierte 2008 die folgende neuere Tabelle:
 
„Wahrscheinlichkeit bis zum 75. Lebensjahr an Lungenkrebs zu sterben in Abhängigkeit von der Radonkonzentration und Rauchverhalten (Quelle: Darby et al. 2005):
 
Radonkonzentration
Bq/m3
Todesfälle je 1000 Nichtraucher
Todesfälle je 1000 Raucher
0
4,1
101
100
4,7
116
200
5,4
130
400
6,7
160
800
9,3
216
 
Das „Ministerium für Umwelt und Forsten“ (Rheinland-Pfalz) sagte dazu: „Bei Lungenkrebs lässt sich auch nicht unterscheiden, ob Radon oder eine andere Ursache diese Erkrankung ausgelöst hat. Für Radon wurden keine anderen Erkrankungen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie Unwohlsein oder Schlaflosigkeit nachgewiesen. Radon schädigt bei den Konzentrationen, die in Häusern auftreten, das Erbgut nicht“ (www.muf.rlp.de).
 
Wie das Ministerium weiter betonte, besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, mit der Radon Lungenkrebs auslösen kann. „Mit Wahrscheinlichkeiten können jedoch nur statistische Aussagen über eine grössere Gruppe von Menschen gemacht werden. Für den Einzelnen, der einem krebserregenden Stoff ausgesetzt war, kann niemand vorhersagen, ob er auch tatsächlich an Krebs erkranken wird.“
 
Warum hat Radon bei höheren Konzentrationen eine negative Wirkung? Radon ist ein radioaktives Element und gehört zu den Edelgasen. Das meiste Radon, das wir einatmen, wird wieder ausgeatmet. Gefährlich sind jedoch die kurzlebigen, radioaktiven Folgeprodukte des Radons, die sich an feinste Teilchen (Aerosole) anlagern und in der Lunge deponiert werden. Die Zerfallsprodukte senden Alphastrahlen aus, die Zellen und Zellbestandteile schädigen. Durch Alphastrahlung verursachte Schäden können vom Organismus nicht so effektiv repariert werden wie solche, die durch Röntgenstrahlen ausgelöst werden.
 
Wie kommt Radon in unsere Wohnungen?
Radon ist eines der 13 „Zerfallsprodukte“ von Uran, und gelangt auf zweierlei Wegen ins Haus:
 
1. Über Baustoffe (über die Baustoffe wurde im 2. Teil schon berichtet). Die Radonabgabe über Baustoffe ist jedoch im Vergleich aus dem Erdboden im allgemeinen so gering, dass sie praktisch vernachlässigt werden kann. Dies teilte mir Prof. Gert Keller, Radonexperte vom Institut für Biophysik der Universität in Homburg, mit. Radon kann die meisten Natursteine durchdringen. Risse und Spalten erleichtern das Eindringen. Eine gute Barriere sind künstliche Materialien wie Epoxidharze, Silikon-Kautschuk, Bitumen und glasfaserverstärkte Kunststoffe.
 
2. Über den Erdboden: Das aus bestimmten Böden ausströmende Gas gelangt über Risse im Fundament, Kabelschächte und Abwasserleitungen ins Haus. Häuser, die auf Granit-, Feldspat- und Porphyrgestein gebaut sind, weisen erhöhte Radonmessungen auf. Die grössten Werte wurden im Bereich von Uranerz-Lagerstätten gefunden. Regionen mit hohen Werten fand man im Erzgebirge, Thüringen und Sachsen, vereinzelt auch in der Eifel, Oberpfalz, im Fichtelgebirge, Hunsrück, in Teilen des Schwarzwalds und in Tirol. In den meisten Häusern in Deutschland waren die Werte normal. Die mittlere gemessene Radonkonzentration betrug 50 Bq/m3 Raumluft. 1 % der Wohnungen hatten Werte von 250 Bq/m3. Nur wenige Wohnungen zeigten Konzentrationen von über 1000 Bq/m3.
 
Auch in den Landkreisen Bitburg-Prüm und Trier-Saarburg (Rheinland-Pfalz) wurde die Radonkonzentration in Gebäuden gemessen. 84 % der Gebäude wiesen bis 100 Bq/m3, 8,7 % zwischen 101 und 200 Bq/m3, 6 % zwischen 201 und 400 auf. 1,17 % hatten eine Radonkonzentration von 401 bis 1000 Bq/m3, bei 0,13 % lagen die Werte über 1000 Bq/m3.
 
Im „Radonhandbuch Schweiz“ wird darauf hingewiesen, dass die mittlere Radongaskonzentration in bewohnten Gebäuden bei etwa 75 Bq/m3 liegt (vereinzelt wurden jedoch über 10 000 Bq/m3 gemessen). „Basierend auf Messungen in über 30 000 Gebäuden in der Schweiz, wird eine Radonkonzentration von <100 Bq/m3 in bewohnten Räumen als normal angesehen,“  so die Schweizer Fachleute. In der erwähnen Schrift sind u. a. Massnahmen zur Sanierung von Gebäuden und eine detaillierte Karte mit den Radonkonzentrationen aufgeführt.
 
Die normale Luft im Freien hat eine Radonkonzentration von 8 bis 30 Bq/m3. Die Radonkonzentration im Erdreich beträgt 10 000 bis 100 000 Bq/m3 (Beispiel: bei einer Bodenluftkonzentration von 40 000 Bq/m3 führt dies als Folge einer Verdünnung zu einer Raumluftkonzentration im Keller von 400 Bq/m3). Entscheidend für höhere Radonkonzentrationen sind die geologische Beschaffenheit, die Bodenporosität, das Wetter und die Bodenfeuchte.
 
Minimierung der Radonbelastung
Empfohlen wird bei Radonbelastungen über dem Grenzwert eine Kellerabdichtung (Versiegelung bzw. Abdichten von Rissen, Spalten zum Fussboden, Kabel- und Rohrdurchführungen). Bei hohen Belastungen wird eine Gasabsaugung aus dem Keller durchgeführt.
 
Durch gutes Lüften wird die Radonkonzentration in den Wohnräumen um 30 bis 50 % verringert. Auch eine dicht schliessende Kellertür (Rauchschutztür) kann die Radonkonzentration in den oberen Räumen mindern.
 
Im Keller sind die Radonkonzentrationen am höchsten: In den darüber liegenden Wohnräumen nimmt die Konzentration ab. Beispiel:
 
Raumluft im Keller: 300 Bq/m3.
Raumluft im Erdgeschoss: 120 Bq/m3.
Raumluft im 1. Stock: 50 Bq/m3.
 
Wie wir gesehen haben, kann man durch einfache Massnahmen (das Lüften) die Radonkonzentration erheblich vermindern, ohne, dass teure Sanierungsmassnahmen durchgeführt werden müssen.
 
Heute ist es leider so, dass zu viel abgedichtet wird. Es werden immer öfters schallisolierende Fenster eingebaut und die Menschen scheuen das Lüften gerade in den Heizperioden, weil sie eine Energieverschwendung befürchten. Stossbelüftungen, besonders im Winter, vergeuden jedoch keine Energie!
 
Die Radonkonzentration wird mit einem Radon-Dosimeter (meist vom Typ „Kernspurdosimeter“) gemessen. Der Preis für eine Messung schlägt mit 30 Euro zu Buche. Wenn schon, empfiehlt es sich, in den Räumen mit der meisten Aufenthaltsdauer, also im Wohn- und Schlafzimmer, je ein Dosimeter aufzustellen.
 
Radonkuren beim Rheuma
Kleinste Dosen ionisierender Strahlen sollen stimulierend auf den Organismus wirken. Deshalb wird dies in der Balneologie (= Bäderkunde) genutzt. Es gibt vielerorts einige Radonbäder, die Erfolge für sich verbuchen.
 
Im Vordergrund der beabsichtigten Kurwirkung steht die vegetativ-hormonale Umstellung mit Aktivierung der Hirnanhangdrüse, Nebenniererinde und Keimdrüsen. Nach Dr. Hans Jockel finden radioaktive Kurmittel bei folgenden Krankheiten Anwendung: Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises (chronische Polyarthritis, Arthrosen, Weichteilrheumatismus), Folgezustände nach Lähmungen, Unterfunktion der Eierstöcke, Beschwerden in den Wechseljahren, Erkrankungen des Gefässsystems (Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen leichten Grades), Erkrankungen der Haut (Schuppenflechte, Ekzeme, allergische Hauterkrankungen, Sklerodermie = Stoffwechselerkrankung des Bindegewebes), allergische Erkrankungen (Bronchialasthma, Nasenschleimhautentzündung) und bei Altersbeschwerden.
 
Die Anwendung von radioaktiven Wässern darf nicht bei Schwangerschaft, Tumoren und Überfunktion der Schilddrüse erfolgen.
 
In manchen Heilstollen kann der Patient radonhaltige Luft einatmen. Auch hier stehen die Reduzierung der Schmerzen und die verbessernde Wirkung des Zellstoffwechsels im Vordergrund. Wie in der Presse berichtet wurde, soll die Radon-Belastung im Heilstollen so hoch wie 10 Röntgenaufnahmen der Lunge innerhalb weniger Wochen betragen. Dazu befragte ich schon früher den Radonexperten Prof. Dr. Gert Keller: „Entscheidend bei der Radonbelastung ist die Lebenszeitexposition. Selbst wenn eine Person pro Jahr eine Kur durchführt, d. h. sich etwa 10 Stunden pro Kur im Heilstollen aufhält, ist die Lebenszeitdosis verhältnismässig gering, zumindest im Vergleich zur Dauerbelastung in Wohnhäusern. Der Vergleich zwischen Radon im Heilstollen und Lungenaufnahmen ist nach meiner Ansicht unseriös.“
 
Wie im Umweltlexikon (www.umweltlexikon-online.de) unter Radonkuren nachzulesen ist, ist die Belastung bei Radonwässern für Inhalationen gering, da die Schwebteilchen, an denen Zerfallsprodukte von Radon anhaften, entfernt wurden.
 
Wer sich für eine Kur interessiert, der findet eine gute Beschreibung der Therme Gastein (Thermalwasser aus dem Salzburger Land) unter www.gesundheit.gastein.com/de-gasteiner-thermalwasser.htm).
 
Fazit
Auf der einen Seite wird Radon verteufelt, auf der anderen Seite zu Heilzwecken verwendet. Man muss jedoch beachten, dass bei höheren Radonwerten die Wohngebäude (z. B. in Gebieten, wo uranhaltige Gesteine im Untergrund sind) saniert werden müssen.
 
Radon ist allgegenwärtig, nicht nur im Boden, in Wohn- und Arbeitsgebäuden, in der Luft und sogar im Trinkwasser (5 bis 100 Bq/Liter). Bei Erhitzen von Wasser gast Radon aus und gelangt in die Raumluft. Das „Ministerium für Umwelt und Forsten“ (Rheinland-Pfalz) beruhigt die Wassertrinker. Der Gehalt von Radon im Trinkwasser ist in Rheinland-Pfalz sehr gering, so dass es zu keiner nennenswerten Radonbelastung kommt. Auch beim Duschen oder Baden werden nur geringe Mengen an Radon freigesetzt.
 
Durch einfache Massnahmen (z. B. durch das Lüften) ist es möglich, den Radongehalt in der Luft von Wohnräumen zu minimieren. Man muss dann nicht teure Sanierungsmassnahmen in Angriff nehmen. Dazu noch eine treffende Bemerkung von Walter Hess: „Wenn Radon am natürlichen Strahlenaufkommen stark beteiligt ist, heisst das doch, dass es zumindest bis zu dieser Konzentration ein normaler Bestandteil unserer Biosphäre ist und daher nicht ungesund sein kann. Wir sollten uns nur nicht in abgedichtete Kunststoffschachteln, die bei dem Isolationswahn mehr und mehr in die Landschaft gestellt werden, mit einem durchlässigen Kellerboden zurückziehen.
 
Anhang: Durchschnittliche mittlere Belastung der Schweizer Bevölkerung ( Quelle: www.elimate.unibe.ch):
 
Kosmische Strahlung:       0,35 mSv
Terrestrische Strahlung     0,45 mSv
Innere Bestrahlung             0,4   mSv
Radon in Wohnräumen     1,6   mSv (40 % entfallen auf die Belastung mit Radon)
Medizinische Anwendung  0,2 mSv
Sonstige                                0,2   mSv
 
Sonstige: Atombomen-Fallout, Tschernobyl-Kernanlagen, Industrien und Spitäler, Kleinquellen.
 
Internet
 
Literatur
Bundesamt für Strahlenschutz: „Radon-Handbuch“, Wirtschaftsverlag NW, Verlag für neue Wissenschaft GmbH, Artikel Nr. 1705100001.
Ministerium für Umwelt und Forsten, Rheinland-Pfalz: „Radon – Experten geben Tipps zum Umgang mit Radon“, Mainz (Seiten kann man über das Internet unter www.muf.rlp.de ausdrucken).
Bayerisches Landesamt für Umwelt: „Radon in Gebäuden“, Infos unter: www.lfu.bayern.de
Bundesamt für Gesundheit, Abteilung Strahlenschutz, Bern: „Radonhandbuch Schweiz“ (Infos unter www.climate.unibe.ch).
Scholz, Heinz: „Mineralstoffe und Spurenelemente“, Trias Verlag, Stuttgart 1996.
 
Hinweis auf weitere Blogs über die Strahlenlage in Japan
23.03.2011: Japan als publizistischer Testfall: Lehrstücke in Manipulation
 
Hinweis auf Blogs über die Radioaktivität
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